Crisis? What Crisis?

Mutmacher

Mode ist Luxus – das gilt nicht nur fürs Tragen, sondern häufig auch fürs Machen. ©Danté

Autor: Andreas Grüter

Mode ist Luxus – das gilt nicht nur fürs Tragen, sondern häufig auch fürs Machen, wie wir im Rahmen der Recherchen zu unserer zweiteiligen Serie ‚Crisis? What Crisis?‘ zum Thema Mode in Krisenländern feststellen mussten. Mit welchen Problemen hat ein ukrainisches Fashionlabel beim Vertrieb zu kämpfen, welche Wege beschreiten griechische Modemacher beim Marketing, wie funktioniert Independent-Fashionbusiness auf Kuba und was bedeutet es, im streng abgeschotteten Iran ein Brand zu gründen? Antworten auf diese und weitere Fragen haben uns unsere Interviewpartner gegeben.

Dánte

Antonis Papastavrou ©Danté

Hohe Arbeitslosigkeit, niedrige Löhne bei hohen Lebenshaltungskosten, steigende Kinderarmut und ein radikal zusammengestrichenes Sozialsystem – die Auswirkungen der 2010 ausgebrochenen Staatsschuldenkrise hat die griechische Bevölkerung nach wie vor fest im Griff. Wir sprachen mit Antriana Paraskevopoulou, Co-Gründerin des Athener Menswearlabels Dánte darüber, was es heißt, inmitten wirtschaftlicher Unwägbarkeiten ein Unternehmen zu starten.

FT: Hallo Antriana, ein paar Worte zu eurem Background: Ihr kommt ursprünglich nicht aus der Modeindustrie. Was habt ihr vor der Gründung von Dánte gemacht?
Antriana: „Dánte wurde von meinem Mann Antonis Papastavrou und mir gegründet. Antonis, unser Creative Director, arbeitete zuvor als Architekt und ich bin ursprünglich Journalistin und jetzt als Brand Managerin tätig. Rückblickend war unsere Hochzeit wohl der erste Schritt ins Unternehmertum. Anstatt unsere Ersparnisse für einen Honeymoon in irgendeinem exotischen Land auszugeben, haben wir alles in den Aufbau des Brands gesteckt. Wir dachten, dass Geld, das wir für solch ein wunderbares Ereignis gespart haben, einfach kein Unglück bringen kann. Dánte ist also irgendwie auch unser erstes Kind.“

Ihr habt das Label mitten in der griechischen Finanzkrise an den Markt gebracht. War das nicht wahnsinnig riskant?
„Als wir uns dazu entschieden, ein Label zu gründen, war die Wirtschaftskrise gerade auf ihrem Höhepunkt. Ursprünglich wollten wir schon 2015 loslegen, aber die internationale Finanzkontrolle zwang uns, den Start um sechs Monate zu verschieben. Der Launch von Dánte fand dann erst am 13. Januar 2016 statt. Natürlich war das Risiko groß. Die finanzielle und soziale Situation in unserer Heimat gab uns wenig Anlass, auf einen positiven Ausgang unseres Unternehmensstart zu hoffen. Es hört sich wahrscheinlich wie ein Klischee an, aber es war der Glaube an unseren Traum, der uns damals die Kraft gab, unsere Idee zu realisieren und der uns bis heute antreibt.“

Inwieweit beeinflusst die Krise euer Design und generell eure Arbeit?
„Gestalterisch hat die Krise keinen Einfluss auf unsere Arbeit. Es ist immer das jeweilige Kollektionsthema, das das Design vorgibt. Auch bei der Wahl der Materialien machen wir keine Kompromisse und stellen die Ästhetik im Zweifelsfall über den Preis. Das ist natürlich ein schwieriger Weg in einem Land, das eine finanziell instabile Phase durchlebt und dir keinen echten Zugang zum Weltmarkt eröffnen kann. Vor allem in der Anfangszeit war das für uns sehr hart.“

Geld, das für einen Honeymoon gespart wurde, kann kein Unglück bringen. ©Danté

Wie hat sich Dánte in den vergangenen drei Jahren entwickelt? Verkauft ihr ausschließlich in Griechenland oder habt ihr auch Kunden in anderen Ländern?
„Als wir gestartet sind, lag unser Fokus klar auf dem griechischen Markt. Da Griechenland aber zu einem großen Teil vom Tourismus lebt, dachten wir uns, es sei eine gute Idee, unsere Points of Sale an Orten mit High-End-Tourismus wie Mykonos, Santorini und Plaka in Athen zu installieren. Eine Strategie, die ganz gut aufgegangen ist. Das Label hat sich mittlerweile international herumgesprochen und heute bedienen wir über unseren Online-Shop täglich Dánters – so nennen wir Männer, die unseren Style lieben und tragen – auf der ganzen Welt.“

Mode machen in Griechenland – was sind die Vor- und was die Nachteile?
„Ich glaube, in jedem Land gibt es Vor- und Nachteile, aber wenn man an einem der schönsten Orte der Welt lebt, versucht man, die Nachteile einfach in Vorteile zu verwandeln.“

www.dantemen.com

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Sofia Rousinovich ©Roussin

Roussin

Seit 2014 ist der bewaffnete Konflikt zwischen regulären russischen und ukrainischen Truppen sowie Freiwilligenmilizen Teil der ukrainischen Realität. Vor allem im ostukrainischen Grenzgebiet führen die Kampfhandlungen zu tiefen Rissen in der Gesellschaft, die nicht nur durch Ortschaften, sondern mitunter auch durch Familien gehen. Welche Auswirkungen Krieg und Krise auf ihre Arbeit haben, erzählt die Kiewer Designerin und Labelbetreiberin Sofia Rousinovich.

