Haderlump | Acceptance Letter Studio

NEUDEUTSCH

Zugehörigkeit oder kontraintuitiv? Beides geht gut! Design aus Deutschland ©FT

Autor: Markus Oess
Auf der Pitti Uomo #105 in Florenz präsentierte sich unter der Head NEUDEUTSCH ein Sonderprojekt – ein Design-Showcase mit Kollektionen und Arbeiten von Nachwuchsdesignern, die ihr kreatives Zuhause in Deutschland haben. Nachdem wir in der zurückliegenden Ausgabe das Projekt vorgestellt und dessen Kurator Julian Daynov dazu interviewt haben, stellen wir in einer neuen Serie Designer und Marken vor. Diesmal dabei: Johann Ehrhardt mit Haderlump und Jakeyoung Shim mit Acceptance Letter Studio. Die Markenpaare hat Julian zusammengestellt.

Haderlump

About

„Mich haben immer schon Manufakturen fasziniert, die Arbeit von Künstler:innen.” Johann Ehrhardt 

Haderlump zeigt seit 2023 auf der Fashion Week. Das junge Berliner Label steht für eine progressive Ästhetik und eine neue urbane Uniform. Kreativdirektor Johann Ehrhardt bearbeitet klassische Workwear zu futuristischer Mode mit industriellem Look. Neutrale Farben wie Blau, Schwarz und Braun treffen auf makelloses Handwerk und eine hohe Sensibilität für Formen. Experimentelle Silhouetten zählen zur Signatur des Labels. Für die Kollektionen verwendet Haderlump ausschließlich Deadstock-Materialien.
„Ich komme eigentlich vom Handwerk“, sagt der Gründer von Haderlump Johann Ehrhardt über sich. Und weiter: „Mich haben immer schon Manufakturen fasziniert, die Arbeit von Künstler:innen. Materialien, die zu etwas anderem werden. Das ist auch sicher nur ein möglicher Weg unter vielen. Ich nehme meinen Weg als Ausdruck und Konsequenz einer kreativen und aufmerksamen Haltung zur Welt wahr. Da spielt meine erste Nähmaschine, die ich nicht mehr aus der Hand geben wollte, eine Rolle. Eine andere spielt die wirklich spannende Ausbildung am Berliner Lette Verein. Was sich seitdem getan hat, erlebe ich in vielerlei Hinsicht als verrückt – alles entwickelt sich gerade sehr schnell.“
Am 6. Februar 2024 hat Haderlump auf der Fashion Week in Berlin die Kollektion „Circularis“ präsentiert, die in Zusammenarbeit mit DHL entstanden ist. Den Namen verdankt die Kollektion dem Thema Circular Fashion. Neben der Nachhaltigkeit sei es bei der Arbeit an „Circularis“ auch darum gegangen, die eigene Designsprache auf glaubwürdige und interessante Art und Weise mit der Identität von DHL zu verbinden, so Johann Ehrhardt.

Drei Fragen an Johann Ehrhardt

FT: Was macht Deine/Eure Brand zur NEUDEUTSCHEN Marke?
Johann Ehrhardt: „Wir finden es spannend, uns selbst und das alte ‚Modesystem‘ herauszufordern: Wie können wir zeigen, dass nachhaltige Mode spannend sein kann? Auch interessant: Wie definieren wir Nachhaltigkeit? Denn das, was wir machen, ist fast schon anachronistisch, ist absolute Slow Fashion, gemacht von Hand. Dann: Wie kann eine zeitgemäße, selbstbewusste und zugleich progressive urbane Uniform aussehen? Wie kann man Fragen nach Identität, Zeitgeist und vielleicht sogar Zukunft in Mode ausdrücken? Was funktioniert da überhaupt? Was wollen wir heute eigentlich wirklich tragen, von uns als Individuen preisgeben, verstecken, worüber wollen wir uns definieren?“

