Zurück zur Selbstbestimmung

Mittelstand

„Die Blockchain-Technologie wird uns völlig neue Geschäftsmodelle eröffnen. Wir entscheiden darüber, welche Daten wir wem und für welche Zeit freigeben." Marilyn Repp, stellvertretende Geschäftsführerin vom Mittelstand-Digital Zentrum Handel beim HDE ©HDE

Autor: Markus Oess
Das Metaverse ist die Oberfläche des Internets der Zukunft, von Web3. Wir werden dort Dinge erleben, erfahren, die wir uns heute noch nicht vorstellen können“, sagt Marilyn Repp. Sie ist beim Handelsverband Deutschland stellvertretende Geschäftsführerin vom Mittelstand-Digital Zentrum Handel. Sie soll die Digitalisierung im mittelständischen Handel anschieben. Bevor wir an Metaverse denken, müssen viele Firmen aber erst mal digitale Kompetenz aufbauen. Das ist trotz Corona immer noch nicht durchgängig erledigt. Repp ist aber auch eine große Fürsprecherin des Metaverse und wirbt für eine echte Offenheit gegenüber dem Web3. Es sei dank Blockchain-Technologie, so die Digital-Expertin, der Schlüssel zu einer Zukunft, von der wir nur ansatzweise wissen, wie sie sein wird. Wir werden wieder selbst über unsere Daten in der digitalen Welt bestimmen.

Marilyn Repp über AR/VR und das Eintauchen in die Gamingszene:
„Ich selbst habe zu Hause auch ein Oculos-Set, also VR-Brille und Controller, und bewege mich gern im virtuellen Raum. Ich bin aber keine Gamerin. Man muss sich drauf einlassen, aber es ist ziemlich beeindruckend, wie gut die virtuelle Welt schon in unseren Köpfen erzeugt werden kann. Es gibt viele Möglichkeiten und trotzdem stehen wir immer noch am Anfang, weiß keiner, was wirklich kommen wird und welche Grenzen wir neu definieren werden. Ich persönlich halte derzeit die Gamingszene als den Treiber der Entwicklung. Es wird aber nicht mehr allzu lange dauern, bis das Metaverse sich aus der Nerd-Ecke in Richtung Mitte des Marktes bewegt.“

… über die Notwendigkeit zur Digitalisierung:
„Für die Unternehmen – und hier spreche ich jetzt in erster Linie über den mittelständischen Handel – führt kein Weg an einer systematischen Professionalisierung der digitalen Infrastruktur und der Arbeitsweise vorbei. Im Zentrum allen Tuns stehen der Kunde und seine Bedürfnisse. Also muss ich, bevor ich ihn überhaupt ansprechen kann, wissen, wer er ist, was er will und wie ich ihn ansprechen kann. Kurzum, es geht um Daten. Bevor ich also erste Gehversuche in Richtung Metaverse mache, muss ich als Unternehmen digitale Kompetenz aufbauen. Das beginnt bei der Warenwirtschaft und geht mit einem guten CRM weiter. Ganz klar, die Kommunikation auf Social Media ist ein Muss, um in den Köpfen der Kunden und Kundinnen nicht nur zu sein, sondern auch zu bleiben. Digitalverweigerer sind eine aussterbende Spezies. Genau das ist mein Job beim HDE, den Handel hier abzuholen und dabei zu helfen. Ich habe allerdings ein sehr starkes Leistungsgefälle in diesem Bereich feststellen müssen. Es gibt gute, sehr innovative Mittelständler, aber es gibt noch viel mehr, die einfach noch nicht so weit sind.

Verfügt ein Händler über digitale Kompetenz, kann er die nächsten Schritte in Richtung AR/VR-Anwendungen gehen. Wobei ich auch für die Mode einräumen muss, dass wir technologisch noch nicht so weit sind. Das, was ich bislang erlebt habe, seien es Avatare oder die Möglichkeit, mithilfe meines digitalen Fußzwillings dreidimensionale Schuhmodelle anzuprobieren, hat mich noch nicht überzeugt.

Was das Metaverse angeht, stehen wir noch ganz am Anfang. Einhellige Meinung in der Szene ist, dass es noch nicht wirklich existiert. Was wir augenblicklich sehen, ist ein erstes vorsichtiges Herantasten in eine neue Welt. Außerdem ist das Wissen um Metaverse selbst auf Führungsebene nur rudimentär, wie eine Umfrage des IFH KÖLN gezeigt hat. Also wartet der Handel, der mittelständische zumal, erst einmal ab. Das deckt sich auch mit meinen Erfahrungen draußen, wenn ich unterwegs bin.“

… über Metaverse, Web3 und Blockchain-Technologie:
„Das Metaverse ist die Oberfläche des Internets der Zukunft, von Web3. Wir werden dort Dinge erleben, erfahren, die wir uns heute noch nicht vorstellen können. Eine völlig andere Realität, die mir als Mensch vielleicht eine neue Identität gibt, mit der ich als Gelähmte wieder rennen kann oder völlig neuartige Emotionen erlebe. Es kann aber auch sein, dass diese Welt weniger mit der Realität gemein hat und wir weniger hineinprojizieren. Wir werden dort aber ganz sicher Sehnsüchte befriedigen.

