La dolce vita

Fotografie

Der italienische Fotograf Paolo Costa war so etwas wie der „Haus- und Hoffotograf“ der Filmlegende Sophia Loren. „Man hat den Eindruck, dass Sophia wirklich von ihm fotografiert werden wollte“, so Costas Tochter Alexandra Pfründer. Alle Bilder ©Paolo Costa/Alexandra Pfründer

Autorin: Katja Vaders
Von den 1950er- bis zu den 1970er-Jahren gehörte Paolo Costa zu den bekanntesten Fotografen Europas und arbeitete mit den großen Filmstars der Cinecittà. Nach seinem Tod Anfang der 1980er geriet er in Vergessenheit. Im letzten Jahr übernahm seine Tochter Alexandra Pfründer sein umfassendes Bildarchiv, darunter unzählige ikonische Fotografien aus der Blütezeit des italienischen Kinos.

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Im Namen der Linse, Paolo Costa ©privat

Marlene Dietrich hält lächelnd Luftballons in der Hand. Claudia Cardinale steht in ihrer Küche und spricht mit ihrer Hausangestellten. Sophia Loren gibt Autogramme. Audrey Hepburn zieht sich während der Dreharbeiten zu „Krieg und Frieden“ die Lippen nach: Momentaufnahmen großer Filmstars, die auf den ikonischen Bildern des italienischen Fotografen Paolo Costa eingefangen sind. Auch wenn es sich nicht um klassische Schnappschüsse handelt – Costas Fotos entstanden ausschließlich in einem professionellen Rahmen –, gelang es ihm doch immer wieder, das Who’s who des europäischen Kinos der 1950er- und 1960er-Jahre in sehr intimen Momenten abzulichten und somit Legenden wie Marlene Dietrich oder Sophia Loren nahbar erscheinen zu lassen.

Paolo Costa wurde 1917 in Lugo di Ravenna, einem kleinen Ort zwischen Bologna und Ravenna an der norditalienischen Adriaküste, geboren. Über seine frühen Jahre ist nicht viel bekannt, selbst seine Tochter Alexandra Pfründer, die heute in Düsseldorf lebt und den Nachlass ihres Vaters archiviert und verwaltet, weiß nicht viel über seine Kindheit und Jugend. Nur Bruchstücke sind überliefert, wie die Geschichte von Paolo Costas Flucht vor den deutschen und italienischen Faschisten. „In der Provinz Emilia-Romagna, in der mein Vater aufwuchs, waren die Menschen sehr gebeutelt von Mussolinis Regime und Hitlers Wehrmacht. Daher gab es dort viele Partisanen. Die Faschisten nahmen Säuberungsaktionen vor, stürmten in die Dörfer und erschossen wahllos Menschen. Mein Vater und sein jüdischer Freund flüchteten vor ihnen mit dem Fahrrad über die Berge nach San Marino, das neutral war und viele Kriegsflüchtlinge aufnahm, und konnten sich so vor den deutschen und italienischen Faschisten retten“, erzählt sie.

Später habe ihr Vater in Bologna und Venedig Politikwissenschaften und Philosophie studiert und offenbar während des Studiums auch das Fotografieren erlernt. Anschließend arbeitete Paolo Costa zehn Jahre lang als Journalist sowie als Sportberichterstatter, bis er 1951 seine Laufbahn als Fotoreporter begann. In der Folge schrieb und fotografierte er zahlreiche Reportagen, eine zum Beispiel über ein von Banditen beherrschtes Gebiet auf Sardinien, die vom LIFE-Magazin veröffentlicht wurde. Costa berichtete zwei Jahre lang hauptsächlich über das Leben der Menschen im italienischen Süden. Seine Arbeit wurde überall auf der Welt publiziert und erlangte vor allem in den USA große Aufmerksamkeit, wie seine Reportage „L‘aqua Sala“, die den harten Alltag der verarmten Bevölkerung in der Gargano-Region in Apulien dokumentierte. „Außerdem berichtete mein Vater über große Veranstaltungen wie die Beerdigung von Papst Pius Xll. im Jahr 1958 in Rom, machte Reportagen über Radsport, Fußball und Basketball oder Stierkämpfe“, so Alexandra Pfründer.