Haderlump, auch Hadersack, Lumpensack, Lumpsack, Lump, ist ein „gebräuchliches Schimpfwort für einen Habenichts oder Taugenichts, zumal, wenn er in abgerissener Kleidung daherkommt. Als ein Lump gilt besonders eine Person, die als charakterlich minderwertig oder gewissenlos handelnd angesehen wird.“ Ist nicht von mir, sondern von Wikipedia. Preislich liegt ihr schon im oberen Bereich, warum also der Markenname?
„Unser Name ist vielleicht ein wenig umstritten oder sagen wir, er ist kontraintuitiv. Aber für uns macht er einfach Sinn. Der Begriff Haderlump geht zurück auf den Lumpensammler, auf Menschen, die eigentlich obdachlos waren, die ausgediente Kleidung und Stoffreste, also die ‚Hadern‘ oder ‚Lumpen‘, gesammelt oder auch aufgekauft und an Papierfabriken verkauft haben. Das ist eigentlich sehr ähnlich wie das, was wir heute machen, nur dass wir Kleidung aus den gebrauchten Stoffen herstellen. Eigentlich waren diese Menschen Pioniere und ihrer Zeit voraus. Der Name spiegelt den aktuellen Zeitgeist. Uns gefiel auch der industrielle Aspekt, außerdem das Subversive. Es geht auch darum, etwas jenseits konventioneller Entwürfe zu bauen. Auf Deutsch klingt der Name in einem modischen Kontext einfach interessant, da ist man als Muttersprachler im Vorteil. Natürlich spielt in der ursprünglichen Bedeutung auch die Armut eine Rolle, und als eher privilegierte Menschen bewegen wir uns hier auf einem schmalen Grat. Aber der Name hat uns einfach sofort angesprochen.“

Deine Marke ist schon breiter bekannt, anerkannt. Ihr macht Ready to Wear und produziert auch auf Anfrage. Wie greifst du dabei die individuelle Persönlichkeit, die Identität Deiner Kunden modisch auf und welchen Einfluss nimmt das wiederum auf Deine Ready-to-Wear-Kollektion? 

„Unsere Zielgruppe ist die kreative Boheme: urban, kosmopolitisch; interessiert an progressiver Kunst und auf der Suche nach neuen Grenzen und unkonventionellen Erfahrungen. Privatkund:innen kommen zu uns, weil sie unsere/diese Art Mode schätzen. Es gibt dann für mich nichts Schöneres, als individuelle Details, Vorlieben, Ideen in ein Custom-Outfit zu integrieren. Das erweitert ja auch meinen Horizont. Manche dieser Details können so inspirierend sein, dass wir sie dann auch in unsere Ready-to-Wear-Kollektion mit einfließen lassen.“

Price Range: 90 Euro bis 890 Euro

Kalkulation: 2,2 bis 2,9

Haderlump folgen: www.haderlump.berlin | Instagram

Acceptance Letter Studio

About

Mode ist mehr als nur das Tragen eines Kleidungsstücks; meine Aufgabe ist es, diese Gefühle durch meine Modepraxis zu wecken.“ Jakeyoung Shim 

Das Label Acceptance Letter Studio wurde 2021 von dem in Korea geborenen Designer Jakeyoung Shim in Berlin gegründet und debütierte mit seiner Kollektion während der Berlin Fashion Week und der Seoul Fashion Week F/W 2023.
„Wir sind ein geschlechterfreies, dezentrales Modelabel mit Sitz in Berlin und Seoul. Hinter dem Namen der Marke steckt eine Botschaft“, sagt Shim. Ein Acceptance Letter ist die Bestätigung, dass eine geleistete Arbeit angenommen wurde und dementsprechend Akzeptanz erfährt. „Bei Acceptance Letter arbeiten wir daran, dieses Gefühl der Bestätigung und Zugehörigkeit zu erweitern. Wir bemühen uns, Werke zu schaffen, die Sehnsucht, Wärme und Nähe wecken, statt Distanziertheit, Kühle und Exklusivität“, sagt Shim weiter.

 

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Zu F/W 2024 hat das Label mit „Poetic Framing“ eine Hommage-Kollektion auf den Weg gebracht, gewidmet den koreanischen Gastarbeitern, die in den 70er und 80er Jahren nach Deutschland kamen. „Inspiriert von der klassischen Schneiderei und Arbeitskleidung, die die Einwanderer trugen, präsentieren wir eine Hommage an die Menschen, die vor uns kamen und die Existenz von Unternehmen wie Acceptance Letter ermöglicht haben“, sagt Jakeyoung Shim.

