#100 Restart

Pitti Uomo

Das Männerbild aus Florenz ist facettenreich und hat in der Besinnungspause der Kreativen einen Reality Check durchlaufen. alle Bilder ©FT

Autor: Winfried Rollmann
Die Organisatoren der Messe haben es geschafft, Pitti Uomo wieder Realität werden zu lassen. In einer gebündelten Veranstaltung von Pitti Filati, Pitti Uomo und Pitti Bimbo zeigte Florenz die Knospen neuer Strahlkraft. Der Live-Event in der Fortezza da Basso war natürlich nur ein Vorgeschmack auf einen Full Bloom to come. Dennoch begrüßten alle den wieder beginnenden Austausch der Player. Es gab gute Gespräche und wichtige Kontakte mit der textilen Wirklichkeit. Das New Real überstieg deutlich die Erwartungen von Veranstalter und Ausstellern.

Ein Hoffnungsschimmer für eine gebeutelte Branche. 2020 hat die Menswear-Industrie in Italien 19,5 Prozent Umsatz eingebüßt, die Saison Frühjahr/Sommer 2020 ist im Binnenmarkt mit -43,3 Prozent eingebrochen. In den ersten drei Monaten 2021 ist zwar eine Erholung zu spüren, gegenüber 2019 bleibt der Umsatz aber noch um 9,7 Prozent unter der Vorlage. Analog zum deutschen Marktgeschehen verloren vor allem Business Looks, Hemden und Krawatten.

Der Export innerhalb der EU nahm im ersten Quartal um 4,3 Prozent zu. Die stärksten Partner waren Deutschland (+11,1 Prozent), die Schweiz (+18,7 Prozent) und Frankreich (+13,4 Prozent). Der Handel mit Großbritannien verlor, auch brexitbedingt, um die Hälfte (50,9 Prozent) seines Volumens.

Was lehrt uns die Pitti modisch?

Das Männerbild aus Florenz ist facettenreich und hat in der Besinnungspause der Kreativen einen Reality Check durchlaufen. Insgesamt ist zu spüren, wie stark Brands heute den realen Bedürfnissen der Märkte Rechnung tragen. Kollektionen sind konzentrierter und mehr auf dem Punkt. Um eine etwas komplettere Analyse zu zeigen, sind aus Mailand Showroom-Impressionen von ALTEA, Brioni und eleventy dabei.

De-Stressed Formal

Wer Formals jetzt abschreibt und nur Casuals die Steigbügel hält, könnte sich irren. Zum einen gibt es die Lust von Männern, nach undefinierter Homeoffice-Garderobe wieder knackig geshapt unterwegs zu sein, zum anderen das sartoriale Know-how, das Männer in 90 Prozent der Fälle einfach besser aussehen lässt. Das beherrschen Italiener nach wie vor bravourös. Sie schaffen den Balanceakt zwischen Tailoring und Lässigkeit, sie entwickeln ein De-Stressed Formal mit einer selbstverständlichen Contemporary-Allüre.

Nicht umsonst hat BRUNELLO CUCINELLI seine neue Sommerkollektion mit „Simplicity in Elegance“ überschrieben. Für ihn ist der Anzug der Ausgangspunkt des Gutangezogenseins. Er schneidert ihn mit softer Schulter, wenig Einlagen und einen Hauch lockerer. Die Hose mit deutlich geräumigerer Weite und Bundfalten zeigt den New Comfort, die natürliche Lässigkeit von Leinen- und Cotton-Mischungen im Material unterstreicht den New Ease.

Brioni zeigt in Mailand Zweireiher, die echten Stars der Saison, mit souveräner Nonchalance. Sie wirken alles andere als gebacken und sind mit seidigen Knit-Polos oder fließenden Silkshirts überzeugend. Bei CARUSO hat der Zweireiher eine schmale Verknöpfung und verbreiterte Spitzfassons, auch hier machen lässig offene Hemden und Seidenschals den Unterschied. Als Farben stehen helle Naturals und Braun im Fokus. Braun ist weniger hart als Schwarz und Marine, es lässt sich perfekt mit Naturals kombinieren.

Komplexe Spray-Färbungen und White Shading geben Naturals einen Hauch von Pastell. Als Kombipartner ideal sind fein gestrickte Polos von ALTEA, Knit T’s von PAL ZILERI oder Cardigans von JEORDIE’S. Bei Hemden toppen lässige Bowlinghemden in tonigen Musterungen (ALTEA) das Businesshemd. Softe Loafers von STURLINI oder handgefertigte Ledersandalen mit Patina von Brador begleiten als Light Shoes.

