Das mit dem Gas- und dem Bremspedal

KATAG AG

„Wir können die Bedeutung von Netzwerken und Plattformen gar nicht hoch genug einschätzen. Heute sind die Zeiten der Paläste vorbei und wir können, um im Bild zu bleiben, von der Zeit der Zelte sprechen" Dr. Daniel Terberger ©BrauerPhotos

Autor: Markus Oess

Die KATAG führt traditionell im Juni ihre Cheftagung durch. In diesem Jahr steht die Tagung unter dem Motto „Chancen sehen. Lösungen finden.“ und soll den Mitgliedern Orientierung in einer von Krisen geprägten Zeit bieten. Dr. Daniel Terberger betont die Bedeutung von Flexibilität, mentaler Stärke und operativer Leistungsfähigkeit, um die aktuellen Herausforderungen zu meistern. Gleichzeitig unterstreicht er die Rolle der KATAG als stabiler Anker für ihre Mitglieder, der durch Verlässlichkeit, Innovationskraft und individuelle Unterstützung überzeugen will.

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FASHION TODAY: Herr Dr. Terberger, die KATAG blickt auf eine lange Tradition als Verbundgruppe für mittelständische Modehäuser zurück. Wie bewerten Sie vor diesem historischen Hintergrund die aktuelle wirtschaftliche Lage der KATAG und ihrer Mitglieder?
Dr. Daniel Terberger: „Auch wenn Händler im Zeitablauf dazu neigen, die eigene Situation und die Rahmenbedingungen als die schwierigsten jemals zu bezeichnen, glaube ich schon, dass wir aktuell in einer für den mittelständischen Modehandel sehr herausfordernden Zeit leben. Wir stehen vor einem massiven Strukturwandel im Handel. Der Konsument verweigert sich und wir stehen vor immer stärker anwachsenden Regulierungen seitens des deutschen Staates und der EU. Dazu kommen die vielen exogenen Schocks und Kriege. Ich würde sagen, dass wir durchaus in einer der größten Krisen der letzten 100 Jahre stecken. Unsere Aufgabe besteht jetzt darin, mit Zuversicht und der nötigen Flexibilität bestmöglich in dieser Situation zu agieren. Und mit Mut zu gestalten, die sich bietenden Chancen zu nutzen. Es gibt immer noch exzellente Händler in der Modewelt, die auch exzellente Geschäfte machen. Das ist für mich auch der Antrieb, daran zu arbeiten, das Beste für unsere Händler in der aktuellen Marktsituation durch die Unterstützung der KATAG herauszuholen.“

Im Markt scheiden eher Unternehmen aus, als neue dazukommen. Wie hat sich die Mitgliederzahl entwickelt und welche Faktoren spielen hier eine maßgebliche Rolle?
„Tatsächlich konnten wir gerade in den zurückliegenden Monaten über neue Mitglieder den einen oder anderen Abgang überkompensieren. Wichtig und entscheidend ist es, einfach einen guten Job in der Unterstützung unserer Mitgliedshäuser zu machen. Wir sollten uns mit mentaler Kraft an die Arbeit machen und die Krisen dieser Zeit von Hormus bis Berlin ausblenden. Wenn man Rahmenbedingungen nicht ändern kann, muss man sich ihnen klug anpassen. Wir verstehen die KATAG als B2B-Brand, als Familienunternehmen, welches für Stabilität, Verlässlichkeit und für Innovationskraft steht. Die KATAG ist gewissermaßen wie ein Stahlträger im Beton. Nicht hübsch, aber stabil. Ein Anker. Und darin besteht auch die Aufgabe, für Kontinuität und Verlässlichkeit zu sorgen, liquide mit gesunder Kapitalstruktur, in diesen unsicheren Zeiten, Sicherheit zu vermitteln. Fehler machen wir alle, der größte Fehler wäre allerdings, sich von ihnen stoppen zu lassen, statt sie zu korrigieren. In der KATAG betrachten wir jeden Händler individuell – vom inhabergeführten Kleinfilialisten bis zum großen Monolithen des Handels, mit E-Commerce oder ohne E-Commerce. Jeder hat eine andere Wettbewerbssituation, jeder befindet sich in unterschiedlichen Unternehmensstrukturen, fremdgeführt oder inhabergeführt. All diese unterschiedlichen Perspektiven, Strukturen und Bedürfnisse machen die Vielfalt des Handels aus. All das mitzudenken und individuell zu begleiten, ist entscheidend für langfristigen Erfolg.“

