GOTS noch?

Bio-Baumwolle aus Indien

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Autor: Markus Oess

Gentechnik in Öko-Mode

Indien ist der mit Abstand größte Lieferant von Bio-Baumwolle. Und das, obwohl im Land nur wenig mehr als 1 Prozent der Baumwolle aus dem Bio-Anbau kommt, denn seit der Zulassung im Jahr 2002 hat GVO-Baumwolle einen unbeschreiblichen Siegeszug angetreten: Mehr als 96 Prozent des gesamten Anbaus läuft über GVO-Saatgut (Gentechnisch veränderter Organismus). Die Gefahr der Kontamination steigt und es kommt zu Betrugsfällen. Schaut GOTS nur zu? Hersteller schlagen Alarm. Die Gretchenfrage: Wo in der Produktionskette muss getestet werden?

Wenn Bio draufsteht, muss Bio drin sein, oder? „In Indien wird es irgendwann weder GVO-freie Baumwolle noch sauberes Saatgut geben, denn manipulierte Gene gelangen über Pollenflug auch in nicht manipulierte Pflanzen derselben Art und damit in deren Saatgut. Vor allem Indien hat nun ein großes Problem. Jetzt wurden GVO-Verunreinigungen in GOTS-zertifiziertem Baumwollgarn aus Indien gefunden“, warnte die Öko-Weberei Gebr. Elmer & Zweifel, Bempflingen, in einer Pressemitteilung vor wenigen Tagen. Roland Stelzer ist Geschäftsführer der Öko-Weberei, die auch unter dem Namen cotonea selbst Textilien aus Bio-Baumwolle herstellt.

Er hat ein durchaus nachvollziehbares Interesse daran, dass Bio-Baumwolle sauber bleibt. „Reines Bio-Saatgut ist in Indien kaum mehr zu haben und selbst als GVO-frei deklariertes Saatgut ist oft kontaminiert. Indische Händler und Produzenten sind nicht aus Not korrupt. Mangelndes Unrechtsbewusstsein und Gewinnsucht spielen eine große Rolle. Wir haben es selbst erfahren: Weil Bio-Baumwolle bis zu 15 Prozent teurer ist, kaufen indische Händler lieber konventionelle und besorgen das Bio-Zertifikat dafür später.“

Das Schwellenland lieferte laut Cotton Market Report 2016 von Textile Exchange in der Saison 2014/15 rund 66,9 Prozent der gesamten Bio-Baumwolle weltweit. Erstaunlich, denn seit der Zulassung von GVO-Baumwolle (Monsanto) im Jahr 2002 ist deren Anteil auf mehr als 96 % angewachsen. Bio-Baumwolle hatte in der gleichen Saison nur einen Anteil von 1,1 Prozent am Gesamtvolumen, rechnet die Bremer Baumwollbörse vor. Etwas Baumwolle wird auch noch konventionell angebaut.

Auffällige Proben

Der Global Organic Textile Standard (GOTS) ist ein weltweit führender Standard für die Verarbeitung von Textilien aus biologisch erzeugten Naturfasern. Er definiert umwelttechnische Anforderungen entlang der gesamten textilen Produktionskette und gleichzeitig die einzuhaltenden Sozialkriterien. Die Qualitätssicherung erfolgt durch eine unabhängige Zertifizierung der gesamten Textillieferkette. Der Standard besteht aus den vier Mitgliedsorganisationen Internationaler Verband der Naturtextilwirtschaft (IVN), Deutschland, Soil Association (SA), England, Organic Trade Association (OTA), USA und der Japan Organic Cotton Association (JOCA), Japan. Im Jahr 2008 gründeten sie die Global Standard GmbH, inzwischen eine gemeinnützige Gesellschaft. Diese führt alle Tätigkeiten im Zusammenhang mit der Umsetzung des GOTS und der damit verbundenen Qualitätssicherung sowie des Lizenzierungssystems durch. Sie ist Eigentümerin des GOTS Labels.

Stelzer beruft sich bei seiner öffentlichen Anklage auf einen Beitrag des Schweizer Magazins Saldo, ein Pendant zum deutschen Öko-Test-Magazin, der Ross und Reiter nennt. Saldo-Autor Eric Breitinger hat vor Ort in Indien recherchiert und sechs GOTS-zertifizierte Bio-Garn-Proben aus dem Markt von der Impetus Bioscience in Bremerhaven auf GVO-Verunreinigungen testen lassen. Ergebnis: Drei Proben lagen unter einem Prozent, eine Probe hatte einen GVO-Anteil von 4,1 Prozent. Bei den restlichen Proben kann mit 77 Prozent und 83 Prozent GVO-Anteilen schon eher von Bio-Kontamination gesprochen werden. Breitinger will gegenüber FT auch Betrug nicht ausschließen. Welche Dimensionen das Ganze annehmen kann, zeigen die Stichproben. Kaum auszudenken, was passiert, wenn GOTS die Geschichte auf die Füße fällt, denn Bio heißt für die Verbraucher GVO-frei.

