Zwang zur Vernunft

Markus Oess, Chefredakteur FT

Donald Trump kann es nicht lassen. Wieder verhält sich der US-Präsident auch angesichts der Corona-Pandemie inkompetent, verlogen, rassistisch und nationalistisch. Dass er in seiner autosuggestiv gesteuerten Selbstüberhöhung meint, deutsche Pharmafirmen mit Geld zuschütten zu können, um sich so exklusiv für die USA einen Corona-Impfstoff zu sichern, ist an Dreistigkeit und Fehleinschätzung der eigenen Wichtigkeit nicht zu überbieten. Dass plötzlich die Arbeit einer Firma, die vom bösen Rivalen auf dem alten Kontinent, so begehrlich scheint, hat schon eine gewisse Ironie. Macht doch Trump in seiner Welt das liberale Europa für die Ausbreitung des Coronavirus im eigenen Land mindestens mitverantwortlich.

Die globalisierte Welt ist  sehr schnell an ihre Grenzen gekommen und die Prognosen der bevorstehenden Wochen und Monate sind düster, sehr düster. Wer hätte noch vor wenigen Wochen gedacht, dass ein Virus die Welt einfach aus den Angeln hebt? Täglich überstürzen sich die Ereignisse, werden die Gegenmaßnahmen der Regierungen weltweit immer drastischer, um die Verbreitung des Virus nicht einmal mehr zu stoppen, das ist offenbar schon nicht mehr möglich, aber so zu verlangsamen, dass die Gesundheitssysteme mit den Schwerstkranken nicht überlastet werden. Es klingt paradox, aber jeder Tag, an dem die Ausbreitung des Virus verlangsamt wird, hilft, es zu bekämpfen. Da jede Meldung im Zusammenhang mit der Coronakrise binnen kürzester Zeit veraltet ist, sich die Lage wieder anders darstellt, verzichten wir auf eine Berichterstattung in der Monatsausgabe. Es macht schlicht keinen Sinn, zumal die Krise in den aktuellen Medien sowieso schon im Minutentakt behandelt wird und damit omnipräsent ist.

Längst ist klar, dass die globalisierte Welt nicht nur Vorteile hat, dass nicht alles und jedes zum billigsten Preis irgendwo in der letzten Ecke der Erdkugel produziert werden muss. Und der berühmte Sack Reis in China ist eben doch von dramatischem Belang. Und damit meine ich nicht nur die Tatsache, dass Medikamente wie Antibiotika weltweit nur von ein, zwei Firmen in großen Mengen hergestellt werden. Eine Abhängigkeit, die sich jetzt rächt. Die wichtigste Erkenntnis aber ist, dass wir nur dann Corona und die Zeit danach bewältigen können, wenn wir alle gemeinsam dagegen kämpfen – Staaten, Firmen und die Menschen. Jeder mit dem, was er zu leisten imstande ist. Der Zwang zur Vernunft ist spürbar! In der Gesellschaft, auch in der Politik und in der Wirtschaft macht sich zum Glück die Einsicht erkennbar breit, auch danach zu handeln. Das ist gut so und sollte uns ein Stück weit optimistisch stimmen, die Krise zu bewältigen.

Leider drängt die Coronakrise aber auch die anderen Katastrophen in der Welt, Krieg und Hungersnöte in den Hintergrund. Wir werden sehen, ob nach Corona zumindest eine Weile das Prinzip der Solidarität in der Welt wieder etwas größer geschrieben wird. Wir hängen alle in der Welt voneinander ab. Kein Mensch, keine Institution und kein Land, auch nicht das vorgeblich mächtigste der Welt, sollte sich der Illusion hingeben, rücksichtslos die eigenen Interessen schadlos durchsetzen zu können. Auch wenn der US-Präsident beileibe nicht der Einzige seiner Art ist: Geld stinkt eben doch, Herr Trump!

Kommen Sie gut durch diese bewegte Zeiten!

Ihr

Markus Oess