Frida Annevik – Andre Sanger

Gehört – gekauft

Zumeist zart angerichtete Arrangements zwischen akustischem Folk, verspieltem Americana, feinfühliger Elektronik ©Av Anne Valeur

Autor: Christoph Anders

Mit einem Erscheinungsdatum im ausklingenden Jahr 2019, einem Katalogauftauchen in 2020 und kompletten zwei Wochen der nahezu ununterbrochenen akustischen Überzeugungsarbeit im zeitlichen Niemandsland zwischen den Jahren schickt sich dies so unspektakulär daherkommende, auf Dauerhören umso hartnäckigere, vor allem aber unendlich schöne Sangeswerk an, gleich zwei der persönlichen Charts-Spitzen zu erklimmen. Nur selten hörte ich ein derart gelungenes Aneignen bestgewählten Fremd-Song-Guts von einer mir völlig ungeläufigen Artistin und wieder einmal zeigt es sich, welch unbezahlbare Aufklärungsarbeit solche unabhängigen Labels wie Galileo oder … (hier das Lieblingslabel eurer Wahl eintragen) leisten, indem sie uns höchst erfreulich entdeckenswertes Liedwerk näherbringen, welches anderenfalls von uns auf ewig unentdeckt und unerhört bleiben würde. Die skandinavische Sängerin und Liedautorin hat sich für ihr 2019er-Album nicht nur höchst empfindsam zehn Fremdweisen von solch auf den ersten Lese-Eindruck zum Teil unvereinbar scheinenden Schall-Schöpferinnen wie Joni Mitchell, Björk, Janis Ian, Alicia Keys und Spice Girls auserwählt, ihr gelingt es auch, diese in zumeist zart angerichteten Arrangements zwischen akustischem Folk, verspieltem Americana, feinfühliger Elektronik, verlockender Tanzeinladung, getragener Klavier-Ballade und barock-getragener Sakral-Psychedelic sich derart zu eigen zu machen, dass man auch die bekannteren der ausgesuchten Lieder hier völlig neu in ungeahnter Samt-Tiefe erleben darf. Dabei hilft Frida nicht nur ihre ungemein eindringliche, sanft-betörende Stimme in der zart-zaubrischen Mitte zwischen Maria Mena und Judie Tzuke, unser Herz auf ewig zu fesseln, es ist auch die für unsere Ohren faszinierende Wirkung der norwegischen Sprache, die allen Weisen eine ganz eigene, neue, verwirrend-verzaubernde Intensität schenkt. Manch gewohnt erscheinende Melodie erlebt hier ihre elektrisierend emotionstiefe Wiedergeburt, und wenn allein von einer Orgel in ein flirrend psychedelisch-sakrales Licht getauchtes Both Sides Now als „En og annen“ das unvorbereitete Ohr trifft, so erlebt man die unsterbliche Melodie wie zum ersten Mal, in einer Schönheit, die definitiv nicht mehr irdisch ist. Und sollte ich dereinst schäbig verscharrt werden – spielt mir nur dies eine Stück, und das Paradies ist mein!

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Postcards – The Good Soldier

Nahezu völlig losgelöst von den musikalischen Wurzeln ihrer libanesischen Heimat erkunden Julia Sabra, Pascal Semerdjian und Marwahn Tohme die endlosen stilistischen Weiten der europäischen und amerikanischen Welt, während die englischen Texte vom ganz normalen, individuellen Alltag in Beirut berichten, dargereicht von der unendlich weichen, mal mädchenhaft klaren, mal geheimnisträchtig gehauchten Stimme der bezaubernden Vokal-Protagonistin. Aber bei aller betörenden Energie der engelsgleichen Gesangspassagen üben die ebenso kunst- wie gefühlvoll gespielten, beeindruckend variantenreich dargereichten Instrumental-Elemente eine nicht minder mitreißende Macht aus, verleihen sie doch den mal zweiminütig auf den Punkt gelebten Kleinodien, mal sich über fünf und mehr Minuten entwickelnden Epen ihre beeindruckend  farbenreiche Vielgestalt, die dem beherzten Lauscher auch nach dem zehnten Hören noch Überraschungen schenkt. Fallen beim ersten zarten Zusammentreffen die zwischen vehement verzerrter Härte und trockenem The-Cure-Twang überraschend vielseitig agierende Gitarre, das verspielt variable Schlagwerk und die warmherzig-weiche Wirkung der auch mehrlagig gereichten Vokal-Wolken ins Ohr, so sorgen nach und nach gekonnt gesetzte Sound-Effekte, behendes Bassspiel und abwechslungsreiche Tastenkunst für Emotionen entfaltenden Klangreichtum, der die anfänglich geglaubten, unnötig einengenden Stil-Schubladen aufbrechen lässt, um zum Herzenslust-Bad in den Elementen zu laden.

