Von Jackentausch und Einstecktüchern

Der normale Mann

„Auf der Bühne möchte ich mit guter Kleidung das Erlebnis aufwerten, ohne in langweilige Standards zu verfallen." Gregor Schwellenbach © Astrid Piethan

Autor: Andreas Grüter

Er arbeitet als Komponist, Arrangeur und Multiinstrumentalist im Spannungsfeld zwischen zeitgenössischer Klassik, Avantgarde-Pop und elektronischer Popmusik und kollaborierte dabei bereits sowohl mit Rappern wie Xatar, Souly und Alligatoah als auch mit Lambchop, dem renommierten Elektrolabel Kompakt und dem London Symphony Orchestra – der Kölner Gregor Schwellenbach ist ein echter Hansdampf in allen musikalischen Gassen. Dass er auch in Modefragen einiges zu sagen hat, beweist er im Gespräch.

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„Ich mag es, andere mit unerwarteten Looks zu überraschen, Erwartungen zu overdressen oder zu unterlaufen.“
Gregor Schwellenbach ©Katja Ruge

FASHION TODAY: Triffst du morgens schnelle Entscheidungen – oder kann ein Outfit genauso lange dauern wie ein Arrangement?
Gregor Schwellenbach: „Das ist ein behutsamer Vorgang. Am Abend passiert es durchaus, dass ich mich dreimal umziehe, bevor ich das Haus verlasse. Morgens kann es schnell gehen. Ich horche in mich rein, schaue vielleicht aus dem Fenster und entscheide.“

Wo kaufst du ein?
„Am liebsten mag ich es gemischt. Boutiquen und Flohmarkt, Erbstück und Department Store.“

Ist Onlineshopping ein Thema für dich?
„Mir geht es vor allem um Material und wie es am Körper sitzt. Da ist Anprobieren im Laden nicht zu schlagen. Trotzdem komme ich in den letzten Jahren immer weniger um online herum.“

Bist du markenbewusst?
„Ich habe es gern, wenn ich über ein Kleidungsstück eine Geschichte erzählen kann. Da kann Marke eine Rolle spielen. Marke heißt aber nicht immer Qualität und umgekehrt, das ist mir schon klar.“

Kaufst du eher gezielt oder verliebst du dich spontan in ein Teil?
„Einkaufswünsche wachsen oft langsam. Ich entwickle eine Vorstellung und suche dann danach. Aber es ist wichtig, dabei nicht die Aufmerksamkeit für spontane Überraschungsfunde zu verlieren. Wie Souly rappt: ,Alles wird gekauft, wenn es mir steht.‘“

Reparieren oder ersetzen?
„Reparieren!“

Was war dein teuerster Fehlkauf?
„Ich bin mal in London in einen Pop-up-Verkauf von KTZ geraten und habe enorm zugeschlagen. Das Erlebnis war schön, aber getragen habe ich davon am Ende kaum etwas.“

Wovon lässt du dich modisch inspirieren?
„Designer Bows, alternde Rockstars und das New York der 1970er-Jahre im Film.“

 Liest du Fashion-Magazine?
„Wenn ich Zeit am Bahnhof habe, zieht es mich immer noch zu den dicken Print-Fashion-Magazinen. Für Onlinemagazine nehme ich mir weniger Zeit, da schlage ich eher nach, als zu stöbern.“

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Gibt es einen Look, den andere an dir erwarten, den du aber selbst gar nicht magst?
„Eher andersherum. Ich mag es, andere mit unerwarteten Looks zu überraschen, Erwartungen zu overdressen oder zu unterlaufen.“

„Ich habe es gern, wenn ich über ein Kleidungsstück eine Geschichte erzählen kann.“

Wie unterscheidet sich deine Kleidung auf der Bühne und privat?
„Privat durchlaufe ich wechselnde Phasen. Mal trage ich Anzug, selbst wenn ich allein zu Hause bin. Mal bevorzuge ich zeitloses Ivy-Casual. Auf der Bühne möchte ich mit guter Kleidung das Erlebnis aufwerten, ohne in langweilige Standards zu verfallen. Da darf es gerne All Black sein, solange die Schnitte es individuell machen.“

Was darf in deinem Kleiderschrank nicht fehlen?
„Anzüge in allen Farben sowie weiße T-Shirts in verschiedenen Schnitten.“

Was wird niemals in deinem Kleiderschrank landen?
„Jeans- und Lederwesten haben mich nie gereizt.“

Welches Accessoire ist über-, welches unterbewertet?
„Einstecktücher sind sowohl als auch. Sich aus reiner Freude am Material ein Stück Stoff in die Brusttasche zu stecken, ist toll und kann verschiedenste Statements abgeben. Millimetergenaue Kante sagt: ,Mir kannst du dein Geld anvertrauen.‘ Drei gebügelte Ecken sagen: ,Ich respektiere mich und dich‘, legeres Herausquillen sagt: ,Ich liebe Details und das Leben.‘ In Kombination mit offenem Kragen oder als Set mit Krawatte im gleichen Stoff geht es aber nach hinten los.“

Welcher Musiker hat/hatte deiner Meinung nach den besten Stil?
„Jarvis Cockers Stil finde ich ganz sympathisch. Und ich achte immer mal wieder darauf, was David Bowie so über die Jahre getragen hat. Auch Nick Cave kleidet sich gut, aber ein bisschen gewollt. Mein Geheimtipp: Leonard Bernstein. Diese Selbstverständlichkeit, mit der er Sachen trug! Was aktuelle Musiker angeht: Tyler, The Creator natürlich.“

Gibt es ein Kleidungsstück, das du gern besitzen, aber nie kaufen würdest?
„Ich habe da folgende Fantasie: Man begegnet einem verehrten prominenten Kollegen, der Vibe stimmt, einer sagt so was wie: ,Deine Jacke gefällt mir‘ und der andere zieht sie aus und sagt: ,Lass uns tauschen.‘“

Was fehlt dir aktuell in der Welt?
„Die Bereitschaft, Meinungen zu ändern.“

Gregor Schwellenbachs nächste Veröffentlichung, eine Zusammenarbeit mit dem Kölner Jens Düppe Quartett, erscheint am 25. September 2026 unter dem Titel „Jens Düppe Quartett x Gregor Schwellenbach – Time Place Action“.