No Boundaries

Der normale Mann

Kein Fast Fashion, kaum Internet. Frank, aka Hoffi, mag es in diesem Sinne doch klassisch. alle Bilder ©privat
Autor: Andreas Grüter

Wir blicken zurück in die frühen Achtzigerjahre: In einer Ruhrpottstadt formiert sich eine kleine Szene aus Punks, Skins und Skateboardern. Die anderen sind Popper, Prolls oder die leicht angestaubten Rockabillies und Teds. Frank, aka Hoffi, wächst in dieser Bubble auf. Über Musik, Streetwear, Rap und Skateboarding öffnet sich für ihn der Weg zur Fashion – und zu einem eigenen kulturellen Selbstverständnis. Heute erzählt er davon als Zeitzeuge, kreativ arbeitender Medienschaffender, politisch engagierter Mensch und jemand mit einem klaren Kunstbegriff. Gleichzeitig geht es um mehr: um die Frage, wie man als Teil der Generation X seinen Style in einer zunehmend befremdlichen digitalen Welt behauptet – ohne die eigenen Roots zu vergessen.

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Wenn ich etwas shoppe, sind mir die Haptik, die Verarbeitung und das Comfy Feel sehr wichtig und das teste ich dann schon auch ganz gern vor Ort“, sagt Frank, aka Hoffi.

FASHION TODAY: Dein Style orientiert sich am Look von Subkulturen. Inwiefern ist Fashion dabei ein Thema für dich?
Frank: „Ich war immer schon an Fashion interessiert. Im Alter von zwölf Jahren kam ich zum ersten Mal mit Punk in Berührung, als ich im TV eine Doku über Vivienne Westwood und die frühen britischen Bands sah. Dabei gefiel mir der über Fashion transferierte Angriff auf die bürgerliche Respektabilität und die Dekonstruktion von Stilnormen schon sehr. Was viele Punks bis heute verneinen, ist die Tatsache, dass Punk nicht Mode abgeschafft, sondern ihre Mechanismen offengelegt hat. Heute, in der Gegenwart, hat dies eher eine untergeordnete Bedeutung für mich. Klassische Subkulturen sterben aus und ich finde meinen Stil eher in einer Mixtur aus klassischem Casual, Streetwear, italienischen Brands, die mit aufwendigen Verarbeitungs- und Färbeverfahren arbeiten, designorientierter Techwear sowie Referenzen an diverse Kulturen wieder.“ 

Welches Outfit spiegelt deinen Musikgeschmack am ehesten wider?
„Schwierige Frage. Ein Outfit, das sehr eklektisch wäre. Ich habe bis auf zwei, drei Ausnahmen keine echten musikalischen Boundaries. Dementsprechend fällt es mir schwer, hier konkret zu antworten.“ 

Woher nimmst du deine stilistischen Inspirationen? Liest du Modemagazine?
„Ich habe ein ganz gutes Auge, was Kombinationen anbelangt, und bin sehr aufmerksam, was Looks an Menschen betrifft, die mir täglich begegnen. Selbst in der kleinsten Provinz fällt es mir nicht schwer zu erkennen, was über Kleidung ausgedrückt werden soll. Es kann ein kleines Accessoire sein, das mir auffällt und mich inspiriert. Ich nehme als kreativer Typ auch Formen stark wahr. Architektur ist in diesem Zusammenhang dann auch ein Thema, beispielsweise, wenn ich ein Oberteil sehe, das einen guten Schnitt aufweist. Interessante Magazine sterben leider ziemlich aus. Lesen tu ich gerne das C.P. COMPANY Mag ‚Arcipelago‘, japanische Mags wie zum Beispiel ‚Popeye‘, Skatemags wie ‚Snooze‘ und UK Style Mags wie ‚Proper‘. Und fehlen darf in der Aufzählung auf keinen Fall das ‚Paninaro‘.“

Hat sich dein Stil in den letzten Jahren verändert?
„Oh, sehr sogar. Ich hatte vor zehn Jahren eher einen heritageaffinen Stil mit Workwear-inspirierten Pieces, weil mir Qualität wichtig ist. Selvedge Jeans waren in diesem Zusammenhang ein Riesenthema, aber die Leute, die diesen Stil bevorzugten, gingen mir mit ihrem elitären und konservativen, teils schon sehr fragwürdigen Gefasel irgendwann ziemlich auf den Sack. Wenn so was passiert, entwickle ich eine grundsätzliche Abneigung und bin meistens schnell raus. Die große ‚Hypebeast‘-Ära habe ich natürlich auch wahrgenommen. Fand ich interessant, fühlte mich aber ein bisschen zu alt, um mich vor einen Shop zu stellen und ein paar Stunden später SUPREME und Yeezys zu astronomischen Summen zu ergattern. Als mein Vater 2018 verstarb, haben meine Mutter und ich sehr viele Pieces von STONE ISLAND und C.P. COMPANY in seinem Schrank gefunden, was mir einen zusätzlichen Kick verschaffte, meine ohnehin schon große Leidenschaft für diese Brands weiter auszubauen und mit passenden Teilen anderer Brands zu kombinieren. Label wie Ten c oder LEFT HAND sind hier für mich ein großes Thema. So können es eine Relaxed-Fit-carhartt-Denim und ein FRED-PERRY-Half-Zip mit Retro Running Sneakers sein, die zum Beispiel zu einem neu interpretierten Coat von STONE ISLAND passen. Stilistisch lässt sich das wahrscheinlich in keine konkrete Schublade einordnen.“ 

„Ich habe einen ziemlichen Jackenfimmel. Eine gute Jacke ist mir fast wichtiger als alles andere.“