Handeln ist in dem Punkt also angesagt. So müsste konkret gegen die Tricksereien in Indien vorgegangen werden, kein Fall für den GOTS. Zum anderen muss auch das Garn auf GVO getestet werden, das ist dann schon eine GOTS-Sache. Ungewollte Verunreinigungen lassen sich nicht mehr verhindern. Das aber bedeutet auch, einen Grenzwert festzulegen, bei dem nicht gleich die Zertifizierung verloren geht, so wie es bei Lebens- und Futtermitteln gehandhabt wird. „Während er die Einhaltung aller anderen Bio-Kriterien streng kontrolliert, schreibt er keine GVO-Tests vor. Warum? Wie gesagt: Gute und belastbare Testverfahren sind aufwendig und teuer, sie deshalb nicht durchzuführen, ist fahrlässig“, wettert Stelzer. Sein Unternehmen lasse Saatgut und Baumwolle durch das Speziallabor Impetus Bioscience in Bremerhaven auf GVO-Rückstände testen, weil er Sicherheit wolle.

Der richtige Test

Das Problem ist, dass sich GVO im Endprodukt nicht mehr nachweisen lässt. Das muss weiter vorne am Anfang der Wertschöpfungskette passieren, weiß auch Stelzer: „Wichtig und möglich ist die Betrachtung von Rohgarn oder Rohgewebe. Dort kann man das Gen Screening sehr zuverlässig durchführen. Nach einem Nassprozess ist das Ergebnis uneindeutig. GOTS steht nun auf dem Standpunkt, dass es auch im Rohgarn nicht verlässlich ginge. Das bestreiten wir.“ Seit Jahren gebe es auf dem Markt wissenschaftlich verlässliche Messmethoden. „Auch wir nutzen diese Methoden und haben im Jahr 2015 aus dem Markt Stoffe testen lassen, die nachweislich zu 100 Prozent aus GVO-Baumwolle produziert wurden. Wir haben das natürlich sofort angemahnt, aber ohne Erfolg. GOTS stellt auf stur. Ich weiß nicht, warum. Wenn wir in diesem Punkt nicht endlich reagieren, wird es den GOTS in zehn Jahren nicht mehr geben, denn der Markt und die Kunden verlieren Vertrauen in die Ernsthaftigkeit der Arbeit des GOTS.“

Dr. Lothar Kruse, Geschäftsführer von Impetus Bioscience und promovierter Molekularbiologe, verweist ebenfalls auf die Futter- und Lebensmittelindustrie, wo GVO-Tests schon seit Jahren gang und gäbe seien. „Wir haben klare gesetzliche Regelungen und Verordnungen auch auf EU-Ebene. Ich kann nicht verstehen, warum die Textilindustrie hier hinterherhinkt. Wir sind ebenfalls schon seit Jahren in der Lage, über DNA-Analysen GVO-Spuren im Garn nachzuweisen. Diese Verfahren wenden auch viele andere Labore, unter anderem auch das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt in Freiburg, an. Dies setzt allerdings voraus, dass die Ware chemisch unbehandelt ist. Aber ich wüsste nicht, warum die Tests nicht bei der Rohware angesiedelt werden sollten. Zumal es auch Bleich- und Färbeverfahren gibt, die ohne Einsatz von industrieller Chemie auskommen. Sie können einfach Verunreinigungen (auf der Ebene von Saatgut, Ernte, nachfolgenden Verarbeitungsschritten) nicht mehr ausschließen. Dafür ist der Einsatz von GVO-Saatgut in dem Land einfach zu dominant.“ Dr. Kruse plädiert für einen Schwellenwert von um die 3 Prozent, denn dann „wären einige Probleme aus der Welt, weil ein Großteil der Baumwolle zertifiziert werden könnte, ohne dass wir es mit bewussten Manipulationen zu tun hätten. Fällen, die diesen Wert überschreiten, könnte dann gezielt begegnet werden. Wir testen nun schon ebenfalls seit Jahren auf Basis freiwilliger Aufträge Baumwolle aus Afrika und der Türkei, die bisher noch nie GVO-verunreinigt war“.

