Das Comeback des Spießigen

ZEITFRAGEN BY MAGALI

Das Comeback des Spießigen ist kein Rückschritt, sondern eine kleine, aber notwendige Korrektur. Ein Gegenpendel zur Dauerinszenierung, zur permanenten Verfügbarkeit, zur Angst vor dem Normalen. Márton Liszka

Autor: Márton Liszka

Wer nach der Bedeutung des Wortes „spießig“ sucht, stößt schnell auf Begriffe wie Kleinlichkeit, Enge, Konformität, Angst vor Veränderung und mangelnde Abenteuerlust. Spießig war lange kein Wort, sondern ein Urteil. Es roch sehr schnell nach Hausordnung, Vereinsmitgliedschaft, Bausparvertrag, Gartenzwerg und nach einer leisen Drohung, sich bitte „normal“ zu verhalten.

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Gerade passiert aber etwas Interessantes: Vieles von dem, was einmal spießig wirkte, kehrt zurück. Nicht als Retro-Gag, sondern erstaunlich ernsthaft. Menschen backen Brot, legen Hochbeete an, führen Haushaltsbücher, gehen früh schlafen, kaufen Vorratsgläser, wandern, fermentieren Gemüse, organisieren Nachbarschaftsfeste, treten Laufgruppen bei oder entdecken plötzlich den Reiz eines Sonntags, an dem wirklich nichts passiert. Der Zeitgeist trägt wieder Hausschuhe. Und das Lustige daran ist: Es fühlt sich gar nicht mehr peinlich an. Ein gut sortierter Vorratsschrank? Beruhigend. Ein Abend ohne Programm? Herrlich. Ein Kalender, der nicht nur Termine enthält, sondern freie Zeit blockt? Ein absoluter Erfolg.

Das neue Spießige ist keine modische Laune, sondern eine Reaktion auf eine Welt, die vielen zu schnell, zu laut und zu unberechenbar geworden ist. Lange Zeit war Freiheit vor allem mit Entgrenzung verbunden: weiter, flexibler, individueller, globaler. Bloß nicht festlegen, bloß nicht zu früh ankommen, bloß nicht zu sehr nach Alltag aussehen. Wiederholung galt schnell als Stillstand, Routine als Kapitulation. Dabei haben wir unterschätzt, dass Wiederholung auch Fürsorge sein kann. Wer jeden Sonntag spazieren geht, ist nicht zwingend langweilig. Wer sein Essen für die Woche plant, hat nicht aufgegeben. Wer um zehn schlafen geht, ist nicht gegen das Leben, sondern am nächsten Morgen wahrscheinlich etwas besser darin.

Das Banale hatte lange einen schlechten Ruf, weil es nicht zur Erzählung vom außergewöhnlichen Leben passte. Jeder Moment musste etwas erzählen können, jeder Ort ein Erlebnis sein, jede Entscheidung Ausdruck der eigenen Identität. Sogar Erholung bekam irgendwann ein Branding, aus Freizeit wurde Selfcare, aus einem Spaziergang ein Achtsamkeitsritual, aus einem ruhigen Wochenende ein Detox-Lifestyle. In einer Welt, in der alles besonders wirken soll, wird das Spießige plötzlich entlastend: ein Abendessen ohne Foto, ein Wochenende ohne Plan, ein Hobby ohne Ziel, eine Wohnung, die nicht kuratiert aussieht, sondern bewohnt. Das sind keine großen Dinge, aber gerade deshalb sind sie sehr gute und wohltuende Gegenbilder. Sie entziehen sich dem Druck, ständig interessant sein zu müssen.

Natürlich hat Spießigkeit auch eine enge, unangenehme Kehrseite. Sie kann kontrollierend sein und ausgrenzend, sie kann aus Ordnung eine Vorschrift machen und aus jeder Abweichung ein Problem. Diese Version braucht wirklich niemand zurück. Aber es entsteht gerade eine andere Seite, weicher, selbstironischer, weniger belehrend. Nicht „So gehört sich das“, sondern „Das tut mir gut“. Nicht Anpassung an eine Norm, sondern Rückgewinnung von Alltag. Der neue Spießer ist nicht der, der andere zurechtweist, sondern der, der sich traut, seine Blumen zu gießen, während die Welt brennt. Das ist bewusst überspitzt formuliert, denn eine Pflanze zu pflegen, löst keine Krise, ein Haushaltsbuch stoppt keine Inflation, ein pünktlicher Feierabend beendet keine Erschöpfung, aber solche Handlungen geben dem eigenen Leben Form. Und Form ist nicht nichts.

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Vieles von dem, was einmal spießig wirkte, kehrt zurück.

Auch wirtschaftlich gesehen ist das nicht uninteressant. Marken, Unternehmen und Organisationen haben jahrelang auf das Neue gesetzt. Schneller, disruptiver, innovativer. Alles musste Transformation sein, Experience, Purpose, am besten noch mit englischem Arbeitstitel. Doch viele Menschen suchen inzwischen nicht noch mehr Reiz, sondern nur Orientierung. Nicht noch eine weitere Plattform, sondern etwas, das einfach und verständlich funktioniert. Nicht noch mehr Versprechen, sondern simple Verlässlichkeit. Produkte in guter Qualität, die lange halten. Räume, die nicht nur beeindrucken, sondern beruhigen. Kommunikation, die klar und unmissverständlich ist. Führung, die nicht ständig neue Begriffe erfindet, sondern Sicherheit gibt. Vielleicht bekommt das Solide gerade deshalb neuen Glanz, weil das Spektakuläre so oft so müde macht.

Das gilt in meiner Wahrnehmung auch für zwischenmenschliche Beziehungen, denn Stammtische, Buchclubs oder Vereine sind alles Orte, an denen man regelmäßig auftauchen muss, um langsam ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln. Zugehörigkeit entsteht nämlich selten in großen Momenten, sie entsteht durch stetige Wiederholung, Anwesenheit und das etwas unbeholfene, aber ehrliche „Bis nächste Woche“. Vielleicht war „spießig“ also nie nur das Enge. Vielleicht war es auch ein ungeschicktes Wort für Dinge, die wir brauchen: Rhythmus, Verbindlichkeit, Maß und Selbstfürsorge.

Das Comeback des Spießigen ist kein Rückschritt, sondern eine kleine, aber notwendige Korrektur. Ein Gegenpendel zur Dauerinszenierung, zur permanenten Verfügbarkeit, zur Angst vor dem Normalen. Der wahre Gegenentwurf zur überreizten Gegenwart ist vielleicht nicht die nächste Revolution, sondern ein Sonntag ohne Termin, an dem man Vorratsgläser ordnet und beschriftet. Manchmal beginnt Zukunft genau dort, wo man wieder weiß, was im Regal steht.

Der Autor

Márton Liszka ist Gründer von Magali SOLUTIONS und begleitet Menschen und Organisationen dabei, Veränderung bewusst zu gestalten. Mit unterschiedlichen Formaten schafft er Räume für Klarheit, Selbstführung, Zusammenarbeit und Innovationskraft. Zuvor war er als COO beim Zukunftsinstitut tätig und bringt juristische Ausbildungen aus Österreich, Großbritannien und den Niederlanden mit. Sein zentrales Anliegen: Unsicherheit als Chance begreifen und nachhaltige Lösungen entwickeln, die Wirkung entfalten.

Mehr unter: www.magalisolutions.com