„Wer kontrolliert das ganze Spiel?“

Near Future

„Ich glaube nicht an das Happy End, vor allem aber ist eine Geschichte nie zu Ende erzählt.“ Die Autorin Sarah Raich

Autor: Markus Oess
Die deutsche Autorin Sarah Raich bringt im kommenden Frühjahr ihr neues Buch auf den Markt. Es ist ein Jugendbuch und Thriller, der in der nahen Zukunft angelegt ist. Das Buch spielt in einer dystopischen Welt, in der Tech-Firmen, Machtwillen und Wirtschaftsinteressen den Handlungsrahmen bilden und vielleicht gut gemeinte Absichten zu einem fatalen Ergebnis führen. Wir haben uns mit ihr über die Macht in einer dystopischen Welt unterhalten, über Sehnsüchte und die Verlockungen des Metaverse. Und darüber, wie ein Buch im Kopf entsteht.

FT: Frau Raich, wie schreiben Sie Ihre Bücher, wie entsteht in Ihrem Kopf ein Buch?
Sarah Raich: „Ich schreibe ja nicht nur Bücher, sondern auch Kurzgeschichten und Gedichte. Am Anfang steht ein Bild, ein Gedanke, der sich langsam verfestigt. Darum bilden sich dann weitere Bilder und Gedanken, Menschen, Szenen und so baue ich eine Geschichte auf. Allerdings verlangt meine Arbeit auch einen großen Rechercheaufwand. Auch bei ‚All that’s left‘ war das so. Ich hatte darüber nachgedacht, wie es ist, allein in einem Haus zu leben, isoliert zu sein. Dann ließ mich dieser Gedanke nicht mehr los und ich habe angefangen zu schreiben, über ein Mädchen, das isoliert überleben muss – in einer dystopischen Welt, die nicht in der Lage war, den Klimawandel aufzuhalten. Das war 2017, noch bevor Greta Thunberg ihre Stimme erhob. Ich habe mich intensiv mit dem Klimawandel und seinen Folgen beschäftigt, nachgeforscht, welches Szenario uns erwartet, wenn wir den Wandel nicht endlich stoppen. Und diese Zukunft ist nicht eben beschaulich. Erschreckend fand ich dabei besonders, als die Ahrtalflut so geschah, wie ich sie im Buch Jahre zuvor für Wasserburg beschrieben hatte. Nicht weil ich hellseherische Kräfte besitze, sondern weil schon Jahre vorher eine Wissenschaftlerin genauso vor so einer Flutkatastrophe gewarnt hatte.“

Wenn Sie über das Metaverse schreiben, wie weit blicken Sie in die Zukunft?
„Sagen wir rund 20 Jahre. Ich bin nicht der Typ von Autorin, die 200 Jahre in die Ferne schaut und mit viel Fantasie eine neue Welt entwirft. Ich interessiere mich eher für das, was sich am Horizont abzeichnet, für das technisch Greifbare. Da spreche ich zum Beispiel über die Verknüpfung von Gehirnwellen mit dem Computer oder die Kontrolle und Manipulation von Gefühlen. Dinge, mit denen sich die Tech-Welt vom Silicon Valley schon heute intensiv beschäftigt. Und auch wenn die Techies es natürlich gern noch schneller hätten, überrollt uns der technologische Fortschritt mit seiner Geschwindigkeit. Erinnern Sie sich noch an die Versteigerung der UMTS-Lizenzen, die erste mobile Internettechnologie? Das war im Jahr 2000, für seinerzeit teures Geld. Damals wurde darüber gelacht. Heute haben wir 5G, hängen alle am Smartphone und es wird sehr viel Geld verdient.“

Wird die Geschichte Ihres neuen Buches auf der guten Seite oder auf der dunklen Seite der Welt spielen?
„Das Problem ist, dass Menschen dazu neigen, zu fliehen und die kalte Realität hinter sich zu lassen. Da ist das Metaverse mit seinen unendlichen Möglichkeiten, seine ganz eigene Welt aufzubauen, sehr verlockend, zumal die technologischen Fortschritte wirklich rasant sind. Die Frage ist aber, wer kontrolliert das ganze Spiel und wer kontrolliert diejenigen, die das Spiel kontrollieren? Sicher kann das Metaverse auch schöne neue Geschichten erzählen. Aber wahrscheinlicher scheint mir, dass Macht eben missbraucht wird, wenn es keine funktionierende, sanktionsfähige Aufsicht gibt, und davon sind wir gerade im Silicon Valley weit entfernt. Es ist schon beängstigend, wie viel Macht im Sinne von Geld, aber genauso im Sinne von Wissen und Handlungsfähigkeit die Tech-Firmen inzwischen angehäuft haben.“

„Das Metaverse macht die Menschen nicht gut oder schlecht, aber es bietet unendlich viele Gestaltungs- oder Manipulationsmöglichkeiten, je nach Sichtart.“

Wie sähe diese Welt aus?
„Meine Geschichte wird verschiedene Perspektiven einnehmen, aber sie wird in einer Welt spielen, in der auch gut gemeinte Ideen letztendlich pervertiert werden und zu einem Zustand der Unterdrückung und Kontrolle vieler durch einige wenige führen. Das Buch spielt in einer dystopischen Welt, in der Tech-Firmen, Machtwillen und Wirtschaftsinteressen den Handlungsrahmen bilden und vielleicht gut gemeinte Absichten zu einem fatalen Ergebnis führen. Dort treffen zwei Menschen aufeinander, die sich entscheiden müssen. Es gibt nun keinen Mastermind, keinen Plan, der diese Welt herbeigeführt hat, aber es tun sich Gruppen zusammen, um die Welt und die Geschichte nach ihren Vorstellungen um- und neu zu gestalten.

