Autor: Markus Oess
Frank Ullrich-Cattien führt WILVORST seit dem 1. Januar 2026 gemeinsam mit Stefan Kohlmann als Doppelspitze. Der frühere Peek-&-Cloppenburg-Manager will den Bräutigam- und Anlassmoden-Spezialisten aus der Nische herausführen: mit einer modernisierten Kollektion, der neuen Black-Tie-Kapsel, einer zweiten Passform namens Regular Fit sowie einem deutlich stärkeren Fokus auf B2C-Kommunikation über Social Media, Influencer-Kooperationen und Pop-up-Flächen im Handel. Im Interview mit FASHION TODAY MEN spricht Ullrich-Cattien über die strukturellen Herausforderungen der Anlassmode, die Positionierung als „House of Celebration“, die Rolle der Zweitmarke ATELIER TORINO, wachsenden Wettbewerb und Internationalisierung.

FASHION TODAY MEN: Frank, du kommst von Peek & Cloppenburg, einem der großen Modefilialisten, und wechselst zu WILVORST, einem Spezialisten für Bräutigam- und Anlassmode. Was hat dich an diesem Schritt gereizt – und was war dein erster Eindruck vom Unternehmen?
Frank Ullrich-Cattien: „Da kamen mehrere Dinge ins Spiel. Nachdem ich bei P&C verschiedene Karriereschritte vollzogen hatte, war es Zeit für einen nächsten Step. Weil ich einen guten Austausch mit der Familie Brinkmann hatte, war klar, dass ich mich für WILVORST entscheiden werde. Ich wusste, dass man in einer Nische groß sein kann, denn WILVORST ist nicht ohne Grund schon mehr als 100 Jahre am Markt. Zudem war mir auch klar, dass aktuell in der Brinkmann-Gruppe viel passiert und WILVORST die letzte Marke innerhalb der Gruppe war, die vor großen Veränderungen stehen würde – und dass die Inhaberfamilie dahintersteht. Und für mich stand fest, dass ich nicht verwalten, sondern den Transformationsprozess antreiben wollte. Was ich antraf, war ein Unternehmen mit sehr viel Know-how und Expertentum, aber andererseits auch ein wenig zu stark in der Nische verwachsen.“
WILVORST hat 2025 die eigenen Umsatzziele nicht vollständig erreicht, das Jahresergebnis aber immerhin deutlich verbessert. Wie lautet deine Bestandsaufnahme – was läuft gut, was muss sich ändern?
„WILVORST verfügt über sehr viel Expertise, daher konnten wir sehr schnell die Kollektion modernisieren. Das haben wir innerhalb kürzester Zeit dank einer sehr guten Teamleistung und kurzen Entscheidungswegen erreicht. Überdies haben wir mit Black Tie eine eigene Kapsel auf den Markt gebracht, um im Bereich Anlass unsere Kompetenz noch einmal deutlich zu unterstreichen und nach oben abzurunden. Überdies haben wir mit Regular Fit eine zweite Passform eingeführt, um dem aktuellen Markttrend entgegenzukommen und weitere Endkundengruppen zu erschließen.
In der Kommunikation war der Fokus bislang stark auf B2B gerichtet. Das haben wir geändert, wir werden künftig sehr viel mehr in Richtung Endverbraucher gehen. Wir haben eine neue Bildsprache und unseren Markenauftritt überarbeitet. Und wir sind stärker auf B2C fokussiert.
Unser neues Lookbook hat die international renommierte Hochzeitsfotografin Tali Photography am Comer See geshootet. Wir sind eine Partnerschaft mit Lukas Märtens, Olympiasieger im Schwimmen, eingegangen. Wir arbeiten in der Zukunft mit dem Influencer Felice zusammen, der auch Modell für unser Shooting stand, bei dem wir auch international renommierte Models gebucht hatten. Die neue Kampagne beziehungsweise den neuen Markenauftritt spielen wir über Website, Social Media und Pop-up-Flächen im Handel aus. Was die Pop-up-Flächen angeht, zeigt unser neuer Showroom hier in Düsseldorf, in der Halle 29, wohin wir künftig gehen wollen. Wir werden im Herbst mit der Umsetzung der neuen Kampagne beginnen, um sicherzustellen, dass der Endverbraucher auch die Ware im Laden kaufen kann, die er in der Kommunikation sieht.
