Der Handel muss mutiger werden

Ladenbau

Die EuroShop ist die weltweit führende Fachmesse für den Einzelhandel. Im Februar 2026 präsentierten 1.800 Aussteller aus über 60 Nationen ihre Konzepte, Technologien und visionäre Lösungen für die Zukunft des Handels. © Messe Düsseldorf / Tillmann

Autor: Maximilian Fuchs

Vor wenigen Wochen fand die EuroShop 2026 statt und es war eine ganz besondere Edition, denn die „World’s No. 1 Retail Trade Fair“ feierte in Düsseldorf ihr 60-jähriges Jubiläum. Wir haben uns gefragt: Wie geht es dem Handel aktuell und wo hilft Technologie als Brücke und Entlastung im Daily Business? Diese und weitere Fragen haben wir Ulrich Spaan gestellt. Der Branchenprofi ist seit Anfang 2026 Geschäftsführer des EHI Retail Institute in Köln und zugleich seit vielen Jahren eng mit der EuroShop verbunden.

WERBUNG
Seit Januar 2026 ist Ulrich Spaan neuer Geschäftsführer des EHI Retail Institute. © EHI Retail Institute

FASHION TODAY: Herr Spaan, was hat Sie auf dieser EuroShop besonders überrascht und was waren Ihre persönlichen Highlights?
Ulrich Spaan: „Besonders überrascht hat mich die durchweg positive Stimmung auf der Messe. Trotz der seit Jahren angespannten Wirtschaftslage für die Handelsbranche – geprägt durch die Corona-Pandemie, die Energiekrise, Inflation und generellen Kostendruck – habe ich in meinen Gesprächen eine unglaublich positive Grundhaltung wahrgenommen. Das war bei der EuroShop 2023 noch spürbar anders und für mich ein echtes Highlight, das man weniger gesehen, aber deutlich gespürt hat.

Ein weiteres persönliches Highlight war die Kreativität und Professionalität, mit der sich die Unternehmen auf ihren Ständen präsentierten. Die Standkonzepte spiegelten wider, worauf es im stationären Handel von heute ankommt: die Transformation des physischen Ortes von einer reinen Verkaufsfläche zu einem Erlebnisraum. Es geht darum, Orte zu schaffen, an denen sich Menschen gerne aufhalten, wo sich Gemeinschaften bilden und wo über das Kernsortiment hinaus vielfältige Angebote, wie beispielsweise Gastronomie, integriert werden. Diese Entwicklung auf der Messe zu sehen, war für mich absolut beeindruckend.“

In welchen Bereichen investiert der Handel aktuell am entschlossensten und wo ist er noch zu zögerlich?
„Der Handel investiert sehr entschlossen in drei Kernbereiche: Digitalisierung, Automatisierung sowie Energiemanagement. Investitionen in digitale Technologien sind unerlässlich, um den Anschluss nicht zu verlieren. Das Engagement reicht hier von der Implementierung von KI-Lösungen, was je nach Unternehmensgröße variiert, bis hin zur Optimierung digitaler Prozesse. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Technologien, die helfen, die Effizienz zu steigern und Prozesse zu optimieren oder zu automatisieren. Angesichts des hohen Kostendrucks ist dies relevanter denn je. Beispiele hierfür sind die Optimierung von Check-out-Prozessen oder der Einsatz von Technologien, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Ziel ist es, Mitarbeitende von repetitiven Aufgaben zu entlasten, damit sie sich stärker auf den Kundenservice konzentrieren können. Aus Kosten- und Nachhaltigkeitsgründen wird stark in Energiemanagement und den Einsatz erneuerbarer Energien investiert.

Wo der Handel noch zu zögerlich ist, ist bei der grundlegenden Transformation des Point of Sale. Es gibt immer noch zu viele Unternehmen, die nicht den Mut aufbringen, ihre Konzepte so radikal zu erneuern, dass sie auch für zukünftige, digital aufwachsende Generationen relevant und attraktiv bleiben. Diese Generationen haben keine Notwendigkeit mehr, physische Geschäfte aufzusuchen. Es fehlt manchmal noch der Mut, Konzepte zu entwickeln, die die Kundschaft von morgen begeistern und die notwendige Frequenz in die Geschäfte bringen. Natürlich spielen die Städte und Kommunen eine Rolle bei der Gestaltung attraktiver Innenstädte – aber auch der Handel selbst muss mutiger werden.“

In diesem Jahr fand auch wieder die EuroCIS statt, mit Fokus auf Retail Technology. Wo sehen Sie den Punkt, an dem aus „Tech-Spielerein“ und Insellösungen wirklich messbare Mehrwerte für Händler werden und Retail 4.0 richtig auf der Fläche ankommt?
„Es ist richtig, dass nicht überall, wo KI draufsteht, auch wirklich KI drin ist. Dennoch ist ,Retail 4.0‘ bereits an vielen Stellen Realität, wenn auch nicht immer in der Form, die medial am meisten Beachtung findet.
Messbare Mehrwerte sehen wir bereits in einigen Bereichen des täglichen Lebens. Zum Beispiel bei der Automatisierung des Check-outs: Technologien wie Self-Check-out und Self-Scanning entwickeln sich rasant weiter. Systeme mit Bilderkennung, die beispielsweise loses Obst und Gemüse automatisch identifizieren, sind bereits im Einsatz und vereinfachen den Prozess für die Kunden. Oder intelligente Regale: Elektronische Preisetiketten werden zunehmend für weitere Funktionen genutzt, etwa zur Erkennung von ,Out-of-Stock‘-Situationen, zur Produktfindung für Kunden oder zur Erleichterung der Arbeit für das Personal. Noch etwas futuristisch, aber doch längst auf dem Weg: Robotics und der digitale Zwilling. Dabei helfen Roboter bereits heute bei der präzisen Bestandserfassung und ermöglichen eine bessere Planung von Ladenlayouts und Sortimentsverteilung.