All das möglich aber macht das Web3 als nächste Entwicklungsstufe. Während wir im Web1 starre Internetseiten hatten, in der ich analogen Gewohnheiten folgend konsumiert habe, und Web2 die Interaktion wie Social Media ermöglich hat, erleben wir mit Web3 nicht nur technologisch über die Blockchain, sondern vor allem auch systemisch eine Revolution. Mit der Blockchain wird das Internet demokratisiert, indem die Wertschöpfung vieler nicht mehr in die Kassen weniger Tech-Konzerne fließt. Vielmehr verteilt sich die Wertschöpfung wieder zurück auf uns und wir werden auch wieder über unsere Daten, die digitale Währung, bestimmen. Das liegt daran, dass diese Daten nicht mehr auf zentralen Servern gespeichert werden, die wenigen Unternehmen gehören, sondern dezentral auf vielen Geräten, die wiederum im Besitz von uns allen sind. Selbst wenn ein Gerät manipuliert werden würde, spielt es keine Rolle, weil die echten Daten auch auf vielen anderen Geräten gespeichert sind. Damit wird eine Manipulation sinnlos und die Datenspeicherung sicher. Ein Faktum, weswegen entgegen aller Unkenrufe auch Kryptowährungen sehr stabil und sicher sind.“

Wir entscheiden“

… über Blockchain, neue Geschäftsmodelle und Führungsprinzipien:
„Die Blockchain-Technologie wird uns völlig neue Geschäftsmodelle eröffnen. Wir können unsere Daten selbst organisieren und verwalten. Wir entscheiden darüber, welche Daten wir wem und für welche Zeit freigeben. NFTs, also Non-Fungible Tokens, sind Vermögenswerte, die einem Produkt eine eindeutige Identität verleihen, egal ob die Produkte real oder virtuell sind. Diese NFTs sind ebenfalls frei handelbar, verändern aber ihren Wert, etwa wenn sie Kunstwerken oder Immobilien zugeordnet sind, deren Marktwert sich verändert. Über diese NFTs lassen sich aber auch zum Beispiel Firmenanteile und damit Stimmrechte kaufen und die Unternehmensführung über Mitbestimmung schnell und effizient organisieren. Das ist eine neue Form der Unternehmensführung. Das läuft über DAO, was für Dezentrale Autonome Organisation steht. Und das passiert heute schon.

In Estland gibt es zum Beispiel einen Eier-Bauern, der über NFTs nötige Investitionen in seinen Hof finanziert hat, nachdem ihm seine Bank das Geld nicht geben wollte. In Deutschland gibt es auch erste Projekte. Die Skepsis überwiegt aber noch. Aber es gibt eine bemerkenswerte Ausnahme.“

… über eine bemerkenswerte Ausnahme und Innovationen:
„Kennen Sie die Firma DEITERS? DEITERS verkauft Kostüme und Party-Zubehör. Das Unternehmen betreibt neben 30 Filialen auch einen Online-Shop. Der Mittelständler wurde durch die zurückliegenden Corona-Jahre schwer getroffen und war überdies auch von der Ahrflut betroffen. Die Marketing-Chefin Corinna Dahlhaus ist einen ganz neuen Weg gegangen. Es ging erst mal darum, auszuprobieren und nicht unbedingt einen schnellen ROI zu erzielen. Um eine DEITERS-Fan-Community aufzubauen, wurden über 2.000 individuelle, digitale Kunstwerke erstellt, die dann als NFT verkauft wurden. Einen Solana kostet ein solches NFT, das entspricht in etwa 30 bis 35 Euro. Mitte 2022 startete dann der Dressed Ape Costume Club. Mit dem Erwerb eines DEITERS-NFTs wird man automatisch Teil einer Community, die seither stetig wächst und dem Unternehmen neue Perspektiven eröffnet hat. Mit dem Kauf beziehungsweise dem Beitritt in die DEITERS-Community kann das Unternehmen mit den Kundinnen und Kunden leichter und regelmäßig in Kontakt treten. So laufen immer wieder Verlosungen, etwa für das Oktoberfest, für Festivals und andere Partys. Außerdem erhalten die Community-Mitglieder regelmäßig Rabatte, Gutschein-Codes und sie können an Umfragen zum Sortiment teilnehmen oder starten diese sogar selbst. Laut Dahlaus liegt auch die Conversion Rate deutlich über dem sonst üblichen Niveau. Und es eröffnen sich neue Kooperationsmöglichkeiten. Zum Beispiel hat Red Bull in Kooperation mit DEITERS ein neues Getränk getestet. Wer in die Filialen geht oder die DEITERS-Website besucht, würde kaum denken, dass dieses Unternehmen tatsächlich diesen Club gegründet hat. Von den rund 2.000 NTFs sind inzwischen rund 800 verkauft. Für das Unternehmen von großem Wert ist außerdem das Feedback der Community zum Sortiment. Einzelhändler wissen, wie schwer diese Rückmeldungen von Kundinnen und Kunden sonst zu erhalten sind. Ein großer Mehrwert für den Mittelständler DEITERS.“

Zur Person

Raus aus der Komfortzone, rein in die Zukunft! Das ist Marilyn Repps Botschaft an mittelständische Unternehmen. Beim Handelsverband Deutschland ist sie stellvertretende Geschäftsführerin vom Mittelstand-Digital Zentrum Handel und unterstützt dort den Handel bei der digitalen Transformation. In ihrem Podcast „Zukunft des Einkaufens“ scannt sie die neuesten Trends und Innovationen der Branche. Marilyn Repp ist außerdem eine gefragte Speakerin und Autorin rund um das Thema Metaverse und Web3 im Handel.