Zu guter Letzt haben wir noch einmal in die Qualität investiert. WILVORST steht traditionell für eine enge Kooperation mit italienischen Webern, teilweise sogar exklusiv. Diese Kooperationen haben wir noch einmal intensiviert, mit Namen wie CARLO BARBERA, VITALE BARBERIS CANONICO, GUABELLO 1815 und anderen.“
Anlassmode hat ein strukturelles Problem: Der klassische Bräutigam kauft einmal im Leben einen Hochzeitsanzug und kommt dann nie wieder. Wie gewinnt man mit einem solchen Einmalkäufer-Modell nachhaltig Kunden?
„Das ist tatsächlich ein wichtiger Punkt. Wir haben WILVORST jetzt neu definiert: Wir wollen für jeden Anlass Männer einkleiden, für den Abiball, zur Hochzeit, aber genauso für Events wie Preisverleihungen, Opernball oder ganz klassisch ein edles Dinner anlässlich eines Jubiläums und andere Dinge mehr. Wir wollen die Verbindung zu neuen Themenfeldern schaffen. WILVORST versteht sich künftig als DACH-Marke, als ‚House of Celebration‘, in dem sich auch die anderen Marken wie ATELIER TORINO oder TZIACCO zusammenfinden.“
Wie erreicht WILVORST den Kunden, bevor er überhaupt den Entschluss zur Hochzeit getroffen hat – also in der Phase, in der Markenpräferenzen entstehen?
„Wir müssen schon vor dem Anlass in die Köpfe der Verbraucher kommen, etwa durch Kooperationen mit Influencern, die völlig losgelöst von Hochzeiten die Sichtbarkeit der Marke erhöhen – also raus aus der Nische und uns dort profilieren, wo wir sowieso schon vertreten sind, zum Beispiel auf Red Carpets bei den Filmfestspielen in Cannes. Oder nimm den Wiener Opernball. Wir haben den Frack auf Lager und auch die dazugehörigen Accessoires. Wir wollen die Expertise, die wir haben, weitertragen, etwa in der Beratung gegenüber den Endverbrauchern und in Schulungen unserer Händler zu Fragen wie: Was trage ich wie? Es geht immer darum, WILVORST mit einem gewissen Twist zu präsentieren, so wie beispielsweise bei unserer Black-Tie-Kollektion, wo das Dinnerjacket offen getragen werden kann, ohne Schleife, oder ganz klassisch. Deswegen haben wir beide Varianten ins Lookbook aufgenommen.“
Wie entwickelt sich Anlassmode aktuell? Wo siehst du die stärksten Verschiebungen im Kaufverhalten der Bräutigame?
„Aktuell zählt die Konfektion zu den stabilen Segmenten im Markt und bereitet in einem schwierigen Marktumfeld die meiste Freude. Was wir sehen, ist, dass Anlässe generell stärker zelebriert werden und der Dresscode zusehends eine wichtigere Rolle einnimmt. Natürlich ist das auch eine Gegenbewegung der jüngeren, nachrückenden Generationen – die Jungen wollen sich entsprechend abgrenzen. Und weil man in der Vergangenheit etwas legerer herangegangen ist, ist klar, dass jetzt das Tailoring wieder stärker in den Fokus rückt. Im Grunde genommen ist Anlassmode ein gutes Geschäft, weil der Kaufgrund schon vorhanden ist und die Kunden mit der Absicht in den Laden kommen, auch zu kaufen.“
Die Casualisierung verändert auch das festliche Segment: Standesamtliche Trauungen, Outdoor-Hochzeiten, kleine Feiern – der klassische Cut wird seltener. Wie reagiert WILVORST auf diese Entwicklung?
„Wir sehen hier schon eine Diversifikation in der Ausprägung von Anlässen wie Hochzeiten. Heute sind Feiern im kleinen Rahmen, Themenhochzeiten genauso üblich wie große Bälle. Wir müssen – und das ist auch eine unserer Stärken – über die Produktvielfalt die verschiedenen Arten von Hochzeiten in der Kollektion abdecken. Klar muss sein: Immer wenn der Anzug für Anlässe ins Spiel kommt, muss der Name WILVORST fallen. Das ist unsere DNA und unsere Stärke. Um das klar zu sagen: Wir werden kein Businesswear-Anbieter.“
Welche Rolle spielt ATELIER TORINO in deiner Strategie – und wie balancierst du das „legerere“ Label mit dem klassischen WILVORST-Kerngeschäft, ohne dich zwischen den Welten zu verlieren?
