Autor: Markus Oess
Island zählt zu den kleinsten Volkswirtschaften Europas. Die Insel ist stark exportorientiert, gleichzeitig aber bei vielen Konsum- und Industriegütern auf Importe angewiesen. Trotz begrenzter Marktgröße bleibt der Staat im Nordatlantik eng mit der europäischen Wirtschaft verbunden und verfügt über eine vergleichsweise hohe Kaufkraft.
Island hatte laut Statistics Iceland zum Ende des vierten Quartals 2025 eine Bevölkerung von 394.530 Einwohnern. Das Land gehört damit zu den kleinsten Volkswirtschaften Europas. Die Bevölkerungsverteilung ist stark konzentriert: Rund 64 Prozent der Einwohner leben im Großraum Reykjavík. Große Teile des Landesinneren sind hingegen nur sehr dünn besiedelt. Diese Struktur prägt Infrastruktur, Konsum und Einzelhandel. Handelsflächen, Einkaufszentren und Dienstleistungsangebote konzentrieren sich entsprechend stark auf die Hauptstadtregion und einige wenige weitere Küstenorte.
Wirtschaftlich stützt sich Island auf einige zentrale Branchen. Zu den wichtigsten Säulen zählen laut GERMANY TRADE & INVEST (GTAI) Fischerei und Fischverarbeitung, energieintensive Industrien – insbesondere Aluminiumproduktion – sowie der Tourismus. Diese Bereiche dominieren die Exportstruktur und bilden den Kern der industriellen Wertschöpfung.
Die Fischerei gehört traditionell zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen des Landes. Fisch und Fischprodukte zählen weiterhin zu den bedeutendsten Exportgütern. Parallel dazu hat sich eine energieintensive Industrie entwickelt. Aluminiumwerke profitieren von der vergleichsweise günstigen Stromversorgung. Island verfügt über große Ressourcen an Geothermie und Wasserkraft, die einen wesentlichen Standortvorteil darstellen. Der eigentliche „Rohstoff“ des Landes ist daher weniger klassische Mineralförderung als vielmehr Energie.
Neben der Industrie hat sich in den vergangenen Jahren vor allem der Tourismus zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor entwickelt. Laut GTAI trug die Branche im Jahr 2022 rund 6,1 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Nach dem pandemiebedingten Einbruch hat sich der Tourismus inzwischen deutlich erholt. Die Nachfrage nach Reisen nach Island bleibt hoch, auch weil das Land mit seiner Natur und Landschaft weiterhin als attraktives Ziel gilt.
Trotz dieser exportorientierten Sektoren ist Island stark importabhängig. Viele Konsum- und Industriegüter müssen eingeführt werden. Laut den im Material genannten Daten gehören unter anderem raffiniertes Öl, Fahrzeuge, Medikamente sowie technische Geräte zu den wichtigsten Importgütern. Auch Maschinen, Elektronik und zahlreiche Konsumprodukte stammen aus dem Ausland.
Deutschland zählt zu den wichtigen Lieferländern. Nach Angaben von GTAI beliefen sich die Einfuhren aus Deutschland im Jahr 2022 auf rund 767 Millionen US-Dollar. Besonders gefragt sind Maschinen, Fahrzeuge sowie Fahrzeugteile. Die relativ hohe Importquote ergibt sich vor allem aus der kleinen industriellen Basis und der begrenzten Größe des Binnenmarktes.
Konjunkturell hat sich die Wirtschaft nach einem starken Wachstum in den Jahren nach der Pandemie wieder abgekühlt. Laut GTAI erwartete die Zentralbank für das Jahr 2023 ein reales Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von etwa 2,6 Prozent, nachdem die Wirtschaft zuvor deutlich stärker expandiert hatte. Treiber des Wachstums war vor allem der private Konsum, der nach den pandemiebedingten Einschränkungen deutlich anzog.
Inzwischen bremsen jedoch steigende Preise und höhere Finanzierungskosten die Konsumentwicklung. Die Inflationsrate lag laut den im Material genannten Angaben im Jahr 2022 bei rund 8,3 Prozent und erreichte zeitweise sogar über 10 Prozent. Gleichzeitig stiegen die Löhne deutlich. Laut den zitierten Daten erhöhten sich die Gehälter 2022 im Durchschnitt um 8,6 Prozent und 2023 nochmals spürbar.
Die Zentralbank reagierte darauf mit einer restriktiveren Geldpolitik. Höhere Leitzinsen sollen die Inflation dämpfen, wirken jedoch gleichzeitig bremsend auf Investitionen und Konsum. Dennoch bleibt der Arbeitsmarkt vergleichsweise stabil. Die Arbeitslosenquote lag laut den im Material genannten Zahlen Anfang 2023 bei etwa 3,2 Prozent.
