Style oder Stil?

Stilikonen heute

Mehr geht es um Menschen, die sich einfach häufig umziehen. Ben Rosett ©Unsplash

Autorin: Tays Jennifer Köper-Kelemen
Demokratisierung der Mode, Instagram, Hype um Jugend – während vergangene Dekaden mit wahren Stilikonen aufwarten können, verliert sich heute mehr und mehr ihre Spur. Oder gibt es sie doch noch, die echten modischen Vorbilder? Fest steht: Alter und ein Gefühl für die eigene Persönlichkeit spielen eine nicht unerhebliche Rolle.

Stilikonen. Zwangsläufig denkt man dabei wohl an Hollywood-Glamour. Leinwand-Schönheiten in eleganten Roben und markige Männer in gut sitzenden Anzügen. Stars und Sternchen der Nachkriegszeit. Doch auch an rebellische Galionsfiguren darauffolgender Jahrzehnte. Es sind Namen wie Marlene Dietrich, Humphrey Bogart, Cary Grant, James Dean, Steve McQueen, Paul Newman, Alain Delon, Jackie Kennedy, Twiggy, Audrey Hepburn und David Bowie, die durch den Kopf gehen, die Liste ist lang. Sie prägen das Bild der Stilikone bis heute, verfügten diese Leitfiguren doch über die Fähigkeit, mit ihrem äußeren Erscheinungsbild Sinnbild und Lebensgefühl einer Epoche widerzuspiegeln, eine Zeitenwende sichtbar zu machen. Heute schreiben wir das Jahr 2020. Nichts muss, alles kann. Ob Skinny Jeans oder Schlaghose, Hoodie oder Businesshemd zum Sakko, Punk-Frisur oder akkurat gelegte Haare und Schnauzbart. Demokratisierung durchdringt die Mode. Trends werden unlängst nicht mehr von Designern vorgegeben, sondern auf der Straße gemacht. Unweigerlich drängt sich da die Frage auf, inwieweit Stilikonen in der Gegenwart eigentlich noch eine Rolle spielen. Sind sie als modische Vorbilder, Modell für einen spezifischen Way of Life noch gesucht oder stellen sie vielmehr ein Relikt der Vergangenheit dar? Haben Stilikonen heute ausgedient?

Bei näherer Betrachtung sind sie dann aber wohl auszumachen, die wahren Stilikonen, inmitten unserer Gegenwart.

In den Medien werden aktuell Stars wie Rihanna, Daniel Craig und Kanye West als Stilikonen betitelt. Und doch reicht gefühlt ihre Strahlkraft bei Weitem nicht an die Legenden vergangener Tage heran, auch wenn zeitliche Distanz noch ein Stück weit zur Glorifizierung beitragen mag. Instagram ist voll von sogenannten Stilikonen. Es gibt Influencer, die ihrer Gefolgschaft von zig Followern täglich einen neuen, aufsehenerregenden Look präsentieren und dafür gefeiert werden. Die Medien-Maschinerie sorgt für eine regelrechte Flut an modischen Vorbildern. Augenscheinlich sind diese demnach schon noch gefragt, allerdings weit weniger nachhaltig. Mehr geht es um Menschen, die sich einfach häufig umziehen. Coco Chanel sagte einst: „Mode ist vergänglich, Stil bleibt.“ Damit trifft sie wohl ausgerechnet den Nerv unserer Zeit.

Bei näherer Betrachtung sind sie dann aber wohl auszumachen, die wahren Stilikonen, inmitten unserer Gegenwart. Der Faktor Alter spielt dabei keine unerhebliche Rolle. Es sind Menschen wie Iris Apfel und Bruce Boyer, die da zu nennen wären. Gemeinsam haben sie, dass die Jugend mit ihrer Experimentierfreudigkeit bereits hinter ihnen liegt. Mode und Trend sind nicht mehr von Bedeutung. Sie haben sich längst gefunden und ihre eigene Ästhetik entwickelt. Man erahnt auf den ersten Blick, dass hinter ihrem Look eine bestimmte Haltung steckt. Dass echte Stilikonen heute weniger selbstverständlich hervorstechen, ist sicherlich auch dem Umstand geschuldet, dass über den gesellschaftlichen Hype um Jugend persönliche Reife und Gefühl für das individuelle Wesen nicht mehr derart im Vordergrund stehen, wie es in der Vergangenheit vielleicht einmal der Fall war. Ist dies gerade im Begriff, sich zu ändern? Die Strömung rund um Body Positivity hängt unmittelbar mit einer neuen Akzeptanz von Alter, Ideal und Stilempfinden zusammen. So oder so, Boyer, der als Redakteur bereits für namhafte Magazine wie GQ und Esquire tätig war sowie als Autorität in Sachen Menswear gilt, erklärt in einem Interview: „Ich denke, eine Person muss ein gewisses Gefühl für sich selbst als Individuum haben, um Stil zu entwickeln. Philosophisch glaube ich, dass wir alle Tabula rasa in die Welt kommen. Wir müssen uns selbst erfinden, so gut wir können.“ Zudem fasst er zusammen: „Stil ist das, was passiert, wenn ein Mensch Mode an seine Persönlichkeit anpasst.“