Umfassende Nachhaltigkeit?

Kommentar

Autorin: Katja Vaders

Unsere globalisierte Welt ächzt schon vor lauter Anstrengung: verheerende Waldbrände, über 20 Grad am Südpol, Stürme und Überschwemmungen, riesige Plastikteppiche im Meer … Ein nachhaltiger Lifestyle ist für uns alle unabdingbar und vor allem für viele junge Menschen vom Trend zur Haltung geworden. Das Thema Nachhaltigkeit wird auch in der Modebranche zum stetig wichtigeren Faktor und gerade im hochpreisigen Luxussegment von immer mehr Konsumenten eingefordert. Laut einer Befragung des Umweltbundesamtes vom letzten Jahr halten zwei Drittel der Befragten Umwelt- und Klimaschutz für grundlegend; immer mehr Verbraucher gehen davon aus, dass eine nachhaltige Entwicklung mehr Gesundheit mit sich bringt und daher auch die Lebensqualität verbessert.

Insbesondere für Marken und Hersteller im Premium- und Luxussegment sollte es doch ein Leichtes sein, ihren Kundinnen und Kunden ein Rundum-Nachhaltigkeitspaket zu gewährleisten. Darin enthalten sein sollten neben einer guten Qualität eine nachvollziehbare Herkunft und Produktionskette sowie vor allem eine Tragbarkeit, die über ein oder zwei Saisons hinausgeht. Dem ein oder anderen Teil einer Luxusbrand gelingt es schließlich immer wieder, zum heiß begehrten Klassiker und Statussymbol zu avancieren. In diesem Sinne propagiert auch die Modedesignerin und Nachhaltigkeitsaktivistin Vivienne Westwood: „Buy less, choose well, make it last – because we don’t need so much.“ Viel brauchen wir vielleicht nicht, aber selbst diejenigen unter uns, die ausschließlich die umweltverträglichsten Luxusteile kaufen, werden sich irgendwann an ihren Kleidungsstücken sattgesehen haben.

Wer seinen exklusiven Luxusteilen ein neues Leben ermöglichen und gleichzeitig Platz für Neues schaffen möchte, für den etabliert sich derzeit ein immer größerer Online-Markt für Secondhand-Designermode. Zudem hilft Vintage-Fashion dabei, weniger zu produzieren, und bietet die Chance, luxuriöse Einzelteile zu einem verhältnismäßig günstigen Preis zu erwerben. Die Verkaufsplattformen heißen BUDDY&SELLY, VITE ENVOGUE oder REBELLE und fungieren entweder als reiner Ankäufer und Vermittler oder als Online-Shop für Designteile. Das Geschäft läuft gut, auch, weil das Luxussegment immer wieder konjunkturelle Schwankungen übersteht. Die neuen Secondhand-Anbieter gewährleisten ihren Kunden sogar ein Retourenrecht und erschließen sich nicht zuletzt damit eine wachsende Käuferschaft, die sich vermehrt auch aus jungen Kundinnen und Kunden generiert, die für die exklusive Ware bereit sind, eine Zeit zu sparen.

Eigentlich könnte man jetzt begeistert sein, zeigt diese Entwicklung doch eine zumindest partielle Abkehr von der Fast Fashion hin zu einer Wiederverwertung nachhaltiger Premiumware. Wäre da nicht der Online-Handel, der leider alles andere als nachhaltig ist – vor allem, wenn es die Möglichkeit der kostenlosen Retoure gibt. Die Secondhand-Plattformen werden zudem in Konkurrenz mit dem stationären Handel treten. Schon jetzt gleichen sich die Innenstädte und sind von großen Ketten anstatt von individuellen Einzelhändlern geprägt. Zu dieser aussterbenden Spezies gehören auch die kleinen, feinen Vintage-Boutiquen im Premium- und Luxusbereich, die ein unnachahmliches Einkaufserlebnis für ihre Kundinnen und Kunden bereithalten. Zu stöbern, auf Schatzsuche zu sein, vielleicht etwas zu finden, nach dem man gar nicht gesucht hat, ein nettes Beratungsgespräch mit einer Verkäuferin zu führen – das ist unersetzlich. Schließlich gehört zu einem nachhaltigen Lebensstil auch ein funktionierender und inhabergeführter, stationärer Handel mit einem individuellen Angebot. In diesem Sinne: Support your local dealer, bevor es ihn bald vielleicht nicht mehr gibt.