„Wir haben andere Freiheitsgrade als vorher“

ETERNA

Die eterna Mode Holding GmbH hat sich mit den Gläubigern über den Restrukturierungsplan zur Umsetzung eines Sanierungsverfahrens nach dem Unternehmensstabilisierungs‐ und ‐restrukturierungsgesetz (StaRUG) geeinigt. alle Bilder ©ETERNA

Autor: Markus Oess
Die eterna Mode Holding GmbH spricht von einem Meilenstein für eine nachhaltige Finanzierungslösung, nachdem sich das Unternehmen mit den Gläubigern über den Restrukturierungsplan zur Umsetzung eines Sanierungsverfahrens nach dem Unternehmensstabilisierungs‐ und ‐restrukturierungsgesetz (StaRUG) geeinigt hatte. Die Umsetzung des Restrukturierungsplans erfolgt nach der noch ausstehenden Bestätigung des zuständigen Restrukturierungsgerichts. Eine Formalie, wie Firmenchef Henning Gerbaulet im FT-Interview betont. Das operative Geschäft der ETERNA Mode GmbH werde von der Sanierung der Holding sowieso nicht berührt. Alle operativen Aktivitäten würden wie gehabt fortgeführt und die strategischen Initiativen weiter umgesetzt.

„Tatsache aber ist, dass es keinen Mehrheitseigentümer mehr gibt.“ Henning Gerbaulet

FT: Herr Gerbaulet, wann war für Sie klar, dass es für ETERNA wie geplant weitergehen kann?
Henning Gerbaulet:Wir hatten vor fünf Wochen das Verfahren bei Gericht angemeldet. Das setzte einige Detailarbeit voraus und auch während das Verfahren lief, mussten wir mit besonderer Sorgfalt und Detailarbeit die Grundlagen für diverse Gutachten vorbereiten lassen sowie auch unsere Stakeholder einbinden. Mir war immer klar, dass wir zu einem Abschluss kommen werden, da alle anderen Alternativen zu einem schlechteren Ergebnis gerade für die Gläubiger geführt hätten. Jetzt sind wir auch finanziell wieder solide mit einer vorzeigbaren Eigenkapitalquote ausgestattet, die vorher durch die Gesamtsituation noch deutlich negativ gewesen war. Operativ mache ich mir trotz Corona keine Gedanken. Das Verfahren ist mit der Gläubigerversammlung abgeschlossen und Rechtsmittel sind nicht mehr zulässig. Einzig formal muss das Gericht das Verfahren noch schließen.“  

Was war für Sie persönlich die größte Hürde in dem Verfahren?
„Das war der Gegenwind vonseiten der Gläubiger des Schuldscheins. Der Widerstand hat mich etwas überrascht, da ja gerade auch sie durch die bilanzielle Sanierung im Rahmen des StaRUG-Verfahrens profitierten. Andererseits waren ihre Forderungen komplett besichert und ebenso war eine Verlängerung der bestehenden Finanzierung des operativen Geschäftes bis 2025 eine zwingende Voraussetzung für die Annahme des Restrukturierungsplans. Insofern ist das besondere Schutzinteresse dieser Gläubigergruppe letztendlich auch wieder nachvollziehbar. Im weiteren Verlauf der Verhandlungen hat sich dann das Management von Robus, das uns schon seit Jahren in Finanzierungsfragen begleitet und Unternehmen und Strukturen deshalb sehr gut kennt, zu einer Kapitalbeteiligung entschieden, um so die strategische Ausrichtung des Unternehmens besser begleiten zu können. Am Ende des Tages also hat der vielleicht größte Knackpunkt im Verfahren, das Okay der Schuldscheingläubiger zur zeitlichen Verlängerung ihres Darlehens, dazu geführt, dass wir eine noch höhere Quote erreicht haben und mit mehr Eigenkapital ausgestattet wurden.“

