Autor: Andreas Grüter
Deutschland im Juli 2026: Die Fußballnationalmannschaft scheidet bei der Weltmeisterschaft im Sechzehntelfinale gegen Paraguay aus. Volkswagen entwickelt sich im rasanten Tempo vom Weltmarktführer zum vermeintlichen Sanierungsfall. Die Energiepreise kennen, internationalen Krisen sei Dank, nur einen Weg – den nach oben. Und dann gibt es da auch noch diese Blackbox KI, die das Potenzial hat, sowohl zum Fluch als auch zum Segen zu werden.
Polykrisen, so spricht der Zyniker in mir, waren wohl noch nie so schön wie heute. Doch warum zickelt und zuckelt es am ehemals legendär robusten deutschen Motor eigentlich plötzlich an allen Ecken und Enden? Wir alle kennen die Antwort. Notwendige technische und strategische Änderungen wurden sowohl seitens der Industrie als auch der Politik bequem und mit einer gehörigen Portion teutonischer Arroganz auf die lange Bank geschoben oder gleich komplett verschlafen, wachsende Bürokratisierung und ein politischer Schlingerkurs verunsichern und schrecken von Investitionen ab und groß angekündigte Reformen verwandeln sich im Laufe von Verhandlungsprozessen in Reförmchen, die dann auch nur maximal halbherzig umgesetzt werden. Statt auf Wachstumsimpulse durch wirksame Konjunkturprogramme, die den Namen auch verdienen, zu setzen, konzentriert man sich ein ums andere Mal auf Sparmaßnahmen und aussichtslose Exportambitionen. So weit Business as usual, so weit seit mindestens einem Jahrzehnt bekannt und so weit in schöner Regelmäßigkeit und ohne zufriedenstellende Lösungen auf dem Diskurstableau.
Frustration, ich trag sie wie ein Hemd
Ja, es ist mitunter schwer ermüdend, die Irrungen und Wirrungen der wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen zu verfolgen, die, häufig inhaltlich kaum nachvollziehbar, uns letztendlich alle betreffen. Sie wollen von mir Lösungen für diese Misere? Tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen, doch hier kann auch ich nicht liefern. Vielleicht wollen Sie gerne selber aktiv werden. In Parteien und Graswurzelbewegungen etwa oder als Angestellter oder Arbeiter in Gewerkschaften. Suchen Sie Wege der demokratischen politischen Teilhabe und begehen Sie sie.
Politische Wundertüten sind keine Lösung
Wovon ich jedoch dringend abrate, ist, den Frust über den Status quo des Landes mit einem Protest-Wahlkreuz bei einer sogenannten Alternative abzulassen. Abgesehen davon, dass in einer globalisierten Welt mit starken, konkurrierenden Wirtschaftsblöcken nationale Alleingänge einzelner Länder einem suizidalen Sprung ins Messer gleichen, lässt sich das Rad der Zeit auch nicht zurückdrehen – nicht auf 1995 und schon gar nicht auf 1933.