„ATELIER TORINO bildet den preislichen Unterbau und als Erstkontakt mit dem Haus WILVORST, auch wenn die Marke ursprünglich eine andere Herkunft hatte. ATELIER TORINO kann vom Bräutigam wie von der Festgesellschaft getragen werden. Die Marke ist modischer und richtet sich im Schwerpunkt stärker auf Jersey, Flex, Stretch und Comfort aus. ATELIER TORINO ist die Brücke von der Contemporary Wear zur Anlassmode – ein moderner Anzug mit modernen Trageeigenschaften, aber in einem festlichen Fit.“
WILVORST bietet eine große Auswahl an Formen, Stoffen und Größen. Ist diese Breite strategischer Vorteil oder auch Ballast?
„Vielfalt ist eine ganz klare Chance für uns, um uns vom Wettbewerb abzuheben. Aber wir müssen trotz allem auch auf die Kosten schauen und uns fokussierter darstellen, sodass wir zwar noch immer die Vielfalt gewährleisten, aber nicht mehr zu sehr in die Tiefe. Wir werden nicht mehr jede Sonderform/Größe standardmäßig abdecken – wobei wir mit Maßkonfektion bei Bedarf jede Größe bedienen können. Andererseits müssen wir auch stärker in den Stock investieren, um den Handel zu unterstützen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn wir drei Qualitäten oder fünf verschiedene Grüntöne anbieten, müssen es nicht noch die vierte, fünfte, Qualität sein oder das siebte; achte ähnliche Grün. Wir brauchen auch Luft für Innovationen.“
Wie modern ist WILVORST modisch? Wo ziehst du die Grenze zwischen klassischem Markenversprechen und zeitgemäßer Weiterentwicklung der Kollektion?
„Die Veränderungen an den Kollektionen erfolgen natürlich auch in der Anlassmode entlang der Trends. Wir müssen uns demzufolge auch mit den Megatrends auseinandersetzen, daraus die für uns richtigen Schlüsse ziehen und diese dann auch konsequent umsetzen. Nicht ohne Grund haben wir eine neue Vision definiert: ‚Wir kleiden Menschen für unvergessliche Momente – wenn Eleganz auf Emotion trifft.‘ Das gilt für die Farbtrends genauso wie für die Silhouetten in ihren verschiedenen Spielarten. Aber wir werden immer mit einem gewissen Hauch Eleganz arbeiten müssen – schreiende Töne oder oversized Schnitte werden wir nicht anfassen, das passt nicht zu uns. Und können wir auf unser wunderbares Archiv zurückgreifen. Ich kann schon jetzt ankündigen, dass wir dort den einen oder anderen Schatz wiederentdeckt haben, den wir adaptieren und neu interpretiert auf den Markt bringen werden.“
Der Wettbewerb im Anlassmoden-Segment wächst: Anzugmarken wie DIGEL entdecken das Hochzeitssegment für sich, Direktanbieter drängen online in den Markt. Wie reagierst du auf diesen Druck?
„Natürlich steigt dadurch der Wettbewerb, aber WILVORST ist als Marktführer in dem Segment produktseitig stark genug, sich dagegen zu behaupten. Das verlangt natürlich auch Investitionen in die Marke und das heißt auch, stärker in die Kommunikation mit dem Endverbraucher zu treten. Wir müssen modisch anspruchsvoll bleiben, ohne abzuheben. Und wir setzen auf Profilierung, etwa durch die Black-Tie-Kapsel. Unser Anspruch bleibt immer, auch in der Nische und bei Kapseln das größtmögliche Angebot zu liefern. So haben wir bei Black Tie fünf verschiedene Sakko-Optionen und zwei Hosen, die frei miteinander kombinierbar sind. Was uns dabei hilft, ist die Schnelligkeit und Produktkompetenz. Wir sind schon in der Lage, innerhalb von zwei Wochen von der Idee zum Prototyp zu kommen.“
Die bugatti Holding nennt Internationalisierung als eines der zentralen Ziele für die neue Geschäftsführung. Welche Märkte sind für dich realistisch – und was bedeutet Internationalisierung konkret für WILVORST?
„Aktuell erwirtschaften wir in der DACH-Region 75 Prozent unseres Umsatzes. Das ist ein Pfund, ganz klar. Aber wir müssen uns natürlich auch stärker international aufstellen, ohne die Position, die wir bereits in der DACH-Region eingenommen haben, zu vernachlässigen. Wir müssen internationalisieren, weil der Heimatmarkt limitiert ist. Das bedeutet, dass auch die Kollektionen internationaler werden müssen. Unser Fokus liegt auf Europa, dort wollen wir unsere Marktposition gezielt ausbauen.“
Was ist mit der Pitti als internationaler Plattform?
