„Resilienter gestalten“

OEKO-TEX®

©OEKO-TEX

Autor: Markus Oess
Die Zertifizierungsgesellschaft OEKO-TEX® meldet weitere Veränderungen. Zum einen gibt es zum 30-jährigen Jubiläum einen neuen Markenauftritt, zum anderen startet die Gesellschaft ein neues Angebot. Mit Einführung der neuen RESPONSIBLE BUSINESS Zertifizierung will die Organisation Marken, Markengruppen, Einzelhändler und Händler der Textil- und Lederbranche jetzt auch bei der Umsetzung von menschenrechtlichen und umweltbezogenen Sorgfaltspflichten im eigenen Unternehmen sowie in deren Lieferketten unterstützen. Wir haben mit Generalsekretär Georg Dieners über die Hintergründe gesprochen.

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„Immer mehr nationale Gesetzgebungen fordern von Unternehmen die Implementierung von menschenrechtlichen und umweltbezogenen Sorgfaltspflichten im eigenen Unternehmen sowie in deren Lieferketten.“ Georg Dieners, OEKO-TEX-Generalsekretär

FT: Herr Dieners, Sie haben den Markenauftritt verändert, bringen ein neues Logo, warum?
Georg Dieners:OEKO-TEX® feiert in diesem Jahr 30-jähriges Jubiläum. Da zieht man schon mal Resümee. Wir blicken zurück auf eine erfolgreiche Geschichte, entlang derer wir stets auf Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse nicht nur zum Verbraucherschutz beigetragen haben, sondern auch Transparenz in der Textil- und Lederbranche fördern. Transparenz gilt als Voraussetzung, um Unternehmen und Konsumierende zu verantwortungsvollen Entscheidungen für mehr Nachhaltigkeit zu befähigen und dadurch wertvolle Ressourcen zu schützen. Um zu Transparenz zu ermutigen, steht bei uns bis heute die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der Textil- und Lederindustrie im Fokus. Durch die stetige Weiterentwicklung unseres Portfolios wollen wir inspirieren und motivieren, die Industrie und ihre Produkte transparenter, sicherer und vor allem nachhaltiger zu gestalten. Deshalb blicken wir nach vorne statt zurück. Mit Blick auf die Zukunft haben wir entschieden, unserem Markenauftritt einen Refresh zu geben, der unsere seit Jahrzehnten beständigen Werte kommunikativ in die Gegenwart überträgt. Die neue Bildsprache inklusive des Logos spiegelt unseren klaren, lösungsorientierten Ansatz wider. Sie erleichtert Unternehmen die Kommunikation und bietet Verbraucherinnen und Verbrauchern im Handel eine klare Orientierung.“

Bis Ende 2024 dürfen noch die alten Labels aufgebraucht werden. Das müsste lange genug sein. Was machen Sie, wenn dennoch nach 2024 ein altes Label auftaucht?
„Wie oben beschrieben, ist es unser Anspruch, möglichst partnerschaftlich mit der Industrie zusammenzuarbeiten. Deshalb sind wir optimistisch, dass uns die Umstellung auch gemeinsam gelingt. Falls dem einen oder anderen Unternehmen der Wechsel aus internen Gründen bis Ende 2024 nicht möglich sein sollte, werden wir sicher eine gemeinsame Lösung finden. Schließlich soll unser neuer Look unseren Partnern die Kommunikation erleichtern.“

Sie starten mit einem neuen Programm, der OEKO-TEX® RESPONSIBLE BUSINESS Zertifizierung. Was steckt dahinter?
„Immer mehr nationale Gesetzgebungen fordern von Unternehmen die Implementierung von menschenrechtlichen und umweltbezogenen Sorgfaltspflichten im eigenen Unternehmen sowie in deren Lieferketten. Dabei sehen sich die Unternehmen mit den vielfältigen Aspekten unterschiedlicher Interessengruppen weltweit konfrontiert. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Verbraucherinnen und Verbraucher, Investorinnen und Investoren sowie Medien und Politik vertreten unterschiedliche Standpunkte, die alle im Verantwortungsbereich der Unternehmen zusammenlaufen. Mit Einführung der neuen OEKO-TEX® RESPONSIBLE BUSINESS Zertifizierung unterstützt OEKO-TEX® Marken, Markengruppen und Händler der Textil- und Lederbranche ab November 2022 bei der Umsetzung dieser vielfältigen Herausforderungen. Teilnehmende Unternehmen können dabei zwischen einer Beurteilung des Due-Diligence-Status ihres Unternehmens durch ein Selbstbewertungstool oder einer Zertifizierung zur Validierung der durch die Selbstbewertung gewonnenen Informationen wählen. OEKO-TEX® RESPONSIBLE BUSINESS basiert auf einer Vielzahl internationaler Richtlinien, allen voran den OECD-Leitsätzen für multinationale Unternehmen mit zusätzlichem Fokus auf Klimaschutz. Mit der Zertifizierung unterstützt OEKO-TEX® Unternehmen darin, bestehende und potenzielle negative Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit innerhalb ihrer eigenen Aktivitäten, ihrer Lieferketten und Geschäftsbeziehungen zu verhindern und zu mindern. Eine Erweiterung unseres Portfolios in diese Richtung war uns besonders wichtig, da OEKO-TEX® nicht nur für Produktsicherheit steht, sondern sich auch kontinuierlich für transparente Lieferketten und unternehmerische Verantwortung einsetzt. Im Sinne der Due Diligence ist eine ganzheitliche Analyse und Bewertung entscheidend. Dabei setzen wir auf unser bewährtes System aus 30 Jahren Know-how in der Textil- und Lederindustrie und weltweit standardisierten OEKO-TEX®-Prozessen.“

