Globale Messe in einer globalisierten Welt

IFCO

450 Aussteller in 6 Hallen, 29.746 Fachbesucher aus 134 Ländern: Die Zahlen unterstreichen den Anspruch der Messe, Istanbul als strategisches Drehkreuz zu positionieren. alle Bilder ©FT
Autor: Markus Oess

Mit knapp 30.000 Fachbesuchern aus 134 Ländern bestätigt die IFCO ihre Rolle als internationale Orderplattform. Doch hinter stabilen Messezahlen steht die Branche vor Herausforderungen. Rückläufige Exporte, steigende Kosten und das geplante EU-Freihandelsabkommen mit Indien sorgen für Fragezeichen. Während die Industrie auf Qualität, Nachhaltigkeit und Design setzt, fürchtet sie zugleich, handelspolitisch ins Hintertreffen zu geraten.

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Schon am Flughafen treffen Reisende auf IFCO-Botschaften.

Die neunte Ausgabe der IFCO – Istanbul Fashion Connection – präsentierte sich organisatorisch gefestigt und international breit aufgestellt. 450 Aussteller in 6 Hallen, 29.746 Fachbesucher aus 134 Ländern: Die Zahlen unterstreichen den Anspruch der Messe, Istanbul als strategisches Drehkreuz zwischen Europa, Asien und dem Nahen Osten zu positionieren.

38,2 Prozent der Besucher kamen aus dem Ausland, 61,8 Prozent aus der Türkei. Regional dominierte der Nahe Osten mit 39,4 Prozent, gefolgt von Europa mit 27,4 Prozent, Asien mit 18,9 Prozent und Nordafrika mit 11,1 Prozent. Nordamerika, Afrika südlich der Sahara, Südamerika und Ozeanien stellten zusammen 3,2 Prozent.

Inhaltlich deckte die Messe sämtliche relevanten Segmente ab: Womenswear, Menswear, Kidswear, Anlassmode, Lingerie, Denim, Accessoires und Homewear. Mit der Integration von LINEXPO wurde das Lingerie- und Hosiery-Segment stärker in das Hauptareal eingebunden. Formate wie The Core Istanbul, die IMA Trend Area, das E2B-Programm und die Fashion Talks ergänzten das Ordergeschäft um Design- und Wissenstransfer.

Mustafa Paşahan, Präsident der IFCO und Vizevorsitzender von İHKİB, spricht von einer „zukunftsbereiten“ Industrie. Mustafa Gültepe, Präsident von TİM und Vorsitzender von İHKİB, betont die „Resilienz“ der Branche und ihre strategische Positionierung im internationalen Wettbewerb.

Stabile Messe, schwieriges Marktumfeld

Doch jenseits der unterm Strich positiven Messebilanz ist das Umfeld differenziert. Die Zahlen des Industrieverbandes und Organisators der IFCO, İHKİB, zeichnen ein genaueres Bild. Während das gesamte türkische Exportvolumen im vergangenen Jahr um 4,5 Prozent auf 273,4 Milliarden US-Dollar gestiegen ist, verzeichneten Textil- und Bekleidungsexporte ein Minus von 4,4 Prozent auf 26,2 Milliarden US-Dollar. Die Bekleidungsexporte allein sanken um 6,3 Prozent auf 16,8 Milliarden US-Dollar. 60,6 Prozent der türkischen Bekleidungsexporte gehen in die Europäische Union. Die Türkei ist damit drittgrößter Lieferant des EU-Marktes nach China und Bangladesch. Global rangiert sie auf Platz sieben. Deutschland bleibt mit 2,6 Milliarden Euro wichtigster Einzelmarkt innerhalb der EU. Insgesamt exportierte die Türkei Waren im Wert von 10,2 Milliarden US-Dollar in die EU – ein Rückgang von 8,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Gleichzeitig stiegen die Exporte in die USA um 1,7 Prozent, in den Irak um 13,3 Prozent und Jordanien verzeichnete mit über 230 Prozent das stärkste Wachstum – wenn auch auf niedriger Basis.

Strukturell dominiert Womenswear mit 4,8 Milliarden US-Dollar, gefolgt von Knitwear mit 2,9 Milliarden US-Dollar, T-Shirts mit 2,4 Milliarden US-Dollar und Made-up Textiles mit rund 2 Milliarden US-Dollar. Menswear kommt auf 1,7 Milliarden US-Dollar.

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EU-Indien-Abkommen: Ein strukturelles Risiko

In diese Gemengelage fällt das kürzlich besiegelte Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien. Wie die FAZ berichtet, sorgt es in der türkischen Industrie für Unruhe. Berechtigterweise, denn die Türkei ist über die Zollunion eng an die EU gebunden – jedoch in einer „asymmetrischen Struktur“, wie die Wirtschaftswissenschaftlerin Meryem Gökten analysiert. Wenn die EU ein Freihandelsabkommen mit einem Drittstaat schließt, öffnet die Türkei automatisch ihren Markt. Sie sitzt jedoch nicht mit am Verhandlungstisch und erhält nicht automatisch denselben privilegierten Zugang zu diesem Drittstaat. Laut FAZ fürchten türkische Industrievertreter Wettbewerbsnachteile. Besonders im Textilsektor gilt Indien als ernst zu nehmender Konkurrent. Mustafa Gültepe wird mit der Aussage zitiert, dass die Türkei „keine Chance“ habe, beim Preis mit Indien zu konkurrieren.

