Messe ist Termingeschäft

INNATEX

„Was wir sehen, ist, dass die technischen Innovationen schon zu Verschiebungen führen. Dank der neuen Möglichkeiten des Up- und Recyclings stehen den Designern auch neue Materialien zur Verfügung." Jens Frey Geschäftsführer MUVEO GmbH alle Bilder ©MUVEO

Autor: Markus Oess
Die zurückliegende Ausgabe der grünen Ordermesse INNATEX in Hofheim war spät dran, eigentlich zu spät. Dennoch blickt Jens Frey, Geschäftsführer des Veranstalters MUVEO, Frankfurt, zufrieden auf die Veranstaltung. Die Erwartungen waren nicht hoch, aber letzten Endes lief es dann doch zufriedenstellend. Mit dem Weggang der PREMIUM GROUP aus Frankfurt sind im Grunde die alten Bedingungen auch zeitlich wiederhergestellt. Nun wartet Frey ab, wie es mit den Messen in Deutschland generell weitergeht. Strategisch wäre eine Allianz mit einem anderen Veranstalter möglich, ist aber nicht geplant. Frey über Messen und Termine.

FT: Herr Frey, wenn Sie auf die letzte Ausgabe der INNATEX zurückblicken, wie würden Sie die Veranstaltung zusammenfassen?
Jens Frey:Es war, als hätte man eine Blase drübergestülpt. Die letzte Ausgabe der INNATEX lief vier Wochen nach dem üblichen Termin, also im Grunde zu einem Zeitpunkt, an dem normalerweise ein Großteil der Order schon gelaufen ist. Wir waren gar nicht mit großen Erwartungen gestartet und es hatten sich natürlich auch weniger Aussteller angemeldet als üblich. Aber es stellte sich heraus, dass die Freude, sich endlich wieder auch real austauschen zu können, vieles ausglich. Und einige Aussteller sprachen auch von einer überraschend guten Order. Ich bin sicher, dass die zurückliegende Ausgabe keine negativen Auswirkungen auf die INNATEX hat. Im Gegenteil gehen wir davon aus, dass der Januar-Termin 2023 wieder ganz normal laufen wird.“

Sehen Sie eine Verschiebung der Schwerpunkte, etwa in den Sortimenten?
„Was wir sehen, ist, dass die technischen Innovationen schon zu Verschiebungen führen. Dank der neuen Möglichkeiten des Up- und Recyclings stehen den Designern auch neue Materialien zur Verfügung. Angebote wie Wäsche/Dessous oder Sportswear und Outerwear gab es früher schlicht nicht. Dazu kommen eben die Trends, denen auch die konventionelle Mode ausgesetzt ist. Wir sehen weitere Formen und mehr Funktion. Auch in der grünen Mode sind Plateau-Sneaker und Teddy-Jacken angesagt. Green Fashion wird modischer und neue Vermarktungsformen wie zum Beispiel Mietmodelle kommen auf.“

Spannungsfeld zwischen analoger und digitaler Vermarktung, Lieferketten und die Abhängigkeiten einer globalisierten Welt

Was bewegt die Branche derzeit am meisten?
„Wir stehen genau wie die konventionelle Mode im Umbruch, den die Pandemie jetzt beschleunigt hat. Auch wir diskutieren über das Spannungsfeld zwischen analoger und digitaler Vermarktung, über Lieferketten und die Abhängigkeiten einer globalisierten Welt. Ein großes Thema ist ganz sicher das der Zertifizierung und der Prozesse. Wie kommt Green Fashion raus aus der Nische in die Mitte des Marktes? Erste Erfolge gibt es ja seit Längerem, etwa bei Biobaumwolle.“

Wie sieht es mit den gestiegenen Beschaffungskosten aus?
„Als Messeveranstalter kann ich das natürlich nicht detailliert beantworten. Ich weiß aber, dass in allen Märkten, die wir betreuen, von Kostensteigerungen und Beschaffungsproblemen die Rede ist, auch in der Fashion. Die Order wird der unsicheren Situation angepasst. Andererseits sinkt mit den Unsicherheiten in der Beschaffung und der Logistik auch die Flexibilität. Preiserhöhungen sind generell ein sensibles Thema. Ich kenne immerhin ein Unternehmen, das über seine Social-Media-Kanäle Preiserhöhungen für die kommende Kollektion angekündigt hat.“

Die Rede ist vom späten Termin – wie ordnen Sie sich normalerweise in den Messe- beziehungsweise Orderkalender ein?
„Normalerweise läuft die Winterausgabe in der zweiten Januarhälfte, die Sommerausgabe je nachdem in der letzten Juli- oder in der ersten Augustwoche. Später folgen dann immer die Showrooms in Österreich und der Schweiz. Im Augenblick sind diesmal die Planungen in Österreich noch nicht ganz abgeschlossen.“

Haben die FRANKFURT FASHION WEEK oder Berlin einen Einfluss auf die Terminierung?
„Frankfurt hatte schon Einfluss darauf. Wir sind mit unseren Terminen das erste Mal von Freitag bis Sonntag gegangen statt wie üblich von Samstag bis Montag, weil die FRANKFURT FASHION WEEK eigentlich an einem Donnerstag enden sollte.“