Es geht um die Frage, wie viel man bereit ist, von sich selbst und seinen Werten für den eigenen Erfolg aufzugeben. Wir alle, und damit meine ich die Weltbevölkerung, formen die Welt und die Zukunft. Es liegt aber nur scheinbar allein in unserer Hand, denn es wird immer bestimmte Interessengruppen geben, seien es Religionen, seien es Konzerne oder ganz banal mächtige Regierungen, die die Entwicklung in ihre Richtung kippen wollen. Das Metaverse macht die Menschen nicht gut oder schlecht, aber es bietet unendlich viele Gestaltungs- oder Manipulationsmöglichkeiten, je nach Sichtart.
Ich habe im Silicon Valley gelebt und bin tagtäglich Menschen begegnet, die sehr viel Geld verdienen und mit einem erschreckenden Egoismus und Egozentrik auf alles um sich herum blicken. Menschen, die zweimal die Woche von Los Angeles nach San Francisco fliegen, weil sie hier ein dickes Gehalt kassieren, aber eine unglaubliche Ichbezogenheit und kurzfristiges Denken an den Tag legen. Wen interessieren schon die Dürre und die Hungersnot in Afrika, wenn sich im heimischen Garten Zweifel auftun, ob noch genügend Wasser für den Pool da ist?“

Welche Geschichte werden Sie erzählen, Krimi, Gesellschaftskritik, eine Groteske oder ein Kinderbuch?
„Es ist ein Jugendbuch, aber es ist, so mein Verlag dtv, auch ein Thriller.“

Das Metaverse ist eine Art Parallelwelt. Würden Sie ein Buch auch komplett im Metaverse spielen lassen, dort eintauchen oder doch den Wechsel in die reale Welt zulassen?
„Interessante Frage. Es ist die Frage, wie das Metaverse konzipiert wird. Das erinnert mich an die amazon-Serie ,Upload‘ aus dem Jahr 2020, wo man sich nach dem Tod ins Metaverse beamt, um weiterleben zu können. Ob ein Buch im geschlossenen Metaverse funktioniert, hängt davon ab, wie ich das Fühlen verlinke. Ohne Gefühle kann kein Buch geschrieben werden. Dennoch denke ich, dass der Wechsel zwischen den Welten und die Frage, was das mit den Menschen macht, reizvoller wären.“

Wer wären Ihre Heldinnen und Helden ─ Menschen, Mischwesen oder eine Maschine?
„Mischwesen und Maschinen sind sicher spannende Charaktere, wenn man sie denn so bezeichnen will. Ich tendiere aber zum Menschen in all seiner komplexen Vielschichtigkeit.“

Gutes oder offenes Ende?
„Ganz klar ein offenes Ende. Einmal glaube ich nicht an das Happy End, vor allem aber ist eine Geschichte nie zu Ende erzählt.“

Die Autorin

Sarah Raich wurde 1979 geboren und ist im ländlichen Niedersachsen und Tirol mit viel Weite und Natur aufgewachsen. Sie studierte in Berlin Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften und arbeitete danach als Kreative in Agenturen. Sie lebt mit ihrer Familie in München. Davor lebte sie in Berlin und San Francisco. Über ihre Zeit im Silicon Valley sagt Sarah Raich selbst: Je mehr ich im Silicon Valley lernte, desto mehr wurde mir klar, wie wenig das mit mir zu tun hatte und wie wenig diese Welt zu geben hatte. Wie wenig Antworten es hier gab, obwohl sich jeder Zweite als visionär bezeichnete. Wie absurd eine Welt ist, in der Start-ups Abermillionen Venture-Kapital einsammeln, die tatsächlich nichts weiter tun, als einen weiteren Food Delivery Service auf den Markt zu bringen.“

In ihrem Romandebüt „All that’s left“ geht es um Aufbruch und Reise einer starken jugendlichen Heldin in einer zerstörten Welt. Im nächsten Frühjahr kommt ihr neues Buch im dtv Verlag heraus. Es ist ein Jugendbuch und Thriller, der in der nahen Zukunft angelegt ist. Das Buch spielt in einer dystopischen Welt, in der Tech-Firmen, Machtwillen und Wirtschaftsinteressen den Handlungsrahmen bilden und vielleicht gut gemeinte Absichten zu einem fatalen Ergebnis führen. Dort treffen zwei Menschen aufeinander, die sich entscheiden müssen.