Genderfluide Mode

CHANG13°

CHANG13 alias CHANGDARC ist Künstler, Modedesigner und Art-Performer. Das Thema Geschlechteridentität beschäftigt ihn, seit er geboren wurde. Foto: ©Klaus Dyba

Autorin: Katja Vaders

Unisex, Gender-Fluid oder Sexless Fashion: In der Mode lässt sich vermehrt eine Aufweichung der klassischen Geschlechtsidentitäten beobachten. Die Branche setzt dabei auf Teile, die sich nicht eindeutig der Mens- oder Womenswear zuordnen lassen. Ist diese Entwicklung ein schnelllebiger Trend oder steckt dahinter vielmehr ein gesellschaftlicher Wandel? FASHION TODAY bat den Künstler, Modedesigner und Art Performer CHANG13° alias CHANGDARC um seine Einschätzung.

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CHANG13 studierte Modedesign und machte seine Diplomarbeit über WONDER WOMAN. Seine Fashion ist inspiriert von Musik, Film und Avantgarde. ©CHANG13

FASHION TODAY: Modedesigner, Künstler, Art Performer und Dozent: Chang, du bist ein Multitalent! Wie ist dein Werdegang? Und inwiefern hast du persönlich eine Beziehung zum Thema Unisex, Gender-Fluid oder Sexless Fashion?
CHANGDARC: „Ich habe 20 Jahre unter dem Namen CHANG13° Mode entworfen, seit 2013 habe ich mich als interdisziplinärer Künstler weiterentwickelt, eigene Musik produziert und arbeite darstellend wie performativ in meiner Identität CHANGDARC. In den letzten sieben Jahren habe ich zudem als Dozent an der Universität Kassel ein sehr interessantes Projekt zum Thema Mode, Gender, Inklusion und Upcycling mit dem Namen ,Social Catwalk‘ gegründet und geleitet. Darin habe ich mich kreativ mit LGBTIQ+, Feminismus und weiblich denkenden Personen beschäftigt und gemeinsam mit Menschen von 7 bis 70 Jahren aus verschiedenen Fakultäten mit Migrationshintergrund und Geflüchteten zusammengearbeitet. Social Catwalk hilft, die Personen hinter dem ,Label‘ zu ermutigen und zu motivieren, einen Safe Space zu schaffen, ihre Talente entdecken, entwickeln und zeigen zu können. Mode, Upcycling und Storytelling waren die Grundlagen des Projekts, die in Kooperation unter anderem mit der Documenta einmal im Jahr in einer öffentlichen Modenschau gezeigt wurden. Eine Fortsetzung des Projekts waren für mich die Modenschauen, die ich als Mitgründer des Mode- und Designfestivals und IG le bloc in Köln als Art Director organisiert habe. In den letzten Jahren habe ich mich zudem für junge Transpersonen engagiert und sie bei der Suche nach ihrer Identität begleitet. Als Künstler, der viel Erfahrung im Einzelhandel hat, begleite ich zurzeit als Kurator eine Galerie bei der kommunikativen Schnittstelle zwischen Künstler und Kommerz – und vereine weiterhin Mode und Kunst im Bereich Kostüm. Was meine Arbeit prägt, ist meine Disziplin und dass ich meine Kreativität in den verschiedensten Bereichen nutze und ohne Limit miteinander vernetze und verbinde.“