Freude, sich wieder auch real austauschen zu können

Sie hatten eine Zusammenarbeit mit der PANORAMA in Berlin gehabt. Wäre ein neuerlicher Anlauf mit einem anderen Partner denkbar?
„Ausschließen sollte man natürlich nichts, aber im Augenblick ist das für uns kein Thema. Es ist in der jüngeren Vergangenheit viel schnell passiert. Auch uns hat die Rückkehr der PREMIUM nach Berlin überrascht. Wir warten jetzt erst mal ab, wie es mit den Messen in Deutschland weitergeht.“

Was wünschen sich Ihre Aussteller, die gerne in den konventionellen Markt wollen?
„Für viele war und ist Berlin immer noch das Tor zur konventionellen Welt. Deswegen hatten wir ja die Kooperation mit der PANORAMA realisiert. Die XOOM sollte seinerzeit eine kuratierte Auswahl von grünen Marken zeigen. Ich finde diese Idee immer noch sehr gut.“

Macht es Sinn, sofern die NEONYT in Frankfurt bleibt, regional und zeitlich eng beieinander zwei Messen in diesem Segment zu fahren?
„So, wie es aktuell aussieht, ist die NEONYT im Sommer drei Wochen vor uns. Damit scheidet diese Frage aus. Wir können mit der INNATEX im Sommer nicht weiter nach vorn gehen. Wenn, müsste es ein zusätzliches Engagement geben.“

Sehen Sie Berührungspunkte für eine mögliche Zusammenarbeit für Frankfurt als Gegengewicht zu Berlin?
„Ich kann nichts zu den Planungen der messe frankfurt sagen, ich kenne sie nicht. Tatsache aber ist, dass Berlin als Weltstadt und mit ihrer kulturellen Identität und glanzvollen Geschichte das Modemekka Deutschlands war und wohl noch immer ist. Berlin ist cool. Frankfurt hatte bisher nie die Chance, sich zu beweisen.“

Kleinere Marken überblicken schneller und besser ihre Wertschöpfungskette.

Was hat Corona mit der Branche gemacht? Von Nachhaltigkeit wird gerne gesprochen, vom Bezahlen dann wieder weniger. Spüren Sie eine Umkehr?
„Ich habe den Eindruck, dass die kleineren Marken schneller und besser ihre Wertschöpfungskette überblicken und flexibler reagieren können. Durch diese Detailarbeit könnten Einzelfalllösungen gefunden werden, zumal viele Firmenchefs aus tiefer Überzeugung nachhaltig produzieren wollen und sowieso ganz anders mit ihren Lieferanten umgehen und sich enger abstimmen.

Tatsächlich ist das Thema Nachhaltigkeit durch Corona stärker ins Bewusstsein der Menschen gerückt. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass die finanziellen Zwänge der Krise auf die Bremse gedrückt haben. Letztlich ist es immer die Frage, was wir uns wie viel kosten lassen wollen. Im Augenblick engagieren sich die Firmen aus eigenem Antrieb. Sie wollen nachhaltig werden. Etwas anderes wird es dann, wenn aus den Kann-Kriterien Muss-Kriterien werden, etwa weil die Verbraucher das so entscheiden oder zum Beispiel der ordnungspolitische Rahmen das so vorgibt, also es der Gesetzgeber so entschließt. Ich habe den Eindruck, beides bewegt sich in diese Richtung, zum Beispiel beim Mindestlohn oder dem Lieferkettengesetz.“  

Der Verband GermanFashion sieht keine Abkehr von Asien als Produktionsstandort. Wie ordnen Sie Asien mit Blick auf die Lieferkette und den CO2-Abdruck ein?
„Ich lasse den CO2-Abdruck außen vor, dafür müssen und werden auch technologische Lösungen gefunden werden. Aber was soll es bringen, wenn die Modewelt plötzlich alle Zelte abbricht und sich aus einem Land verabschiedet, um dann an einem anderen Ort etwas Neues aufzubauen? Nein, es muss vor Ort Veränderungen geben und Fortschritt für eine faire und sichere Produktion, die die Menschen und die Umwelt schützt, statt sie zu zerstören. In Bangladesch beispielsweise, wo viele Arbeitsplätze an der Textilindustrie hängen, wäre Mensch und Umwelt mehr geholfen, wenn sich die Bedingungen verbessern, als wenn die komplette Industrie abwandert.“

Der Gesprächspartner

Der gelernte Hotelfachmann Jens Frey ist über ein berufsbegleitendes BWL-Studium 2008 zur MUVEO GmbH gekommen und begleitet seither die grüne Ordermesse INNATEX in Hofheim. Seit der Übernahme der Geschäftsführung in 2015 ist er für das gesamte Messeportfolio und die Betreibergesellschaft im MESSECENTER RHEIN-MAIN verantwortlich. Die INNATEX entwickelt er mit Messeleiter Alexander Hitzel beständig. Neben Stationen auf der BERLIN FASHION WEEK ist die INNATEX seit Längerem mit Showrooms in Bern und Salzburg auch international vertreten. Persönlich engagiert sich Jens Frey seit mehr als zehn Jahren ehrenamtlich bei der IHK Frankfurt im Prüfungsausschuss und ist Mitglied in verschiedenen Branchenverbänden.