Berliner Messe machen…

Bilanz

Aus Sicht der Messbetreiber war die letzte Ausgabe der Fashion Week in Berlin zufriedenstellend bis verbesserungsfähig. ©pixabay
Autor: Markus Oess

Berlin wird schwächer – oder nicht? Die Stadt ist arm und sexy. Gemeint ist aber der generelle Zuspruch der Branche zu den Messen. FT hat die Organisatoren gefragt. Eine Selbsteinschätzung der Messemacher.

Vom PoS zum PoX

Jörg Wichmann ist der Chef der PANORAMA Berlin, die von Ausstellern und Einkäufern gleichermaßen herbeigesehnt wurde, denn die Messe unterm Funkturm hatte seinerzeit eine schmerzhafte Lücke geschlossen.

Jörg Wichmann ©PANORAMA

Wie wars?
„Die zurückliegende PANORAMA war eine durchaus gute Messe und unsere Aussteller bescheinigen uns eine enorm hohe Qualität der Besucher beziehungsweise der Händler. Dennoch haben wir diesmal einen für uns ungewohnten Besucherrückgang verzeichnet. Das lag zum Beispiel daran, dass die großen Einkaufsteams reduziert wurden und statt beispielsweise 14 Einkäufer eines großen Filialunternehmens nur noch 6 Einkäufer gekommen sind. Andererseits ist unsere Messe zu groß geworden, der Brandmix war nicht mehr optimal, nicht mehr spannend genug und nicht alle Marken haben eine ausreichende Relevanz, eine starke Message oder inszenieren sich gut genug. Wir werden die Hallenaufteilung erneuern und uns fokussieren. Konkret geht es um den Mix von Mens- und Womenswear, die von vielen Ausstellern zurückgewünscht wird. Insbesondere die deutsche Menswear-Industrie hat sich in den letzten Jahren sehr stark nach vorn entwickelt, das wollen wir noch stärker hervorheben. Wie bereits vorher beschrieben, werden wir nun optimieren und deshalb komprimieren.“

Wohin geht die Reise?
„Das Endverbraucherverhalten ändert sich durch alle Altersgruppen hindurch drastisch und besonders auf die nachkommenden Generationen müssen wir uns einstellen. Konkret heißt das, die neuen Ansprüche der Konsumenten an Produkte, Marken, Verfügbarkeiten, Relevanz, Emotion und Entertainment sowie Innovation und Service müssen auch bedient werden. Der PoS muss zum PoX werden. Diese Entwicklung vollzieht sich mit einer Geschwindigkeit, die jetzt alle Player im Markt langsam begreifen. Wir als Messe verstehen uns als Plattform, auf der wir diese Veränderungen abbilden. Das fordert uns als Innovationstreiber natürlich immer wieder heraus: Vorauszudenken, das ist unsere Aufgabe und wir tragen als PANORAMA BERLIN diesem Trend Rechnung. Damit treten unsere Partner in den Fokus und das sind Marken mit Relevanz und einer starken Message. Auf die konzentrieren wir uns verstärkt, weil diese Marken dem Handel Lösungen für die Zukunft bieten und dem Konsumenten eine klare Botschaft. Das ist für uns zukünftig entscheidend.“