Nachlassarbeit. Alexandra Pfründer ©Markus Pfründer

Im Jahr 1953 zog es Paolo Costa von Mailand nach Rom. Offenbar lockte ihn die schillernde Welt der Cinecittà, die seinerzeit den italienischen Film in die ganze Welt exportierte. Schnell begegnete er in diesem Umfeld der seinerzeit noch blutjungen Schauspielerin Sophia Loren. „Der Überlieferung nach sprach sie meinen Vater an, ob er so etwas wie ihr ‚Haus- und Hoffotograf‘ werden wollte. Sophia war an ihn herangetreten, weil sie offenbar seine Fotos kannte und schätzte. Die beiden müssen eine sehr persönliche Beziehung miteinander gehabt haben, denn als mein Vater starb, meldete sich Sophia Loren bei meiner Mutter und lud sie zu sich ein. Meiner Meinung nach sieht man das auch auf den Bildern, die er von ihr gemacht hat: Man hat den Eindruck, dass Sophia wirklich von ihm fotografiert werden wollte“, erzählt Alexandra Pfründer. Ihre Mutter habe ihr auch einmal erzählt, dass Paolo Costa die Loren und andere Schauspielerinnen selbst geschminkt habe. „Er hat wohl Sophias zu stark nachgezogenen Augenbrauen kritisiert und wollte sie lieber natürlicher sehen“, lacht sie.

Die unzähligen Fotografien Paolo Costas von Sophia Loren fanden schnell internationale Beachtung und wurden in Magazinen in der ganzen Welt veröffentlicht. Immer mehr internationale Prominente, Künstlerinnen und Schauspieler wandten sich nun an Paolo Costa, um sich von ihm fotografieren zu lassen, darunter große Stars wie Claudia Cardinale, Gina Lollobrigida, Anna Magnani, Brigitte Bardot, Elizabeth Taylor, Richard Burton, Jean-Paul Belmondo, Simone Signoret, Yves Montand, Louis Armstrong, aber auch Juan Carlos von Spanien oder Queen Elizabeth ll., Maria Montessori sowie die Regisseure Federico Fellini und Luchino Visconti. Er habe zudem Mode oder Werbung fotografiert, etwa für EMILIO PUCCI, CASADEI oder POLLINI und später für Heinz Oestergaard oder BMW, erzählt Alexandra Pfründer.

Wie ist es ihm denn immer wieder gelungen, diese ganz besonders intimen Momente für seine Bilder zu erschaffen? „Das kann ich nicht sagen, sicher kannte man sich gut. Definitiv haben viele Stars meinen Vater zu sich nach Hause eingeladen, um sich fotografieren zu lassen, auch in privaten Situationen. Mein Vater hat sich auf die Rückseite vieler Fotos Notizen gemacht, wahrscheinlich für Bildunterschriften oder wenn er einen Artikel schreiben wollte. Auf einem Foto von Claudia Cardinale in ihrer Küche hat er beispielsweise notiert, dass sie eine sehr nette Frau sei und gut mit ihrem Personal umgehe.“

Ihr Vater sei zu dieser Zeit viel in der Filmszene unterwegs gewesen, ein Lebemann, der die Dolce Vita in vollen Zügen genoss, ist sich Pfründer sicher. Als die Blütezeit des italienischen Films und seiner Stars und Sternchen jedoch Ende der 1960er/Anfang der 1970er immer mehr verblasste, wechselte Paolo Costa das Sujet. Er verdingte sich fortan als Talentsucher und entdeckte und fotografierte spätere Stars wie Daliah Lavi, Ursula Andress, Elke Sommer oder Britt Ekland. Auch von Sängerin Amanda Lear schoss Paolo Costa die ersten bekannten Porträts. Insgesamt veröffentlichte er rund 550 Titelbilder weltweit, arbeitete als Werbefotograf für ESSO, BMW, olivetti, FIAT oder RENAULT; in einem Bericht auf Rai Uno bezeichnete man ihn seinerzeit als „einen der besten Fotografen Europas“.

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Die Schönheitswettbewerbe, die er in Riccione oder Rimini organisierte, stellten sich für Paolo Costa als gutes Geschäftsmodell heraus. Daher beschloss er, dieses Konzept auch nach Deutschland, vor allem nach München, zu exportieren. „Mein Vater war nicht nur Künstler, sondern auch Geschäftsmann. In Deutschland hat er einige Frauen entdeckt, die später sehr bekannt wurden. Auf den Plakaten zu den Veranstaltungen wurde er immer als ‚Paolo Costa, der Starfotograf aus Italien‘ angekündigt“, erzählt Alexandra Pfründer. Außerdem habe er weiterhin als Mode-, Werbe- und Industriefotograf gearbeitet.

