Seit mehr als 25 Jahren erklärt der Meteorologe Sven Plöger Wetter und Klima – im Fernsehen, in Dokumentationen, in Büchern und Vorträgen. Plöger spricht über wärmere Jahre, verschwimmende Übergangszeiten und die wachsende Bedeutung extremer Wetterereignisse. Im FASHION-TODAY-Interview spricht der Meteorologe auch über die Modebranche, warum „kaputte Saisons“ kein isoliertes Handelsproblem sind und weshalb der Klimawandel kein Meinungs-, sondern ein Physikthema ist. Wer heute entscheidet, gestaltet auch die Bedingungen von morgen. Und er formuliert einen Gedanken an Designer, Einkäufer und Händler, warum es wichtig ist, dieses Interview zweimal zu lesen.
FASHION TODAY: Herr Plöger, das wollte ich immer schon wissen – wer entscheidet, was Sie im Fernsehen anhaben?
Sven Plöger: „Tatsächlich ich selbst! In meinen Anfangszeiten kamen dabei allerlei seltsame Kombinationen heraus, aber mit der Zeit entwickelte sogar ich ein Gefühl für Dinge, die passen oder eben gar nicht passen. Hinzu kommt: Ich habe viel Unterstützung von – meist – Kolleginnen aus Kostüm und Maske. Die hübschen mich dann schon noch auf, also im Rahmen meiner Möglichkeiten (lacht).“

Wie hat sich denn der Inhalt Ihres alltäglichen Kleiderschrankes durch den Klimawandel verändert, hängt jetzt die Sommerjacke länger an der Garderobe als früher?
„Ich ‚wettere‘ nun seit über 25 Jahren und habe sicherlich schon eine vierstellige Zahl an Interviews gegeben, aber das hat mich wirklich noch niemand gefragt. Schön also, dass jetzt mal FASHION TODAY da ist. Mehr Wärme draußen heißt in der Tat – trotz notwendiger Klimaanlage drinnen im Studio, weil die vielen Lampen leider auch eine Art Heizung sind –, mehr Sommerklamotten anziehen über das Jahr. Klar.“
Was rät die Bekleidungsverkäuferin oder der Bekleidungsverkäufer Ihres Vertrauens?
„Schaue, was für ein Farbtyp du bist! Man hat mir mal gesagt, ich sei der ,Frühling‘. Ich habe dann nicht widersprochen, da ich ja Anfang Mai geboren bin und ansonsten keinerlei Ahnung von diesen Dingen habe. Aber Blau, Türkis, Mint oder Petrol stehen mir eben besser als knalliges Orange oder Rosa. Meinen alle und ich auch! Und Aubergine geht, was ich sehr lustig finde!“
Folgen Sie diesen Ratschlägen auch?
„Natürlich! Ich gehe aber auch immer nur mit derselben Beraterin einkaufen. Sie ist sehr einfühlsam und merkt von selbst, was ich bestimmt nicht will, und schlägt es drum auch nie vor. Vor rund 15 Jahren tauchte mal kurzfristig eine Dame auf, die alles toll fand, was ich scheußlich fand, die meinen Humor nicht verstand und selbst gar keinen hatte. Das war suboptimal und wurde auch keine Freundschaft fürs Leben.“
Was antworten Sie Menschen, die lieber vom Wetter statt vom Klima im Zusammenhang mit dem Wandel sprechen und dass das daher alles nicht so schlimm sei, gerade in Zeiten, in denen Wirtschafts- und geopolitische Interessen zusehends Vorrang vor dem Klimaschutz haben?
„Ich frage sie, ob sie Kinder haben. Falls ja, frage ich sie, ob sie ihnen ins Gesicht sagen würden: ‚Ich will, dass es dir später mal schlechter gehen soll als mir!‘ Das irritiert, denn Eltern wünschen sich normalerweise, dass es den Kindern später besser oder zumindest gleich gut gehen soll. In diesem Moment ist die Bahn frei, um über Haltung zu sprechen oder auch mal unaufgeregt über ein paar Zusammenhänge zwischen Wetter und Klima, also der Statistik des Wetters, zu reden. Nicht immer einfach in unserer aufgeregten Welt.