Politisch ist Island eng an Europa angebunden, ohne Mitglied der Europäischen Union zu sein. Das Land gehört zum Europäischen Wirtschaftsraum und ist damit Teil des europäischen Binnenmarktes. Darüber hinaus ist Island Mitglied im Schengenraum. Diese Einbindung ermöglicht einen relativ freien Handel mit der Europäischen Union und erleichtert den Zugang zum europäischen Markt.
Gleichzeitig wird die EU-Frage innenpolitisch wieder stärker diskutiert. Seit dem 21. Dezember 2024 wird Island von Premierministerin Kristrún Frostadóttir geführt. Ihre Regierung plant laut den im Material genannten Angaben ein Referendum darüber, ob Island die Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union wieder aufnehmen soll. Auslöser dieser Debatte sind unter anderem steigende Lebenshaltungskosten sowie geopolitische Entwicklungen wie der Ukrainekrieg.
Der Einzelhandel spiegelt die Bevölkerungsstruktur des Landes wider. Große Einkaufszentren befinden sich vor allem im Großraum Reykjavík. Zu den wichtigsten Standorten zählen Einkaufszentren wie Kringlan oder Smáralind. Dort konzentrieren sich internationale Filialisten, lokale Händler sowie zahlreiche Multibrand-Stores.
Internationale Mode- und Sportmarken sind präsent, häufig jedoch nicht über eigene große Filialnetze, sondern über Einkaufszentren und lokale Händler. Marken wie Nike, adidas oder PUMA werden in Multibrand-Stores angeboten. Auch internationale Modeketten sind vertreten. H&M betreibt beispielsweise mehrere Filialen in Island.
Parallel dazu existiert eine kleine heimische Bekleidungs- und Textilbranche. Besonders wichtig ist die Wollproduktion. Das Unternehmen ÍSTEX verarbeitet nach eigenen Angaben rund 99 Prozent der isländischen Wolle und bildet damit die industrielle Basis der lokalen Textilproduktion. Bekannte Marken wie 66°NORTH oder FARMERS MARKET greifen diese Tradition auf und positionieren sich international mit Outdoor- und Designprodukten.
Die Handelsstruktur bleibt dennoch überschaubar. Aufgrund der kleinen Bevölkerung und der starken Konzentration auf die Hauptstadtregion sind die Absatzmärkte begrenzt. Gleichzeitig verfügt Island über eine relativ hohe Kaufkraft und stabile wirtschaftliche Rahmenbedingungen.
Insgesamt zeigt sich Island als kleiner, aber wirtschaftlich stabiler Markt mit klaren Exportbranchen, hoher Importabhängigkeit und enger Einbindung in die europäische Wirtschaft. Für internationale Anbieter ist das Land kein Volumenmarkt, aber ein solventer und gut organisierter Absatzmarkt – insbesondere in spezialisierten Branchen und Nischensegmenten.
Wir können übrigens noch etwas von Island lernen: Am 24. Oktober 1975 legten in Island Frauen landesweit ihre Arbeit nieder. Der Tag ging als „Kvennafrídagurinn“, auf Deutsch Frauenstreiktag oder Women’s Liberation Day, in die Geschichte ein. Ziel der Aktion war es, auf die wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung von Frauen aufmerksam zu machen und auf bestehende Ungleichheiten hinzuweisen.
Damals arbeiteten viele Isländerinnen sowohl im Berufsleben als auch im Haushalt, verdienten jedoch deutlich weniger als Männer und waren in politischen und wirtschaftlichen Führungspositionen kaum vertreten. Frauenorganisationen und Gewerkschaften riefen deshalb dazu auf, an diesem Tag weder bezahlte Arbeit noch unbezahlte Hausarbeit zu leisten.
Die Beteiligung war außergewöhnlich hoch. Schätzungen zufolge nahmen rund 90 Prozent der isländischen Frauen an dem Streik teil. Schulen, Büros und Fabriken hatten erhebliche Personalprobleme, viele Geschäfte blieben geschlossen. Zahlreiche Männer mussten ihre Kinder selbst betreuen oder zur Arbeit mitnehmen.
In Reykjavík versammelten sich etwa 25.000 Frauen zu einer Demonstration im Stadtzentrum. Angesichts der damaligen Bevölkerungszahl des Landes war dies eine der größten politischen Kundgebungen in der Geschichte Islands.
Der Frauenstreik gilt heute als wichtiger Meilenstein der Gleichstellungsbewegung. Nur fünf Jahre später, im Jahr 1980, wurde mit Vigdís Finnbogadóttir erstmals weltweit eine Frau in einer demokratischen Wahl zur Staatspräsidentin gewählt. Der 24. Oktober wird bis heute in Island als Symbol für den Einsatz für Gleichberechtigung erinnert.