Ich möchte sehr gerne mit dir über das Thema Unisex und genderfluide Mode sprechen, das dich schon dein ganzes Leben lang begleitet – als Designer, aber auch ganz persönlich.
„Das stimmt, Geschlechteridentität ist ein Thema für mich, seit ich geboren wurde. Ich war schon immer auf der Suche, nicht nur, was meine sexuellen Präferenzen angeht: Auch mein Aussehen und mein Ausdruck beschäftigen mich schon mein Leben lang. Dabei war ich aber nie ängstlich, sondern vor allem neugierig, gepaart mit einer gewissen Naivität, was mich rückblickend sehr geprägt hat. Meine Erfahrungen habe ich auf meiner EP ,DISCO.vary‘ musikalisch verarbeitet. Ich bin in Südkorea geboren und aufgewachsen, bis ich acht Jahre alt war, und 1980 nach Deutschland gekommen. Meine Eltern haben mich sehr streng und konservativ erzogen und mir meinem Geschlecht entsprechende, genderdefinierte Kleidung angezogen. Sie haben mir viel verboten – ich sollte kein Ballett, sondern Kampfsportart machen, nur bestimmte Instrumente waren erlaubt … die Liste der Regeln war länger als das deutsche Grundgesetz oder die Bibel. Meine Mutter war katechetisch-katholisch, mein Vater spartanisch-konfuzianisch. Ich bekam sowohl die Strenge der asiatischen als auch der westlichen Kulturen zu spüren. Trotzdem wollte ich wissen, warum ich manchmal weiblich denke und dann wieder männlich fühle. Meine Aufklärung fand über die BRAVO, Videokassetten und die städtische Bibliothek statt. Das hat sich auch ganz speziell in der Mode niedergeschlagen, die ich getragen und später selbst entworfen habe. Ich habe heimlich alle Kleidungsstücke von beiden Elternteilen ausgeschlachtet und neu interpretiert – die Enfants terribles der Modewelt trugen ebenfalls ihren Teil dazu bei. Man sagt ja, ,Kleider machen Leute‘, und ich stellte mir die Frage, wie sie den Geschlechtern zugeordnet werden können. Da kamen Madonna und die 1980er genau richtig, ich war in der Pubertät und verzweifelt auf der Suche nach meiner Identität. Ich wollte Anerkennung und mich zeigen, war verwirrt, aber auch rebellisch, und suchte das Wagnis. Daher kommt übrigens auch mein Künstlername, englisch ,dare‘: CHANG dares = CHANGDARC ).“

CHANG13 in seinem früheren Shop in Köln: Chang13 in seinem früheren Shop in Köln, als er seine erste Ausstellung präsentierte.
©Zaa-Guy Shelby

Aktuell ist die Aufweichung von Geschlechteridentitäten ein Trend, nicht nur gesellschaftlich, sondern auch in der Mode: Unisex, Androgyny, Gender-Fluid und Sexless Fashion … Wo ist der Unterschied zwischen all diesen Begriffen?
„Ein wichtiges Thema und eine Frage, die ich mir selbst immer wieder stelle … Die Industrie nutzt es auch aktuell als Marketinginstrument. Die Begriffe Unisex, Androgyny, Gender-Fluid und Sexless Fashion beschreiben zwar unterschiedliche Ansätze, werden in der Mode aber zunehmend als Label für einen gesellschaftlichen Wandel verwendet. Teilweise sind sie auch Marketingbegriffe, mit denen sich Marken zeitgemäß, inklusiv und Gen-Z-kompatibel positionieren. Dabei geht es nicht nur um LGBTIQ+-Sichtbarkeit, sondern auch darum, Geschlechtergrenzen für eine heteronormativ geprägte Konsumgesellschaft weniger abschreckend und zugänglicher zu machen. Bestehende Produktions- und Lagerbestände können flexibler vermarktet, Zielgruppen erweitert und Trends über Social Media schneller verkauft werden, indem man Userinnen und User mit neuen Begriffen und Trends bedient. Früher hieß das ,Pink Business‘, heute sind es Rainbow-, Queer- und Gender-Themen – trotz Kommerz steckt aber auch eine echte gesellschaftliche Bewegung dahinter. Am Ende ist es eine Mischung aus beidem: Für die Community öffnet sich eine Tür und beschert ihr mehr Sichtbarkeit und Anerkennung, für die Industrie bedeutet das Thema eine weitere Strategie, neue Konsumenten zu erreichen.“

Welche Rolle spielt die Generation Z dabei?
„Die Gen Z erfindet nicht alles neu – sie bedient sich, frisch geschlüpft, bei Wikipedia und der elterlichen Kleiderkiste, entdeckt die Trailblazer der Gen X wieder, interpretiert sie auf ihre Art auf Social Media und macht sie über Influencer kommerziell sichtbar – manche steigern so ihre Followerzahlen und ihre Sichtbarkeit in der Community. Durch diese Neuinterpretationen wird aus einer ,Subkultur‘ und der ,Suche nach Veränderung‘ innerhalb kürzester Zeit ein globaler Trend, der sich sehr schnell verbreitet, und das passt zum Mindset der Gen Z: Identität, Ausdruck und Sichtbarkeit. Sie beschäftigen sich mit Pronomen, Divers, Drag- und Ballroom Culture, Dolls und LGBTIQ+; dadurch verschieben sich auch Vorstellungen davon, was als männlich, weiblich oder überhaupt geschlechtsspezifisch gilt. Influencer können inspirieren und Trends verstärken, ohne eine echte Modekompetenz zu haben. Hinzu kommt ein Wandel des ,typischen Mannes‘: Pflege, Disziplin, Hygiene und ein natürlicher Wunsch nach gutem Aussehen gehören zur menschlichen Eitelkeit. Der bekannteste Vorreiter dieser Entwicklung war David Beckham, eine Art Messias der maskulinen Millennials beziehungsweise der Gen Y. Auch Kosmetik, Düfte, Hairstyles, Schuhe oder Taschen sind Werkzeuge der Selbstdarstellung und nicht mehr ausschließlich weiblich konnotiert. Der Mann entdeckt mehr von seiner ,ästhetischen DNA‘ und erweitert seine Ausdrucksmöglichkeiten.“ 

