Wie solidarisch ist der Markt?

Kommentar

©Vitali Diller

Die Modebranche im Corona-Lockdown

Autor: Maximilian Fuchs
Solidarität – ein gewichtiges Wort und gerade in diesen umtreibenden Zeiten etwas, das oft fehlt oder nur als Worthülle existiert. Solidarität stammt vom lateinischen solidus, was „gediegen, echt, fest“ bedeutet. Feste Umsätze und gediegene Zeiten, davon kann der textile Sektor aktuell nur träumen. Wir haben mit Händlern, Verbänden und Verbrauchern gesprochen, um eine Bestandsaufnahme im Corona-Februar 2021 zu erhalten.

Bei Menschen, die tagtäglich mit Textilien handeln und sich bestens im Markt auskennen, ist eine große Ernüchterung zu spüren, die sich mit Wut paart. Die Menschen fühlen sich im Stich gelassen, diese ständige Hangelpartie und unsichere Zukunftsaussichten graben sich tief ins kollektive Wohlbefinden. Die Rücklagen und Ersparnisse schwinden und so manch einer sieht sich wirtschaftlich am Ende.

Historischer Umsatzeinbruch

Während die Ankündigung im November 2020, dass es eine schnelle finanzielle Unterstützung für betroffene Unternehmen gäbe, den Menschen Hoffnung brachte, ist in der Zwischenzeit klar: Viele Unternehmerinnen und Unternehmer stehen vor dem finanziellen Ruin. Denn die Hilfen kommen nur sehr schleppend an und durch die erneute Verlängerung des Lockdowns wird für viele Textilhändler das Eis dünn. Die vielerorts noch gut gefüllten Warenbestände mit Herbst-/Winterware müssen den Frühjahrskollektionen Platz machen. „Wir schätzen, dass im Moment noch ungefähr die Hälfte der Winterware da ist und nach unserer Hochrechnung ist das ungefähr eine halbe Milliarde“, so Axel Augustin vom BTE. Der Verband geht für 2020 von einem historischen Umsatzeinbruch in der Modebranche von 30 Prozent aus. Mode als verderbliche Ware ist in der nächsten Saison überholt. Verbraucherinnen und Verbraucher kaufen online, doch dies allein reicht nicht aus, um die vielen Bekleidungsstücke zu verkaufen.

Anfang und Ende

Wohin also mit der neuen alten Ware, auf der die Händlerinnen und Händler sitzen? Spenden ist steuerrechtlich „nicht ganz einfach“, denn es fallen nach aktueller Gesetzeslage 19 Prozent Umsatzsteuer an, da es sich um eine Sachspende handelt. Einlagern ist teuer und, wie erwähnt, Mode hat im Regelfall eine Lebenszeit von sechs Monaten, bis die nächste Kollektion nachrückt. Und in die Tonne, so sehr das Herz neben der Kasse auch blutet, ist ebenfalls „nicht ganz einfach“. Denn der abfallwirtschaftliche Kreislauf kommt schon jetzt an seine Grenzen. Schuld daran ist die Flut an Fast-Fashion-Artikeln. Thomas Fischer vom Branchenverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (BVSE) erklärt: „Die Qualität der Kleidung hat abgenommen und die Margen für verkaufte Kleidung werden immer kleiner.“ Die nicht verkauften Produkte im Handel und das Recycling vor Ort sind ein Teil des Problems, das mehrere Dimensionen hat. Wenn wir uns das Ende der Kette betrachten, so müssen wir auch auf den Anfang schauen.

Deutsche Modehändler und -marken lassen große Teile ihrer Kollektionen in Bangladesch herstellen. Nur in China wird noch mehr für den deutschen Markt produziert. Somit ist Deutschland für Bangladesch zum größten Auftraggeber in der Europäischen Union geworden. Nach aktuellen Einschätzungen arbeiten circa 4,1 Millionen Menschen, vor allem Frauen, in der Textilindustrie von Bangladesch. Hier sind Sorge und Existenzangst groß – denn schon jetzt werden Aufträge reihenweise storniert und geplante Projekte eingefroren. Nach unseren Erhebungen werden viele Händlerinnen und Händler zur neuen Orderrunde deutlich verhaltener Aufträge platzieren – ein Ende der textilen Systemkrise ist also noch lange nicht in Sicht.