Es muss Berlin sein

EDITORIAL

Markus Oess, Herausgeber ©FT
Autor: Markus Oess

Die Stimmung kann schnell kippen und plötzlich steht Modedeutschland wieder ohne zentralen Messestandort da, auf dem sich die gesamte Branche zum Auftakt der nächsten Orderrunde trifft. Gut möglich, dass uns das in Zukunft bevorsteht. Doch so weit sind wir noch nicht und so gilt Berlin heute als immer noch gesetzt. Keiner, so scheint es, hat den Gedanken, den Standort ernsthaft infrage zu stellen. Im Gegenteil – sowohl Aussteller als auch Besucher haben ein vitales und durchaus berechtigtes Interesse daran, Berlin als deutsche Fashionhauptstadt die Treue zu halten. Und das hat gute Gründe: Wohin sonst sollen die Hersteller einladen? Wie wollen die Messeveranstalter ihr Geld verdienen und wo sollen die Einkäufer so geballt Inspiration und einen marktgerechten Überblick ihrer Markenanbieter finden? Klingt alles recht einfach. Die Partylaune der frühen Jahre jedoch ist möglicherweise dennoch erst einmal vorüber. Ich will hier keine einzelne Messe herausgreifen. Sicher sind auch die Messeveranstalter Teil eines Problems (Ausstellerportfolio, Hallenaufteilung et cetera), aber sie sind genauso sicher nicht die alleinige Ursache. Im Gegenteil, es scheint, dass die großen Häuser ihre Teams verkleinern, die kleineren Häuser erst gar nicht mehr aufkreuzen, um Zeit und Kosten zu sparen. Aus meiner Sicht ein fundamentaler Fehler. Sicher, die Zeiten sind nicht einfach, aber wenn Händler das Einkaufen verlernen, verlernen sie zwangsläufig ihr Kerngeschäft. Und zu dem gehört es auch, die Händlernase tief in die Stimmung und das Grundrauschen des Marktes einzutauchen. Und wo ginge das besser als auf Messen?

L&T-Geschäftsführer Thomas Ganter beispielsweise will endlich wieder inspiriert werden und fordert dies auch zu Recht ein. Dabei sind aber nicht nur die Veranstalter gefragt, sondern auch die Hersteller selbst. Denn die Einkäufer kommen in die Hauptstadt, um wirklich frische Mode zu sehen und neue Marken zu entdecken und nicht, um von den Messen bespaßt zu werden. Mike Spoelder von der EK/servicegroup spricht vom „Angst-etwas-zu-verpassen-Faktor“. Und der muss konsequent von Saison zu Saison gesteigert werden. Ein Wunsch der Branche ist es zudem, dass die Messen noch näher zusammenrücken, um den Berlin-Besuch noch effizienter planen zu können. Welcher Einkäufer kommt schließlich zum Taxi- oder U-Bahn-Fahren in die Hauptstadt? Allerdings sind die Erfolgsaussichten, die Messen räumlich noch enger in der Hauptstadt zusammenzubringen, eher gering. Das liegt zum einen an den Formaten selbst und dann an den handelnden Personen, die ihre Eigenständigkeit nicht verlieren wollen. Vor allem aber wird es in Berlin kaum einen Veranstaltungsraum geben, der alle Formate verdauen kann. Enger zusammenrücken könnten die Messen dennoch. Das fängt bei einem noch besseren Shuttle-Service an, der wirklich alle Plätze verbindet, und endet beim Joint Ticketing noch lange nicht. Auch wäre ein größeres Engagement der Stadt wichtig. Die Auftritte vom damaligen Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) auf der Bread & Butter waren legendär, sie waren aber auch Sinnbild einer besseren Sichtbarkeit der Modemessen in der Stadt. Das schließt deren Förderung mit ein.

Berlin wird wegen seiner mangelnden Internationalität insbesondere im Mainstream kritisiert. Dies jedoch vor allem von den deutschen Herstellern, die in stattlicher Anzahl auch auf ausländischen Messen wie der Pitti in Florenz vertreten sind. Aber deswegen den wichtigen Heimatmarkt vernachlässigen? Mit wenigen Ausnahmen macht der deutsche Markt bei den meisten Herstellern immer noch einen ganz großen Anteil am Umsatz aus. Allerdings ist die Nachfrage auch vom Preis abhängig. Das sollten ebenso die Veranstalter nicht vergessen. Wenn die Stimmung in Berlin nicht die beste war, hat das viele Gründe und nicht nur einen. An den meisten Gründen lässt sich etwas ändern, sogar an einem der Hauptgründe: das maue Geschäft im Handel. Wenn die zurückliegenden Monate nicht gut waren und die Deutschen ihr Geld lieber für etwas anderes als für Mode ausgegeben haben, war das Angebot in den Läden möglicherweise nicht attraktiv genug. Wer jedoch an der Attraktivität seines Sortiments arbeiten will, kommt auch in Zukunft nicht um einen Messebesuch herum – und dabei sollte Berlin eine feste Größe im Kalender sein.