Autorin: Eva Westhoff
Relevant oder von gestern? Welche Bedeutung haben Retrokonzepte für den stationären Einzelhandel? Gibt es Stilepochen, die im Storedesign dominieren? FASHION TODAY hat mit Stefan Kunze gesprochen. Als Geschäftsführer der Kunze GmbH in Elmshorn leitet der Architekt gemeinsam mit Bruder Dirk ein Traditionsunternehmen des Ladenbaus in vierter Generation.
FASHION TODAY: In der Mode erleben die Trends vergangener Jahrzehnte regelmäßig eine Neuauflage. Gilt das auch fürs Storedesign?
Stefan Kunze: „Nur bedingt. Ein Ladenbaukonzept sollte langfristig aktuell sein, da auch die Ladeneinrichtung über einen längeren Zeitraum genutzt wird und eine höhere Investition bedeutet. Trends werden bezüglich Materialien und Formensprache aufgegriffen, aber generell ist alles möglich und sollte zum Kunden und zur eigenen Markenaussage passen. Da ein Ladenbaukonzept aber nicht nach ein, zwei Jahren erneuert wird – Ausnahme sind Pop-ups –, ist hier langfristiger zu denken. Und das Thema Nachhaltigkeit gewinnt auch an Bedeutung.“
Welche Rolle spielt Retroästhetik aktuell im Ladenbau?
„In der Gesamtgestaltung für den deutschen Markt gesprochen, meiner Meinung nach eine untergeordnete – jedenfalls für die Kunden nicht auf den ersten Blick erkennbar. Materialien wiederholen sich, werden aber in Formensprache und Zusammensetzung immer wieder neu kombiniert. Es gibt Trends mit runden, weichen Formen, genauso zu einem Trend aber oft auch den Gegentrend. Und Formen und Farben passen auch nicht zu jedem Sortiment gleichermaßen, sodass bereits im Einzelhandel – ob Textil und Non-Food – oder Bereich Food Unterschiede auftreten.“
Lassen sich Jahrzehnte und Stilepochen ausmachen, die derzeit im Storedesign dominieren? Und, wenn ja, was steckt dahinter?
„Schwerlich, da oft Stilelemente übernommen, aber nicht durchgehend eingesetzt werden. Das war mit dem Industrial Retro leichter. Dieser Trend ist aber durch und nur noch vereinzelt Thema. Ich sehe auch die 1960er und 1970er mit den Knallfarben und wilden Tapeten nicht mehr, dann eher partiell noch einmal kräftige Farben. Aber ist das dann schon Retro? Wenn überhaupt sehe ich eher Einflüsse der 1950er mit organischen Formen, Pastelltönen und kontrastreiche ‚Knallfarben‘ – und da vermischen sich dann schon wieder die typischen Elemente. Wie es einmal war, wird es auch nicht wieder gezeigt, sondern immer abgewandelt. Teilweise werden nur einzelne Stilelemente aufgegriffen. Ist das dann noch Retro?“
Gibt es Materialien, Farben und Gestaltungselemente, die besonders wichtig sind?
„Ja, aber auch abhängig von Markenaussage und Zielgruppe. Natürlich geht der Trend zu nachhaltigen, echten Materialien. Recycelbaren Materialien. Wichtig sind die Haptik und die Wertigkeit. Gestaltungselemente und Farben sind für ein Ambiente entscheidend, welches die Zielgruppe in den Fokus nimmt oder als Markenaussage dient. Und da ist die gesamte Bandbreite verfügbar, immer abgewandelt. Einfluss auf die Gestaltung nehmen auch die Rahmenbedingungen in der Welt und das Gefühl, wonach sich die Menschen gerade sehnen und womit sie angesprochen werden möchten.“
Welche Chancen bietet Retro als gestalterisches Instrument speziell im stationären Modehandel?
„Natürlich kann ich mit Retro schnell Emotionen auslösen, positiv oder negativ. Weil dahinter ja schon eine Zeit steckt, die jemand erlebt hat – oder die neugierig macht, weil die Stilepoche und ihre Facetten nicht bekannt sind. Somit kann ich bewusst Kundengruppen ansprechen und auch zum zweiten Hingucken bewegen, also überraschen. All das hilft ja, nicht eintönig zu sein, sondern Highlights zu schaffen, die besonders sind, und sich damit in der Verkaufslandschaft abzuheben.“
Funktioniert das Thema eher auf kleineren Flächen, die sich als homogene Erlebniswelten inszenieren lassen, oder für sämtliche stationären Formate?