Was wird sich ändern?
„Konzentration, das Buzzword in der Branche, ist ganz klar auch unsere Message, deshalb sind wir aktuell in der Diskussion, die Themenwelt NOVA als Ausstellungselement aufzulösen und die wichtigsten Marken der NOVA in die Haupthallen sehr spannend zu integrieren. Event und Entertainment haben im Handel einen völlig anderen Stellenwert als noch vor fünf Jahren, Konsumenten wollen Emotion und Erlebnis und dazu eingeladen werden. Händler, die das verstanden haben, freuen sich über Frequenz, zufriedene Kunden und erzielen gute Umsätze. Auch dies ist eine Entwicklung, die wir auf unserer Messe abbilden werden, das heißt, wir werden uns von einer traditionellen Messe, auf der sich Marken statisch präsentieren, zu einem viralen Event für die Branche verändern. Neben bekannten Inhalten werden unsere Gäste ein Ereignis erleben, auf dem es um Entertainment geht. Music Acts, DJ Acts, Live Performances, Kunst, innovative Inszenierungen, Food & Drinks. Die Branche kommt auf unserem Event zusammen, informiert und inspiriert sich, führt die Gespräche, die sie braucht, und hat vor allem auch Spaß dabei. Retail Solutions wird weiter ausgebaut, das sehr erfolgreiche Thema Lectures wird forciert. Wir sehen, dass der Handel das Angebot gut angenommen hat und sich auf unserer Veranstaltung über digitale und weitere Kommunikationslösungen sowie Food-Konzepte und vieles mehr tiefer informieren will.“

Berlin ist …?
„Auch die Hauptstadt muss wieder mehr in den Fokus gerückt werden. International gesehen ist Berlin ein absoluter Hotspot, das übersehen unsere deutschen Gäste manchmal. Berlin entwickelt sich rasant und hat zum Beispiel London bei den Investitionen in IT und der Infrastruktur überrundet. Wir werden unseren Gästen zeigen können, wo sich die neuen, spannenden It Places befinden. Die sind schon lange nicht mehr in Mitte, sondern in Neukölln, Wedding et cetera. Dort sind heute die Zentren der ,Creative Communities‘. Also werden wir Gäste und Aussteller zukünftig mit auf eine Reise nehmen, die ihnen Berlin als internationale Megacity nahe bringt. Berlin hat einen Underground-Kern und der funktioniert nach wie vor. Ganz abgesehen davon fällt mir keine andere Metropole hierzulande ein, die dies als Hub darstellen kann. Berlin muss als Plattform zwischen Handel und Industrie funktionieren und dafür müssen wir noch enger zusammenarbeiten: Messeveranstalter, die Stadt Berlin, Interessenverbände und die Aussteller selbst.“

Wir arbeiten immer an der Zukunft

Anita Tillmann, Managing Partner PREMIUM GROUP, ist in Berlin bestens vernetzt. Die PREMIUM gilt als die konzepttreueste Messe in der Hauptstadt. Das Gleisdreieck ist eine feste Institution im Berliner Fashion Business. Inzwischen ist die PREMIUM GROUP mit fünf Messen und einem Konferenzformat mit CLARION EVENTS als Investor zu einem bestimmenden Faktor an der Spree herangereift.

Anita Tillmann ©Boris Kralj

„Wir sind sehr zufrieden mit den Juli-Shows. Die Stimmung war gut, es waren wichtige Brands und Einkäufer in Berlin. Unsere Stärke ist das Content-, Commerce- und Community-Konzept – wir verbinden die richtigen Menschen an den richtigen Touchpoints und davon profitiert das gesamte Netzwerk. Wir glauben, Face-to-Face ist powerful. Berlin steht für Street Culture und Fashion, Berlin steht für Jugend, Innovation und Digitalisierung. Hier passiert alles unter der Überschrift ,Neu und anders‘. Der Start von Veee.com ist sehr vielversprechend und das Feedback extrem gut. Wir arbeiten immer an der Zukunft.“

Mehr Zusammenarbeit

Angetreten war die SELVEDGE RUN dereinst, um einen standesgemäßen Ersatz für die L.O.C.K./Fire Department Area der Bread & Butter zu schaffen, die 2015 die Flügel strecken musste und von zalando übernommen, dann zum Endverbraucherevent umgewidmet wurde. Heute ist die Plattform Kooperationspartner der PANORAMA BERLIN und steht für Handcraftet Menswear. Shane Brandenburg, Sales Manager und Partner der SELVEDGE RUN setzt neue Ziele.