Nachweis mit DNA-Analytik

Mithilfe der Gentechnik lassen sich in Pflanzen bestimmte Eigenschaften einimpfen, zum Beispiel die Resistenz gegen Herbizide. Später auf dem Feld kann dann das Pflanzenschutzmittel ungebremst eingesetzt werden, um Unkräuter, die den Ertrag beeinträchtigen, gezielt zu vernichten. Allerdings wird über die Langzeitfolgen des Einsatzes von Gentechnik für Mensch und Natur immer noch heftig gestritten. Und während die Befürworter  höhere wirtschaftliche Gewinne für Bauern versprechen, warnen Gegner, dass sich Landwirte abhängig vom Saatgutlieferanten machen, da sich daraus kein neues Saatgut gewinnen lässt, sondern immer wieder neu gekauft werden muss. Überdies fürchten Kritiker, dass etwa durch Pollenflug oder in der Weiterverarbeitung Kontaminationen nicht zu verhindern sind und Auskreuzungen zur Verringerung der Artenvielfalt führen. Für Bio-Käufer sind GVO-Produkte ein absolutes No-Go. (Bild: pixabay)

Beim CVUA in Freiburg haben Hans-Ulrich Waiblinger und Dr. Norbert Martin neun Garnproben aus unbehandelter Rohbaumwolle anhand der DNA-Analytik untersucht und die Ergebnisse im Januar 2015 veröffentlicht. Demnach ist der Nachweis gentechnischer Veränderungen ist bei unverarbeitetem Baumwollgarn noch sehr gut möglich, da hier noch erhebliche Mengen der Erbsubstanz (DNA) von Baumwolle enthalten sind. Das Untersuchungsergebnis macht wenig Hoffnung: „In vier von neun Proben weitgehend unverarbeiteter Rohbaumwolle (Pflückbaumwolle), die als Bio-Baumwolle deklariert waren, hat das CVUA Freiburg gentechnisch veränderte (GV-)Baumwolle nachgewiesen. Alle Bio-Baumwoll-Proben mit nachweisbaren gentechnischen Veränderungen waren indischer Herkunft. In Bio-Baumwolle anderer Ursprungsländer (Türkei, Kirgisistan) war dagegen keine GV-Baumwolle nachweisbar.“ Die GVO-Baumwolle stammt aus Saatgut von Monsanto (MON 531, Handelsname Bollgard, sowie MON 15985, Bollgard II). Waiblinger sagt gegenüber FT auch, dass es umso schwieriger werde, GVO nachzuweisen, je weiter der Verarbeitungsprozess gediehen ist. Aber der Nachweis von GVO sei sogar bei zwei Öko-Jeans gelungen. Künftig wollten sich die Kollegen vom CVUA in Stuttgart des Themas annehmen. Im Bericht wurde auch darauf hingewiesen, dass die Problematik bereits im Jahr 2010 publik wurde, unter anderem berichtete der Stern. „Nach Laboruntersuchungen waren bei Bio-Baumwolle in den Jahren 2008 bis 2009 in circa 30 Prozent der Proben gentechnische Veränderungen nachweisbar.“

 

Keine eigenen Bio-Kriterien

Auf Anfrage von FT weist GOTS den Vorwurf der Untätigkeit entschieden zurück. Lina Pfeifer, Representative Germany, Austria, Switzerland, betont, der GOTS sei ein reiner Verarbeitungsstandard. Für die Bio-Rohfasern wie zum Beispiel Baumwolle oder Schurwolle gebe es gar keine eigenen Kriterien. „Sie werden nicht – wie oft irrtümlich angenommen – gemäß GOTS zertifiziert. Die Bio-Zertifizierung erfolgt auf Grundlage anerkannter internationaler oder nationaler Bio-Anbaustandards (beispielsweise EU-Bio-Verordnung Nr. 834/2007, USDA National Organic Program). GOTS schreibt bei Anbaustandards vor, dass diese zur IFOAM Family of Standards gehören und entsprechend durch das System von IFOAM Organics International anerkannt wurden. Diese Standards haben dann jeweils akkreditierte Zertifizierungsstellen.“

Kontaminationen gehörten auch beim GOTS ganz oben auf die Liste der Risiken. Daher sei ein umfangreiches, allgemeines Risikomanagement in der Organisation verankert. Die individuellen Risiken der Betriebe auf den einzelnen Verarbeitungsstufen für jeden zertifizierten Betrieb – von der Entkörnungsanlage bis zum Handel – würden von den unabhängigen Zertifizierern beim Audit bewertet und entsprechende Maßnahmen, wie zum Beispiel Rückstandsproben, ergriffen.