„Man darf nicht mit den Rahmenbedingungen hadern, sondern muss die Chancen erkennen und konsequent nutzen. Gerade der Mittelstand ist häufig flexibler, effizienter und schneller in der Umsetzung als mancher international gesteuerte Konzern.“

Der Markt unterliegt einem starken Anpassungsdruck, sei es durch Digitalisierung, veränderte Konsumgewohnheiten oder globale Lieferkettenprobleme. Wie reagieren die Anschlusshäuser konkret darauf und wie kann die KATAG hier unterstützen?
„Auch hier gilt es, je nach Situation und Unternehmen zu agieren. Man darf nicht mit den Rahmenbedingungen hadern, sondern muss die Chancen erkennen und konsequent nutzen. Gerade der Mittelstand ist häufig flexibler, effizienter und schneller in der Umsetzung als mancher international gesteuerte Konzern aus Dublin oder London. Das ist unsere Stärke. Hier müssen wir konsequent nach vorne gehen. Reaktion und Reaktionsgeschwindigkeit sind die Schlagworte. Für mich besteht die mentale Kunst, ein mittelständisches Unternehmen zu führen, darin, fokussiert zu bleiben. Aber immer die Situation im Blick zu halten.“

Die Cheftagung im Juni steht unter dem Motto „Chancen sehen. Lösungen finden.“. Ohne zu sehr ins Detail gehen zu können – welche Lösungsansätze werden auf der Tagung diskutiert und welche Rolle ordnen Sie der KATAG dabei zu?
„Ich sehe drei zentrale Punkte. Erstens: Entscheidend ist, mental widerstandsfähig und handlungsfähig zu bleiben, Chancen zu erkennen und sich nicht von äußeren Einflüssen lähmen zu lassen, auf die man ohnehin keinen direkten Einfluss hat. Entscheidend ist, operative Leistungsfähigkeit zu entwickeln und die Kraft zu haben, Probleme zu lösen. Die Welt hat zahlreiche Krisen erlebt – von der Ölkrise über die Finanzkrise bis hin zu den Weltkriegen. Und medial wurde ihr Ende schon fünf- oder zehnmal heraufbeschworen. Und trotzdem sind wir noch da. Die KATAG ebenso wie ein L&T, ein RAMELOW oder GARHAMMER. Wir wollen Lebensmut und Zuversicht vermitteln. Kurzum, wir brauchen keine Trauerfeier, wir brauchen eine Lebensfeier.
Zweitens müssen wir lernen, die Rahmenbedingungen zu verstehen – und sie dort, wo es möglich ist, zum Besseren zu verändern. Ich denke dabei etwa an drohende Mehrwertsteuererhöhungen, an Überregulierung, Konsumzurückhaltung und andere strukturelle Belastungen. Dafür sucht die KATAG den Dialog auf allen Ebenen. Mit Entscheidern aus Politik, Handel, Industrie und Technologie. Ich bin mir sicher, unser Bundesminister für Digitales, Karsten Wildberger, wird sich für uns einsetzen. Bei anderen Ministern ist das – auch aufgrund der jeweiligen Rahmenbedingungen – mehr oder weniger ausgeschlossen.
Und drittens geht es darum, operative Impulse zu geben und konkrete Chancen aufzuzeigen – sei es in Prozessen, im Marketing oder in der Technologie. Zusammengefasst geht es um Haltung und unternehmerisches Handeln: Wie gehe ich mit Chancen um? Wie gestalte ich Rahmenbedingungen durch Dialog? Und wie erkenne ich Chancen im Detail und nutze sie konsequent?“

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Oliver Kahn wird auf der Tagung über Motivation sprechen. Wie motiviert man einen Verbund zur anhaltenden Zusammenarbeit?
„Am besten durch gemeinsame Erfolge und mit Emotionen. Auch durch den richtigen Umgang mit Rückschlägen. Dafür eignen sich auch unsere Awards ganz besonders. Ich sehe keinen Grund, warum wir nicht auch Erfolge sichtbar machen und teilen und damit Lebensfreude und Motivation liefern sollten.“

