Going to a Go-Go

Der normale Mann

„Ich bin Zufallskäufer, da ich mich so gut wie nie darauf verlassen kann, etwas Geeignetes zu finden, was meinem Stil entspricht." ©Leonard Bode
Autor: Andreas Grüter

Der Kölner Maxim Klusch liebt alten Soul, wilden Garage Psych und die Mode der 1960er- und frühen 1970er-Jahre. Hauptberuflich als Baumpfleger und Journalist unterwegs, ist der 31-jährige Musikenthusiast nicht nur auf allen relevanten Tanzflächen der Stadt zu Hause, sondern legt unter dem Moniker Electric M auch als eine Hälfte des DJ-Duos Electric Jungs heiße Vinylscheiben in schattigen Undergroundläden auf. Wo er seine Fashion Pieces findet und wo für ihn der schmale Grat zwischen authentisch und aufgesetzt verläuft, verrät er im Gespräch.

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„Vintage haftet natürlich die Aura der Vergangenheit und der verlebten Zeit an, gleichzeitig bekommt man manches einfach sonst nicht in die Finger.“  ©Jill Stickler

FASHION TODAY: Wovon lässt du dich modisch inspirieren?
Maxim Klusch:
„Mich inspirieren Vintage Styles, die stark in den 1960ern und 1970ern wurzeln. Inspirationsquellen können dabei Filme und Albumcover, aber auch die Beobachtung von Menschen sein, die diesen Stil fahren. Wenn ich mir Bilder der Seeds oder der Kinks anschaue, denke ich mir gelegentlich: Wow, was für ein perfektes Kleidungsstück! Gleiches passiert mir ziemlich regelmäßig auch auf Subkulturveranstaltungen. Ich bin zudem mit starkem Bezug zu Workwear und Westernkleidung aufgewachsen – heavy Stuff, der ewig hält. Da war mein Vater Vorbild, der sagte: ,Eine Lederjacke sollte mich überleben können.‘“

Sind Trends ein Thema für dich?
„Weniger in dem Sinne, dass ich mich selber daran orientiere. Allerdings erfreue ich mich an so mancher Beobachtung. Zum Beispiel fielen mir in den letzten Jahren immer mehr sehr junge Menschen auf, die mit dunkler Schminke, wallender schwarzer Kleidung und gefärbten Haaren in gewisser Weise einen Gothic Style pflegen. Mich erfreut es, diesen Mut zur Ausnahme im öffentlichen Raum zu beobachten. Ich finde das cool!“

Wo kaufst du ein?
„In Secondhandshops, bei Kleinanzeigen, bei älteren Freunden und Bekannten, die aussortieren, und selten in Onlineshops.“

Vintage oder Reissue?
„Beides. Vintage haftet natürlich die Aura der Vergangenheit und der verlebten Zeit an, gleichzeitig bekommt man manches einfach sonst nicht in die Finger. Bei Reissues achte ich darauf, dass die Stücke schlicht und im weitesten Sinne originalgetreu sind. Ganz wichtig: Es darf nicht klischeehaft werden. Es darf nicht übertrieben sein.“

 Bist du markenbewusst?
„Nicht zwingend. Es ist mir egal, ob an einem Vintage-Stück noch ein Label dran ist, solange es gut passt. Obskure No-Name-Kleidung kann super sein. Allerdings: Wenn mir jemand etwas von LEVI‘S oder Wrangler aus den 1960ern und 1970ern anbietet, etwa Cordjacken, bin ich sofort überzeugt, dass die Qualität bombastisch ist und der Schnitt besser als bei der aktuellen Ware. Da habe ich fast nur gute Erfahrungen gemacht.“

 Wie wählerisch bist du beim Einkaufen? Kaufst du spontan oder weißt du genau, was du suchst?
„Ich bin Zufallskäufer, da ich mich so gut wie nie darauf verlassen kann, etwas Geeignetes zu finden, was meinem Stil entspricht. Zum Glück gibt es genug Zufälle. Vor einiger Zeit hing in einem recht wilden Secondhandshop bei mir im Viertel eine perfekt erhaltene, kastige ‘70er-Jahre-Übergangsjacke aus Schweden im Schaufenster. Ich hatte sie nicht gesucht, aber nach dreimaligem Vorbeigehen war klar: Die muss ich haben!“

