Der nächste Schritt

OEKO-TEX®

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Autor: Markus Oess
Die Zertifizierungsgesellschaft OEKO-TEX® ist auf Wachstumskurs. Allein bei dem Siegel MADE IN GREEN gab es ein Plus von 75 Prozent. Der nächste Schritt sind die Implementierung eines CO2-Footprints für STeP und die CO2-Bilanz eines Produktes mit MADE IN GREEN. Der OEKO-TEX®-Generalsekretär Georg Dieners über die Verbraucher, Verbraucherschutz und die Verflechtungen der Welt. Dazu: Wie stark ist die Arbeit der Organisation durch Covid-19 betroffen?

„Klimaschutz und Global Warming sind eine Sache, die uns alle auf der Welt angeht.“ Georg Dieners, Generalsekretär von OEKO-TEX®

FT: Herr Dieners, Sie haben angesichts der Pandemie vereinfacht gesagt den Unternehmen zusätzlich drei Monate Zeit gegeben, ein Muster vorzulegen. Wie hat sich das bewährt?
Georg Dieners: „Wir haben das vereinfachte Verfahren für ECO PASSPORT, STeP, LEATHER STANDARD und STANDARD 100 angeboten. Allerdings hat uns auch etwas überrascht, dass nur sehr wenige Firmen davon Gebrauch machen. In China, wo die Produktion schon wieder angelaufen ist, wird es kaum angewendet. Aber auch in anderen Ländern wie zum Beispiel Indien oder Bangladesch, die in der zeitlichen Entwicklung der Pandemie hinter China liegen, rechnen wir nicht mit einer großen Nachfrage. Und auch in Europa wird das Angebot kaum genutzt.“

Können Sie uns einen Lagebericht geben, wie es aktuell in den Schwellen- beziehungsweise Niedriglohnländern aussieht?
„Was die Zertifizierungen angeht, spüren wir keine großen Auswirkungen, wie übrigens bei der zurückliegenden Finanzkrise auch nicht. Wir arbeiten zu drei Viertel Verlängerungen bestehender Zertifikate ab. Dort sind die Prozesse eingespielt und es gibt auch keine Probleme bei der Beschaffung der Muster. Bei nur einem Viertel handelt es sich tatsächlich um Neuzertifizierungen. Und hier sehen wir bei einer Teilmenge einen leichten Abschwung, zum Beispiel in China, Indien oder Bangladesch. Insgesamt sehen wir kaum Ausschläge nach unten.“

Wird es weitere Erleichterungen geben?
„Wir haben da keine großen Gestaltungsspielräume. Wir versuchen, so viel wie möglich in die Zukunft zu schieben, etwa Audits. Auch haben wir die Reiseaktivitäten heruntergefahren. Wo es geht, stehen wir mit Rat und Tat zur Seite. Wie Sie sich sicher vorstellen können, besteht derzeit eine starke Nachfrage nach Mund-und-Nasen-Schutzmasken. Wir verzichten bei der entsprechenden Zertifizierung nach Standard 100 auf die Zertifikatsgebühr, um unseren Beitrag zu leisten.“ 

Wie stark wirft Covid-19 den gesamten Nachhaltigkeitsprozess in der globalen Textilkette zurück?
„Sicher belastet Covid-19 global die Wirtschaft. Andererseits haben die Unternehmen ein gewisses Level erreicht, das sie nicht wegen eines Virus wieder verlassen werden. Wer wirtschaftlich überlebt, wird seine Standards auch halten und technisch nicht wieder abrüsten. Im Gegenteil, die Unternehmen, die eine STeP-Zertifizierung anstreben, gehen diesen Weg auch mit der nötigen Konsequenz unter Einhaltung sämtlicher Vorschriften weiter.“

