Maria McKee – La Vita Nuova

GEHÖRT – GEKAUFT

Fürstin der beeindruckend beweglichen Melodien. Maria McKee ©bandcamp

Autor: Christoph Anders

Mehr als zehn Jahre ist es her, dass ich ein neues Studioalbum der schon früh als Lone-Justice-Stimme beeindruckenden Sängerin und Songschöpferin in den Händen halten durfte, aber schon bei der haptischen Begrüßung des 2020er-Werks sieht und spürt man, dass man etwas ganz Besonderes berührt. Die 14-Song-Kollektion kommt in der CD-Fassung als hochformatiges Buch daher und bietet im fest gebundenen Kartonumschlag neben dem Tonträger noch ein mit Songtexten und allerhand Bildmaterial gefülltes 26-Seiten-Buch. Kaum aber beginnt man, den raumgreifend epischen Weisen zu lauschen, vergisst man selbst die kostbarste Verpackung – derart opulent reicht diese Fürstin der beeindruckend beweglichen Melodien die intervallübergreifende Gesangsführung dar, taucht ihre unvergessen kraftvolle Stimme in einen von akustischem Instrumentarium und komplettem Symphonieorchester reichhaltig und mit herzhaftem Hang zum gefühlvollen Drama gefüllten Klangraum, dessen unendliche Weiten von längst vergessenen Zeiten künden, als die gehobene Art-/Baroque-Pop-Kunst noch von Streichern und Bläsern getragen und geprägt wurde. Die Liebe zur großen Geste, zum unverhohlen romantischen Schwelgen, zur nach Bühnenaufführung gierenden Liedkunst rückt sie dabei deutlich in greifbare Nähe zu Vorbildern wie David Bowie und Scott Walker, mitunter glaubt man auch, die Hymnen eines Pete Townshend in der akustisch betonten Orchesterfassung zu erleben. Aber nicht nur die kleinen, solistisch zur Gitarre gebotenen Balladen-Ruheinseln zeigen deutlich, dass wir hier die wahre Maria erleben. Faszinierend auch, dass diese Meisterin der melancholisch-berührenden Melodien zudem selbst für die anspruchsvollen Orchesterarrangements verantwortlich zeichnet, welche dem ebenso ehrlichen wie natürlichen Weisenreigen eine Größe, Tiefe und Weite verleihen, die bleibend beeindrucken. Ein rundum reifes Macht- und Meisterwerk einer großartigen Künstlerin.

CD/LP im Glitter Shop kaufen (2-LP, Ltd. 2-LP, CD / 24,95 Euro, 28,95 Euro, 16,95 Euro)

Slow Leaves – Shelf Life

Reif-abgehangener, dennoch intim-intensiver Songreigen des kanadischen Singer-Songwriters, dessen in kleiner und kleinster Formation eingespielten Weisen ihn ganz in die geschichtsträchtige Tradition des an großen Namen reichen Genres stellen. Einfühlsam umrahmt von vorwiegend saitengeprägtem A- und E-Flechtwerk, feinsinnig flankiert von Hammond, Klavier und Rhodes, einmal sogar von kleinem Ensemble in delikate Streicherseligkeit getaucht, leben die linden Lieder bei aller auf den gelassen-perfekten Punkt gespielten meisterlichen Roots-Instrumentierung ganz vom gesungenen Wort, erweist sich der gänzlich aus der Zeit gefallene Kanadier doch gleichermaßen als tiefgründiger Betrachter und berührend bewegender Sänger, der mit leisem Vibrato zwischen zurückhaltendem Bryan Ferry, frühem Antony und betörender Paal-Flaata-Virtuosität seine bei aller Frische ungemein natürliche Melodieführung direkt ins Herz zu schmeicheln weiß, die Weisen schon bei erster Begegnung alten Freunden gleich die Arme weit zur Wiedersehensbegrüßung geöffnet.

Slow Leaves: Reif-abgehangener, dennoch intim-intensiver Songreigen ©Slow Leaves

Trotz überschaubarem Musikantenkreis erweist sich das sanfte Song-Dekameron bei aller natürlichen Wurzelnähe als erstaunlich vielfältig, finden sich neben sanft fließenden Fred-Neil-Geschichten, rein akustischen Folk-Balladen und intim-edlen Streicher-Weich-Wolken auch mitreißender Roots-Rock-’n‘-Roll, packender CCR-Country-Rock und beschwingende Go-Betweens-Riff-Griffigkeiten, britische wie amerikanische Singer-Songwriter-Traditionen verbindend, sämtlich geeint durch die zutiefst zu Herzen gehende Stimme eines geborenen Balladiers. Ein Songwerk, das bleibend wirkt. (cpa)

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Myrkur – Folkesange

Eher selten geschieht es, dass ein Album vom Metal-Label Relapse sich in unseren Mailordner verirrt, und ich bin mir nicht sicher, ob die beiden Vorgänger-Alben dieser vielinstrumental begabten, mit sanfter Stimme gesegneten Dänin es bis in unsere Roots-/Folk-Breiten geschafft hätten, obwohl M (2015) und Mareridt (2017) bereits leises Runzeln auf Black-Metal-Stirnen hervorgerufen haben sollen (heißt es in Kutten-Kreisen). Mit dem 2020er-Songreigen Myrkur aber lässt sie die dunkel-bösen Untiefen nahezu völlig hinter/unter sich und wendet sich den weltweiten Folk-Wurzeln zu, wobei sie herrlich beweglich zwischen den skandinavischen und irischen Wurzelwelten hin und her tanzt, leise Düster-Verweise und mitunter deftiges Schlagwerk einstreut und sich auch ohne künstliches Reinheitsgebot höchst ohrenfreundlich mal mehr den Traditionen, mal mehr dem reinen Wohlklang zwischen den Stil-Stühlen zuwendet.