Aber ich verstehe auch gut, dass vielen von uns – mich eingeschlossen – die ganzen Krisen manchmal auch über den Kopf zu wachsen drohen. Deswegen braucht man auch in solchen Zeiten den positiven Blick, weg von Apokalypse und Dystopie und hin zu Chancen, Möglichkeiten und Stellschrauben. Wir müssen raus aus der Negativspirale, die nur bremst und frustriert. In kleinen Schritten Lust auf Veränderungen machen, schauen, wo Selbstwirksamkeit besteht. Das ist mein Ansatz.“
Viele Menschen erkennen den Klimawandel an. Überzogen formuliert, spricht die Modebranche auch von „kaputten Saisons“ und schlechtem Wetter (mal zu warm im Winter, mal zu kalt im Frühjahr …). Ist das aus meteorologischer Sicht, also abseits von Fehlern beim Wareneinkauf, dasselbe Phänomen – nur anders beschrieben?
„Klima ist nie konstant. Doch natürliche Veränderungen laufen global in Zeitskalen von Jahrtausenden ab, regional kann das aus verschiedenen Gründen mal schneller gehen. Aber derzeit verlagern sich ganze Klimazonen innerhalb von wenigen Jahrzehnten. Globale Wetterabläufe ändern sich kolossal, werden extremer mit großem Leid und hohen Kosten. Die Dinge, die die Wissenschaft vor 30, 40 Jahren angekündigt hat, kommen heute allabendlich in den Nachrichten vor.
Die Sicht auf die Dinge hat sich bei der Mehrheit der Menschen längst geändert, nur wenige – oft leider laut und sachfremd auftretende – Herrschaften (sehr selten Frauen) folgen der Formulierung in Ihrer Frage. Ich hoffe, die Modebranche gehört überwiegend nicht dazu.
Final ist der aktuelle Klimawandel nichts anderes ein physikalischer Prozess, den wir durch unser Verhalten auslösen. Es macht keinen Sinn, eine Meinung zur Physik zu haben, man muss sie verstehen. Entwickeln Sie mal eine Meinung zur Schwerkraft – und lehnen diese ab! Aber da haben Sie einfach sehr viele Probleme und der Schwerkraft ist das gänzlich egal.“
Temperaturen verschieben sich, Übergangszeiten verschwimmen. Ist das klassische Vier-Jahreszeiten-Modell meteorologisch so noch haltbar oder müssen wir zumindest die Eckdaten/Kriterien für die Jahreszeiten neu justieren?
„Der Sonnenverlauf hat sich nicht geändert und deswegen haben wir weiterhin vier Jahreszeiten. Aber sie sehen in einer wärmeren Welt und bei zunehmender Variabilität des Wetters einfach anders aus als früher. Wir sollten also nicht versuchen, Jahreszeiten zu justieren, sondern uns so zu justieren, dass wir endlich die hohen Emissionen von Treibhausgasen runterbekommen.“
Gibt es Regionen in Europa oder sogar in Deutschland wie Berge oder Küsten, in denen sich der Klimawandel deutlicher zeigt als in anderen Regionen?
„Klar, das gilt weltweit. So erwärmt sich die Arktis viel stärker als andere Regionen, Europa ist auch sehr weit vorne mit dabei. Und Sie sagen es: Die Küsten sind besonders betroffen, denn dort kommen Meeresspiegelanstieg und damit einhergehende Überschwemmungen durch Sturmfluten zu den sonstigen Veränderungen verstärkend hinzu. Und auch die Alpen. Der Lebensraum ist hier sehr verdichtet, auf rund 5.000 Höhenmetern durchquert man viele Vegetationszonen dieser Erde bis zum ewigen Eis, den Gletschern. Schmelzen sie, beschleunigt das die Erwärmung in den Bergen erheblich, und wenn sie erst mal weg sind, liefern sie kein Wasser mehr. Denken Sie an Trinkwasser, Flusspegel, den Warentransport über Flüsse oder die Kühlung von Kraftwerken.“
„Der Sonnenverlauf hat sich nicht geändert und deswegen haben wir weiterhin vier Jahreszeiten. Aber sie sehen in einer wärmeren Welt und bei zunehmender Variabilität des Wetters einfach anders aus als früher.“
Wie hat der Klimawandel Ihre Arbeit als Meteorologe verändert?
