„Unsere Branche hebt den Kopf“

Assocalzaturifici

„Mein Engagement wird, wie ich bei der Annahme der Position erklärt habe, für Kontinuität stehen. Wir erleben einen schwierigen Moment, in dem sich unser Sektor langsam von den Auswirkungen der Pandemie, dem Anstieg der Rohstoffpreise und dem schwindelerregenden Anstieg der Energiekosten erholt. Giovanna Ceolini, Vorsitzende der italienischen Assocalzaturifici ©MICAM

Autor: Markus Oess
Komplex, aber überwindbar. So beschreibt die neue Vorsitzende der italienischen Assocalzaturifici die Branchensituation. Nach einer kurzen Periode der merklichen Erholung sind nue Wolken aufgezogen und verdüstern die Aussichten. Der Krieg und die Energiekrise erschüttern die gesamte Welt und die Zeit, nach der Pandemie tief Luft zu holen und Sauerstoff zu tanken, war kurz. Mit der letzten Ausgabe der MICAM Milano 94 zeigt sie sich sehr zufrieden.

FT: Frau Ceolini, Sie sind seit Kurzem Assocalzaturifici-Vorsitzende. Wird es unter Ihrer Führung mehr Kontinuität oder mehr Veränderung geben?
Giovanna Ceolini: „Mein Engagement wird, wie ich bei der Annahme der Position erklärt habe, für Kontinuität stehen. Wir erleben einen schwierigen Moment, in dem sich unser Sektor langsam von den Auswirkungen der Pandemie, dem Anstieg der Rohstoffpreise und dem schwindelerregenden Anstieg der Energiekosten erholt. Vor mir liegen wichtige Herausforderungen, denen mein Team und ich täglich gegenüberstehen.“

MICAM #94 „Ein physisches Ereignis ist unersetzlich.“

Welches Fazit ziehen Sie persönlich aus der vergangenen MICAM Milano #94?
„Zunächst einmal wurde erneut bestätigt, dass ein physisches Ereignis unersetzlich ist, um die wirtschaftliche Erholung der Branche anzukurbeln. Dank der vielen Besucher, die auf der MICAM verzeichnet wurden, haben sich Geschäftsbegegnungen in Chancen für positive Diskussionen über das Angebot des Marktes verwandelt, selbst in einer Zeit großer Unsicherheit wie der jetzigen. Ich habe große Wertschätzung für die Qualität der Produkte ‚made in Italy‘ erfahren, insbesondere von internationalen Käufern, und ich habe eine zunehmend verantwortungsbewusste Lieferkette in Bezug auf die Umweltverträglichkeit sowohl der Produkte als auch der Produktionsprozesse erlebt. Es gibt Märkte wie Frankreich und Deutschland, die einen Wertzuwachs von 23 Prozent verzeichneten, und die Vereinigten Staaten, die dank des günstigen Wechselkurses einen Wertzuwachs von 65 Prozent ausweisen. Aufgrund des makroökonomischen Szenarios bleiben jedoch Unsicherheiten am Horizont. Als Branche sind wir nicht energiehungrig, aber die Energiekosten spielen für die Lieferkette eine große Rolle, wobei einige Gerbereien Spitzenwerte von 700 Prozent Kostensteigerungen erreicht haben. Außerdem hilft der Mangel an Rohstoffen nicht eben und wir haben Probleme, spezialisierte Leute zu finden. Es ist beunruhigend, dass wir auf allen Ebenen Personal suchen. Insgesamt ist die Situation komplex, aber überwindbar. Unsere Branche hebt den Kopf.“

