Aus der Norm gefallen

Passformen

International agierende Modekonzerne wie ASOS und H&M haben ihr Sortiment signifikant um Unter- sowie Übergrößen erweitert und dabei einen auf kommerzieller Ebene hohen Modegrad realisiert. ©Pixabay
Autorin: Tays Jennifer Köper-Kelemen

Unter- und Übergrößen gibt es nur in spezialisierten Fachgeschäften? Ein gewachsener Bedarf sowie der Einfluss sozialer Medien haben heutzutage bei diversen Modekonzernen für erweiterte Sortimente gesorgt. Ist Varianz die neue Norm?

Ob lässiges Printshirt, coole Baseball-Jacke oder Skinny Jeans – vorbei sind die Zeiten, in denen ausschließlich Konsumenten mit Standardgröße auf angesagte Looks zugreifen können. Denn international agierende Modekonzerne wie ASOS und H&M haben heutzutage ihr Sortiment signifikant um Unter- sowie Übergrößen erweitert und dabei einen auf kommerzieller Ebene hohen Modegrad realisiert. Vor allem über E-Shops läuft das Geschäft. Nicht ohne Hintergrund: So ist die Zahl übergewichtiger Menschen in den letzten Jahren kontinuierlich nach oben geklettert. Laut Statistischem Bundesamt galten im Jahr 2005 noch 41,5 Prozent der Frauen und 57,9 Prozent der Männer in Deutschland als übergewichtig, 2017 waren es dann bereits 43,1 Prozent der Frauen und 62,1 Prozent der Männer. Zudem hat man erkannt, dass Konsumenten – bedingt durch soziale Medien, Blogs und Co – modisch immer informierter auftreten, jedoch gerade für Zielgruppen außerhalb der Norm ein einschlägiges Angebot an zeitgemäßer Bekleidung fehlt. Die Endverbraucherin Nadine D., 40 Jahre, kommentiert gegenüber FASHION TODAY: „Ich bin nicht hochgewachsen und trage Schuhgröße 32. In der Vergangenheit war es immer sehr umständlich, an passende, schöne Schuhe zu kommen, daher bin ich über das Angebot im Internet heute sehr froh. Allerdings muss ich für Schuhe in einer guten Qualität schon etwa 150 Euro einrechnen. Bei Bekleidung habe ich etwas mehr Glück. Die Größen 34 und 36 passen mir, zu lange Hosen lasse ich einfach beim Schneider kürzen.“

Passform sticht

Grundsätzlich bleibt zu erwarten, dass mit dem Fortschritt des digitalen Zeitalters sowie der schrittweisen Expansion gesellschaftlicher Geisteshaltungen wie „Body Positivity“ die Bedeutung nicht standardisierter Bekleidung weiter zulegen wird. Nachdem sich über die vergangenen Saisons hinweg bereits im Design immer offensichtlicher eine Tendenz hin zu mehr Individualisierung herausgebildet hat, zum Beispiel über Customizing, so kommt auch in Sachen Passform mehr und mehr das Thema Individualität durch. Technologische Errungenschaften wie 3-D-Druck, Körper-Scan, fotografische Messung und automatisiertes Nähen vereinfachen maßgeblich die Anpassung von Bekleidung an unterschiedliche Körperformen. Die QVC-Zukunftsstudie „Living 2038: Wie lebt Deutschland übermorgen?“, die in Zusammenarbeit mit Trendforscher Professor Peter Wippermann, Trendbüro und Kantar entstanden ist, prognostiziert entsprechend, dass Bekleidung zukünftig on demand auf den Leib geschneidert wird. Der Begriff der Schönheit soll sich parallel dazu von makellosen Idealen loslösen und – in einer durch Technologien geprägten Welt – mehr noch von unperfekter Natürlichkeit bestimmt sein. Nadine D. kommt diese Vorstellung entgegen, sie sagt: „Ich würde mir für die Zukunft sehr wünschen, dass meine Größe nicht mehr als Sonderfall gilt, sondern in Sortimenten ganz selbstverständlich und normal zu haben ist – ebenso wie alle anderen Größen auch.“