Die Tagung richtet sich an Inhaber von Modehäusern und dient als Plattform für den Austausch zwischen Industrie und Handel. Wie bewerten Sie die Bedeutung von Netzwerken und Plattformen für die Weiterentwicklung der KATAG und ihre Anschlusshäuser?
„Wir können die Bedeutung von Netzwerken und Plattformen gar nicht hoch genug einschätzen. Heute sind die Zeiten der Paläste vorbei und wir können, um im Bild zu bleiben, von der Zeit der Zelte sprechen. Paläste, die nur für einen Zweck gebaut wurden, sind starr und nutzlos in vielen anderen Situationen. Zelte hingegen lassen sich in Minuten oder Sekunden auf- und abschlagen. Sie stehen für Wandel und Flexibilität. Sie stehen für Mobilität und geistige Beweglichkeit, sei es in der IT, sei es im Marketing oder wie gesagt in den Prozessen. Und auch das sei gesagt: Es geht auch darum, ein gewisses Wertesystem zu vermitteln. Die KATAG steht für Integrität, für Persönlichkeit, für Verlässlichkeit, Anstand und Offenheit. Gerade auch im Umgang mit anderen ist diese Fähigkeit, neben der fachlichen Qualifikation, unverzichtbar. Oft werden wir – das sage ich in aller Bescheidenheit – gefragt oder hinzugezogen, nach dem Motto: Vielleicht haben die eine Idee oder kennen jemanden, der weiterhelfen kann.“

„Wir wollen der beste Partner für die besten Händler bleiben.“

In der Modebranche sind Flexibilität und Anpassungsfähigkeit entscheidend. Welche Strategien verfolgt die KATAG, um ihre Mitglieder dabei zu unterstützen, ohne ihre Identität als traditionelle Modehäuser zu verlieren?
„Tradition kann schnell verstauben, wenn sie nur oberflächlich ist. Echte Traditionen sind Wertetraditionen – sie sind Teil unserer DNA und stehen in unserem Fall für finanzielle Solidität, Stärke und Verlässlichkeit. Wenn wir vereinbart haben, dass wir heute bezahlen, dann bezahlen wir nicht erst morgen. Wenn wir Zahlen liefern, dann liefern wir sie auf die Kommastelle genau. Und wenn wir vor fünf Jahren eine Verabredung getroffen haben, dann gilt sie auch heute noch. Ich bin stolz darauf, dass bei der KATAG noch das gesprochene Wort gilt – Verlässlichkeit, auf die man sich wirklich verlassen kann. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In der jüngeren Vergangenheit wurde Nachhaltigkeit ideologisch sehr aufgeladen. Es ging bei manchen darum, Überzeugungen zu transportieren, statt mit Anstand und Sachverstand die Probleme anzugehen. Es versteht sich eigentlich von selbst, dass man seine Partner entlang der Lieferkette mit Respekt behandelt und sie nicht ausbeutet. Dafür brauche ich keinen Nachhaltigkeitsbericht als Legitimation meines Handelns – dafür brauche ich schlicht Tradition und, wenn man so will, Anstand.“

Die letzten Jahre waren von Krisen geprägt. Welche Lehren hat die KATAG daraus gezogen und wie fließen diese in die aktuelle Strategie ein?
„Die Lehre aus den letzten Jahren lässt sich auf eine einfache Formel bringen: mit höchster Vorsicht beobachten, wie es die Lage erfordert, und mit größtmöglicher Flexibilität handeln. Ein Fuß bleibt dabei immer auf der Bremse, der andere am Gaspedal – um Chancen schnell nutzen zu können und antizyklisch zu agieren. Warum nicht etwa in schlechten Zeiten Mietverträge neu aushandeln, neue Lieferantenpartnerschaften suchen oder auch Unternehmen kaufen?“

Wenn Sie einen Blick in die Zukunft werfen: Welche Ziele haben Sie für die KATAG in den nächsten drei Jahren und wie wollen Sie diese erreichen?
„Um es kurz zu fassen: Wir wollen der beste Partner für die besten Händler bleiben. Wir wollen umsetzungsorientiert arbeiten, unsere Chancen konsequent nutzen und die Rahmenbedingungen – wo möglich – positiv mitgestalten.“