Emerging Designers: inzwischen fester Bestanteil des Konzeptes

Was lief besonders gut?
„Generell lief die September-Ausgabe sehr gut. Das Publikum schätzte besonders MICAM X, den Seminarraum, der sich durch ein volles Tagungsprogramm auszeichnet mit zahlreichen Präsentationen zu den vier Strängen des Konzepts: Trends & Materialien, Nachhaltigkeit, Kunst, Mode, Erbe & Zukunft sowie Zukunft des Einzelhandels.
Großes Interesse weckte der Bereich MICAM Sustainability Lab powered by VCS, das erste Nachhaltigkeitszertifizierungszeichen für die Schuhbranche, in dessen Mittelpunkt das im März gestartete wichtige Projekt VCS Verified and Certified Steps steht. Die Marke wird Unternehmen verliehen, die einen Weg zur Bewertung, Messung und vor allem zur Verbesserung der Leistung in Bezug auf unternehmerische Nachhaltigkeit nach international anerkannten Standards beschreiten.
Zu den anderen Bereichen, die die Öffentlichkeit neugierig machten, gehörte der Bereich der Emerging Designers. Zwölf Kreative, die eine Auswahl ihrer Konzepte auf die Messe brachten und ihre Geschichte erzählten. Schließlich der Erfolg des speziellen MICAM-Tales-Square-Bereichs. Mitten in der Halle 7 gelegen und von der Kommunikationskampagne inspiriert, ermöglichte er es den Besuchern, die Messe als Stars zu erleben, und sorgte für Spaß und Interaktion.“

Wo sehen Sie Optimierungspotenzial?
„Die MICAM ist seit jeher eine Veranstaltung, die die Trends der Zukunft aufnimmt. In den nächsten Ausgaben wird der der Nachhaltigkeit gewidmete Raum immer größer, da er nicht nur im Mittelpunkt unserer Politik steht, sondern jetzt auch dem aller Unternehmen der Branche. Nachhaltigkeit ist eine Säule, auf der eine solide Geschäftsstrategie aufbaut. Es ist nicht mehr nur ein Wunsch oder ein fernes Endziel, sondern ein Ausgangspunkt für Schuhunternehmen, die in die Forschung investieren, um hohe umweltfreundliche Standards für ihre Produktionskette zu gewährleisten. Beleg dafür ist das große Interesse an VCS – Verified and Certified Steps, der ersten spezialisierten Nachhaltigkeitszertifizierung für die Schuhbranche, die im Mittelpunkt der September-Ausgabe der MICAM stand.“

Wie wichtig ist der deutsche Markt für die italienische Schuhindustrie?
„Bei den Exporten innerhalb der Europäischen Union nähert sich Deutschland den Zahlen von 2019 und liegt nur noch 0,2 Prozent darunter, mit aktuellen Wachstumsraten von 12,8 Prozent nach Wert und 10,1 Prozent paarweise. Der deutsche Markt war schon immer einer der wichtigsten für italienische Schuhunternehmen und ist derzeit Nummer vier nach Wert und Nummer zwei nach Menge.“

Mehr deutsche Aussteller

Der Deutsche Pavillon ist mit einer erhöhten Anzahl deutscher Marken gekommen. Die MICAM ist die größte Schuhmesse der Welt und stark international ausgerichtet. Allerdings ist die Frequenz vor allem aus Asien und Nordamerika noch nicht auf dem alten Niveau. Kommen wir überhaupt wieder dorthin oder wird es in Zukunft kleinere regionale Messen geben?
„Die positive Performance einer internationalen Messe wie der MICAM, die Begeisterung der Aussteller und Besucher an den Ständen aus aller Welt bestätigen, dass Großveranstaltungen für die Schuhbranche unverzichtbar sind. Dies gilt umso mehr in dieser besonderen historischen Situation, denn nach zwei von der pandemischen Rezession geprägten Jahren stellen sie wirklich den Booster für den Neustart dar. Sie sind der Ort, an dem es realisierbar ist, nicht nur Geschäftsmöglichkeiten zu verfolgen, sondern auch die Markttrends im Voraus zu erfassen.“

Und was können Marken tun?
„Natürlich müssen Marken auch an diesem Aspekt viel arbeiten. Ich glaube, es ist ein Weg, junge Menschen abzuholen, die schon immer von Zukunftstechnologien angezogen wurden. Der Generationswechsel ist unabdingbar, um unserer Branche neue Impulse zu geben.“