COVID-19 konnte keiner voraussehen, aber welche Lehren ziehen Sie aus den zurückliegenden Monaten und Wochen, insbesondere hinsichtlich der strategischen Finanzierung des Unternehmens?
„Aus Mangel an Finanzierungsalternativen haben wir die erste Anleihe ja nicht ganz freiwillig begeben, als ich 2013 ins Unternehmen kam. Eine andere Finanzierungsquelle hatten wir aufgrund der Verschuldungsquote von höher als 6 nicht. 2017 haben wir dann die Anleihe über 55 Millionen Euro zurückgezahlt, inklusive jährlicher Zinszahlungen in Höhe von 8 Prozent an die Gläubiger. Danach konnten wir den Kapitaldienst reduzieren, indem wir einen Teil über das besicherte Schuldschein-Darlehen im operativen Geschäft und den anderen Teil über eine neue unbesicherte Anleihe über 25 Millionen Euro finanzieren konnten, für die seitdem auch immer noch 7,75 Prozent Zinsen bezahlt wurden. 2019 und bis Februar 2020 vor Corona waren wir dann auch mit der Finanzierungsstruktur so weit, uns wieder normal am Kapitalmarkt finanzieren zu können. Die Verschuldungsquote hatten wir von mehr als 6 auf unter 3 gedrückt. Doch dann machte die Corona-Krise alle Pläne zunichte. Die allgemeine Corona-Krise schlug sich derart auf unser Ergebnis nieder, dass wir keinen anderen Ausweg sahen, als das Unternehmen durch eine Sanierung der Bilanz über das seit Januar 2021 neu eingeführte StaRUG-Verfahren vor einer Insolvenz zu bewahren und so Schaden vom operativen Geschäft abzuwenden. Die Lehre, die ich daraus ziehen kann, ist, wo immer möglich in der Finanzierung auf die größtmögliche Unternehmerfreiheit zu achten.“

„Mir war immer klar, dass wir zu einem Abschluss kommen werden, da alle anderen Alternativen zu einem schlechteren Ergebnis gerade für die Gläubiger geführt hätten.“

Der Weg sei frei für eine nachhaltige Finanzierung der Holding und gleichzeitig würden drohende Finanzierungsrisiken infolge der bisherigen COVID‐19‐Pandemie vom operativen Geschäft der ETERNA abgewendet, heißt es dazu aus der Firmenzentrale. Durch den Einstieg von durch Robus Capital Management Ltd. beratene Fonds als strategischer Partner und die Verhandlungen mit Quadriga und dem gemeinsamen Vertreter sei das finale Angebot an die Anleihegläubiger um 25 Prozent verbessert worden. Robus hat den Angaben zufolge seit knapp zehn Jahren in verschiedenen Konstellationen investiert und unterstützt gemeinsam mit den Quadriga Capital Fonds den vom Unternehmen eingeschlagenen Transformationskurs mit frischem Kapital.

Jetzt ist ein neuer Gesellschafter an Bord. Wie hoch ist sein Anteil?
„Das darf ich aktuell noch nicht sagen. Tatsache aber ist, dass es keinen Mehrheitseigentümer mehr gibt. Zu gegebener Zeit wird auch die neue Beteiligungsstruktur bekannt gemacht werden.“

Wie ist die Beteiligung einzuordnen, Sie sprechen von einer strategischen Beteiligung?
„Wie gesagt arbeitet Robus seit zehn Jahren mit uns zusammen und kennt das Unternehmen gewissermaßen aus der Innenansicht. Wir sprechen aber natürlich immer noch über einen Finanzinvestor, dessen Fonds sicher andere Ziele verfolgen als ein inhabergeführtes Familienunternehmen. Trotzdem ist die Beteiligung an ETERNA zunächst strategisch angelegt. Für uns hat es den Vorteil, dass wir frisches Kapital bekommen haben und es nun keinen Mehrheitseigentümer mehr gibt, wir also andere Freiheitsgrade haben als vorher. Die Tatsache, dass wir im Beirat nun einen weiteren Investor sitzen haben, ändert darüber hinaus wenig.“

Wie lange wird Quadriga noch an Bord bleiben?
„Auch Quadriga ist ein Finanzinvestor und hat seine eigenen Ziele. Da müssen Sie schon Quadriga selbst fragen. Ich kann aber sagen, dass ich nicht den Eindruck habe, in den nächsten ein, zwei Jahren einen Gesellschafterwechsel melden zu müssen. Fakt ist, wir haben einen Businessplan, den wir nun umsetzen, und es wird einige Zeit dauern, bis das Früchte trägt. In dieser Zeit auszusteigen, wäre auch für einen Finanzinvestor nicht logisch. Denn die Maßnahmen kosten eben Zeit und Geld.“

Wir haben einen Businessplan, den wir nun umsetzen, und es wird einige Zeit dauern, bis das Früchte trägt.

ETERNA war „trotz eines im Grunde erfolgreichen operativen Krisenmanagements, was auch das unabhängige IDW‐S6‐Gutachten explizit bestätigte, infolge der COVID‐19‐Pandemie aus einer gesunden und vielversprechenden Unternehmenssituation mit profitablem Wachstum in diese schwierige Phase versetzt worden“, führen die Passauer weiter aus. Das Sanierungskonzept im Zuge des StaRUG‐Verfahrens sieht für die eterna Mode Holding GmbH einen Schuldenschnitt bei der Anleihe vor, im Rahmen dessen die Forderungen der Anleihegläubiger inklusive der noch ausstehenden Zinsen mit einer Quote von 12,5 Prozent auf den Nominalwert bedient werden. Diese wird vollständig aus der im Restrukturierungsplan verankerten Kapitalerhöhung gezahlt. Außerdem verzichtet Quadriga vollständig auf ihre Forderungen aus Gesellschafterdarlehen in Höhe von insgesamt 32,3 Millionen Euro und stellt zusätzliches Eigenkapital zur Verfügung, das neben der Zahlung der Quote auch zur Finanzierung des operativen Geschäfts eingesetzt wird. Durch die Umsetzung des StaRUG‐Verfahrens steigt die Eigenkapitalquote gegenüber dem Stichtag 30. Juni 2021 auf 18,85 Prozent. Ein Plus von circa 140,26 Prozentpunkten.