Wann rechnen Sie mit einer Rückkehr zur „Normalität“, die Pandemie hält ja die ganze Welt im Griff?
„Wenn wir uns die Geschwindigkeit vorstellen, in der sich das Virus ausgebreitet hat, wird klar, dass wir so schnell nicht wieder in die volle Normalität zurückkehren werden. Solange es keinen wirksamen Impfstoff für alle gibt, werden wir die Welt in einem Ausnahmezustand erleben. Auch wenn wir wieder in bestimmten Bereichen Lockerungen haben und die globale Produktion langsam wieder an Fahrt aufnimmt, werden wir immer wieder Phasen sehen, in denen Lockerungen wieder angezogen werden, sollte sich die Zahl der Neuinfizierungen zu sehr erhöhen. Wenn wir auf China blicken, sehen wir, dass wir mit einem Versatz von drei bis vier Monaten ab dem Auftreten der ersten Fälle in eine Phase der Normalisierung kommen. Aber sicher ist das nicht und wir dürfen nicht von der zweiten Welle unvorbereitet erwischt werden.“

Rund 1.400 zertifizierte Unternehmen

Kommen wir zu einem Ihrer strategischen Eckpunkte: MADE IN GREEN. Wie ist der Stand heute?
„Wir haben ein unterjähriges Geschäftsjahr und nach rund neun Monaten kann ich trotz Corona sagen, dass wir eine starke Entwicklung durchlaufen. Mit rund 2.500 Labels im Markt verzeichnen wir ein Plus von 75 Prozent. Eine Bilanz, auf die wir sehr stolz sind. Gleichzeitig haben wir ein großes IT-Projekt in der Umsetzung, um die Online-Bedienbarkeit der Tools zu vereinfachen und den gesamten Prozess noch transparenter zu gestalten. Auch wenn uns Covid-19 ein wenig ausbremst, bin ich optimistisch, dass wir weiter zweistellig wachsen.“

 Gibt es Punkte, an denen Sie nachsteuern mussten?
„In der Tat handelt es sich um ein komplexes Thema. Die Anforderungen unserer Zertifikate an die Unternehmen sind ja klar, aber wie können wir unseren Kunden eine funktionierende Plattform bieten, die sich einfach bedienen lässt? Die Anzahl der Kriterien und die Verknüpfung aller Listen sind nicht eben trivial und erfordern einen Prozess, der fortwährend weitergetrieben wird. Seit dem vergangenen Spätsommer sind wir mit dem Projekt live gegangen und bauen das System gezielt und schrittweise auf. Wir sind noch nicht am Ende, aber machen gute Fortschritte. Wichtig ist uns auch der Ausbau der Label-Transparenz beim Endverbraucher, als Beispiel nenne ich da den großen Erfolg des QR-Code-Checks bei MADE IN GREEN.“

Schauen die Verbraucher tatsächlich nach?
„Natürlich wird sich nicht jeder an den Rechner setzen. Aber auch wenn nur 10 Prozent der Konsumenten die Möglichkeit tatsächlich auch nutzen und nachsehen, ob das Siegel auf dem Produkt, das sie gerade gekauft haben, echt oder eine Fälschung ist, ist das Angebot wichtig. Zudem heißt es ja nicht, dass die übrigen 90 Prozent es nicht trotzdem begrüßen, dass eine Kontrolle stattfindet. Selbst meine Mutter mit stolzen 92 Jahren hat mit ihrem iPhone den Label-Check gemacht.“

Stichwort CO2-Fußabdruck: Wie sehen Ihre Planungen aus?
„Ohne übertreiben zu wollen, planen wir hier den nächsten großen Schritt für OEKO-TEX®. Wir werden die Implementierung eines CO2-Footprints für STeP anstreben und die CO2-Bilanz eines Produktes mit MADE IN GREEN verknüpfen. Klimaschutz und Global Warming sind eine Sache, die uns alle auf der Welt angeht. Das Ziel, die Erderwärmung auf 2 Grad Celsius zu begrenzen, rückt immer weiter in die Ferne und wir alle wissen, welche fatalen Folgen das haben wird. Wir haben die technischen Voraussetzungen und sollten bis Anfang kommenden Jahres so weit sein, das Projekt dann hoffentlich auf einer Wintermesse vorstellen zu können. Damit leisten wir erneut ein Stück Pionierarbeit für die Branche. Es geht einmal mehr um Transparenz und Verantwortung. Der Verbraucher benötigt Wissen, um sich für das richtige Produkt zu entscheiden und so einen Steuerungsprozess auszulösen.

