Lady Lamb – „Even In The Tremor“

Gehört – gekauft

„Zerbrechlich-zart und dann vor Wut und Wucht über alle Stränge schlagend" Lady Lamb ©Erica Peplin
Autor: Christoph Anders

Spür- und hörbar handgemacht, dennoch aus allen Nähten vor Fantasie strotzend und platzend, himmelhochjauchzend, berührend betrübt, natürlich-charmant und verstiegen-verspielt, zerbrechlich-zart und dann vor Wut und Wucht über alle Stränge schlagend – mit wachsendem Werk entzieht sich Aly Spaltro mehr und mehr jeglicher Art von Beschreibung oder gar Einordnung. Dank des sie behutsam begleitenden BB*ISLAND-Labels durften wir den Werdegang der eigensinnig extravaganten Singer-Songwriterin mit der berührend bewegenden Stimme von früher Stunde an begleiten und ihrer einzigartigen Eigenart beim Werden zuhören. Auch wenn sie ihren ganz eigenen kreativen Kopf auch bei ihrem 2019er-Album auf allen Ebenen durchsetzt, so stehen ihr diesmal mit dem Pianisten Benjamin Lazar Davis (Okkervil River) und dem Schlagzeuger Jeremy Gustin (David Byrne, Albert Hammond Jr.) zwei kongeniale Geister bereichernd zur Seite, ihre Visionen des uferlos-grenzfreien, roh-romantischen, filigran-feinsinnigen, perlend-prallen Fantasy Pop in rauschende Realität umzusetzen. Die betörende Stimm-Tänzerin, deren Melodien wortreich, traumgleich und seelenweich, frei und ungebunden durch die Intervalle wandeln, neigt selbst innerhalb ihrer raukantigen, fein konzipierten Song-Konstrukte zu Stimmungs- und Stil-Hakenschlägen, die mitunter den Atem nehmen, und dennoch sprühen all ihre wundersamen Weisen einen Liebreiz aus, der das Lauscherherz für jegliches akustische Abenteuer öffnet. Und so füllt Aly ihr Album mit schlichtem Lagerfeuer-Folk und vielstimmigem Gospel-Segen, packender Punk-Energie, alternativem Country Rock und berauschendem Balladen-Breitwand, flirrend schillerndem Lily-Allen-Pop, trommelnd-polterndem Bolero und prallbuntem Wave-Tastenwerk, verspieltem Orgelgewimmer und rau-rohen Garagen-Gitarren, gleißendem Glamrock und pulsierender Trip- und Hip-Hop-Rhythmik. Mit beeindruckend beweglichen Gesangslinien geleitet und verführt sie durch ihr kantig-charmantes Fantasie-Panoptikum zwischen PJ Harvey und T. Rex, zwischen Lisa Germano und Liz Phair, Marina und Lily Allen und schenkt uns ein endlos euphorisches Erlebnis von auch emotional epischen Ausmaßen. Schillernd-schäumendes Spiel mit unerschöpflichen Möglichkeiten. (cpa)

Obacht und aufgemerkt: Die gute Aly machte sich die Mühe, ihr neuestes Werk eigens und exklusiv für uns und Euch 26-fach zu signieren, sodass die ersten 25 CD-Käufer nur bei uns ihr ganz individuelles Lady-Lamb-Exemplar erhalten.
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John Paul White – „The Hurting Kind“

„Zwischen klassischem Country Rock, verführerisch natürlichem Country Folk und lebendigen Americana-Alternativen“ John Paul White ©Alysse Gafkjen/Courtesy of Sacks & Co.