„Die Selbstbewertung führt zu keiner Zertifizierung. Sie bietet Unternehmen die Möglichkeit, zunächst eine interne Bewertung des Due-Diligence-Status durchzuführen und den eigenen Verbesserungsbedarf zu identifizieren – bevor es zu einer Zertifizierung kommt.“

Wo sehen Sie beim Thema Sorgfaltspflichten im Lieferkettengesetz die größten Hürden?
„Textil- und Lederunternehmen stehen wie fast alle anderen Industrien aktuell vor riesigen Herausforderungen, die die internationalen Entwicklungen der letzten drei Jahre noch einmal massiv verstärkt haben. Mit der Pandemie kamen die Gesundheitskrise sowie der Wandel sämtlicher Arbeitsprozesse durch den Digitalisierungsschub. Seit dem Krieg in der Ukraine und der damit verbundenen Energiekrise wird die internationale politische Ordnung hinterfragt. Lieferketten sind heute internationaler denn je und somit anfällig für jede dieser Krisen. Vielen Unternehmen fehlt nach wie vor das Wissen, wie sie ihre Lieferketten für diese und zukünftige Herausforderungen resilienter gestalten können. Ein systematischer Ansatz ist hier viel wert, weswegen wir OEKO-TEX® RESPONSIBLE BUSINESS entwickelt haben.“

Reicht bei dem Thema eine Selbstbewertung aus oder müsste nicht auch extern geprüft werden?
„OEKO-TEX® RESPONSIBLE BUSINESS wurde als modulares System entwickelt, um Unternehmen den Zugang zu Due Diligence zu erleichtern. Doch hier gilt es zu unterscheiden: Die Selbstbewertung führt zu keiner Zertifizierung. Sie bietet Unternehmen die Möglichkeit, zunächst eine interne Bewertung des Due-Diligence-Status durchzuführen und den eigenen Verbesserungsbedarf zu identifizieren – bevor es zu einer Zertifizierung kommt. Die Selbsteinschätzung funktioniert dabei als eigenständiges Self-Assessment-Tool. Im Anschluss kann das Unternehmen dann entscheiden, den Status anhand eines Audits durch ein Institut prüfen und zertifizieren zu lassen. Der daraus resultierende Bericht kann öffentlich kommuniziert werden. Das Zertifikat ist drei Jahre gültig, wird durch jährliche Compliance-Audits ergänzt und kann anschließend beliebig oft verlängert werden.“

Würde es Sinn machen, mit externen Partnern zusammenzuarbeiten, etwa beim Thema Risikobewertung oder Beschwerdemanagement?
„Wie bei allen anderen Zertifizierungen der OEKO-TEX®-Gemeinschaft stehen wir der Anerkennung anderer Standardorganisationen, soweit sie unsere Werte- und Qualitätsvorstellungen teilen, offen gegenüber.“

RESPONSIBLE BUSINESS teilt sich in sechs verschiedene Bereiche und Abschnitte auf. Bauen diese aufeinander auf oder kann ich das alles gleichzeitig abarbeiten?
„Der Due-Diligence-Prozess in OEKO-TEX® RESPONSIBLE BUSINESS betrachtet folgende Bereiche:

  • die Unternehmensgrundsätze
  • die Transparenz der Lieferketten und deren Risikobewertung
  • die Integration angemessener Maßnahmen
  • eine kontinuierliche Überprüfung der getroffenen Maßnahmen
  • eine transparente und öffentliche Kommunikation und Berichterstattung
  • die Einführung eines Beschwerdemechanismus

Diese Bereiche sind gleichwertig zu beachten und obwohl eine Überprüfung des Status quo und die entsprechende Implementierung der Reihe nach Sinn machen, kann im Unternehmen auch parallel daran gearbeitet werden.

