Die neuen, alten Konsumverweigerer? - FASHIONTODAY

Die neuen, alten Konsumverweigerer?

MINIMALISMUS

Aussteiger und Konsumverweigerer also, aber die hat es ja schon immer gegeben. ©pixabay

Autorin: Nina Peter

Bei der Welle, die der Begriff Minimalismus aktuell auslöst, könnte man glatt meinen, es wäre ein Phänomen unserer Zeit. Selbst auf Netflix lässt sich eine brandaktuelle Doku zu dem Thema finden und im Netz wimmelt es nur so von lebenserleichternden Tipps von Bloggern, Magazinen und sogar Websites, die sich ausschließlich dem Thema widmen, anderen zu erklären, wie sie am besten möglichst viele Sachen möglichst clever in den Müll befördern sollen, um sich am Ende der beratungsintensiven Prozedur wie ein freier Mensch zu fühlen.

Die richtigen Hardliner des Minimalismus sind tatsächlich bewundernswert, denn einige von ihnen haben sich tatsächlich gänzlich von Hab und Gut, gewöhnlichem Arbeitsleben und jeglichem Konsum verabschiedet und diskutieren in ihren Podcasts darüber, ob sie wirklich einen Teller, ein Messer und eine Gabel im Alltag brauchen. Aussteiger und Konsumverweigerer also, aber die hat es ja schon immer gegeben. Die softere Version ist wahrscheinlich für einen Großteil der thematisch Interessierten deutlich attraktiver. Da geht es um Erleichterung im Alltag und nicht direkt um das Abschaffen des Alltags, sondern um das Reduzieren unnötiger Konsumgüter, die das tägliche Leben erschweren, zusätzliche Verpflichtungen und Zwänge mit sich bringen und so viel Aufmerksamkeit fordern, dass das eigentliche Erleben von Lebenswertem deutlich zu kurz kommt. Dass der Blick da schnell auf die Klamotte fällt, ist eigentlich logisch, denn seit das Internet mit täglich wechselnden Modehypes grüßt, H&M und Co den Markt mit billiger Mode zuschmeißen und Individualisierung in unserer Gesellschaft die maximale Bedeutung erreicht hat, dürfte der ein oder andere Kleiderschrank inzwischen zum eigenen Haus geworden sein. Doch nicht jeder ist automatisch auch zum Stylisten geworden und plagt sich nun mit einem unüberschaubaren Haufen an Einzelteilen, Stilen, Farben und einer daraus resultierenden Überforderung rum. Man braucht allerdings keinen Minimalismus-Blog dafür, um zu verstehen, dass man an diesem Punkt anfangen sollte auszusortieren.

Die Capsule Wardrobe

Auch dabei handelt es sich nicht um eine Idee, die in unserer Zeit geboren wurde. Wenn man ein bisschen recherchiert, dann lassen sich die Ursprünge bereits auf die 1970er-Jahre zurückdatieren und wirklich interessant ist eigentlich, dass Donna Karan 1985 bereits eine Capsule-Kollektion für Frauen gezeigt hat, die aus sieben Basics bestand, die als unkomplizierte Essenz von allen Looks taugten. Der Gedanke ist also alles andere als neu, das Problem der zu komplizierten Garderobe ebenfalls nicht. Das Capsule-Prinzip hat sich inzwischen etwas gewandelt, denn Marken nutzen es zwar, um in sich geschlossene, komprimierte Kollektionsthemen zu präsentieren, diese aber nicht – wie im ursprünglichen Sinne – gedacht sind, um den Kleiderschrank zu ersetzen und in eine saisonübergreifende Modeessenz zu transformieren. Sondern um kleine Kollektionen zwischen den Saisons geschickt zu verkaufen. Um die 30 Teile sind es inzwischen, die den minimalistischen Kleiderschrank der Männer – die Capsule Wardrobe – ausmachen. Dazu gehören ein Anzug, eine Jeans, ein Pea Coat, T-Shirts, Baumwollhemden, Blazer, fünf Paar unterschiedliche Schuhe, ein Wollpullover, eine Uhr, eine Jacke, ein Schal und eine Sonnenbrille. Fertig. Von Konsumverweigerung lässt sich allerdings bei dieser Art des Minimalismus nicht sprechen, denn der zielt gerade darauf ab, sich ausschließlich hochwertige bis luxuriöse Einzelteile anzuschaffen, die natürlich in zweiter Instanz langlebiger sind, aber durchaus erst einmal den richtigen Geldbeutel voraussetzen, um diese Erstausstattung zu finanzieren. Minimalismus, den man sich leisten können muss. Ein Paradoxon an sich, allerdings fängt das ja bereits schon bei dem Gedanken an, dass man sich ernsthaft Ratgeber sucht, um sich vor den eigenen Klamotten retten zu lassen. An dieser Stelle lohnt sich vielleicht der nüchterne Blick von G. Bruce Boyer auf Mode: It’s not a cure for cancer. It’s not going to solve world poverty or climate problems. At most, it’s an economic business and it will make us feel better about ourselves.”