Wo kaufst du ein? Shoppst du auch online?
„Online kaufe ich eher selten. Wenn ich etwas shoppe, sind mir die Haptik, die Verarbeitung und das Comfy Feel sehr wichtig und das teste ich dann schon auch ganz gern vor Ort. Zudem ist es für mich Ehrensache, kleinere Shops oder Projekte vor Ort zu supporten. Übrigens nerven mich Raffles sehr. Jeder sollte das bekommen, was er gern tragen möchte. Ich verstehe die Intention, finde aber den Weg, wie diese Verknappung geschieht, eher unangenehm.“

Kaufst du nach Marken?
„Ja, definitiv und das war schon immer so. Wenn es um Basics geht, achte ich darauf, keine Fast Fashion zu kaufen. Das ist natürlich auch eine Frage des Geldbeutels und ich würde niemals über Menschen urteilen, die nicht labelbezogen ihre Kleidung erwerben können. Aber ich habe im Global Branding gearbeitet und weiß, wer für die Herstellung von Fast Fashion körperlich und seelisch leiden muss. Daher ist das für mich ein absolutes No-Go. Natürlich weiß ich aber auch, dass eine nicht unbeträchtliche Zahl der High-Fashion-Labels genauso auf diese exploitative Art produziert …“

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Was würde bei dir nie im Kleiderschrank landen?
„Trekkingsandalen, Stilsünden wie diese multiprinted Baggy Jeans, zu enge Chino Pants mit Dick Indicator, Espadrilles, anything Yeezy, die Nuptse von TNF, Pieces mit Allover-Labelprints fallen mir da konkret ein.“

… und auf was kannst du auf keinen Fall verzichten?
„Ich habe einen ziemlichen Jackenfimmel. Eine gute Jacke ist mir fast wichtiger als alles andere. Nicht verzichten möchte ich auf meine 2015er Nike x STONE ISLAND Mussola Gommata Nylon Metal Windrunner Jackets, welche ich bereits in drei Farben besitze. Auch meine dunkelblaue, relativ gängige C.P. COMPANY Goggle Jacket ist ein Fave sowie eine schwarze JIL-SANDER-Bomberjacke, die einige Details der klassischen MA-1 von ALPHA INDUSTRIES neu definiert hat. Überhaupt geht eine gute Bomberjacke immer. Außerdem besitze ich zwei farblich relativ dezente TAION-Padded Vests, die ich in der kalten Jahreszeit gern als Layer nutze.“ 

Ist Funktion dabei Ehrensache oder eher Anhängsel?
„Ehrensache. Wenn man durch ein Kleidungsstück mit funktionellen Details ein Accessoire sparen kann, ist das für mich perfekt.“

Brioni für ’nen Fuffi.

Du hast ein offensichtliches Faible für ausgesuchte Sneaker. Wie stehst du zum aktuell ziemlich abflauenden Hype und was sind deine drei Faves?
„Ich habe das Resell-Business immer relativ kritisch gesehen und diesen künstlichen Verknappungs-Marketing-Stunt dahinter auch. Diese ganzen Invest-Stores schließen nach und nach, was gut ist. Der Hype ist vorbei, aber wird definitiv wiederkommen, und die ersten Anzeichen sieht man schon jetzt an den Reissues diverser Modelle aus der Hype Era. Ich hoffe, dass einige Nebenerscheinungen ganz schnell wieder verschwinden, wie zum Beispiel PRADA-Cups und generell die ganzen High-Fashion-Sneaker, die zumeist für mich absolute Design-Lowburner sind. Mich interessieren verbesserte Klassiker wie der Nike Air Max 95 OG mit Big Bubble und einem hoffentlich besseren Sizing. Limitierungen sind für mich, man höre und staune, komplett irrelevant geworden. Mir fehlen derzeit wirkliche Innovationen. Nike und adidas tun mit präzisiertem Air System und Foaming einiges dafür, in Sachen Comfy Verbesserungen vorzunehmen. Das geht auch styletechnisch mega nach vorn, passt aber nicht unbedingt zu meinem Stil und würde mir maximal für den Daily Run zusagen.“

Hast du ein Anlass-Outfit?
„Ja, zwei Anzüge, die ich vintage gekauft habe. Es handelt sich dabei um einen dunkelgrauen HERR VON EDEN und einen schwarzen BRIONI, den ich während eines Hamburg-Aufenthalts sehr billig von einem Typen gekauft habe. Das war in einem Secondhand-Store. Der Typ kommt rein, legt den Anzug hin und sagt, er habe Geldprobleme. Ich habe mich sofort verliebt, in das Verkaufsgespräch eingemischt, nach der Size und seiner Preisvorstellung gefragt und ‘nen Fuffi mehr geboten. Der Shop Owner fands natürlich nicht cool und wir wurden freundlich hinauskomplimentiert. Ich musste noch einige Änderungen vornehmen, aber dann war alles okay. Ich mag übrigens keine Krawatten, sondern bin Fan von Schaltüchern. Durch meinen Vater, der dieselbe Schuhgröße wie ich hatte, habe ich eine reichhaltige Auswahl an Budapestern, die ich dazu tragen kann.“ 

Deine modischen Guilty Pleasures …
„Ich liebe es, Merch zu kaufen. Oftmals bekloppt hochpreisig, weil selten, aber irgendwie verbinde ich damit immer Erinnerungen an Konzert- oder Eventbesuche. Ich trage auch gerne Museums- oder Ausstellungsmerch. Da sind oft sehr geniale Designs dabei. Alles erlebnisorientiert, sozusagen.”