Während das operative Geschäft durch die Sanierung der Holding nicht beeinflusst wird, ermöglicht es das StaRUG‐Verfahren, gleichzeitig die Transformation des Unternehmens fortzuführen und es auf die veränderten Marktbedingungen auszurichten. Konkret wird die Digitalisierung des Unternehmens vorangetrieben und das Produktsortiment an Trends wie Homeoffice, Nachhaltigkeit und Entformalisierung sowie die dadurch veränderten Lebensgewohnheiten der Kundinnen und Kunden angepasst.

Wie fielen die Signale aus dem Handel aus – vorher und jetzt nach Bekanntwerden, dass es weitergeht?
„Die Reaktionen waren erstaunlich gelassen. Sicher fragten die Partner nach, wie es weitergeht, aber oft habe ich selbst die Sprache auf das Thema gebracht, um sie auch bilateral zu informieren. Zweifel oder gar Kritik an unserer Geschäfts- und Produktpolitik kamen nicht auf. Im Gegenteil, wir haben uns immer um ein partnerschaftliches Miteinander bemüht und das haben wir auch genauso zurückgespielt bekommen, nach dem Tenor: ‚Wir sind auf starke Marken angewiesen und brauchen euch.‘“

Haben die ausländischen Partner viel von der aktuellen Lage mitbekommen oder war das jenseits der Grenzen kein Thema?
„Die ausländischen Händler sind gut informiert und wir hatten verschiedene Anfragen etwa aus Frankreich, England oder Dänemark. Aber auch hier war die Grundeinstellung zu ETERNA sehr positiv. Das hilft natürlich gerade in solchen Zeiten.“

Digitalisierung und modische Weiterentwicklung. Was heißt das konkret für ETERNA?
„Vor allem unser Technologieprojekt Tech Stack, ein Mammutprojekt, das wir ja schon 2019 gestartet hatten, wird ETERNA von Grund auf verändern. Wir werden 2023, 2024 ein anderes, vor allem zukunftsfähiges Unternehmen sein. Wir setzen unsere IT-Struktur neu auf und werden automatisiert aus dem Markt das Unternehmen und alle Prozesse steuern. Es ist auch viel mehr als ein ERP-Projekt, da sich in der Folge Gesamtstruktur und Gewichtung verändern. Früher waren wir produktions- und wholesalegetrieben. Für uns ist der Wholesale immer noch ein strategisch wichtiges Feld, aber heute denken wir konsequent vom Endkunden, was zu fundamental anderen Systemanforderungen geführt hat. Mit der Digitalisierung, auch dem eigenen Retail und Online Business, sind neue Spielfelder dazugekommen. Diese gilt es, eng zu verzahnen und aufeinander abzustimmen. Oder nehmen Sie die digitale Produktentwicklung. Tech Stack ist ein zentraler Enabler, um im Modemarkt der Zukunft zu bestehen. Das ist das, was wir mit Transformationsprozess meinen. Dann erst zahlt sich die Digitalisierung im Backend wie im Frontend wirklich aus. Neben dem Online-Handel sehen wir auch im Ausland großes Wachstumspotenzial. Wir waren vor Corona bei einem Anteil von rund 30 Prozent. Da ist durchaus Luft nach oben. Modisch wird das Hemd zu neuen Spielformen finden, die dem Casualisierungstrend gerecht werden. Das Hemd wird als Kleidungsstück neu definiert, es wird lässiger und auch als Jackenersatz getragen. Das heißt aber nicht, dass das klassische Hemd verschwindet, es wird eben anders.“

Und was wird mit dem eigenen Retail?
„Eigene Stores spielen immer noch eine wichtige Rolle als reale Touchpoints zu den Kunden in zentralen Standorten wie in Frankfurt oder Berlin oder als Franchise-Angebot an Unternehmer im Ausland. Aber wir müssen nicht jeden Standort besetzen, der uns keinen Benefit in Form von Image, Markenwahrnehmung oder Profit bringt, und wir werden daraufhin auch unser Netz überprüfen und anpassen.“