Die Sorge: Sollte Indien präferenziellen Zugang zum EU-Markt erhalten, könnte dies die ohnehin rückläufigen türkischen Bekleidungsexporte zusätzlich belasten. Die Zollunion, ursprünglich als Instrument wirtschaftlicher Annäherung gedacht, droht unter diesen Bedingungen zu einem Wettbewerbsnachteil zu werden. Die türkische Wirtschaft fordert seit Jahren eine Modernisierung der Zollunion und eine verbindliche Einbindung in EU-Freihandelsprozesse.

Zwischen Designanspruch und Kostendruck

Letzte Vorbereitungen für die große Bühnenshow.

Die Stimmung spiegelte sich auf der IFCO wider und unterstreicht die strategische Stoßrichtung, die die Plattform seit ihrer Premiere vor neun Saisons genommen hat. Seren Kolat, International Franchise Officer von Kiğılı, betont, die Branche habe „keine Alternative“, als mit Qualität, Nachhaltigkeit, Kompetenz und Nearshoring zu argumentieren. Inflation und steigender Kostendruck führten zu Marktbereinigungen. Nicht alle Unternehmen würden bestehen. Unternehmen, denen es gelinge, ein „Trading up“ zu vollziehen und sich aus der Preis-Kosten-Spirale zu lösen, könnten gestärkt aus der Transformation hervorgehen.

S. Mehmet Kaya, Managing Director von TYH TEKSTİL und Board-Mitglied von İHKİB, sieht ebenfalls nur den Weg über Kernkompetenzen und Internationalisierung. Die IFCO sei dabei eine „Tür in die Welt“, insbesondere in westliche Märkte. Adnan Canpolat, Inhaber von Carmen, erklärt: „Als Branche sind wir sehr froh über das Bestehen der Messe.“Abendmode sei aufmerksamkeitsstark und ziehe gezielt Käufer an. Und Ümit Taş, Sales Manager von Artış Collection, bezeichnet die Integration von LINEXPO als „sehr gute Entscheidung“. Mehmet N. Pabuçcu von Panço lobt die Trennung der Markenhalle als sinnvoll für die B2B-Positionierung. Auch Murathan Tenekeci von Sera Bella sagt: „Dank der IFCO können wir auch neue Kunden gewinnen.“

Gleichzeitig verweist Emre Ayan, Director of International Sales bei Jakamen, auf einen Rückgang klassischen Fachpublikums aus dem Wholesale- und Franchisebereich. Die globale wirtschaftliche Unsicherheit sei inzwischen auch hier auf der Messe zu spüren. Hoffnung richtet sich insbesondere auf eine stärkere Resonanz aus Westeuropa. Jakamen exportiert nach Rumänien, Spanien, Italien und in das Vereinigte Königreich, sieht jedoch stärkere Dynamik in Asien, Mittelasien und den USA.

IFCO AW 2026

Nachhaltigkeit als Eintrittskarte

Nagehan Gençay, Marketing Managerin der İHKİB-Tochter Ekoteks, bestätigt den zunehmenden Wunsch der Produktionsbetriebe, Öko-Standards zu erfüllen. Ekoteks hilft Firmen, sich grüne Zertifizierungen vorzubereiten. Ohne Nachhaltigkeitskompetenz seien Exportchancen in zentrale Märkte kaum realistisch. Grüne Produktion sei weniger ein Marketingargument als vielmehr eine Marktzugangsvoraussetzung. „Grüne Mode ist vielleicht kein Verkaufsargument, aber eines, nicht zu kaufen“, lautet sinngemäß die Einschätzung. Der Wunsch vieler Unternehmen, ökologisch zu produzieren, war auf der IFCO deutlich sichtbar – auch im Konzept von The Core, das mit KI-gestützten Eislandschaften die Fragilität globaler Systeme inszenierte. Nach wie vor unterstützt die Szene, die weltweite Erfolge feiert, die Messe-Veranstalter mit internationalem Flair.

Eine Branche zwischen Anpassung und Ambition

Die IFCO 2026 zeigte nicht nur sinnbildlich die türkische Bekleidungsindustrie vor einer Wegzweigung. Auf der einen Seite steht eine professionell organisierte, international vernetzte Messe mit klarer B2B-Ausrichtung und messbaren Geschäftsergebnissen. Auf der anderen Seite steht eine Branche, die sich mit sinkenden Exportzahlen, Inflation, Wechselkursschwankungen, steigenden Zinsen und wachsendem Wettbewerbsdruck auseinandersetzen muss. Das EU-Indien-Abkommen könnte diese Herausforderungen verschärfen. Wie die FAZ analysiert, droht der Türkei ein struktureller Nachteil, wenn sie weiterhin automatisch Märkte öffnen muss, ohne gleichwertige Präferenzen zu erhalten. Die türkische Bekleidungsindustrie reagiert mit der weiteren strategischen Ausrichtung hin zu Qualitätsargumentation, Designprofilierung, Nachhaltigkeitsfokus und Diversifizierung der Absatzmärkte sowie Nearshoring und damit kurzen Lieferwegen.