 Du fährst in den Sommerurlaub. Wohin gehts und was darf in deinem Koffer auf keinen Fall fehlen?
„Ich sehe Italien. Ich sehe ein paar Mokassins aus Wildleder zum Flanieren und ein paar Lederboots zum Wandern. Ich sehe beige, weiße und blaue Kleidung, etwas Leichtes aus Leinen, vielleicht ein paar helle Westernhemden. Ach, und die Jeansjacke für laue Abende nicht zu vergessen!“

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 Du bist viel im Nachtleben unterwegs und legst regelmäßig als DJ auf. Gibt es einen Unterschied zwischen deinen Ausgehklamotten und deiner Alltagsgarderobe?
„Ich ziehe den Vintage Style wenn möglich auch im Alltag durch, allerdings gehe ich nicht einfach mal so im Anzug zum Supermarkt. Dafür muss schon ein spezielles Event wie ein Soul- oder eine Garage-Weekender her. Da macht es Spaß, sich etwas aufzumotzen, um dem Event einen gewissen stilistischen Respekt zu zollen.“

Welches Outfit spiegelt deinen Musikgeschmack am ehesten wider?
„Von unten nach oben: Beatle-Boots, Hose mit Bügelfalte, Ledergürtel mit etwas dickerer Metallschnalle, Paisleyhemd, darüber eine Uniform- oder eine Jeansjacke.“

„Guilty for who?, ist die Frage! Modisch wäre es wohl die Bolo Tie oder die Triple-Jeans-Kombi, also Jacke, Hemd und Hose, über die einige wahrscheinlich schmunzeln würden.“

Welcher Look ist ein Tabu für dich?
„Ich wohne in der Nähe vom Standesamt. Die Menge an Männern, die zu enge und zu kurze Anzughosen und dazu geleckt weiße Sneaker auf Hochzeiten tragen, ist einfach frappierend. Ein weiteres Tabu ist ein Look mit zu viel Ironie, sprich Y2K- und Vokuhila-Exzesse.“

Das perfekte Outfit für den Abend …
„Das kommt auf den Abend an und darauf, welche Musik gespielt wird. Zu einem Soul-Weekender kleide ich mich anders als zu einer Dinnerparty. Bei Ersterem müssen die Schuhe bequem sein und die Hose etwas weiter, damit sie beim Tanzen nicht reißt, was mir trotz allem im Dezember zweimal passiert ist. Ich habe mir auch angewöhnt, wenn möglich zwei Shirts zu intensiven Tanzpartys mitzunehmen, falls das Schwitzen zu krass wird.“

Welches Accessoire ist über-, welches unterbewertet?
„Ringe sind meiner Meinung nach total überbewertet. Ich konnte da irgendwie nie was mit anfangen. Völlig unterbewertet finde ich hingegen Schaltücher. Ein tolles Accessoire, das man leider viel zu selten sieht. Mit Schaltüchern kann man farblich noch mal einen ganz eigenen Akzent zum Outfit setzen. Sie wirken fein und wild zugleich, etwa wenn man damit auf der Tanzfläche oder hinter dem DJ-Pult rumspringt.“

Deine drei Lieblingspieces …
„Mein WOOLRICH-Hunting-Jacket aus den 1960er Jahren in Rot-Schwarz mit rundem Kragen, vier Taschen vorne und einer großen Hasentasche auf dem Rücken. Meine Wrangler Wrancher Dress Jeans mit Bügelfalte in Olivgrün und meine LEVI’S-Cordjacke aus den ’70ern in ganz dunklem Blau mit kastigem Schnitt. Der Stoff ist wunderbar dick und robust.“

Deine modischen und musikalischen Guilty Pleasures?
„Guilty for who?, ist die Frage! Modisch wäre es wohl die Bolo Tie oder die Triple-Jeans-Kombi, also Jacke, Hemd und Hose, über die einige wahrscheinlich schmunzeln würden. Musikalisch muss ich mich als Jürgenjaner bekennen: Wenn auf irgendeiner bescheuerten Party ‚Griechischer Wein‘ oder ‚Ich weiß, was ich will‘ von Udo Jürgens läuft, kann ich nicht stillstehen.“  

Was fehlt dir aktuell in der Welt?
„Die Vision einer gemeinsamen Freiheit.“