Geschlechterrollen insgesamt verändern sich, durch die Öffnung von Queer- und Identitätsbegriffen entsteht ein neues Verständnis von Männlichkeit.“ ©George Sapal Junior

Was bedeutet das für eine „neue Männlichkeit“?
„Männlichkeit wird dadurch nicht abgeschafft, sondern erweitert und neu definiert. Geschlechterrollen insgesamt verändern sich, durch die Öffnung von Queer- und Identitätsbegriffen entsteht ein neues Verständnis von Männlichkeit. Sie bekommt eine größere Bandbreite – von klassisch bis experimentell, von zurückhaltend bis sehr sichtbar: Yoga, Bodybuilding, Entfernung von Körperbehaarung, Interieur, Looks, Ernährung und Ausbildung machen mehr her als das ungepflegte männliche Wesen, das wir noch von früher kennen. Die neuen Generationen ,flexen‘ Gleichberechtigung breiter: Es geht nicht nur um Rechte, sondern auch darum, wie man lebt, aussieht und sich ausdrückt, alle Lebensbereiche betreffend – von Identität und Rollenbildern bis hin zu Arbeit, Beziehungen, Körper, Kleidung und persönlichem Ausdruck. Grenzen zwischen ,männlich‘ und ,weiblich‘ werden dadurch weniger selbstverständlich. Die wachsende Vielfalt von Gender- und Queer-Identitäten spiegelt sich in einer Vielzahl von Ausdrucksformen wider. Mode ist dabei nicht der Auslöser allein, sondern ein sichtbares Spielfeld für diesen gesellschaftlichen Wandel – und gleichzeitig ein Markt, der ihn verstärkt und kommerzialisiert.“

Eine Columbia-Studie hat ergeben, dass genderfluide und Unisex-Mode eher männlich konnotiert sind. Siehst du das auch so?
„Für mich ist echte Freiheit erst erreicht, wenn beide Geschlechter selbstverständlich, als Menschen nebeneinander existieren können. Dass Unisex-Mode eher männlich konnotiert sein soll, kann ich nachvollziehen. Was wir heute als genderfluid bezeichnen, ist häufig näher an männlichen Codes, wird aber nicht unbedingt männlich konsumiert: Ein klassischer Oversize-Anzug, ein Hemd oder eine maskuline Silhouette werden schneller als neutral akzeptiert, da sie den althergebrachten Adjektiven der klassischen Männlichkeit entsprechen. Ein Mann mit Rock, Make-up oder anderen, eindeutig femininen Elementen fällt hingegen sofort auf und überschreitet gesellschaftliche Grenzen. Historisch war die textile Trennung der Geschlechter nicht grundsätzlich eindeutig: Schuhe mit hohen Absätzen wurden ursprünglich von männlichen persischen Reitern funktionell getragen. Ornament, Schmuck und aufwendige Kleidung waren historisch Teil männlicher Selbstdarstellung, wie die Löwenmähne oder das Pfauengefieder in der Tierwelt, und auch Rosa und Pink wurden von Männern in vielen Kulturen getragen, um ihre Einzigartigkeit hervorzuheben. Die Übernahme ursprünglich männlich definierter Kleidung durch Frauen – Hosen, Anzüge oder Tailoring – hat sich gesellschaftlich allerdings wesentlich stärker etabliert und Marlene Dietrich verkörperte mehr als nur die Adaption der Bekleidung des anderen Geschlechtes, ihr Look war vielmehr ein Statement.“

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Die wachsende Vielfalt von Gender- und Queer-Identitäten spiegelt sich in einer Vielzahl von Ausdrucksformen wider.“ CHANDARC bei einer seiner Art-Peformances.