Shane Brandenburg ©SELVEDGE RUN

„Die siebte Ausgabe der SELVEDGE RUN diesen Sommer hat wieder mit konstant guten Besucherzahlen und zufriedenen Ausstellern überzeugt. Für die nächste Show im Januar 2019 wünschen wir uns ein gesundes Wachstum und noch mehr internationale Einkäufer. Berlin hat ein besonderes und raues Flair, welches die Besucher lieben, und die Preise sind immer noch moderat im Vergleich zu anderen Modemetropolen. Zudem ist Berlin als Messestandort für hochwertige Bekleidung in Europa ideal. Schön wäre es für die Zukunft, wenn sich alle Messebetreiber gemeinsam mit der Stadt an einen Tisch setzen und an einer zukunftsorientierten Präsenz der Fashion Week arbeiten. Das Ziel sollte unter anderem ein offizieller ,Berlin Fashion Week Shuttle‘ sein, der alle Messen untereinander und beide Flughäfen und den Hauptbahnhof miteinander verbindet.“

Green Berlin

Green Fashion boomt und mit ihr die beiden von der Messe Frankfurt ausgerichteten Berliner Messen Greenshowroom und Ethical Fashion Show Berlin, die zur Winterauflage 2019 unter dem Namen Neonyt zusammengefasst werden. Aber hält der Hauptstadt-Standort das, was er verspricht? Show Director Thimo Schwenzfeier, Messe Frankfurt.

Thimo Schwenzmeyer ©Messe Frankfurt

Berlin als Modestandort?
„In Sachen Mode ist Berlin für uns nach wie vor das Maß aller Dinge. Ich weiß, dass es da große Diskussionen gibt und der Standort sehr kritisch betrachtet wird. Aber ich glaube, dass sich die Branche damit keinen Gefallen tut. Natürlich hat Berlin seine Schwächen und natürlich gibt es immer Punkte, die verbessert werden könnten, doch meiner Meinung nach überwiegen die Stärken deutlich. Es hat schließlich seine Gründe, warum viele Länder neidisch auf den Standort Berlin blicken. Gerade beim Thema Technologie und Nachhaltigkeit in der Mode setzt die Hauptstadt mit ihrer Start-up-Szene und Konferenzen wie etwa der FASHIONTECH Maßstäbe. Deutschland ist Weltmarktführer im Bereich Tech-Textilien und das ist ein wunderbarer Aufhänger für die weitere Entwicklung des Standorts.“

Fazit F/S 2019?
„Wir veröffentlichen grundsätzlich keine Besucherzahlen. Nur so viel: Die Zahlen lagen deutlich über denen der Sommermesse 2017, aber ein Stück weit unter dem Rekord, den wir im vergangenen Winter erreichten. Die Terminierung war diesmal eher schwierig und es hat sich zudem mehr und mehr herausgestellt, dass die Wintereditionen grundsätzlich stärker sind. Zudem haben wir bereits mit der modischen Kuratierung begonnen, die ab Winter 2019 voll durchschlagen wird und schon im Sommer zu einer bewussten Verkleinerung der Ausstellerzahl geführt hat. Neben unseren Nachhaltigkeitskriterien als absolute Basis setzen wir einen deutlichen Fokus auf Qualität und Vertrieb. Sprich, wir wollen auf der Neonyt Labels haben, die nicht nur nachhaltigen und stilistischen Ansprüchen genügen, sondern beispielsweise auch in Sachen Schnitt voll überzeugen und zudem auf allen Ebenen professionell mit dem Handel zusammenarbeiten können.“

Verbesserungspotenzial?
„Natürlich ist eine große Bandbreite an modischen Stilistiken immer zu begrüßen, aber ich denke, eine noch deutlichere Fokussierung auf Qualität würde dem Hauptstadt-Standort gut tun. Zudem sollte Berlin damit aufhören, sich immer wieder mit den Fashion Weeks in London oder Paris zu vergleichen. Das bringt überhaupt nichts. Berlin hat einen ganz eigenen Charakter und steht für sich schon sehr gut da. Da kann man gerne auch ein bisschen selbstbewusster sein.“