Aus dem Tritt geraten

adidas AG

Im jetzt gemeldeten zweiten Quartal 2020 wurde adidas mit voller Wucht von den Auswirkungen der Corona-Pandemie getroffen. ©adidas

Autor: Alexander Langhorst
Einen kurzen Nervenkitzel erlebten die adidas-Investoren am 4. August 2020 – und damit zwei Tage vor der turnusmäßig angekündigten Veröffentlichung der Halbjahreszahlen –, als eine Ad-hoc-Mitteilung über die Börsenticker lief. In den aktuellen Zeiten deutet dies oft auf wenig erfreuliche Meldungen im Zusammenhang mit den Zwischenzahlen oder etwaigen Abschreibungsbedarf bei Firmenwerten usw. hin. Im Fall der Herzogenauracher dauerte die Schrecksekunde allerdings wahrlich nur eben einen kleinen Moment. Hintergrund der Mitteilung war die bekannt gegebene vorzeitige Vertragsverlängerung mit Vorstandschef Kasper Rorsted bis zum 31. Juli 2026. Wenngleich adidas und damit auch der Vorstandschef insbesondere mit der Diskussion über die Aussetzung von Mietzahlungen in den Zeiten des Lockdowns nicht gerade eine glückliche Figur gemacht haben, ist die Entscheidung, im aktuellen Umfeld keine Änderungen an der Führungsspitze vorzunehmen, nachvollziehbar und konsequent. Angesichts der so noch nie da gewesenen Rahmenbedingungen braucht kein Unternehmen derzeit noch zusätzliche „Baustellen“ infolge eines Chefwechsels in der Krise.

Alexander Langhorst ©GSC Research

Im jetzt gemeldeten zweiten Quartal 2020 wurde adidas mit voller Wucht von den Auswirkungen der Corona-Pandemie getroffen. In der Spitze waren über 70 Prozent aller Stores im Monat April weltweit von den Schließungen während der Lockdowns betroffen. Seit Ende April/Anfang Mai konnten je nach Land die Geschäfte wieder öffnen. Dank der Wiedereröffnungen in China, welches als erstes Land von der Pandemie getroffen worden war, konnten dort in den Monaten Mai und Juni wieder zweistellige Wachstumsraten realisiert werden. Per Ende Juni 2020 waren 83 Prozent aller eigenen Flächen wieder für den Kundenverkehr geöffnet. Erfreulich entwickelte sich während der Lockdowns zumindest der Absatz über die E-Commerce-Vertriebswege. Diese konnten im Jahresvergleich das Umsatzvolumen um 93 Prozent steigern, jedoch die Rückgänge durch die Schließungen großer Teile der eigenen Shopflächen nicht im Ansatz kompensieren.

Insgesamt waren im zweiten Quartal alle wichtigen Regionen weltweit von den Auswirkungen der Pandemie signifikant betroffen, was sich auch entsprechend im Zahlenwerk niederschlug. So reduzierten sich die Umsatzerlöse währungsbereinigt um 35 Prozent auf 3,579 (Vorjahr 5,509) Milliarden Euro. Während die Marke adidas einen Rückgang um 33 Prozent zu verzeichnen hatte, lag das Minus bei der Marke Reebok, die insbesondere auf dem US-amerikanischen Markt stark vertreten ist, bei 42 Prozent. Regional betrachtet, entwickelten sich die Umsätze in China dank der zweistelligen Wachstumsraten im Mai und Juni im Jahresvergleich stabil. Dennoch musste die Region Asien-Pazifik eine vor allem währungsbedingte Minderung der Erlöse um 16 Prozent verkraften. Besonders betroffen waren nach Unternehmensangabe Lateinamerika (minus 64 Prozent) und die Emerging Markets (minus 60 Prozent). Deutlich negative Auswirkungen hatte die Pandemie auch auf die Umsatzentwicklung in Europa (minus 40 Prozent), Nordamerika (minus 38 Prozent) und Russland/GUS (minus 34 Prozent).

Entsprechend reduzierte sich auch die Bruttomarge der Herzogenauracher um 2,4 Prozentpunkte auf 51,0 (53,5) Prozent. Belastend wirkten sich dabei unter anderem stärkere Rabattaktionen, aber auch höhere Wertberichtigungen auf Vorräte in einem hohen zweistelligen Millionen-Euro-Bereich aus. Im zweiten Quartal lag der Verlust aus dem fortgeführten Geschäft bei 306 Millionen Euro nach einem Gewinn von 462 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Das unverwässerte Ergebnis je Aktie lag bei minus 1,45 (plus 2,33) Euro.

Im ersten Halbjahr 2020 reduzierte sich der währungsbereinigte Umsatz um 26 Prozent auf 8,332 (11,392) Milliarden Euro. Dabei lag der Rückgang bei adidas ebenfalls bei 26 sowie bei Reebok bei 27 Prozent. Die Bruttomarge sank in den ersten sechs Monaten auf 50,1 (53,5) Prozent. Durch Corona-Effekte ergab sich im ersten Halbjahr eine Reihe von Ergebnisbelastungen. Dabei handelte es sich vor allem um Produktrücknahmen in China, die Stornierung von Bestellungen, höhere Wertberichtigungen auf Forderungen und Vorräte sowie Wertminderungen der Einzelhandelsgeschäfte und des Markenrechts von Reebok. In Summe resultierte daraus ein negativer Effekt von rund 500 Millionen Euro. Unter dem Strich ergab sich für das erste Halbjahr somit ein Nettoverlust aus fortgeführten Geschäftsbereichen in Höhe von 286 Millionen Euro nach einem Gewinn von 1,093 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum. Das unverwässerte und verwässerte Ergebnis je Aktie lag bei minus 1,33 (plus 5,50) Euro. Nach wie vor gibt der adidas-Konzern keine Guidance für das Gesamtjahr 2020 ab und begründet dies mit den anhaltenden Unwägbarkeiten aus der Corona-Pandemie.

Ausgehend von der bisherigen Entwicklung im laufenden Jahr und unter der Annahme, dass es nicht zu weiteren flächendeckenden Lockdowns kommen wird, geht GSC Research von einer gewissen Erholung in der zweiten Hälfte des aktuellen Geschäftsjahres 2020 aus. Auf dieser Grundlage sollten ein Konzernumsatz im Bereich von 17 bis 18 Milliarden Euro und ein positives EBITDA von 1,5 bis 1,7 Milliarden Euro erreichbar sein. Unter dem Strich ergäbe sich daraus ein Ergebnis je adidas-Aktie im Bereich zwischen 1,25 und 1,75 Euro. Für 2021 sollten sich bei einer weiteren Normalisierung wieder ein Umsatzwachstum in Richtung der 20-Milliarden-Euro-Marke und eine deutliche Ergebnisverbesserung realisieren lassen.

Auf Basis der derzeitigen Ergebniserwartungen wird die adidas-Aktie beim aktuellen Kurs von rund 250 Euro mit einem KGV für das laufende Jahr von weit über 100 bewertet. Auch für 2021 wird sich dieses noch deutlich über den im Normalfall der Branche zugebilligten Größenordnungen bewegen, weshalb sich momentan ein Investment in dem Papier nicht aufdrängt. Den fairen Wert der Aktie sehen wir im Bereich von etwa 200 Euro. Aus Sicht von GSC Research sind im derzeitigen Kurs bereits sehr viele Impulse aus den Wiedereröffnungen des Handels enthalten, wohingegen das Rückschlagsrisiko bei etwaigen negativen Meldungen entsprechend gestiegen ist.