Was bedeutet das für den Begriff „genderneutral“?
„Die Bewegung ist nicht symmetrisch: Frauen können sich männlich konnotierte Elemente aneignen, ohne dass ihre Weiblichkeit infrage gestellt wird. Männer, die feminine Codes übernehmen, werden häufig stärker wahrgenommen und bewertet. Deshalb empfinde ich den Begriff ,genderneutral‘ manchmal als irreführend: Was als neutral gilt, ist häufig näher an der männlichen Norm als an einer tatsächlichen Gleichstellung beider Seiten. Das lässt sich für mich sogar über Mode hinaus bei den geschlechtsspezifischen Rollenbildern beobachten: Frauen, die nicht länger traditionellen Geschlechterrollen entsprechen wollen, sind inzwischen in vielen Bereichen ,akzeptiert‘, während Männer, die sich feminin ausdrücken, immer noch stärker auffallen. Hier stellt sich mir die Frage: Haben wir es noch mit Gleichberechtigung zu tun – oder wird weiterhin eine neuere Form von ,Akzeptanz‘ vermarktet? Eine oberflächliche, durchkommerzialisierte Akzeptanz finde ich problematischer als eine ehrliche Auseinandersetzung mit den bestehenden Rollenbildern. Für mich bedeutet echte Genderfluidität nicht, dass alle Geschlechteridentitäten alles tragen dürfen. Mode wird für mich erst dann genderneutral, wenn sowohl feminine als auch maskuline Codes gesellschaftlich ähnlich selbstverständlich und frei von Sanktionen getragen werden können.“

Würdest du sagen, dass die Gen Z Treiber dieser Entwicklung ist oder sie sogar erst gestartet hat?
„Die Gen Z definiert sich stark über Identität und Anerkennung und ist sensibel und selbstbewusst zugleich. Insofern hat sie die Aufweichung der Geschlechteridentitäten über Social Media global sichtbar gemacht. Ich selbst gehöre zur Generation X und bin innerhalb vieler gesellschaftlicher Grenzen aufgewachsen. Mode war immer ein Spiegel des Zeitgeistes: Sie gibt Jugendkulturen eine laute Sprache – ein Look wird zum Ausdruck, einer Haltung. Das hat bei Marlene Dietrich in den 1920ern angefangen und setzte sich später in Punk, New Wave, Disco oder bei Künstlern und Künstlerinnen wie David Bowie, Nina Hagen, Adam Ant oder Culture Club fort: Sie spielten mit ,geblurrten‘ Geschlechterbildern. Heute entwickelt sich alles schneller. Während man früher innerhalb einer ,Subkultur‘ provozierte, um anders zu sein, kann heute ein Look über TikTok oder Instagram innerhalb kürzester Zeit viral gehen und damit weltweit sichtbar werden, er wird zum konsumierbaren Lifestyle, was früher ein Tabubruch war; Musik war dabei schon immer ein Motor, angefangen bei Elvis bis zu Madonna. Der entscheidende Unterschied von damals zu heute ist allerdings die gesellschaftliche ,Akzeptanz‘: Aus Provokation wird Stil, aus Stil wird Identität, aus Identität wird Markt. Musikrichtungen wie Hip-Hop und K-Pop haben männliche Selbstdarstellung erweitert: Mode, Beauty, Pflege, Schmuck und Styling gehören in diesen Genres selbstverständlich zur männlichen Identität dazu, die Männer bekommen mehr Freiheit, ohne dass Männlichkeit grundsätzlich verloren geht. Die Gen Z ist also nicht die erste Generation, die Geschlechtergrenzen aufbricht, sondern erreicht eine größere Sichtbarkeit und kommerzielle Reichweite über digitale Vernetzung in Echtzeit. Das ist für mich der eigentliche gesellschaftliche Wandel.“

Aus Provokation wird Stil, aus Stil wird Identität, aus Identität wird Markt. Musikrichtungen wie Hip-Hop und K-Pop haben männliche Selbstdarstellung erweitert.“ ©Zaa-Guy Shelby

