Die Ästhetik gefluteter Bäume

geoDESIGN

Alle Bilder ©geoDESIGN

Autorin: Tays Jennifer Köper-Kelemen
Geflutete Bäume, Plastikmüll, Lithium-Minen – die Textildesignerin Inga Wullenweber überträgt Luftaufnahmen von Umweltkatastrophen auf ihre Stoffe, um so auf die Bedrohung unseres Planeten aufmerksam zu machen. FASHION TODAY hat die Kreative nach ihren Beweggründen gefragt.

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Textilien mit Botschaft

Stoffkollektionen mit Botschaft sind das Metier von Inga Wullenweber. Die Krefelder Textildesignerin kreiert seit 2022 mit ihrem Projekt geoDESIGN unkonventionelle Musterbilder, die auf Luftaufnahmen von Umweltkatastrophen gründen. Wullenweber möchte so gezielt auf Klimakrise und Überkonsum aufmerksam machen, die Schnelllebigkeit unserer Zeit infrage stellen. Ihre Entwürfe bewegen sich zwischen einer reinen, modischen Ästhetik und dem Schrecken um die Bedrohung unseres Planeten. Die Musterbilder auf den Textilien sind an die Optik gefluteter Bäume, Plastikmüll und Lithium-Minen angelehnt. Wullenweber möchte das Projekt möglichst öffentlich vorstellen, hat Kunstprojekte im Blick. Es sollen konkret Endverbraucher dazu bewegt werden, ihre persönliche Lebensweise zu überdenken und verantwortungsbewusst Umwelt mitzugestalten. Zur Präsentation der Designs werden Stoffe aus Bio-Baumwolle in einer ökologischen Textildruckerei bearbeitet. Über einen nachhaltigen, digitalen Pigmentdruck kommen dabei Pigmenttinten auf Wasserbasis zum Einsatz. Auch Objekte wie Vasen dienen den Designs derweil als Darstellungsfläche. Man dürfe der Natur nur so weit Ressourcen entwenden, wie sie in der Lage sei, sich selbst zu regenerieren, betont Wullenweber. FASHION TODAY hat die Kreative nach ihrer Motivation für das Projekt gefragt.

Inga Wullenweber bei ihrer Arbeit

FASHION TODAY: Inga, wie ist die Idee um geoDESIGN entstanden, Luftaufnahmen von Umweltkatastrophen auf Stoff zu drucken?
„Als Textildesignerin für den Bereich Home Fashion liegt es mir wahrscheinlich im Blut, Muster in Alltagsdingen zu entdecken. Ich war damals auf der Suche nach Inspirationen für eine Stoffkollektion zum Thema Umweltschutz. Dabei wollte ich etwas wirklich Neues gestalten und nicht wieder auf die seit Jahrzehnten immer wieder neu gespielten, weitestgehend aussagelosen grafischen, ornamentalen und floralen Musterungen zurückgreifen. In einem Magazin entdeckte ich dann die Luftbildaufnahme eines Flusses in Griechenland, der über die Ufer getreten war. Nur noch die Baumwipfel ragten wie Tupfen aus dem Wasser und bildeten ein wunderschönes, wenn auch zugleich schreckliches Muster. Die Idee zu meiner Serie startete mit den ‚Flooded Trees‘. Danach recherchierte ich zu weiteren Luftbildern von Orten, die von Umweltkatastrophen betroffen waren. Leider war die Liste meiner Entdeckungen lang.“

Welche Intention verfolgst du mit deinen Entwürfen?
„Natürlich möchte ich mit meinen Designs auf die Thematik ‚Umweltschutz‘ aufmerksam machen. Ich denke, je öfter eine Sache visuell wahrgenommen wird, desto mehr bleibt sie in den Köpfen hängen. Mich hat vor allem der Gegensatz zwischen der auf den ersten Blick reinen Ästhetik des Entwurfs und der realen Bedrohung unseres Planeten durch Überkonsum gereizt. Diese Gegensätze hinterlassen hoffentlich eine Botschaft.“

Denkst du, der textile Sektor sollte in Sachen Umweltschutz noch aktiver werden?
„Natürlich muss sich auch die Textilindustrie ändern. Im Bereich der Materialien und Stoffbeschaffenheit bewegt sich ja zumindest ein wenig etwas. Es wird beispielsweise nach alternativen, nachwachsenden Rohstoffen wie Holz, Bambus und sogar Ananas als Lederersatz geforscht, auch der Einsatz erfolgt schon. Viele Unternehmen haben ihr Engagement in Natur- und Umweltschutz in den letzten Jahren verstärkt. Es ist aber noch viel Luft nach oben, weil bei steigenden Kosten gerne wieder auf herkömmliche Materialien zurückgegriffen wird. Über meine Designs, die auf Stoffe gedruckt werden können, kann man die Botschaft direkt vermitteln und somit zur Aufklärung beitragen.“

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Welches Feedback auf dein Projekt ist dir besonders in Erinnerung geblieben?
„Ich habe im Januar an der HEIMTEX-Messe in Frankfurt teilgenommen und dort mein Projekt vorgestellt. Ich muss sagen, dass die Resonanz wirklich großartig ausfiel. Ich habe viele Kontakte zu Firmen geknüpft, die an einer Zusammenarbeit interessiert sind. Ganz aktuell werden Vasen mit dem ‚Lithium‘- und dem ‚Airliner Graveyard‘-Thema produziert. Besonders gefreut hat es mich, dass längst nicht nur Textilunternehmen auf mich zukamen. Auf der Messe besuchte mich an meinem Stand eine Amerikanerin mit den Worten: ‚Everybody’s talking about your flooded trees!’ Da wusste ich, dass in dem Projekt sehr viel Potenzial steckt.“

Wer soll sich von deinem Projekt genau angesprochen fühlen?
„Das Projekt richtet sich an alle, die bewusst und verantwortlich unsere Umwelt mitgestalten und sich nicht von der Schnelllebigkeit unserer Zeit beeinflussen lassen wollen. Mir persönlich fällt es natürlich auch häufig schwer, die Bremse zu ziehen, aber ich denke, ich bin auf einem guten Weg. Wir dürfen der Natur nur so weit Ressourcen entnehmen, wie sie in der Lage ist, sich zu regenerieren.“

Planst du eine Weiterentwicklung deines Projekts?
„Meine Initiative geoDESIGN ist vor allem ein wirkliches Herzensprojekt für mich, natürlich möchte ich es weiterentwickeln. Ich habe bereits sechs Themen erarbeitet, so ‚Lithium Mining‘, ‚Flooded Trees‘, ‚Plastic Waste‘, ‚Airliner Graveyard‘, ‚Mass Cattle Farming‘ und zwei Varianten von ‚Deforestation of the Amazon Rain Forest‘. Neue Designs, an denen ich aktuell noch arbeite, beschäftigen sich unter anderem mit absterbenden Korallenriffen und ausgetrockneten Flüssen.“

www.textildesign-ingawullenweber.com