FT: Hallo Sofia. Du hast bereits vor der Gründung von Roussin in der Mode gearbeitet. Wie kamst du auf die Idee, dein eigenes Label zu starten?
Sofia: „Stimmt. Ich war Kostümdesignerin beim Film und habe nebenbei auch noch ein Mini-Atelier betrieben. Das war mir aber irgendwann einfach zu wenig. Ich wollte etwas Besonderes erschaffen, etwas von Wert für die Gesellschaft. Also habe ich im August 2014 Roussin gegründet und in den kommenden Wochen feiern wir tatsächlich den fünften Geburtstag des Labels. Unser Motto lautet übrigens ‚Above Possibilities‘ – wenn man mit Lust und Leidenschaft an Dinge herangeht, kann man viel mehr schaffen, als man denkt. ‚Unmöglich‘ gibt es eigentlich nicht.“

Du hast Roussin in den Zeiten von Euromaidan, Krim-Krise und massiven Konflikten an der östlichen Grenze der Ukraine gegründet. Wie schwierig war es damals, ein Modelabel zu starten? Die Menschen hatten doch sicherlich ganz andere Sorgen, als sich um Fashion zu kümmern.
„Ich denke, jede Krise hat ihre positiven und ihre negativen Seiten. In unserem Fall ist die Gründung des Labels in eine Zeit gefallen, in der die Bevölkerung sich gerade wegen der ganzen Unsicherheiten von außen sehr auf alles Ukrainische besonnen hat. Produkte aus der Ukraine lagen voll im Trend, was uns natürlich immens geholfen hat. In dieser Zeit ist die ukrainische Modeindustrie massiv gewachsen. Es gab wahnsinnig viele Leute, die ihre eigenen Brands gegründet haben. Laut Kuku Buro, einer Kiewer Beratungsagentur für die Kreativwirtschaft, gab es Ende 2016 etwa 3.000 ukrainische Modelabels. Seitdem ist das Interesse der Kunden an Fashion made in Ukraine leider stetig gesunken. Das liegt zum einen an der teilweise schlechten Qualität der Ware und den im Vergleich zu chinesischen Produkten höheren Preisen und zum anderen an der wirtschaftlichen Stagnation des Landes. Nach aktuellen Zahlen sind heute nur noch geschätzte 1.000 Label aktiv – darunter auch Roussin.“

„Above Possibilities“ ©Roussin

Welche Auswirkungen hat der nach wie vor schwelende Konflikt auf deine Arbeit? Mit welchen Problemen hast du zu kämpfen?
„Wir haben aktuell vier große Probleme. Erstens fehlt es in der Ukraine an innovativen Materialien und Stoffqualitäten. Wir müssen alles aus China oder Europa importieren. Das zweite Problem schließt direkt daran an. Die importierten Stoffe sind sehr teuer, was dazu führt, dass unsere Ware kaum wettbewerbsfähig ist. Hinzu kommt die schlechte Wirtschaftslage und die damit einhergehende geringe Kaufkraft. Ein großes Problem ist darüber hinaus die Abwanderung von Fachkräften, die nicht in einer Dauerkrise leben wollen und ihr Glück in anderen Ländern suchen.“

Wie hat sich Roussin in den Jahren seit der Gründung entwickelt?
„Wie ich bereits sagte, waren die vergangenen fünf Jahre keine guten für die ukrainische Modeindustrie. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf. Nach jeder Krise folgt ein Aufschwung. Wie sich Roussin entwickelt hat? Wir produzieren kreative Produkte an der Grenze zwischen Fashion und Sportswear und bewegen uns dabei in einer relativ kleinen Nische. Roussin hat 2016 beispielsweise als erstes ukrainisches Fashionlabel Styles mit reflektierenden Elementen auf den Markt gebracht und damit einen Trend vorweggenommen, der heute vor allem bei Millennials beliebt und überall auf den Straßen der Ukraine zu sehen ist. Die Reflektoren sind dabei längst Teil der Label-DNA geworden. Nachhaltigkeit ist ein weiterer Faktor, mit dem wir uns intensiv auseinandersetzen. In unseren Kollektionen findest du jede Menge Taschen und sogar Schuhe, die aus recyceltem Plastik hergestellt wurden.“

Messen und Fashion-Shows in Weißrussland, Polen, Jordanien, Spanien und Kanada ©Roussin

Verkauft ihr ausschließlich in der Ukraine?
„Anfangs haben wir uns ganz auf den ukrainischen Markt konzentriert. Mit einem festen Standbein ist es einfach leichter auch international voranzukommen. Mittlerweile arbeiten wir verstärkt, wenn auch in kleinen Schritten, global. Wir haben an Messen und Fashion-Shows in Weißrussland, Polen, Jordanien, Spanien und Kanada teilgenommen und zeigen unsere Kollektionen in jeder Saison auf der Ukrainian Fashion Week, auf der auch viel internationales Publikum vertreten ist. Zudem haben wir Handelspartner in Aserbaidschan und bekommen regelmäßig Bestellungen von Kunden aus unter anderem den USA, Japan, Spanien, Deutschland, Russland, Kuwait und Ungarn.“

Du hast ja schon viele Nachteile erwähnt, denen sich die ukrainischen Modemacher stellen müssen. Gibt es auch Vorteile?
„Ein großer Vorteil ist auf jeden Fall, dass der ukrainische Markt noch sehr neu ist und man sich schnell einen Namen machen kann. Schlecht hingegen, dass es so wenige Kunden gibt. Geschäfte zwischen Labels und Shops laufen deshalb in der Regel auf Kommissionsbasis, was längerfristige finanzielle Planungen nicht gerade erleichtert.“

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