„Sehr stark. Die Vorhersage von Unwettern hat viel mehr Bedeutung gewonnen. Wetter ist zwar manchmal immer noch vergnügliches Unterhaltungsthema, aber oftmals eben etwas Ernstes, das im Kontext der weltweiten Veränderungen zu sehen ist. Mein Ziel ist es, das unaufgeregt zu vermitteln, nicht als Ideologe, Missionar oder Aktivist, sondern als Übersetzer von Wissenschaft.
Um das zu tun, steht der Wetterbericht bei mir aber längst nicht mehr im Mittelpunkt, er ist heute eher ein gern gemachtes Hobby. Ich versuche, das Thema vor allem über Dokumentationen, in denen ich 45 Minuten Zeit habe – meine 21. wird gerade fertiggestellt –, zu vermitteln. Oder in meinen Büchern und in zahlreichen Vortragsveranstaltungen.“
Kann man dann heute überhaupt noch längerfristig für mehrere Tage vorhersagen, wie kalt oder wie warm es wird, ob es regnen wird oder nicht?
„Besser denn je!“
Das Pariser Abkommen gilt als kaum noch erreichbar. Die Erderwärmung wird wohl höher ausfallen als gedacht. Wie sieht Ihr Worst-Case- und wie Ihr Best-Case-Szenario aus?
„Es gibt keine ,Sven Plöger-Szenarien‘. Es gibt aber die Tatsache, dass wir Menschen, acht Milliarden an der Zahl, derzeit durch unser Verhalten 3,3 Watt zusätzlich auf jeden Quadratmeter Erdoberfläche eintragen. Das führt uns auf einen 2,8-Grad-Pfad gegenüber dem vorindustriellen Niveau von 1850 bis 1900. Und weil 2,8 Grad eben mehr sind als 1,5 Grad, können wir das Ziel so halt nicht erreichen. So unfassbar einfach ist das – leider. Würden wir – und das ist der positivere Blick – an all den Stellschrauben drehen, die wir uns bereits verbindlich auf Klimakonferenzen versprochen haben, dann sind rund 2 Grad in Sicht. Schlechter als 1,5, aber besser als 2,8. Unser Problem: Wir tun derzeit das Gegenteil von dem, was vernünftig wäre.“
Der Interviewpartner

Sven Plöger, geboren 1967 in Bonn, ist Diplom-Meteorologe, Wettermoderator, Autor und Vortragsredner. Schon als Kind faszinierte ihn der Himmel. Nach dem Studium der Meteorologie in Köln (Diplom 1996) arbeitete er zunächst wissenschaftlich und in der Flugausbildung, bevor er sein Talent für die Medien entdeckte.
Seit 1996 ist Plöger im Radio zu hören, seit 1999 steht er für die ARD vor der Kamera. Er moderiert unter anderem „Wetter vor acht“ vor der Tagesschau sowie das Wetter nach den Tagesthemen. Produziert wird im Studio des HR in Frankfurt am Main.
Neben der täglichen Wetterprognose hält Plöger seit 2002 Vorträge zu Wetter, Klima und Energiewende und ist regelmäßiger Gast in Talkshows.
Als Autor wurde er mit „Zieht euch warm an, es wird heiß!“ (Westend, 2020) zum Nr.-1-Bestseller. 2023 erschien die überarbeitete Fassung „Zieht euch warm an, es wird noch heißer!“. Im Piper Verlag veröffentlichte er 2022 „Die Alpen und wie sie unser Wetter beeinflussen“. Seine Bücher und ARD-Dokumentationen verbinden Wissenschaft, Reportage und Klimakommunikation.


