„Es gibt keinen Königsweg“ 

Création Gross

©Création Gross

Autor: Markus Oess
Wie wird man ein guter Geschäftsführer und wann ist die Zeit reif dafür? Welche Schwerpunkte setzt der Hersbrucker Menswearspezialist in der Zukunft und was hat das mit Nachhaltigkeit zu tun? Dominik Gross wird in naher Zukunft in vierter Generation Geschäftsführer des Familienunternehmens Création Gross. FT hat mit ihm und Stefanie Denk, Head of Sustainability & Innovation, über diese und andere Zukunftsthemen gesprochen.

„Das Produkt ist der Schlüssel. Hier muss alles passen. Für Création Gross ist aber unter anderem auch der Vertrieb und hier die Internationalisierung eine zentrale Stellschraube.“ Dominik Gross, Geschäftsführung Création Gross GmbH & Co. KG

FT: Herr Gross, tragen Sie auch Anzüge anderer Marken?
Dominik Gross: „Klar habe ich schon öfter testweise in den Anzügen der Konkurrenz gesteckt. Aber gekauft, geschweige denn dauerhaft getragen, habe ich noch keinen.“

Wann war Ihnen denn klar, dass Sie ins Familienunternehmen eintreten werden?
Gross: „Die Option, ins elterliche Unternehmen einzusteigen, gab es natürlich. Aber es gab keinen fest definierten Zeitpunkt, der mich zu dieser Entscheidung brachte. Der Entschluss reifte mit der Zeit.“

War Ihre Ausbildung von Anfang an so ausgelegt?
Gross: „Mein Studium ist sicher hilfreich für meine Aufgabe, aber es ist beruflich doch breiter gefächert.“

Was meinen Sie, wie wird man ein guter Geschäftsführer?
Gross: „Wenn ich die Frage umfassend beantworten würde, säßen wir wahrscheinlich morgen noch hier. Ich denke nicht, dass es hier nur den einen Königsweg und eine eindeutige Antwort gibt, sondern dass es ein ganzes Paket an Kompetenzen braucht, um den Aufgabenfeldern gerecht zu werden. Dazu gehören sicherlich Zuverlässigkeit, Berechenbarkeit, Führungs- und Kommunikationsstärke, aber auch ein hohes Maß an Flexibilität und natürlich das ‚Brennen für die Sache‘.“

Sie übernehmen die Position von Herrn Böhm und arbeiten mit ihm eng zusammen. Wann ist die Staffelübergabe?
Gross: „Es war mein Wunsch, dass Herr Böhm mich noch in der Anfangsphase begleitet und auf meine Aufgaben vorbereitet. Es gibt kein fixes Datum, wir haben keinen Druck, die Entscheidung schnellstmöglich zu treffen.“

Vom Produkt bis zum Vertrieb – wo sehen Sie derzeit die wichtigsten Themenfelder mit Blick auf die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens?
Gross: „Das Produkt ist der Schlüssel. Hier muss alles passen. Für Création Gross ist aber unter anderem auch der Vertrieb und hier die Internationalisierung eine zentrale Stellschraube. Wir haben Länder definiert, in denen wir sehr gute Wachstumsperspektiven für uns ausgemacht haben. Diese gilt es, gezielt anzugehen und auszubauen. Beispielsweise Frankreich, UK, aber auch Skandinavien sind solche Länder. Auch das Thema Nachhaltigkeit ist ein zentrales Handlungsfeld. Einmal, weil gerade auch die jüngeren Endkunden es fordern werden, auch wenn der Preis immer noch entscheidet. Zum anderen, weil es unsere gesellschaftliche Pflicht ist, Produkte, die wir auf den Markt bringen, so ressourcenschonend wie möglich herzustellen.
Also werden wir am Produkt mit CONCEPT GREEN für CARL GROSS und NextGen project für CG – CLUB of GENTS kontinuierlich arbeiten, aber auch an den Prozessen und am Unternehmen selbst. Wir haben gerade ein neues ERP-System implementiert, das bringt uns ein ganzes Stück weiter und macht uns zukunftssicher. Es hatte aber vor allem den Effekt, dass wir unsere internen Prozesse nochmals angepasst und optimiert haben.“

„Die Option, ins elterliche Unternehmen einzusteigen, gab es natürlich. Aber es gab keinen fest definierten Zeitpunkt.“

Nach Corona kam der Boom und nach dem Boom der Krieg – welche Erwartungen haben Sie für das Geschäftsjahr 2023? Die Création Gross GmbH & Co. KG hat das Geschäftsjahr 2022 mit einem Umsatz von 74,2 Millionen Euro als das erfolgreichste der Unternehmensgeschichte abgeschlossen. „Wir sind uns sicher, den Umsatz 2023 weiter ausbauen zu können“, hatte Ralph Böhm, Geschäftsführer Création Gross, bei der Bekanntgabe der Zahlen gesagt. Bleibt es dabei?
Gross: „Ich bin da sehr zuversichtlich. Wir sind gut in das erste Quartal gestartet und die Vororderergebnisse gestalten sich positiv. Jetzt kommt es darauf an, die Erwartungen auch zu erfüllen und im wahrsten Wortsinn zu liefern und auch im Sommer eine ordentliche Order einzufahren.“