„Gerade im internationalen Wettbewerb sind unser Service und die hochwertigen Stoffe entscheidend. Überall dort, wo Mode noch einen hohen Stellenwert hat, kann WILVORST vorne mitspielen – wir müssen Relevanz schaffen. Was Messen angeht: Wir sind auf der EUROPEAN BRIDAL WEEK in Essen präsent. Überdies beteiligen wir uns am unitex FASHION FESTIVAL. Wir spielen unsere Präsenz in der Order über die Showrooms und Vertreter aus. Florenz könnte ein Thema sein, weil die Pitti Uomo Trends zeigt und dem Austausch dient. Eine unmittelbare Präsenz auf der Pitti Uomo sehe ich allerdings nicht, möglicherweise aber einen Sidekick-Event.“
Du führst WILVORST gemeinsam mit Stefan Kohlmann als Doppelspitze. Wie habt ihr die Verantwortlichkeiten aufgeteilt – und wie hat sich die Zusammenarbeit in den ersten Monaten entwickelt?
„Während ich die Markt- und Markenentwicklung vorantreibe, verantwortet Stefan Kohlmann die wirtschaftliche Transformation des Unternehmens. Gerade seine langjährige Erfahrung in der Branche und im Unternehmen sorgt dafür, dass wir Veränderungen nicht nur entwickeln, sondern auch nachhaltig umsetzen können. Diese Kombination aus externem Blick und internem Know-how ist aus meiner Sicht einer unserer größten Erfolgsfaktoren. Wichtig war uns beiden auch von Anfang an, eine Vision zu erarbeiten, an die wir und das Team glauben. Und auch das ist wichtig: Die Familie Brinkmann stärkt uns den Rücken und wir partizipieren an der Stärke der Gruppe als Teil von ihr.“
Was ist deine persönliche Vision für WILVORST in drei bis fünf Jahren – wo soll die Marke stehen?
„Kurzfristig will ich die Kollektion modernisieren und die Transformation im Marketing vorantreiben und so den Umsatz nachhaltig steigern. Das erreichen wir nur mit unserem starken Team, das den Veränderungsprozess mit besonderem Einsatz mitgeht. WILVORST soll auch international die relevante Marke im Occasion-Segment sein. Mittelfristig sehe ich eine Quote von 30 Prozent und mehr. Wir müssen für unsere Vision alle mitnehmen – von der Inhaberfamilie über die Mitarbeiter und den Handel bis hin zu unseren Endkunden. WILVORST bietet Premium-Qualität für jeden Anlass – das ist unsere Handschrift. Wenn alles passt, entsteht etwas Besonderes.“
House of Celebration
Mit den neuen Lookbooks für WILVORST, WILVORST Black Tie und ATELIER TORINO zur Saison 1.2027 startet die Marke unter dem Leitgedanken „House of Celebration“ ein neues Kapitel. Die neue Vision lautet: „Wir kleiden Menschen für unvergessliche Momente – wenn Eleganz auf Emotion trifft.“ Inszeniert wurde die Kollektion am Comer See in der Villa Sola Cabiati, fotografiert von Tali Photography; Fashion-Influencer Felice interpretiert das Thema Black Tie neu. Die Farbwelt ist von tiefen Grüntönen sowie kraftvollem Bordeaux und Rot geprägt. Während WILVORST und WILVORST Black Tie die großen Momente des Lebens definieren, begleitet ATELIER TORINO Männer vom ersten Anzug bis zu jedem weiteren festlichen Anlass – puristisch, modern und flexibel.
Hintergrund
Zum 1. Januar 2026 übernahm Frank Ullrich-Cattien die Geschäftsführung von WILVORST und folgte damit auf Andreas Wolf, der nach 40 Jahren im Unternehmen und seit 2017 verantwortlich für Sales, Procurement und Marketing auf eigenen Wunsch vorzeitig in den Ruhestand ging. Ullrich-Cattien führt WILVORST seither gemeinsam mit Stefan Kohlmann, der seit 2017 für Finance, HR und Operations zuständig ist. Der 45-jährige Düsseldorfer bringt mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung im internationalen Menswear-Einkauf mit, unter anderem bei ANSONS und zuletzt seit 2015 als Senior Buyer und Collection Manager bei Peek & Cloppenburg in Düsseldorf.














