Chronik eines angekündigten Todes

Shopping Malls

Im Zangengriff des Zeitgeistes ©pixapay
Autor: Andreas Grüter

Der stetig wachsende Online-Handel auf der einen, die neue Lust an stationären Fachgeschäften in Innenstadtlage auf der anderen Seite – Einkaufszentren im Zangengriff des Zeitgeistes haben ein Problem. Und das nicht erst seit gestern. Ein Abgesang auf ein Konsumexperiment.

„Konsumtempel“, „Kathedralen des Konsums“, „Herzen der Konsumkultur“ – ging es um die Beschreibung von Malls und Einkaufszentren, wurde mit Superlativen und opulenten Begrifflichkeiten lange nicht gegeizt. Diese Zeiten sind jedoch vorbei. In den USA, dem Heimatland der Mall-Idee, verwandeln sich ehemals prosperierende XXL-Shoppingmeilen mit angeschlossenen Vergnügungsparks und Gastronomiezonen in atemberaubender Geschwindigkeit in vor sich hin gammelnde Schrottimmobilien. Und eine Trendwende ist nicht in Sicht. Bereits ein Drittel der Center hat seit ihrer Hochzeit Mitte der 1990er-Jahre die Tore für immer geschlossen und nach Meinung vieler Fachleute könnte jede vierte der derzeit noch rund 1.000 US-Malls in den kommenden fünf Jahren ein ähnliches Schicksal ereilen. Eine Entwicklung, die längst auch in Europa neue Realitäten schafft.

Man hätte es wissen können

Als der Mall-Boom 1996 mit der Eröffnung des CentrO Oberhausen Deutschland erreichte, zogen in den USA mit ersten leer stehenden Ladenlokalen bereits dunkle Wolken über dem einstigen Erfolgskonzept auf. Zudem wurden die Schneisen der Verwüstung, die die auf den sprichwörtlichen grünen Wiesen gebauten Center in den gewachsenen Einzelhandelsstrukturen der Innenstädte hinterließen, immer deutlicher. Ungeachtet der sich abzeichnenden Folgen setzten sowohl Politik und Städteplaner als auch Investoren auf weitere Einkaufszentren. Entscheidungen wurden getroffen, die sich jetzt bitter zu rächen scheinen. So prophezeite Thomas Krüger, Professor für Stadtplanung an der Hafen City Universität in Hamburg, Anfang 2018 in einem Interview mit dem Tagesspiegel vielen der aktuell 67 Berliner Shoppingmalls langfristig das Aus durch gegenseitige Kannibalisierung und neue Formen und Spielarten des Konsums. Und in anderen Städten und Ländern zeichnet sich ein durchaus ähnliches Bild ab.

Dog eat Dog

Die Großen töten die Kleinen, die Digitalen die Großen. Der stetig wachsende Trend zum Online-Shopping – das ibi research Institut an der Universität Regensburg geht für 2023 von einem Online-Marktanteil von bis zu 20 Prozent aus – ist für die Shoppingcenter mit ihrer Ausrichtung auf zumeist recht gesichtslose Chain Stores, deren Sortiment sich mit wenigen Klicks und ohne große Recherche auch im Internet finden und bestellen lässt, eine Katastrophe. Ob durch eine Neustrukturierung der Flächen und die weitere Ausdifferenzierung des Angebots das Sterben der Shopping-Giganten aufzuhalten ist, darf bezweifelt werden. Und so könnte neben amazon, zalando und Co gerade der inhabergeführte, spezialisierte Einzelhandel als der überraschende zweite Gewinner aus dem Niedergang der Malls hervorgehen und endlich seine so häufig vorausgesagte Renaissance erleben. Die Zeichen der Zeit stehen dafür zumindest nicht schlecht.