„Wir sitzen fest im Sattel“

BRÜHL

BRÜHL weist inzwischen eine Exportquote von 70 Prozent aus. alle Bilder ©Brühl

Autor: Markus Oess
Versandhandel und Private Label mögen vielleicht nicht „sexy“ klingen, aber beide Felder sind Ertragssäulen des Hosenspezialisten BRÜHL aus Rotenburg an der Fulda. Auch in der Krise steuerten beide Felder dazu bei, dass auch während der Pandemie keine Verluste ausgewiesen wurden. Gegenüber FT berichtet Geschäftsführer Maro Nachtrab, dass sich auch der Export mit einem Umsatzanteil von 70 Prozent zusehends erholt hat. Einzige Ausnahme: China. Das Land, sagt der Manager, befinde sich faktisch im Lockdown.

„Wir sind in Vorleistung gegangen und haben für 2 Millionen Euro Rohware auf Lager geholt.“ Maro Nachtrab, Geschäftsführer von BRÜHL

FT: Herr Nachtrab, nach der Pandemie ist vor der Krise, richtig? Oder brauchen wir mehr Optimismus für die kommenden Monate?
Maro Nachtrab: „Ich glaube, wir brauchen mehr Optimismus. Erst hatten wir eine Pandemie, die die ganze Welt in Haft nahm, dann folgten Preiserhöhungen und gebrochene Lieferketten. Russland greift die Ukraine an und in der Folge droht eine weltweite Hungersnot, wir haben eine Energiekrise und eine hohe Inflation. Und trotzdem hilft es nicht, den Kopf in den Sand zu stecken. Wir müssen die Probleme anpacken und dabei hilft die Hoffnung, es auch zu schaffen.“

Gäbe es eine Branche, in der Sie jetzt lieber arbeiten würden?
„Nun, Pharma wäre vielleicht eine gute Wahl. Handwerker wäre auch nicht schlecht. Aber wir sollten nicht nur auf uns schauen. Es gibt wenig Branchen, denen es im Augenblick gut geht. Schauen Sie nur auf die Gastronomie, den Bau oder die Gesundheitsversorgung und Kliniken.“

Halbzeit 2022. Wie war das erste Halbjahr?
„Im Großen und Ganzen gut. Wir haben mehr gemacht als 2021 und lagen aufgelaufen bei 12 Prozent im Plus. Allerdings hatten wir trotz europanaher Produktion in Tunesien auch Lieferausfälle wie alle hinzunehmen, sodass zum Schluss nur ein Plus von 7 Prozent in den Büchern stand.“

In der Pandemie hat das Versandhandelsgeschäft, das ja sowieso eine feste Größe bei BRÜHL ist, geholfen. Wie sieht es jetzt aus?
„Generell bleibt der Versandhandel eine wichtige Säule unseres Geschäftsmodells. Auch für das Private-Label-Segment. Wir haben sehr stark vom Boom des Distanzhandels profitiert. Aber der ganz große Run ist vorbei und auch hier drückt die steigende Inflation die Kauflaune merklich. Dennoch läuft es gerade im Online gut.“

Wir hatten ja über die PREMIUM telefoniert, werden Sie kommendes Jahr dabei sein?
„Nein. Das hat aber nichts mit der Messe selbst zu tun. Mit einem Exportanteil von 70 Prozent macht das für uns wenig Sinn. Das ist der einzige Grund. Wir überlegen, auf die Pitti Uomo zu gehen. Aber das sind noch Gedankenspiele.“

Wie läuft die Order für BRÜHL an?
„Wir können uns nicht beklagen. In der Saison Herbst/Winter 2022/2023 haben wir ein Plus von 9 Prozent erreicht. Davon dürfte wieder durch die bekannten Lieferprobleme etwas verloren gehen, wie schon Frühjahr/Sommer 2022. Auch wenn wir aktuell mit einer Lieferquote von 92 Prozent im Branchenvergleich ganz ordentlich dastehen. Die Versender und die Großkunden haben wir ja schon durch. Jetzt sind wir seit einer Woche am Start und die ersten Signale sind doch positiv, die Kollektion kommt gut an. Für Frühjahr/Sommer 2023 machen wir uns keine Sorgen.“

Was gibt es Neues bei BRÜHL, BRÜHL Luxury und bei Bros.?
„Nach wie vor arbeiten wir nach dem Grundsatz ‚Fashion meets Function‘. Unsere Hosen haben immer noch einen Tick mehr zu bieten, sei es in der Ausstattung, sei es im Schnitt. Und das gilt für alle drei Linien. Auch das Thema Nachhaltigkeit gewinnt zusehends an Gewicht.“

Haben sich die Anteiligkeiten verschoben?
„Nein, da gab es gleichgerichtete Entwicklungen, sodass wir keine Veränderungen in den Anteiligkeiten gespürt haben.“  

