Ansichtssache

Editorial

Markus Oess, ©FT

Marken können altern und sie können sterben – aus Altersschwäche. Einen solchen Befund hört gerade in der Mode kein Hersteller gern. Wie aber mit der Zeit gehen und den Markenkern, die Markenidentität bewahren? Eine Standardkur hilft da wenig. Eher schon ein individuell abgestimmtes Fitnessprogramm und natürlich der Wille, fortlaufend am Ball zu bleiben. Gute Marken entwickeln sich evolutionär, gerade dann, wenn Sie positiv gesprochen im ruhigeren Genre unterwegs sind. hajo und m.e.n.s. sind Beispiele, wie geräuschlos die Modernisierung vonstattengehen kann. Marken, die nicht mit Sexyness werben, aber erfolgreich am Markt agieren und damit für den Handel eher auf dem zweiten Blick anziehend sind, vorausgesetzt natürlich, der Händler ist auch bereit, genauer hinzusehen.

Auch die grünen Messen in Berlin haben mit der richtigen Wahrnehmung zu tun. Der Umzug in das Kraftwerk und die Einbindung der Konferenzen haben den Formaten gutgetan und für zusätzliche Frequenz gesorgt. Die konventionelle Mode bleibt natürlich der Motor, aber inzwischen hat der grüne Zug Fahrt aufgenommen. Die öko-faire Welt ist bunter und vielfältiger geworden. Und weil gerade junge Verbraucher bewusster konsumieren wollen, ist es auch für konventionelle Händler an der Zeit, öko-faire Mode intensiver zu betrachten. Es lohnt sich und der nächste Skandal kommt bestimmt. Man muss ja nicht gleich Vollgas geben.

Ein Blick über den großen Teich zeigt, wie Hip-Hop-Musiker und traditionelle High Fashion Brands in den letzten Jahren vermehrt zusammenarbeiten. Und sie tun das mit großem Erfolg. Rapper sind zu den einflussreichsten Markenbotschaftern geworden und das insbesondere für den Luxusmarkt. Eine Entwicklung, die genauso für den deutschen Markt durchaus vorstellbar ist, tatsächlich aber sind nur im Sport Ansätze zu sehen. Dabei kündigt sich in diesem Zusammenhang auch modisch ein Perspektivwechsel an. Der Hip-Hop disst den Hipster und Letzterer liegt auf der Intensivstation. Nur auf der Straße hat das noch niemand mitbekommen. Die Formen und Farben jedenfalls künden von einem modischen Stimmungswechsel und das ist nicht das Schlechteste, denn mit dem Wandel eröffnen sich auch weitere Chancen.

Die sieht auch Gerhard Albrecht für seine unitex und deren Anschlusshäuser. Auch die Neu-Ulmer Verbundgruppe will die elektronische Regalverlängerung einsetzen. Die Frequenz sinkt und die Leute, die dann tatsächlich den Weg in den Laden schaffen, sollen kaufen und nicht unverrichteter Dinge gehen, nur weil die Ware nicht im Laden ist. Ein weiterer Baustein, mit dem die unitex ihr kooperatives Geschäftsmodell ausbaut. Albrecht jedenfalls spürt, dass seine unitex im Markt positiver wahrgenommen wird und die Zahlen für das Jahr 2017 belegen das – durchaus zu Recht. Die kleineren und mittelständischen Händler erkennen, dass sie enger zusammenrücken müssen.

Auf ein langes und abwechslungsreiches Leben blickt auch unser ehemaliger Herausgeber und Freund, Dieter Scholz. Dieter feierte dieser Tage seinen achtzigsten Geburtstag. Wer ihn kennt, mags kaum glauben. Ich gratuliere von ganzem Herzen und dass er auch künftig immer den richtigen Blick für den Moment hat.

Ihr Markus Oess