New Normal

Editorial

Markus Oess, Herausgeber ©FT

Irgendwie hat es den Anschein, als könnten wir alle plötzlich Krise. Wir haben Inzidenzwerte, bei denen wir noch vor einem Jahr in Schnappatmung verfallen wären. Wir schlucken Spritpreise, die, von den Grünen in den 1980er-Jahren vorgeschlagen, als völlig absurd abgetan wurden, und wir widerstehen selbst Inflationsängsten, vor allem aber lernen wir nicht, mit Krieg und Hunger zu leben, wir haben es schon längst getan und nicht erst in diesem Jahrtausend. Anders, so scheint es, können wir die aktuelle Situation auch nicht bewältigen, geschweige denn die Zukunft angehen und im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten, die wir haben, diese planen. Nun also wird die Krise zum New Normal, nachdem wir bis zum Jahr 2020 eher in der Kategorie höher, weiter, schneller unterwegs waren. KATAG-Chef Dr. Daniel Terberger spricht vom Management der kleinen Schritte, um einen Frontalzusammenstoß mit Irrtümern zu vermeiden. Zu Recht, anders können wir im Augenblick kaum für die Zukunft arbeiten.

Und dennoch: Die Saison hat einen guten Anlauf genommen, sei es auf der Pitti, mit den Key Trends des nächstens Sommers, sei es vor allem mit den Messen der Berliner PREMIUM GROUP, deren Rückkehr eine erfolgreiche Premiere feierte. Und tatsächlich ist die Umsatzwut einem neuen Realismus gewichen, der auch im Management von so unterschiedlichen Marken wie hajo, BRÜHL oder JETSET praktiziert wird. Es herrscht durchaus Optimismus und das ist gut so, aber die Erwartungen passen sich den neuen Realitäten an und auch das ist gut so. Wir müssen nicht mehr zweistellig wachsen, die Vorstellung von einer Saison nicht mehr mit einer blinden Orderwut verknüpfen, sondern mit Modellen, die die inzwischen fragile Gesamtsituation in dieser Welt nicht aus den Augen verlieren und Handel und Industrie handlungsfähig lassen.

Wir haben auch im wahrsten Wortsinn von Schönem zu berichten und von märchenhaften Schicksalen, die an dieser Stelle nicht untergehen sollen, denn sie geben Zuversicht und Hoffnung. Das niederländische Model Xueli Abbing wurde im Juni zur UNESCO-Botschafterin des guten Willens ernannt. Wir haben mit ihr, die eine ganz besondere Geschichte zu erzählen hat, über ihren Albinismus, ihre Modelkarriere gesprochen, warum es ihr so wichtig ist, sich gegen Rassismus und Diskriminierung nicht nur in der Modebranche zu engagieren. Auch das ist New Normal, denn vor Social Media und dem Zusammenwachsen der medialen globalen Welt hätten wir bestenfalls etwas davon hören können. Xueli selbst aber hätte wahrscheinlich nicht die Chance gehabt, ihren Kampf gegen Diskriminierung auf breiter internationaler Bühne ausfechten zu können. New Normal ist beides: Krise und Hoffnung.

Ihr

Markus Oess