„Instagram verändert die Welt dramatisch“

Brunello Cucinelli

Den Preis von rund 1.000 Euro pro Pullover rechtfertigen. Brunello Cucinelli ©Brunello Cucinelli

Autor: Markus Oess

Der Mann kennt nur die Sonnenseite des Lebens, mag man meinen. Brunello Cucinelli hat mit seinem gleichnamigen HAKA-Label ein florierendes Unternehmen aufgebaut. Und der Mann strahlt eine bemerkenswerte Lebensenergie aus, die die Menschen in seinem Umfeld mitträgt – der Unternehmenserfolg kommt nicht von ungefähr. Keine Frage, Cucinelli ist ein findiger Geschäftsmann. Aber er kennt auch das Leben von einer anderen Seite. Wie Cucinelli über Glück denkt und was das mit Hoffnung zu tun hat.

 FT: Herr Cucinelli, Ihr Unternehmen meldet nach vorläufigen Zahlen ein Umsatzplus von 10, 7 Prozent. Selbst in Italien hat das Label im vergangenen Jahr rund 7,3 Prozent mehr erlöst. Wie haben Sie jetzt die Pitti Uomo in Florenz erlebt?
Brunello Cucinelli:
„Ich bin der festen Überzeugung, wir haben hier in Italien die beste Fashion Week in Europa erlebt, wenn man noch die drei Tage in Mailand mitzählt. Wir nehmen Mode als überaus anregendes kulturelles Ereignis wahr, an dem Einkäufer, die Presse und die Modelabels gleichermaßen teilhaben. Da passen die Ergebnisse des eigenen Unternehmens gut ins Bild. Ich schaue zuversichtlich nach vorn.“

Ihr Unternehmen verzeichnet erneut spürbares Wachstum. Wie gehen Sie mit dem Begriff Krise um, der allenthalben die Runde macht, wenn über die weltpolitische Lage gesprochen wird?
„Wir leben in einer Welt, die sich rasant dreht. Nicht mehr das Internet selbst, sondern Instagram verändert die Welt dramatisch. Bilder sagen bekanntlich mehr als tausend Worte und sie sprechen die gleiche Sprache. Bilder werden überall auf der Welt verstanden. Wir brauchen uns vor der Zukunft nicht zu fürchten. Jedes Land verfügt über Ressourcen und besondere Fähigkeiten, um in der Weltgemeinschaft zu überleben. Bei den Deutschen ist es die Ingenieursleistung, bei den Italienern eben die Mode. Die Welt wächst immer enger zusammen und wir müssen lernen, die kulturelle Identität eines Landes zu respektieren. Entgegen der landläufigen Meinung haben wir einen anhaltenden globalen Wohlstandsgewinn und das Weltwirtschaftswachstum liegt bei 3 Prozent. Lesen Sie Steven Pinkers „Why Violence Has Declined“. Über vieles lässt sich sicher streiten, aber die Welt ist friedlicher, als sie es jemals war. Doch wir haben Angst vor der Zukunft und diese Angst versperrt uns den Zugang zur spirituellen Seite des Lebens.“

Bereitet Ihnen die Zukunft keine Sorgen, wenn Sie auf die Weltgemeinschaft und ihre Führer schauen?
„Wir leben heute in der besten Welt seit Menschengedenken. Wir haben Diktaturen und zwei Weltkriege überlebt. Die Zivilisation wird von politischen Systemen gesteuert und nicht von Individuen. Wir haben hier in Europa seit mehr als 50 Jahren Frieden und wie viele Regierungen haben wir kommen und gehen sehen. Ich war vor 27 Jahren das erste Mal in China. Damals haben die Menschen in unglaublicher Armut gelebt – und heute? Als ich noch ein Kind war in den 1950er-Jahren, hatten wir zu Hause noch nicht einmal Strom.“

Glücklich sein hat aber auch etwas mit Wohlstand zu tun und die Verteilung der Volkseinkommen ist in vielen Volkswirtschaften ziemlich ungerecht.
„Natürlich haben wir in der Welt viel Ungerechtigkeit, aber sie wird geringer und es ist ein anhaltender Prozess. Ich bin ein Mensch voller Hoffnung. Wir können ohne Hoffnung und Zuversicht nicht leben. Nehmen Sie Papst Franziskus, er gibt den Menschen Zuversicht und den Glauben, etwas ändern zu können. Das sind Vorbilder, die wir brauchen. Der zweite Grundpfeiler für den gesellschaftlichen Fortschritt ist Bildung. Friedrich II. hat die Schulpflicht eingeführt und damit seinem Land einen weit größeren Dienst erwiesen als so mancher Eroberer. Kultur ist die Keimzelle einer Nation.“

Doch wenn ich Hunger habe, denke ich zuerst ans Essen, oder?
„In den Zeiten, als wir ohne Strom leben mussten, besaßen wir Bücher, unter anderem Platons „Symposion“. Kultur gehört zum Leben wie Brot. Ich glaube an Ausgleich. Wer Profit erwirtschaftet, hat die Pflicht, wenigstens im gleichen Maße der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Wir sollten unseren Kindern eine bessere Welt hinterlassen, als wir vorgefunden haben.“

Hintergrund:

Zweistelliges Wachstum

Wieder sei man zweistellig gewachsen, freut sich der Firmenchef, und das auf hohem Niveau. Im vergangenen Jahr hat Brunello Cucinelli nach vorläufigen Zahlen ein Erlösplus von 10,1 Prozent auf rund 460 Millionen Euro eingefahren. Auch der Profit sei zweistellig gewachsen, heißt es weiter. Dabei hätten alle Regionen zu dem Wachstum beigetragen. Während für den krisengeplagten Heimatmarkt ein bemerkenswertes Umsatzplus von 7,3 Prozent auf 76,2 Millionen Euro herausgesprungen ist, liegt der Zuwachs für das restliche Europa bei immerhin noch 5,8 Prozent auf 136,4 Millionen Euro. Nordamerika schlägt mit plus 7,3 Prozent auf 156,6 Millionen Euro zu Buche. Greater China springt sogar um plus 21,8 Prozent auf 31,4 Millionen Euro Umsatz und im übrigen Ausland steigt der Erlös um 39,4 Prozent auf 44,4 Millionen Euro.

Alles in allem werden 122 Monobrand Stores betrieben. Nach Vertriebskanälen geordnet, rangiert der eigene Retail mit einem Zuwachs von 17,1 Prozent auf 226,3 Millionen Euro (49,6 Prozent des Gesamtumsatzes) weit vorn. Im Wholesale geht es bei den Monobrand Stores noch um 2, 4 Prozent auf 34,2 Millionen Euro und im Großhandel mit Multibrand Stores um 4,3 Prozent auf 195,5 Millionen Euro rauf. Vor allem in Asien kam die Marke gut an. Cucinelli geht davon aus, sein Unternehmen auch 2017 im Aufwind halten zu können.

Das Label propagiert einen „ready-to-wear lifestyle“ für Männer, die im Alltag und auf Reisen das Besondere suchen, und hebt nach eigenem Bekunden bei seiner Langfrist-Strategie auf eine Art humanistischen Kapitalismus ab. Endgültige Zahlen werden am 9. März bekannt gegeben.