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Wenn wir schon von Zukunft sprechen, wie groß sind Ihre Sorgen um den deutschen Handel?
Gross: „Wir arbeiten eng mit unseren Handelspartnern zusammen, wissen um deren Stärken und die Herausforderungen auf der Fläche. Sicher ist jede einzelne Insolvenz tragisch, aber wir bewerten die Situation anderer Firmen nicht, sondern fokussieren uns auf unsere Themen. Es steht uns auch nicht zu, über andere zu urteilen. In der Summe ist es schwer, ein globales Urteil abzugeben, dazu ist der Handel zu vielschichtig.“

Wie schauen Sie auf Berlin und Florenz?
„An der Messe in Berlin werden wir diese Saison nicht teilnehmen. Wir werden aber in Florenz mit beiden Marken auf der Pitti Uomo vertreten sein. Ich verspreche mir auch von der internationalen Präsenz einen Impuls. Wir haben eine sehr gute Positionierung mit beiden Marken, lassen Sie sich einfach überraschen und besuchen Sie uns auf der Pitti.“

 Wir haben Nachhaltigkeit seit einem Jahr strategisch neu aufgegriffen und auch organisatorisch in der Unternehmensführung verankert.“ Stefanie Denk, Head of Sustainability & Innovation

Ein weiteres Themenfeld ist die Nachhaltigkeit. Deren Bedeutung nimmt zu, nicht zuletzt auch durch die staatlichen Institutionen. Sie haben mit Stefanie Denk eine Managerin, die sich eigens um diesen Bereich kümmert, und den ersten Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht. Wo steht das Unternehmen heute?
Stefanie Denk: „Wir haben Nachhaltigkeit seit einem Jahr strategisch neu aufgegriffen und auch organisatorisch in der Unternehmensführung verankert. Seither ist eine Menge passiert. Auf Produktebene sind wir ja bereits einige Schritte gegangen. Wir sind unter anderem seit 2021 GOTS-zertifiziert. Im Sommer 2022 machte CARL GROSS CONCEPT GREEN 50 Prozent der gesamten CARL-GROSS-Kollektion aus, im zurückliegenden Winter lag der Anteil bei 60 Prozent. Nach Umsatz waren es im vergangenen Sommer aufgrund der hohen Abverkäufe im Bereich der Anlassmode bereits 80 Prozent. CG – CLUB of GENTS hat das NextGen project mit der Saison Herbst/Winter 2023 gelauncht. Die Kapsel zeichnet sich aus durch zertifiziert nachhaltige Oberstoffe, diese sind zum Beispiel GOTS-zertifizierte natürlich nachwachsende Rohstoffe oder bestehen aus recycelten Materialien. Auch das bauen wir aus. Wir haben inzwischen den ersten Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht und wissen nun, wo wir stehen. Jetzt werden wir auf Produktebene Schritt für Schritt die gesamte Kollektion in Angriff nehmen.“

Wie sieht es mit den anderen Bereichen aus, der Produktion, der Logistik et cetera?
Denk: „Wir investieren in unser Headquarter und rüsten es energetisch auf. Unter anderem mit neuen Fenstern, Dämmung und einer PV-Anlage. Es sind aber auch die kleinen Schritte, die unseren CO2-Ausstoß verringern können. So planen wir gemeinsam mit der Firma FACKELMANN und der Stadt Hersbruck ein neues Konzept, um den Nahverkehr für unsere Mitarbeiter attraktiver zu gestalten.“

 Wie geht es weiter, was sind die nächsten Schritte?
Gross: „Entscheidend wird sein, Transparenz zu schaffen, sich die textile Lieferkette umfassend anzusehen und an den sich auftuenden Stellschrauben peu à peu zu arbeiten. Parallel arbeiten wir intensiv an den gesetzlichen Vorgaben, Stichwort Green Deal. Da sehe ich uns auf einem guten Weg.“

Wann glauben Sie werden Sie den Posten eines Head of Sustainability & Innovation abschaffen können, weil Nachhaltigkeit Standard geworden ist?
Denk: „Nachhaltigkeit voranzubringen, wird ein dauerhafter Prozess sein. Die Anforderung an ‚nachhaltige Produkte‘ wird sich über die nächsten Jahre stark verändern. Da bin ich mir sehr sicher. Wir stehen hier erst am Anfang. Und wenn dann irgendwann alles getan ist, widme ich mich anderen Themen.“

Gross: „Anders ausgedrückt: Unserer Head of Sustainability & Innovation gehen die Aufgaben so schnell nicht aus.“

Die Gesprächspartner:
Mit dem Sohn von Mitinhaber Peter Gross, Dominik Gross, ist die vierte Generation der Unternehmerfamilie bei dem Menswearspezialisten Création Gross, Hersbruck, eingestiegen. Der Betriebswirt studierte in Bamberg und absolvierte seinen Master in Hong Kong mit Schwerpunkt in den Bereichen Marktstrategie und Finance. Die letzten Jahre arbeitete er unter anderem als Key Account Manager bei dem Konsumgüterkonzern Reckitt Benckiser in Heidelberg. Zuvor absolvierte er während seines Studiums ein Praktikum bei s.Oliver Asia Ltd., Hong Kong, in dem Bereich Business Analytics & Merchandising. Gross wird nach einer Einarbeitungsphase in die Geschäftsführung eintreten und die Funktionsbereiche Vertrieb, Produkt und Marketing vom langjährigen Geschäftsführer Ralph Böhm übernehmen.