WERBUNG

Viele dieser Entwicklungen passieren im Hintergrund und sind für den Kunden nicht sofort sichtbar. Ein gutes Beispiel sind die Kunden-Apps großer Händler wie REWE oder LiDL, die durch den Einsatz digitaler Tools bereits stark personalisierte Angebote ermöglichen. Die breite Einführung von Konzepten wie voll automatisierten Stores wird jedoch noch dauern. Aufgrund der dünnen Margen im Handel müssen alle Projekte wirtschaftlich darstellbar sein. Daher werden solche Technologien oft erst in Testflächen erprobt, um Kundenreaktionen zu testen und auf einen Zeitpunkt zu warten, an dem die Technologien kostengünstiger und skalierbar werden.“

„Wo der Handel noch zu zögerlich ist, ist bei der grundlegenden Transformation des Point of Sale. Es gibt immer noch zu viele Unternehmen, die nicht den Mut aufbringen, ihre Konzepte so radikal zu erneuern.“

Die Frage nach Sicherheit beschäftigt den Handel. Das betrifft die digitale Resilienz und Schutz vor Cyberattacken, aber auch Diebstahlschutz. Wie ist die Lage aktuell aus Ihrer Sicht zu bewerten und was können Unternehmen tun, um sich effektiv zu schützen?
„Die Lage ist in beiden Bereichen als durchaus kritisch zu bewerten. Bei der Cybersicherheit handelt es sich um ein Dauerthema. Unternehmen investieren enorme Anstrengungen, um sich vor Attacken zu schützen und ihre Reaktionsfähigkeit im Ernstfall zu verbessern. Der wichtigste Punkt bleibt die Sensibilisierung der Mitarbeitenden, um Fehler zu vermeiden. Parallel dazu sind technologische Absicherungen und robuste Notfall- und Back-up-Pläne entscheidend.

Bei der physischen Sicherheit hat sich in den letzten zwei bis drei Jahren die Situation merklich verschärft. Die Zahl und die Schwere der Diebstähle, insbesondere durch organisierte Bandenkriminalität, haben zugenommen. Dies hängt oft mit der allgemeinen wirtschaftlichen Lage zusammen. Technologisch gibt es hier intelligente KI-gestützte Kameralösungen, die helfen, Diebstahlmuster schneller zu erkennen. Gleichzeitig wünscht sich der Handel mehr Unterstützung von der Politik, etwa durch eine konsequentere Verfolgung von Ladendiebstählen, um die Abschreckung zu erhöhen.“

Der Trend geht zur Erlebnisfläche vor Ort, dank Omnichannel-Retailing braucht es nicht mehr zwingend große On-Side-Warenlager. Was bedeutet diese Entwicklung für Ladenkonzepte und wie kann im Speziellen der Modehandel davon profitieren?
„Außerhalb des Tiefpreissegments, wo allein der Preis zählt, ist die Transformation der Flächen von entscheidender Bedeutung. Dieser Prozess ist nicht neu, wird aber immer wichtiger. Oft geht dies mit einer Reduzierung der Flächen oder der Anzahl der Standorte einher. Umso wichtiger ist es, die verbleibenden Standorte so zu gestalten, dass sie eine zusätzliche Rolle über den reinen Warenverkauf hinaus erfüllen.
Es geht darum, Konzepte zu schaffen, die für die Kunden eine so hohe Relevanz erzeugen, dass sie sagen: ,Da gehe ich gerne hin.‘ Das bedeutet eine andere Aufteilung der Flächen, weniger Warenträger und mehr flexible, erlebnisorientierte Komponenten. Leuchtturmprojekte wie L&T in Osnabrück oder engelhorn in Mannheim machen dies seit Jahren exzellent vor.
Aber auch auf kleineren Flächen, oft von selbstständigen Unternehmern betrieben, sieht man eine enorme Kreativität. Ein spannendes Beispiel ist ein Snipes Store in Berlin-Neukölln, der ein Tanzstudio integriert hat, um der lokalen Community einen echten Mehrwert zu bieten. Hier steht das Produkt nicht mehr allein im Vordergrund.“

Welche Best Practices von der EuroShop würden Sie einem mittelständischen Händler empfehlen, der sein Kundenerlebnis mit begrenztem Budget verbessern will?
„Mein Ratschlag an jeden Händler ist, sich zu trauen, alte, über Jahre funktionierende Schemata zu durchbrechen und mit Kreativität und Gehirnschmalz den stationären Flächen einen neuen, zusätzlichen Sinn zu geben. Das ist nicht zwangsläufig mit hohen Kosten verbunden – vieles lässt sich durch Kreativität bewirken.“

Vielen Dank für das Interview!