Die wichtigsten Risiken würden zudem (seit GOTS-Version 4.0 vom 1. März 2014) explizit im Standard beschrieben. Dazu gehöre neben den Pestiziden und der Kontamination durch gefährliche Substanzen auch GVO. Grundsätzlich nehme man die Sorgen in der Branche ernst. „Ohne gesicherte Kenntnisse liegt unser Schwerpunkt momentan darauf, dass GVO-Baumwolle gar nicht erst in die GOTS-Kette gelangt.“

Aus diesem Grund wird die Faser also noch vor der Verarbeitung getestet. Grundsätzlich darf keine GVO-Baumwolle in die Kette gelangen. Bei Baumwolle ist die Entkörnungsanlage die erste Stufe der GOTS-Zertifizierung. Es bestehen Inputverbote für alle gefährlichen Chemikalien der Greenpeace-Detox-Liste oder auch GVO-kontaminierten Fasern. Wird GVO-Rohbaumwolle gefunden, wird diese nicht für die Verarbeitung zugelassen. Zusätzlich werden dann Rückstandskontrollen verlangt, um zum Beispiel Kontaminationen aufzudecken.

Eigene Testreihe

„Das Problem ist, dass nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen der Nachweis von GMO bereits in der reinen Baumwollfaser (nach Entkörnung) problematisch ist, da sie nur aus Zellulose besteht mit – im besten Fall – fragmentierter DNA. Je weiter die Faser (zu Garn, Stoff oder Endprodukt) verarbeitet und damit die DNA weiter fragmentiert wird, desto unterschiedlicher und nicht reproduzierbar fallen Testergebnisse aus“, sagt Pfeifer.

Sie beruft sich auch auf eine eigene kleinere weltweit durchgeführte Testreihe im Jahr 2016 mit verschiedenen Laboratorien. Diese habe bei schon entkörnter Baumwolle voneinander stark abweichende Ergebnisse hervorgebracht. Also habe man beschlossen, eine wesentlich umfangreichere Studie durchführen zu lassen.

„GOTS hat dazu bereits ein Projekt formuliert und spricht gegenwärtig mit relevanten Stakeholdern über eine Finanzierung dafür. Die Labore arbeiten momentan nach unterschiedlichen eigenen, teils nicht öffentlichen Testmethoden. Es gibt bis heute kein offiziell anerkanntes Verfahren. Daher hat GOTS bereits einen Prozess zur Entwicklung einer EN/ISO-Norm für GMO-Tests bei Baumwolle angestoßen.“

Fragen bleiben

Neben der Debatte um die GVO-Tests stellt sich generell die Frage, weshalb der Zertifizierungsprozess auf die einzelnen Stufen der Wertschöpfungskette abhebt und über dieses Prinzip die Verantwortung auf die einzelnen Stufen delegiert wird. So kann jeder mit dem Finger auf die jeweilige Vorstufe zeigen. Was, wenn später umdeklariert wird oder bei der Verarbeitung starke Verunreinigungen aufkommen? „Unser Produktionsprozess ist komplex und wir können auch nur einen bestimmten Bereich in der Wertschöpfungskette selbst überprüfen“, sagt Henning Siedentopp, Geschäftsführer des Öko-Labels MELAWEAR, Lüneburg: „GOTS zertifiziert ja nicht vor Ort, sondern definiert die Standards. Die Tests selbst sind Sache der Erzeuger beziehungsweise Produzenten vor Ort und der von GOTS zertifizierten Auditoren. Für MELAWEAR kann ich sagen, dass wir über die Anforderungen von GOTS und FAIRTRADE hinausgehende Tests fahren. Die Unternehmen selbst stehen in der Pflicht, innerhalb ihres Verantwortungsbereiches genau zu prüfen, was wie passiert. Ich wünschte mir auch bei GVO-Verunreinigungen klare Vorgaben und Tests, auch wenn sie die Praxis vor einige Herausforderungen stellen dürften. Soweit ich weiß, ist ein Nachweis nur bei unbehandeltem Garn möglich. Auf dieser Stufe müsste angesetzt werden. Und ich wünsche mir bei positiven Ergebnissen auch ein entsprechend konsequentes Vorgehen. Ware, die über einen gewissen Grad mit GVO-Baumwolle verunreinigt ist, muss eben vom Markt genommen werden.“