Schmerzhaft war es, auch für uns, als nach nur zwei vollen Alben sich die kreativen Wege eines der mitreißendsten Paare des weiten Americana-Geschehens bürgerkriegsheftig auseinanderbewegten. Was blieb, so schien es, waren zwei Wurzelwerke von nahezu monumentaler Nachhaltigkeit. In 2019 aber haben sich die Wehmutswogen ein wenig geglättet und mit dem aktuellen Album-Alleingang von John Paul White im Ohr und Joy Williams’ großartigem, nahezu zeitgleich erscheinendem Solo-Wund- und Wunderwerk im Blick schleicht sich das Gefühl ein, dass man diesem Ende nicht die Leere des Nichts, sondern gleich den doppelten Gewinn verdankt, mag er auch noch so schmerzlich erkauft worden sein. Nicht nur, dass White bei bester, betörendster Stimme hier eine lückenfreie Kette von zehn unwiderstehlichen Ohrwürmern zwischen klassischem Country Rock, verführerisch natürlichem Country Folk und lebendigen Americana-Alternativen zu knüpfen versteht, ihm gelingt es, die Erinnerung an selige Civil-Wars-Tage mit Leidenschaft und Leben zu füllen und gleichzeitig seinen eigenen Wurzelweg festen Schrittes fortzuschreiten. Zwischen ohrenfreundlicher R.E.M.-Reminiszenz, silbrig strahlendem Byrds-Gitarrengleißen, seelenrührendem Roy-Orbison-Schmelz und beherzter Country-Folk-Ballade entfaltet sich eine Gene-Clark-werte Vision der Cosmic American Music, der die auch klanglich an den goldenen 1960er-Jahren ausgerichtete Aufnahme im Muscle Shoals Sound Studio hör- und spürbar guttut. Und wenn im lustvoll-lukullisch dargereichten Country-Klang-Luxuslager aus Back Porch Fiddle und schwelgendem Streichensemble, Mandoline, Dobro und Klavier sowie denkbar reichhaltiger Gitarrenpalette mit jeder Menge Twang, Steel und Slide die Sehnsucht nach der weiblichen Duett-Ergänzung gar zu drängend wird, so sorgen Lee Ann Womack, Lillie Mae und The Secret Sisters jede auf ihre Art für liebreizende Linderung und beseelt-harmonischen Frieden. Schmerzhaft schöne Erinnerungen an geliebte Duett-Tage, im Alleingang mit zehn unvergesslichen Weisen zu neuen, berückenden Gefühlsgipfeln getragen. (cpa)
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Weyes Blood – „Titanic Rising“

Glaubte man sich bereits bei den Vorläufern zum vierten Album von Natalie Mering endgültig im Harmoniehimmel angelangt, so belehren einen die zehn artifiziell ausschweifenden Song-Schmuckstücke des 2019er-Werks zart und zeitlos eines Besseren. Nicht, dass sich die traumgleich sanfte und dennoch volltönende Stimme, die sich auch gern in kunstvoll aufgehäufte Viellagigkeit hüllt, hier neu erfindet, sie krönt nur ihr bislang Geschaffenes mit einem gefühlstiefen Kunstwerk, das die Suche nach vergleichbaren Klangkostbarkeiten ins nahezu Vergebliche laufen lässt. Gebettet in von vielerlei Tastenfeinwerk zwischen klaren Klavierakkorden, barocken Procol-Harum-Kathedralen getragenen Keyboard-Teppichen und analogen Synthesizer-Schwebstoffen, schmeichelt und bohrt, streichelt und haucht sich der melancholisch weiche Mering-Gesang in Ohr, Herz und Seele, zusätzlich umgarnt von sanft weinenden Harrison-Gitarren, naturbelassenem Schlagwerk und süffig gereichtem Streicher-Schwelgen.

„Traumgleich sanfte und dennoch volltönende Stimme“ Weyes Blood ©Kathryn Vetter Miller

Die amerikanische Singer-Songwriterin errichtet sich mithilfe von vorwiegend vergangen geglaubten Schall-Schönheiten eine weit hallende Klangkirche der berauschend-beherzten Romantik, vereint blumig-reich produzierten 60s Pop und die harmonieverliebte, fast weihevolle Würde der frühen Bee Gees, ausschweifenden Frühsiebziger-Folk-Pop und barocke Grandezza, aber auch die köstliche Düsternis einer Lana Del Rey, die berührend betörende vokale Tiefenwirkung der schönsten Mimi-Parker-Momente aus dem reichen Low-Universum, die strahlende Klarheit einer Beth Nielsen Chapman und vor allem die getragene Anmut der frühen Czars-Alben. Die Nähe zu John Grants einstigen magischen Melancholie-Monumenten ist fast durchweg spür- und greifbar. In all dieser viellagig dargebotenen, kunstreich aufgeschichteten Gefühlsfülle ist es aber die einzigartig wehmütig-weiche, herzvoll berührende Stimme, die den rauschhaft-romantischen Genuss in einem zeitlos zarten Zauberreich gipfeln lässt. Bleibend betörende, final faszinierende Einheit von Liebreiz, Kunstfertigkeit und Gefühlstiefe, ein episches Songwerk, das nachhaltig die Sinne gefangen nimmt. (cpa)
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