Wie geht die italienische Schuhindustrie mit der Energiekrise um?
„Aus einer unter unseren Mitarbeitern durchgeführten Umfrage geht hervor, dass die am meisten gefürchteten Faktoren für die Erholung folgende sind: die Erhöhung der Kosten für Rohstoffe und Halbfabrikate (90 Prozent der Befragten), Energiepreise (72 Prozent) und die Folgen des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine (51 Prozent). Für 83 Prozent der befragten Schuhunternehmer sind die negativen Auswirkungen, die sich aus dem ungewöhnlichen Anstieg der Strom- und Gaskosten ergeben, erheblich (hoch oder mittelhoch) und werden den laufenden Erholungsprozess gefährden und könnten die nach der Pandemie begonnene wirtschaftliche Erholung zunichtemachen. Seit letztem Jahr sind die Preise für Energierohstoffe kontinuierlich gestiegen. Sie erreichten bereits im Dezember 2021 ein kritisches Niveau und erlebten nach der russischen Invasion in der Ukraine erneut signifikante Anstiege. In den letzten Wochen hat die Angst vor Lieferkürzungen oder -unterbrechungen aus Russland das Bild weiter verschlechtert und zumindest für Europa den Schatten auf ein mögliches Versorgungsdefizit, insbesondere bei Gas, mit daraus folgender Energierationierung geworfen. Der Druck im Energiebereich untergräbt den Wachstumspfad von Unternehmen und ihre Wettbewerbsstruktur. Energiekostenniveaus wie das derzeitige könnten sich für KMU in der Branche bald als untragbar erweisen und ihr wirtschaftliches und geschäftliches Gleichgewicht sowie ihre Gewinnspannen gefährden. In der Tat beobachten wir die aktuelle Wirtschaftslage genau.“

„Großveranstaltungen für die Schuhbranche unverzichtbar sind.“ ©FT

Erst die Pandemie, dann der Ukraine-Krieg und seine schlimmen Folgen für die ganze Welt. Sind Sie derzeit pessimistisch oder glauben Sie, dass wir sicher durch diese Krise kommen werden?
„Unsere Branche erholt sich, aber die Erholung wird derzeit wie eben geschildert von einigen Faktoren gebremst. Die durch den Krieg verursachte Krise gefährdet die Produktionsketten – insbesondere bei Schuhen, einem der beliebtesten Produkte ,made in Italy‘. Einige italienische Regionen, wie die Marken und die Toskana, sind den kriegführenden Territorien wirtschaftlich stark ausgesetzt. Sie litten bereits unter den Sanktionen von 2014 (die für die Annexion der Krim durch Russland verhängt wurden) und jetzt hat sich die Situation verschlechtert, wenn man bedenkt, dass es Unternehmen in der Region Marken gibt, die mehr als 80 Prozent der Produkte für diese Länder bestimmt haben. Wir sprechen über die Schließung zweier relevanter Märkte, die die Unternehmen nach zwei Jahren Pandemie trifft. Diejenigen, die Beziehungen zu den in den Konflikt verwickelten Märkten haben, sehen sich mit einer kompromittierenden Situation konfrontiert. Eine schnelle Diversifizierung ist nicht plausibel, aber wir blicken zuversichtlich in die Zukunft. Der Schuhsektor, ein wesentlicher Bestandteil des ,Made in Italy‘, wird sich wieder erholen und Schwierigkeiten überwinden können.“

Nach der Messe ist vor der Messe. Worauf werden Sie sich für die kommende Winterausgabe der MICAM im neuen Jahr konzentrieren?
„Die September-Ausgabe der MICAM ist gerade zu Ende gegangen, aber wir arbeiten bereits an einer neuen Ausgabe, die voller Überraschungen sein wird. In den kommenden Monaten werden wir weitere Informationen geben können, der Teil, der der Nachhaltigkeit gewidmet ist, wird sicherlich noch relevanter sein. Wir laden Sie ein, uns vom 19. bis 21. Februar 2023 in Mailand zu besuchen.“

Hintergrund

#finallytogether

MICAM Milano, mipel, TheOneMilano und HOMI Fashion&Jewels Exhibition haben sich erneut unter dem Hashtag #finallytogether zusammengeschlossen und konnten in der Zeit vom 18. bis 20. September 35.470 Fachbesucher empfangen, teilen die Veranstalter mit. Das seien gut 20 Prozent mehr als im März 2022. So seien Besucher aus der ganzen Welt angereist, besonders aus Spanien, Frankreich und Deutschland. Es gab viele Einkäufer aus den Vereinigten Staaten sowie Kanada und auch japanische Einkäufer.