… beindruckend  farbenreiche Vielgestalt.Postcards ©Rachel Tabet

Mal nur kurz angedeutet, mal lust- und liebevoll ausgelebt, mal auf den prägnanten Punkt gespielt, mal in aller möglichen Farbigkeit ausgemalt, erlebt man nacheinander und gleichzeitig musikalische Schön- und Eigenheiten der vergangenen vier Jahrzehnte der mystisch-dunkleren Seiten westlicher Pop- und Rockmusik, wobei weder vor betörendem Wohlklang, artifiziellem Ausufern noch vor brachial-bösen Saiten-Attacken haltgemacht wird. Egal, ob durch jahrelanges intensives Musikhören geschult oder aus eigener Erfahrung geboren, wecken die drei Klangzauberer ebenso Erinnerungen an die gotischen Glanzzeiten düsterer Wave-Wunderwelten, samt-sanfte Dream-Pop-Schwebstoffe und introvertiert-exaltiertes Schuhe-Schauen wie an kernig-kantige Krautrock-Epen, neoprogressive Constellation-Klangwogen, Soundwälle von mitreißender Muse-Macht oder hypnotische Klangteppiche Pink Floyd’scher Ausmaße. Unterkühlt-tanzbare Blondie-Ästhetik existiert gleichberechtigt neben Godspeed-You-gewaltigen Gitarren-Gipfeln, wehmütig verhallender Cowboy-Junkies-Desert-Country neben berührendem Slowdive-Charme, betörend leichtfüßiger Cardigans-Liebreiz neben schwermütig zerbrechlicher Czars-Zartheit.

Weit unter der Oberfläche dieses berauschenden Klang-Ozeans, dort, wo im zaubrischen Zwielicht zwischen alles durchdringenden, Licht schaffenden Sonnenstrahlen und den dunkel tönenden Rätseln der unendlichen Seelentiefe die farbenreiche Postcards-Fantasie lebt, wächst und immer neue Wellen erzeugt, gilt es, eine Vielfalt zu entdecken, die mit noch so vielen schmalen Worten nicht umrissen werden kann. Die Postcards lassen uns eine Welt bekannt geglaubter Elemente neu entdecken und erleben, laden uns liebreizend-leidenschaftlich zum Eintauchen in ein Meer der Emotionen, wo das Entkommen keine Rolle mehr spielt und nur noch das Bleiben zählt.

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My Baby – Live!

Mit ihrem 2020er-Studioalbum gönnt sich (und uns) das niederländisch-neuseeländische Trio um das auf mehreren Ebenen nachhaltig prägende Geschwisterpaar Cato und Joost Van Dijck den Luxus, die besten/liebsten/gelungensten Bandstücke noch einmal live einzuspielen, dabei ans Herz gewachsene Songs mit Wucht, Lust und Kraft des an zahllosen Konzerten geschliffenen Spiels im Studiorahmen unter Bühnenbedingungen – aber ohne Publikum –  neu zu beleben. Manches einst im LP-Kontext steril wirkende Stück erlebt durch die deftig-direkten, aus einem Guss gearbeiteten Fassungen eine faszinierende Wiedergeburt, gelingt es den drei doch trefflich, den treibenden Energiefluss der Live-Darbietung auch unter Studiobedingungen zu erzeugen. Getragen und getrieben vom peitschenden Schlag- und Pumpwerk, umgarnt von farbreichen, fein verzahnten Perkussionsspielereien, beschleunigt und befeuert von gleißend-gleitenden Gitarrenläufen und saftig-deftig verzerrten Slide-Attacken und bereichert um allerhand zum Tanz zwingende Zutaten aus der Dub-, Dance-, Echo- und Hall-Kiste, nutzt Cato als auch vokal fesselnder Fokus des erdverbunden-elektrifizierten Dreigestirns die Chance, ihren durch Jahre der Bühnenerfahrung gereiften Gesang in beschwörend bewegliche Melodielinien zu legen und dabei neue Höhen, Tiefen und Freiheiten zu erkunden.

Die besten, liebsten, gelungensten Bandstücke noch einmal live einspielen My Baby ©Sanja

Um sie herum kocht und fiebert der genial groovende Gumbo aus Blues und Funk, Swamp und Dance, Dub und Rock, Hip-Hop und Roots Rock, dass es eine einzige elektrisierende Freude ist, und so manches gewohnt geglaubte Studio-Stück wird auf eine erfrischende, ansteckende, mitreißende Ebene gehoben. Inklusive unter anderem Seeing Red, Love Dance, Mad Mountain Thyme, Cosmic Radio, Mounaiki, Uprising, Sunflower Sutra und Make A Hundred. (cpa)

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