Was passiert beim Private-Label-Geschäft? Merken Sie verstärkten Zugriff, weil andere Marken angesichts der angespannten Beschaffungssituation zu wenig liefern konnten?
„Im Hosenbereich ist bei Private Label der Wettbewerbsdruck nicht so hoch, es gibt nur vier, fünf Anbieter. Egal ob BABISTA, KLiNGEL oder walbusch. Wir sitzen ziemlich fest im Sattel. Sicher ist es nicht einfach, das ganze Geschäft zu handeln und auf alle Wünsche der Kunden einzugehen, aber es läuft dennoch stabil, weil sich die Prozesse gut eingespielt haben. Einen Schub aufgrund von Lieferausfällen anderer Marken haben wir aber nicht gesehen.“

Wie haben Sie für Ihre eigenen Marken vorgesorgt?
„Wir sind in Vorleistung gegangen und haben für 2 Millionen Euro Rohware auf Lager geholt, um auch bei drohenden Engpässen lieferfähig zu bleiben. Auch stimmen wir uns mit Produzenten und Zulieferern eng ab, um bei Problemen schnell reagieren zu können.“

Wie läuft es jenseits der Grenzen?
„Wir spüren, dass sich das Exportgeschäft deutlich erholt. In Italien, unserem größten Markt, sind wir fast wieder auf dem Niveau von 2019. Sehr zufrieden sind wir außerdem mit Großbritannien und Irland. Auch Dänemark läuft gut.“

Was macht China, wo Sie ja in einem Joint Venture 20 Läden betreiben?
„China ist schwierig. Das Land ist mehr oder weniger immer noch im Lockdown. Von den 20 Läden, die unser Masterlizenznehmer in dem Land betreibt, sind aktuell nur zwei geöffnet. Unsere Umsätze sind wie bei anderen Marken auch in China komplett weggebrochen. Wir haben in den zurückliegenden beiden Saisons nichts geliefert und daran wird sich auch in dieser Saison nichts ändern. Unsere Hoffnungen ruhen auf dem kommenden Jahr.“

Sie hatten einen eigenen Webshop angekündigt, wie läuft es?
„Der Shop ist jetzt seit eineinhalb Jahren online und wir wachsen monatlich zwischen 18 und 20 Prozent. Dies aber auf niedrigem Niveau. Von unseren rund 20 Millionen Euro Umsatz steuert der Shop etwa 3 Prozent bei und wir sprechen über Konfektion, bei der das Thema Passform noch eine wichtigere Bedeutung einnimmt. Dennoch bin ich mit einer Retourenquote von 28 Prozent nicht unzufrieden. Der Shop ist natürlich eine Investition in die Zukunft – für den Umsatz und für das Brand Building.“

Wie sind Sie generell im Online-Handel unterwegs?
„Generell läuft das Geschäft sehr ordentlich. Wir sind bei der otto group auf dem Marktplatz und bei den Töchtern wie WITT weiden, baur. oder auch OTTO selbst gut vertreten. Auch mit zalando zeigt die Entwicklung deutlich nach oben, allerdings ist hier die Retoure größer.“

Ihre Prognose Anfang 2023 werden wir über einen guten Saisonstart und gute Berliner Messen sprechen?
„Wäre ich im Besitz einer Glaskugel, könnte ich eine Prognose abgeben. Aber es gilt das eingangs Gesagte: Wir sollten mit Zuversicht die kommenden Herausforderungen annehmen. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und ich kann sagen, dass wir in den zurückliegenden wahrlich nicht einfachen Jahren 2020 und 2021 keinen Verlust ausgewiesen haben. Wir planen auch für 2022 keinen Gewinn. Für 2023 aber wäre es schön, wenn wir wieder etwas Profit einstreichen könnten.“

Zur Kollektion Frühjahr/Sommer 2023

Der Krieg in der Ukraine, die Energiepreise, die defekten Lieferketten, die Pandemie und die Inflation beherrschen unseren Alltag. Die Firma BRÜHL hat vor diesem Hintergrund folgende Schwerpunkte gewählt: Nachhaltigkeit, Innovation, Farbigkeit, Lieferfähigkeit und ein gutes Preis‐Leistungs-Verhältnis!
Immer mehr Hosen in den Kollektionen werden nachhaltiger. Ob über Tencel REFIBRA, EcoVero Viscose, recycelten Polyester, Re‐Used-Garne oder Einsparung von Wasser/CO2/Chemikalien während der Produktion in der gesamten Lieferkette: Die Innovationen werden über Cargos, Raffbund, Kordelzug, sportive Active Pants ausgespielt und mit funktionalen Details versehen.
Um die Lieferfähigkeit, besonders zum Start der Saison, sicherzustellen, hat das Hosenlabel bereits weit über 50 Prozent der benötigten Qualitäten disponiert. Für das 100-jährige Jubiläum (1923 bis 2023) werden überdies Aktionen vorbereitet.