Neben den italienischen Anbietern wurde ebenso den Nachhaltigkeitsprojekten für eine zunehmend verantwortungsbewusste Branche, Initiativen zur Präsentation junger Talente und der Präsenz internationaler Marken Raum gegeben. So waren mit dem Deutschen Pavillon weit über 30 Firmen angereist, darunter erstmals auch Vertreter der Lederwarenbranche. Ein dichtes Programm an Workshops und Events rundete das Angebot ab. Die Messen stellen indes nur einen Teil des Projekts #finallytogether dar, das die Modebranche durch die Zusammenarbeit mit gemeinsamen Werbeinitiativen ankurbeln soll.

Die Interviewpartnerin

Die italienische Unternehmerin Giovanna Ceolini, Jahrgang 1959, ist alleinige Geschäftsführerin von Parabiago Collezioni Srl. Sie begann nach ihrem Abschluss als Diplom-Buchhalterin in der Schuhindustrie in ihrer Geburtsstadt Parabiago, einem bekannten Schuhviertel von internationaler Bedeutung nördlich von Mailand, zu arbeiten. Sie war zunächst für Musterkollektionen und Vertrieb beim Schuhhersteller Cele Ferrario verantwortlich. Später wurde sie Geschäftsführerin der Conceria Buscatese, bevor sie 1995 mit Karl Schlecht und Thierry Rabotin ins Geschäft einstieg und 1999 ihr eigenes Schuhunternehmen Parabiago Collezioni gründete. Giovanna Ceolini ist seit kurzem auch Präsidentin des Assocalzaturifici, dem Verband der nationalen Schuhindustrie Italiens.

Stimmen deutscher Hersteller

Sioux

„Das Shoe-Business ist ein Mensch-zu-Mensch-Business. Wir pflegen auf der MICAM unsere internationalen Kundenkontakte. Dazu gehört der lang vermisste persönliche Austausch. Wir sind mit der Messe zufrieden und froh, nach der coronabedingten Abstinenz auf der international wieder an Bedeutung gewinnenden MICAM im Rahmen des German Pavilions dabei zu sein. Die Stimmung war insgesamt positiv“, zieht CEO Lewin Berner Bilanz. Am zweiten Tag ein Zwischenfazit: Bei der Besucherfrequenz sehen wir noch Potenzial nach oben, mit der Qualität der Besucher auf unserem Stand sind wir jedoch sehr zufrieden. Wir konnten Neukunden gewinnen, haben Aufträge geschrieben, konnten Kunden von früher auf der Messe reaktivieren und den persönlichen Kontakt pflegen. Unser Eindruck war allerdings, dass im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit deutlich weniger Kunden aus Asien und Middle East unterwegs waren, die MICAM erscheint uns stärker europäisch und etwas weniger international.“

waldläufer

„Für uns ist es eine gute Messe und wir können hier in Mailand auch Neukunden begrüßen. Wir hatten Einkäufer aus UK, Frankreich, den Niederlanden, Skandinavien, aber auch aus den USA und Kanada auf dem Stand“, resümiert Julia Schulz, Leitung Export. Die Managerin spricht davon, dass die Verunsicherung durch die aktuellen Krisen und den Ukraine-Krieg nicht so groß sei wie in Deutschland. waldläufer ist mit dem Deutschen Pavillon angereist, die Messeteilnahme wird vom deutschen Staat teilsubventioniert. „Auch organisatorisch ist vieles einfacher und wir werden leichter gefunden“, sagt Schulz. Die Marke komme auf eine Exportquote von rund 35 Prozent.

JOSEF SEIBEL

Für die Schuhmarke JOSEF SEIBEL lag die letzte Messe einige Saisons zurück. Nach der Winterausgabe 2020 vor dem Ausbruch der Pandemie war JOSEF SEIBEL nicht mehr angereist. „Die MICAM ist die letzte wirklich große internationale Schuhmesse, die es gibt“, sagt Pressesprecher Andreas Hillesheim. Auch er zieht eine positive Bilanz der Veranstaltung, die Erwartungen wurden übertroffen. Allerdings räumt auch Hillesheim ein, dass diese nicht so hoch waren wie zu Vor-Corona-Zeiten.