Myrkur: von den dunkel-bösen Untiefen nazu den weltweiten Folk-Wurzeln ©Shawn Brackbill

Irgendwo auf der klassischen Clannad-Klippe zwischen rein-akustischer Folk-Pflege, samt-sanfter Solo-Ballade (mal zur Gitarre, mal zum Piano), mythisch-magischem New-Age-Schwelgen und dezentem Metal-Druck schwebt ihre mal silbrig-klare, mal schmeichlerisch weiche Stimme in häufig mehrlagiger Harmoniefülle durch gefühlvoll gewählte Traditionsweisen, seltener irisch-britischer, zumeist skandinavischer Herkunft, zählt neben Ranarim und Folk och Rackare auch Joan Baez zu den Inspirationsquellen ihres nebelfeinen Folk-Flugs und steht mit dem Dutzend ebenso natürlicher wie kunstreicher Delikatessen in bester skandinavisch-gälischer (Art-)Folk-Tradition in einer Reihe mit Ranarim, Värttinä oder Gjallarhorn, deren wurzelnahes Wirken sie mit weltenverbindend weicher Clannad-Geste auf eine gleichermaßen gefühl- wie stimmungsvolle Ebene hebt. Skandinavischer Elfentanz zwischen ursprünglichen Folk-Weisen, betörendem Wohlklang und düster-delikatem Dunkel.

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The Third Mind – The Third Mind

Oh mein Gott – welch ein grenzfreier, ja nahezu uferloser Spielspaß! Das passiert, wenn man ein geniales Quartett aus vier gestandenen Musikern, alle in ungefähr unserem gehobenen Alter und reich an musikalischen Meriten, im Studio-Stuhlkreis versammelt, mit nichts als den prägenden Lieblingssongs vergangener Blues-, Psyche- und Underground-Helden im Kopf. Ohne viel Zeit und Energie auf gemeinsames Einstudieren zu verplempern, einigten Dave Alvin, Victor Krummenacher, David Immerglück und Michael Jerome (allein schon bei der Aufzählung beginnt sich das vorfreudige Lächeln breit zu machen) sich auf eine Tonart und ließen sich treiben, getragen von unendlichen spielerischen Erfahrungen, über Jahrzehnte gesammelt im Alleingang, bei der Begleitung von Richard Thompson, Eugene Chadbourne, John Cale oder John Hiatt oder in Bands wie The Blasters, Counting Crows, Better Than Ezra oder Camper Van Beethoven (die Monks Of Doom nicht zu vergessen). Dem wechselnden Gesang immer im passenden Zusammenhang seine zustehende Rolle gebend (so in Fred Neils The Dolphins oder in mehr als neun Minuten von Bonnie Dobsons Morning Dew, bei denen Gast Jesse Sykes die Psyche-Folk-Fackel ins Nirvana trägt), stehen stets die solistischen und gemeinsamen instrumentalen Exkursionen definitiv im siedenden Zentrum dieser fiebernden, mitunter rauschhaft überkochenden Improvisationsorgie, gelingt es doch vor allem den multiinstrumental begabten Saitenkünstlern hier, nacheinander Gitarrenhelden von Carlos Santana bis hin zu Jimi Hendrix vor dem geistigen Ohr lebendig werden zu lassen, zur rechten Zeit mit Mellotron oder Mundharmonika den beispielgebenden Helden noch näher zu sein und nacheinander und gleichzeitig an die Glanzzeiten von Doors, Blue Cheer und Moody Blues, von CCR über Fleetwood Mac bis CSNY zu erinnern, ganz und gar im Geiste der großartig gewählten Song-Vorbilder zu agieren, den genialen Schöpfern wie Roky Erickson, Alice Coltrane oder Nick Gravenites Respekt, Ehre und Tribut zollend, und dennoch nicht nur in der einzigen Quartett-Original-Komposition, dem Wüsten-Western-Pastiche Claudia Cardinale, auch die bemerkenswerten individuellen Stärken ausspielend. Nur sechs Stücke füllen das Third-Mind-Debüt (ein Hoch auf das veröffentlichende Yep-Roc-Label!), vom psychedelisch-fantasievollen Journey In Satchidananda bis hin zum rau-roh packenden Reverberation, aber allein die über die volle Länge von knapp 17 Minuten bis an den Rand des Fassbaren gespielte, inspiriert-euphorisierende Endlosfassung vom East/West der Butterfield Blues Band kündet von der kreativen Macht dieses faszinierenden Vierers. Ein einziger ausufernder Rausch, ein grandioser, süchtig machender Spaß, ein Trip, der nicht mehr loslässt.

LP/CD (2-LP, CD / 27,95 Euro, 14,95 Euro) im Glittershop kaufen