Was bedeutet der genderfluide Trend für die Entwicklung der Menswear? Und wo sind die Grenzen, also wo bleibt die Mode geschlechterspezifisch?
„Der Einfluss des genderfluiden Trends auf die Menswear ist eine Erweiterung, keine komplette Auflösung der klassischen Männermode. Nehmen wir als Beispiel Männerröcke, die schon oft in die Menswear integriert werden sollten – vor allem in der Avantgarde, die für mich den stärksten Einfluss in der Mode hat. Rick Owens denkt nicht in den Kategorien Mann oder Frau, sondern in Körper, Haltung, Material, Silhouette und Atmosphäre. Für ihn ist Kleidung eine Idee, die den Körper umhüllt. Thom Browne hingegen interpretiert klassisches Tailoring neu. Er rückt nicht Gender, sondern Storytelling, Herkunft und Silhouette in den Fokus – zum Beispiel traditionelle männliche Formen wie den schottischen Kilt. Und auch wenn die Avantgarde immer wieder neue Möglichkeiten aufzeigt, wird die klassische Männermode bleiben. Dennoch gibt es junge Designer, die mutiger, roher und provokanter arbeiten. Sie bedienen sich aus den verschiedensten Bereichen – von Streetwear bis Ballroom – und schaffen so neue Ausdrucksformen. Sie verarbeiten innovative Materialien, Farben und zitieren Referenzen aus verschiedenen ,Subcultures‘, teilweise auch aus der Fetisch-Ästhetik, um neue, genderfluide Ausdrucksformen zu schaffen, die zwischen Mode, Kunst und Identität changieren. Grundsätzlich ist Mode allerdings eng mit persönlicher Identität verbunden. Daher wird sie in Zukunft weder männlich noch weiblich oder genderfluid sein – sondern eine große Vielfalt zu bieten haben.“

Der Entwicklung der Aufweichung der Geschlechteridentitäten steht eine Erstarkung der Manosphere gegenüber. Lass uns mal in die Zukunft schauen: Wie wird sich das Ganze deiner Ansicht nach noch entwickeln?
„Die Manosphere ist eine Reaktion auf eine Welt, die sich sehr schnell verändert. Manche Menschen suchen wieder mehr Orientierung und kehren in traditionelle Rollenbilder zurück – während die jüngeren Generationen rebellieren und etwas Eigenes machen möchten. Influencer machen Trends zwar schnell konsumierbar, aber gute Designer und ihre Kreativität gewinnen wieder an Bedeutung und werden sich langfristig durchsetzen. Die drei wichtigsten Inspirationsquellen bleiben für mich Musik, Film und Mode, die Bilder, Gefühle und Identitäten erzeugen. Mode folgt dabei nicht gesellschaftlichen Trends, sondern sie übersetzt, was Menschen fühlen. Social Media sind dabei ein manipulatives Werkzeug, das Trends mit viel Geschwindigkeit, Impulsivität und großer Oberflächlichkeit steuert. Mode versucht, mit diesen gesellschaftlichen Veränderungen Schritt zu halten und die dazu passenden Begriffe zu finden. Die Zukunft wird deshalb nicht in einer einzigen Definition von Geschlecht oder Mode liegen, sondern in einer immer größeren Vielfalt.“

Vielen Dank für deine Einschätzung und das interessante Gespräch, Chang!

  • CHANG13 alias CHANGDARC spielt mit den Geschlechteridentitäten. „Ich wollte schon als Kind wissen, warum ich manchmal weiblich denke und dann wieder männlich fühle.“ Foto: @Klaus Dyba

Der Interviewpartner 

Der kleine Chang wuchs bis zu seinem 8. Lebensjahr in Südkorea auf und genoss eine sehr strenge Erziehung. „Meine Eltern haben mich sehr streng und konservativ erzogen … die Liste der Regeln war länger als das DGB oder die Bibel.“ ©CHANG13

CHANG13° | CHANGDARC wurde am 20. April 1972 in Uiseong, Südkorea, geboren. Im Jahr 1980 kam er mit seiner Familie nach Wolfsburg, wo er 1992 sein Abitur machte. Im Abibuch seiner Schule bekam er seinerzeit eine eigene Genderkategorie. Anschließend studierte er Modedesign in Trier, das Studium schloss er 1998 mit einer Diplomarbeit über „Wonder Woman“ ab. Als Praktikant sammelte er anschließend Erfahrung in der Modebranche in Paris und London. Seit 1998 lebt und arbeitet er als CHANG13°, kreierte eigene Kollektionen und betrieb von 2002 bis 2017 als Modedesigner sein eigenes Geschäft. Als Art Performer, Model und Künstler trat er in ganz Europa auf und engagierte sich für Inklusion, soziale Gerechtigkeit, Feminismus und die LGBTQ+-Community. CHANGDARC ist Aktivist und Brückenbauer, Musiker und Performance Artist sowie Dozent an der Universität Kassel.