Drei Fragen an Jakeyoung Shim

FT: Was macht Deine/Eure Brand zur NEUDEUTSCHEN Marke?
Jakeyoung Shim: „Unsere Werte und unsere Gründungsgeschichte repräsentieren die moderne Berliner und deutsche Gesellschaft, die sich auf den Weg gemacht hat, ein breiteres und vielfältigeres kulturelles Kraftwerk zu werden. Das macht uns zu einer NEUDEUTSCHEN Marke.“

Was bedeutet für dich Wärme und Zugehörigkeit?
„Ich finde, dass diese beiden Emotionen am meisten Bestätigung und Menschlichkeit ausstrahlen. Unabhängig davon, wer man ist, sind wir als Menschen dazu bestimmt, ein Gefühl der Zugehörigkeit und der positiven Interaktion in der Gemeinschaft zu suchen. Mode ist mehr als nur das Tragen eines Kleidungsstücks; meine Aufgabe ist es, diese Gefühle durch meine Modepraxis zu wecken.“

Wie verschmilzt Du koreanische und deutsche Kultur zu Mode und gibt es ein prägendes Element, das Deine Kollektion auszeichnet?
„Ja, es betrifft meine Erziehung, meine Ausbildung, meine Berufserfahrung und mein allgemeines Verständnis für die Geschichte der zwei Länder, die nach dem Zweiten Weltkrieg beide eine Phase des Wiederaufbaus durchlaufen haben. In den 90er Jahren kam das Konzept des Individuums auf und beeinflusste alle Facetten der Designwelt. Die Menschen in Deutschland und Korea begannen zu erforschen, was es heißt, sich durch Mode auszudrücken, und erleben derzeit einen starken kulturellen Aufschwung. Obwohl sich die Werte und Tendenzen unterscheiden, sehe ich viele parallele Erfahrungen, was dazu führt, dass ich bewusst oder unbewusst zwei Kulturen in meine Mode einfließen lasse.“

Price Range: 65 Euro bis 650 Euro

Kalkulation: 2,0 bis 2.5

Acceptance Letter Studio folgen: https://acceptanceletterstudio.eu/ | Instagram

Sonderprojekt

Julian Daynov ©Slav+Huben

Als Einkäufer, Fashion Director, Unternehmensberater und Brand Scout unterstützt Julian Daynov internationale Modemarken und Global Player im Einzelhandel bei der Auswahl ihrer Designer-Portfolios vielversprechender Newcomer-Labels aus der ganzen Welt. Julians Spezialgebiet sind die Neupositionierung und Neuerfindung von Marken, Strategie-Entwicklung und Adaptierung der Produktpaletten und der Brand-Tonalität an aktuelle Trends und das künftige Konsumentenverhalten. Von Berlin aus leitet er sein eigenes Büro für Markenstrategie und unterrichtet Mode- und Brandmarketing.

Julian hat NEUDEUTSCH, ein Sonderprojekt der Pitti Uomo, kuratiert. Dahinter verbirgt sich ein Design-Showcase mit Kollektionen und Arbeiten von rund 20 Nachwuchsdesignern, die ihr kreatives Zuhause in Deutschland haben. Der Begriff NEUDEUTSCH bezieht sich eigentlich auf die ständige Transformation und Weiterentwicklung der deutschen Sprache. Die Design-Installation greift die Idee von NEUDEUTSCH als symbolisches Narrativ der sich ständig weiterentwickelnden deutschen Design-Ästhetik auf.
Das Projekt präsentiert unter anderem ACCEPTANCE LETTER STUDIO, AVENIR, BUDDE, EQUALITY PERFUMES, FRNKOW, HADERLUMP, HERNÁN, INTERNATIONAL CITIZEN, j’ai mal à la tête, MARKE, MUTI, NOAM, NEW TENDENCY, OBS, oftt, SARAH ILLENBERGER, SEBASTIAN HERKNER.