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Darüber hinaus implementiert OEKO-TEX® einen freiwilligen siebten Abschnitt, um die Bedeutung des Klimaschutzes hervorzuheben. Hier können Unternehmen den Implementierungsstand einer Klimastrategie zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels des Pariser Abkommens im Unternehmen abbilden. Dieser Bereich wird separat betrachtet und eine mögliche Zertifizierung der Sorgfaltspflichten bleibt hiervon unberührt.“

Wonach haben Sie sich bei der Erarbeitung des Programms orientiert, wer war bei dem Prozess noch an Bord?
„Die Entwicklung des Standards erfolgte auf Basis

  • der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte (UNGPs)
  • der OECD-Leitlinie für multinationale Unternehmen
  • der OECD-Due-Diligence-Leitlinie für die Bekleidungs- und Schuhwarenindustrie
  • der OECD-Leitlinie für Responsible-Business-Geschäftsverhalten
  • des deutsches Lieferkettengesetzes
  • des europäischen Vorschlags –̶ Richtlinie über die Due-Diligence-Prüfung von Unternehmen im Bereich Nachhaltigkeit

Basierend auf den OECD-Richtlinien, betrachtet der Due-Diligence-Prozess in RESPONSIBLE BUSINESS die oben beschriebenen sechs verschiedenen Bereiche sowie den freiwilligen siebten Abschnitt zum Klimaschutz. Darüber hinaus bezogen wir die Empfehlungen der Expertinnen und Experten unserer internationalen Arbeitsgruppen sowie von Branchenkennern, die sich seit Jahrzehnten mit dem Thema Due Diligence auseinandersetzen, mit ein.“

Noch stehen Sie damit am Anfang, aber gibt es eine erste Einschätzung, Reaktion aus dem Markt und wie fällt diese aus?
„Noch vor dem offiziellen Launch haben wir mit ausgewählten Kundinnen und Kunden Pilotprojekte gestartet, um die Zertifizierung in der Anwendung zu prüfen und von Anfang an möglichst praxistauglich zu gestalten. Branchenintern wurde uns bisher ein extremer Bedarf an einem strukturierten Ansatz wie OEKO-TEX® RESPONSIBLE BUSINESS gespiegelt und dessen Einführung Anfang November entsprechend begrüßt.“

Mit wie vielen Zertifikaten rechnen Sie in den ersten drei Jahren?
„Das Ziel von OEKO-TEX® RESPONSIBLE BUSINESS ist, möglichst viele Unternehmen auf dem Weg zu Due Diligence zu unterstützen. Wir sind dabei auch der Überzeugung, dass es für die Unternehmen sehr hilfreich ist, mit RESPONSIBLE BUSINESS eine pragmatische Leitlinie an die Hand zu bekommen, um die Herausforderung der auch bald gesetzlichen Anforderungen bewältigen zu können.“

Wie sehen die nächsten Schritte aus?
„Die Pilotprojekte laufen weiter und auch aus den ersten offiziellen Zertifizierungen werden wir Learnings ziehen, die wir nach und nach implementieren. Unser Ziel ist es, der Branche mit OEKO-TEX® RESPONSIBLE BUSINESS bei ihren aktuellen Herausforderungen bestmöglich zur Seite zu stehen und Lösungen anzubieten.“

Hintergrund

Die Zertifizierungsorganisation OEKO-TEX® feiert ihr 30-jähriges Bestehen und meldet einen neuen Markenauftritt. Entwickelt und umgesetzt wurde dieser mit der Düsseldorfer Design- und Markenagentur Schwitzke ID. Der Marken-Refresh sei inspiriert von Klarheit, Transparenz und Konsistenz, die für die Arbeit der Organisation unersetzlich seien, heißt es weiter.

Zum anderen startet die Gesellschaft ein neues Angebot. Mit Einführung der neuen RESPONSIBLE BUSINESS Zertifizierung will die Organisation Marken, Markengruppen, Einzelhändler und Händler der Textil- und Lederbranche jetzt auch bei der Umsetzung von menschenrechtlichen und umweltbezogenen Sorgfaltspflichten im eigenen Unternehmen sowie in deren Lieferketten unterstützen. Dabei können Unternehmen zwischen einer Bewertung des Due-Diligence-Status ihres Unternehmens durch ein Selbstbewertungstool und einer Zertifizierung zur Validierung der durch die Selbstbewertung gewonnenen Informationen wählen. Der Werkzeugkasten OEKO-TEX® RESPONSIBLE BUSINESS basiert auf einer Vielzahl internationaler Richtlinien, insbesondere den OECD-Leitsätzen für multinationale Unternehmen mit zusätzlichem Fokus auf Klimaschutz.