„Auf kleineren Flächen, da das Thema Retro dann einfach erkennbarer und gezielter eingesetzt werden kann. Zudem lassen sich kleinere Flächen schneller umgestalten. Aber es gibt natürlich auch Flächen, die in einer gesamten Optik bespielt werden. Beispiel: der Industrial Retro Style, wo es um unverkleidete Rohre, Backsteinwände und Stahlmöbel mit Patina ging. Vielleicht war dieser Style dann auch gängiger als ein 1970er-Jahre-Style mit knalligen Farben und Mustertapeten, der einfach ‚zu laut‘ sein kann, um die Ware zu inszenieren. Der bietet sich eher auf kleiner Fläche an, sonst werden die Kunden schnell überfordert und abgelenkt von dem Fokus auf die Ware.“
Halten wir fest: Retro steht für Vertrautheit und Nostalgie – und Retro kann überraschen. Gerade durch stilistische Brüche und individuelle Interpretationen. Ist Authentizität überhaupt entscheidend?
„Ja, sonst kann es schnell künstlich und nicht wertig aussehen. Das Arrangement ist wichtig. Ich kann stilistische Brüche einbauen – die müssen aber gekonnt sein. Wenn es zu wild wird, versteht es keiner mehr. Und letztendlich soll der Kunde sich ja gut fühlen und in eine positive Grundstimmung versetzt werden.“
Gibt es Dos and Don’ts bei der Umsetzung des Themas?
„Auf das Ergebnis kommt es an. Nicht zu viel, sondern gezielt und gut in Szene gesetzt, und das hängt von vielen Faktoren ab.“
Retro und Vintage sind zwei Paar Stiefel. Doch inwieweit ist Retro mit Nachhaltigkeit verbunden?
„Retro ist nachhaltig, wenn die Produkte zeitlos sind und zu echten Klassikern werden, aber neu produziert, weil die Nachfrage vorhanden ist. Beispiel sind hier Stühle wie die Klassiker von Charles & Ray Eames. Designobjekte, die nachgefragt werden aufgrund ihrer Gestaltung. Wenn Retro einen ‚Trend‘ darstellt und dieser Trend wieder vorübergeht, Einrichtungsgegenstände aber nicht die Wertschätzung erfahren und dann entsorgt werden, kann von Nachhaltigkeit keine Rede mehr sein! Wenn beispielsweise Vinyl-Schallplatten einen Aufwind erleben und Schallplattenspieler gekauft werden (Retro), um (Vintage-)Platten abzuspielen: Hat der Plattenspieler dann über Jahre hinweg diese Funktion und wird genutzt? Oder ist die Schallplatte nach ein paar Jahren nicht mehr angesagt und der Plattenspieler ‚wandert‘ auf den Müll? Oder Beispiel Lautsprecherboxen: groß und mächtig oder klein und dezent? Retro sind dann die großen, neu gestalteten Lautsprecher – und die sind nachhaltig, wenn sie lange genutzt werden.“
Verkaufsräume werden immer digitaler. Welche Herausforderungen sind damit für den handwerklich geprägten Ladenbau verbunden?
„Die Kunden auf anderer Ebene anzusprechen und den Mehrwert zu zeigen, der im Einzelhandel gegeben wird. Soziale Kontakte und Kommunikation, Beratung und Service. Für den Kunden da sein – voll und ganz.“
Wie wird sich der Ladenbau entwickeln, sehen Sie Trends?
„… alles ist und bleibt in Bewegung. Den einen Trend gibt es nicht mehr.“
Ladenbau in vierter Generation – die Kunze GmbH, Elmshorn
Seit über 100 Jahren besteht die Kunze Group als Familienunternehmen. Den Grundstein legte Albert Kunze, als er sich 1920 nach dem Ablegen der Meisterprüfung als Tischlermeister selbstständig machte. Heute arbeiten rund 50 Mitarbeitende in den Bereichen Ladenbau, Architektur und Werkstatt. Am Standort Elmshorn werden auf 3.500 Quadratmetern Projekte gestaltet, geplant und realisiert – vom individuellen Einzelmöbel bis zur kompletten Laden-, Hotel- oder Gastronomieeinrichtung. Die beiden Geschäftsführer Dirk und Stefan Kunze leiten das Unternehmen in vierter Generation. Zu den Kunden zählen L&T, Osnabrück, mohr., Dollern, oder RAMELOW, Elmshorn.