Marion Costa, Ehefrau von Paolo und Mutter von Alexandra Pfründer

Im Jahr 1973 entschloss er sich, seinen Wohnsitz von Italien nach München zu verlegen. Zu dieser Zeit lernte er auch seine spätere Ehefrau Marion kennen, die Mutter von Alexandra Pfründer. „Mein Vater war da schon relativ alt, Ende 50, sah aber noch sehr gut aus. Meine Mutter war 29 Jahre jünger, damals Studentin der Kommunikationswissenschaften, und jobbte in seinem Büro. Und dann haben sie sich ineinander verliebt.“ Im Jahr 1975 kam Alexandra zur Welt, ein Jahr später heirateten Paolo und Marion.

„Ende der 1970er-Jahre ging es uns richtig gut. Ich erinnere mich an ein schönes Leben in München-Grünwald, aber auch die vielen Reisen in luxuriöse Hotels und die schillernden Freunde meines Vaters. Und meine Mutter und ich waren immer dabei. Er hat neben den Schönheitswettbewerben auch weiterhin Stars fotografiert, wie zum Beispiel Luciano Pavarotti. Bis er dann krank wurde“, so Alexandra Pfründer. Man hatte Diabetes Typ 1 bei Costa diagnostiziert.

„Archivio Paolo Costa“

„Damals konnte man noch nicht viel dagegen tun, Diabetes war eine sehr tückische Krankheit. Das war für meine Eltern eine sehr schlimme Zeit. Meine Mutter war ja noch sehr jung und aus dem Starfotografen Paolo Costa wurde ganz plötzlich ein alter, kranker Mann. Mein Vater litt sehr darunter, dass er nicht mehr essen und trinken konnte, was er wollte, und man ihm, dem Italiener, seine geliebte Pasta verbot. Der passionierte Koch musste jetzt strenge Diät halten und somit war das schöne Leben schlagartig vorbei. 1981, nur zwei, drei Jahre nach der Diagnose, ist er dann verstorben. Die Kontakte nach Italien zu den ganzen Stars sind dann schnell abgebrochen, ein geplantes Fotobuch konnte er nicht mehr fertigstellen“, erzählt Alexandra Pfründer.

Paolo Costa habe schon in seinen letzten Jahren damit begonnen, Fotos aus seinem Archiv zu entsorgen. „Meine Mutter hat ihn glücklicherweise davon abgehalten, alle Bilder wegzuschmeißen, dennoch hat er einige vernichtet. Sein großes Archiv mit Massen von Bildern und Negativen war ihm wohl eine Last“, vermutet sie. Der Nachlass von Paolo Costa sei allerdings immer noch riesig, allein die Zahl der Prints belaufe sich auf circa 5.000 Bilder. Hinzu kämen die unzähligen Dias und Negative. Nach dem Tod ihrer Mutter im letzten Jahr hat Alexandra Pfründer nun das „Archivio Paolo Costa“ übernommen.

Einen Teil der Bilder hat sie Bildagenturen wie akg images zur Verfügung gestellt und es sich zur Aufgabe gemacht, den Namen ihres zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Vaters wieder bekannt zu machen. „Der Nachlass von Paolo Costa ist ein ungehobener Schatz voll ikonischer Fotografien. Derzeit sichte, ordne und digitalisiere ich die Bilder und lasse mich von einem Anwalt beraten, um die kommerziellen Nutzungsrechte abzuklären. Leider gab es damals noch keine Lizenzverträge, die so etwas geregelt hätten. Ich würde die Bilder natürlich gerne einer größeren Öffentlichkeit präsentieren, zum Beispiel in einer Ausstellung oder in einer Buchveröffentlichung. Ich habe auch schon versucht, Sophia Loren zu kontaktieren, aber das ist leider gar nicht so einfach“, lacht Alexandra Pfründer.

Derzeit zeigt sie die Fotografien ihres Vaters vor allem auf ihrem Instagram-Account „Archivio Paolo Costa“. „Hierüber erreichen mich immer wieder Anfragen von Galeristen oder anderen Interessenten, die ich jetzt erst einmal in Ruhe abarbeiten möchte. Mal sehen, was dann passiert. Ich bin auf jeden Fall für alle Anfragen zu Kooperationen, etwa mit Kunstbuchverlagen, sehr offen.“

Augenblicke

  • Werbefoto Fiat - alle Bilder ©Paolo Costa/Alexandra Pfründer