 

Natural Me

Natürlichkeit ist ein Key-Element der modernen Garderobe. Nachhaltigkeit wird zum zwingenden Bestandteil zeitgemäßen Modeschaffens. Hier investieren Firmen, um Mode so umweltverträglich wie möglich zu produzieren. Sie reduzieren ihren Carbon Footprint, viele italienische Manufakturen produzieren noch lokal und zeigen eine hohe Affinität zu natürlichen Materialien. Leinen und Hanf stehen dafür par excellence. Ungebleichte rohweiße Cottons, vegetal gefärbte Stoffe und chemiefreie Indigo Dyes zeigen auch visuell ihre Naturverbundenheit. Die Raw White Five Pocket Jeans bei BRIGLIA, lässige Leinenstreifen bei PAOLONI und gewaschen-bewegte Oberflächen in Leinen-Jackets und Shirts bei eleventy sind authentisch und zeitgemäß. Die Leinen-Stickereien auf weißen Hemden bei Liberty Rose und die sehr subtilen Tie-Dyes bei ALTEA begleiten perfekt im Shirtsortiment. Poröse Leinen-Hoodies und weitere Polos sind Key bei roberto collina. Warme gebrannte, aber sanftere Midtones sowie vegetale Grüns stellen mit Washed Indigo die Farbpalette. Indigo ist weiter stark im Hemd (XACUS) und authentisch männlich in den Field Jackets von HERNO. Dazu passen softe, ungefütterte Loafers von BRIMARTS mit Espadrille-Details oder Neo-BIRKENSTOCKS wie von A.S.98.

 

Joyful Holidays

In dieser Eskapismus-Story drückt sich die Lebensfreude und Reise-Sehnsucht der Menschen nach dem Lockdown aus. Eine stark präsente 70s-Nostalgie versucht, den Starkstrom des Lebens dieser von gesellschaftlichen Zwängen befreiten Epoche anzuzapfen. Dazu gehören kontrastverarbeitete Collegeblousons bei DRM, College Cardigans mit Varsity Badges bei BARACUTA oder die Retro Artworks bei MANUEL RITZ beziehungsweise ROY ROGER’S. Die unbeschwerte Riviera-Atmosphäre zelebriert ROY ROGER’S in einer eigenen Kollektion. Vespa-Feeling bei den geblümten Bowling-Shirts von ALTEA oder den Amalfi-Kachel-Prints bei ALTEMFLOWE

Drucke erzählen von Fernweh bei OSVALDO TRUCCHI oder in den Bucket Hats bei STETSON. Die Artworks bei les garçons faciles haben Humor. Recycled Shoes von RE 49 aus ausrangierten Pool Chairs sind coole Begleiter. Die gepatchten Sneakers von Ambitious und A.S.98 bekennen optimistisch Farbe.

 

Urban Dynamic

Einen erstaunlich starken Fokus setzte Florenz in einer neu definierten Smartness für Urban Movers. Wer heute in den verkehrsberuhigten Großstädten Europas unterwegs ist, sieht die alternativen Verkehrskonzepte zur Rushhour. E-Bikes und -Roller bevölkern die Städte und Smart Worker benötigen dazu echte Funktion. Superelastischen Geweben mit Wasser abweisenden und atmungsaktiven Features, die nicht knittern und pflegeleicht sind, gehört die Zukunft. Das sind meist Nylon-Stretches oder -Jerseys, die mit matten Oberflächen ultrasmart aussehen. Bei ALPHATAURI ist dieser moderne Techfokus Konzept. Ergonomische Schnitte und auf den Körper gestrickte fully fashioned Sweater sagen ganz klar: Future.

HERNO zelebriert in seiner Laminar-Kollektion Hightech-Verarbeitungen mit grafisch modernen Artworks. Der Biking-Anorak als unentbehrlicher Begleiter im modernen Alltag. People of Shibuya deklinieren in einer intelligenten Outerwear mit Packable und Reflective Features Performance. Aber selbst Klassiker wie TOMBOLINI definieren heute Suits in Nylon-4-Way-Stretchjerseys für bewegte Großstädter. Die Slipon Coats in Nylonstretch von HARRIS WARF LONDON sind hitverdächtig. Fürs Homeoffice strickt BRUNO MANETTI supersofte luxuriöse Loungewear in Cashmere, die Mann nicht mehr ablegen möchte. Die Strickanzüge von BRUNELLO CUCINELLI sind klubaffiner. Bei Prints sind Tech-Tie-Dyes auf Outerwear wie bei P.M.D.S. oder Net Prints aus Rubber auf den Rucksäcken von PIQUADRO Hingucker. Grafisch starkfarbige Sneakers von HOKA oder die Graphic Sneakers der neuen Linie von GOODYEAR unterstreichen Dynamik.

 

Let’s Party

Eines der stark vermissten Erlebnisse der Zwangspause waren das Ausgehen und Party- beziehungsweise Nightlife. Hier gibt es Nachholbedarf. Der Südafrikaner THEBE MAGUGU brachte einen sexy Asphaltcowboy in seiner Pitti-Catwalkshow auf die Bühne. Eng geschnittene Anzüge und laszive Seidenhemden zeigten mit Cowboystiefeln und Stetson, wo das Verführungspotenzial von Männern liegen kann. LORDS&FOOLS inszenieren Drama im Anzug bis zum Goldknopf in Dandy-Manier. Jacquards und aufsehenerregende Muster auf Anzügen gehören dazu. Hier zeigt auch ÇANAKU starke Bilder. Die Schnürboots mit Goldkette und spektakulären Sohlen sind stilbildend. Selbst Mailands Schneiderelite hats nicht nur mit „ora et labora“. Brionis sublime Silk Changeant Suits und spektakuläre Jacquards für den Tuxedo machen Lust auf den großen Auftritt.