Gerade die Textilkette ist ein stark globalisierter Prozess mit langen Lieferketten, der im Sinne des Umweltschutzes noch deutlich optimiert werden muss. Nehmen Sie als Beispiel nur Baumwolle. Der Verbraucher hat die Entscheidung, ob er mit seinem Kauf den Wasserverbrauch und den CO2-Ausstoß verringert. Ich bin der festen Überzeugung, wir kommen auf Unternehmensebene sehr viel schneller und effizienter zum Ziel als auf Länderebene, wenn einflussreiche Länder bei einem Regierungswechsel einseitig internationale Abkommen, die nur unter größten Anstrengungen überhaupt zustande gekommen sind, einfach aufkündigen.“

Wo sind die Grenzen der Globalisierung, was können wir von der aktuellen Pandemie lernen?
„Schwer zu sagen. Ich glaube, die Pandemie hat unsere Welt verändert. Damit meine ich nicht allein die Regeln des Lockdowns oder Social Distancing. Wir werden sicher zum Beispiel Reisen neu überdenken; Dinge wie Homeoffice, Video Calls sind inzwischen Teil des beruflichen Alltags und werden kaum mehr verschwinden. Auch der private Urlaub, vor allem Flugreisen dürften anders aussehen – und auch teurer werden. Die Unterhaltungsindustrie muss sich ein Stück neu erfinden. Auch der aufkeimende Nationalismus beginnt sich leider neu zu festigen. Und trotzdem glaube ich, dass wir unser Wirtschaftssystem, egal ob regional oder global betrachtet, zumindest langfristig nicht ändern werden. Ich hoffe zumindest, Covid-19 war für einige ein deutlicher Weckruf. Sicher bin ich mir aber nicht.“

Was heißt das für OEKO-TEX®?
„Wir müssen uns auf die wichtigen Punkte fokussieren und die Industrie, aber Nachhaltigkeit und den Verbraucherschutz im Auge behalten. Wenn es uns gelingt, im Rahmen unserer Möglichkeiten marktfähige Verbesserungen zu erreichen und neue Standards zu setzen, haben wir schon viel erreicht. Zukunftsfähig zu sein, heißt auch, Zukunft gestalten zu können.“

Wie geht es in den kommenden Monaten weiter?
„Wir sind bereits an den Planungen für das kommende Geschäftsjahr und werden uns vornehmlich auf unsere zwei Großprojekte, das vorhin angesprochene IT-Projekt und den CO2-Footprint, konzentrieren. Die tägliche Arbeit geht wie gewohnt weiter. Aber da die Messen bekanntlich diesen Sommer ausfallen, werden wir unsere Kommunikationsbemühungen auf anderem Wege wie zum Beispiel dieses Interview, aber auch über Social Media verstärken.“

Hintergrund

Seit Januar 2015 ist Georg Dieners als Generalsekretär der Internationalen OEKO-TEX® Gemeinschaft tätig. Seither hat er den Ausbau und die Entwicklung des aktuellen Produktportfolios der OEKO-TEX® Gemeinschaft vorangetrieben. Dieners’ Augenmerk liegt auf der Etablierung nachhaltigerer Prozesse in den Unternehmen.

Zuvor war Dieners als Head of Product Management und Development für die LHD Group GmbH, ein globaler Full-Service-Anbieter für Arbeits- und Personenschutzbekleidung, tätig.

Der Absolvent der Fachhochschule Niederrhein verfügt über lange Erfahrung in verschiedenen Managementpositionen der Textilbranche. Aktuell arbeiten 10.000 Textilhersteller, Marken und Händler in rund 100 Ländern mit OEKO-TEX® zusammen.