Leben für den Anzug

Portrait

„Ich habe meinen Job aus Überzeugung gemacht." Dr. Karl-Wilhelm Vordemfelde ©FT

Autor: Markus Oess

Wenn er sich einen Zeitabschnitt aussuchen dürfte, in dem er Mode verkaufen würde, wären es die 20er- oder 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Die Menschen feierten ausgelassen, um zwei Weltkriege zu vergessen, und blickten hoffnungsvoll in die Zukunft. „Vor allem aber wurden mit Begeisterung Anzüge getragen“, betont Dr. Karl-Wilhelm Vordemfelde. Ein promovierter Jurist, der mit dem Anzug aufwuchs und der ihn sein ganzes Berufsleben begleiten sollte. Der langjährige WILVORST-Chef hört zum Jahreswechsel auf. Wir haben ihn in Northeim gesprochen.

„Doktor“, so wird Dr. Karl-Wilhelm Vordemfelde im Unternehmen genannt. „Deutlich besser als ,Junior“, sagt der WILVORST-Chef und blickt ein wenig wehmütig auf die beiden Bilder seiner Vorfahren, die im Besprechungszimmer von einer langen Firmentradition künden. Schon der Großonkel Wilhelm und der Vater Friedrich-Wilhelm Vordemfelde lenkten die Firmengeschicke. Nun geht auch die Zeit des Doktors im Unternehmen zu Ende. Zum Jahreswechsel übernehmen die beiden neuen Geschäftsführer Andreas Wolf und Stefan Kohlmann endgültig die Verantwortung und der Mann, der über viele Jahrzehnte das Unternehmen prägte, geht in den Ruhestand. „Den Stabwechsel haben wir schon von langer Hand geplant und vorbereitet“, sagt Dr. Vordemfelde. Er will nicht nur ein sauberes Haus übergeben, er will das auch geordnet tun.

Von Anfang an stand fest, dass der junge Dr. Vordemfelde ins elterliche Unternehmen einsteigen würde. Bekanntlich gelten Juristen als eine Art Alleskönner im Management, sodass die Wahl des Studienfaches doch schnell geklärt war. Mit 23 Jahren legte Dr. Vordemfelde das erste Staatsexamen ab. Mit 26 Jahren folgte das zweite. Drei Monate später heiratete er seine Frau Sabine Ahrens, im Mai versteht sich. Im Alter von 29 Jahren hat er seine Promotion abgeschlossen. Es ging um niederländisch-deutsches Bilanzrecht (Thema: „Die richterliche Überprüfung von Grundsätzen ordnungsmäßiger Buchführung“). Oft hielt sich Vordemfelde in dieser Zeit in der Universität in Groningen auf. Er lernte Niederländisch und kam mit seiner Arbeit schnell voran. „Ich bekam aber ein Stipendium. Immerhin 1.000 D-Mark“, sagt Dr. Vordemfelde. „Ich konnte mich also voll auf meine Promotion konzentrieren.“ Inzwischen schrieb man das Jahr 1981.

„Ich habe mich zwar in die verschiedensten Rechtsgebiete eingearbeitet, habe gelernt, juristisch zu arbeiten, aber noch war ich nicht bereit, in unserem Unternehmen Verantwortung zu übernehmen“, erzählt Dr. Vordemfelde und listet eine Anzahl von Firmen auf, bei denen er den letzten Schliff bekam. Neun Monate Praktikum bei Dreyer in Löhne, das er noch vor seiner Promotion absolvierte. Dazu kamen Stationen bei Dechamps in Aachen, Wüsthoff in Osnabrück und Bunge in Hannover. „Ich habe so ziemlich alles gemacht, was ich für meine künftigen Aufgaben kennen musste. Personal, Produktion, Verkauf, auch Einzelhandel“, berichtet Dr. Vordemfelde. Er stieg im April 1982 ins Unternehmen ein, damals hieß die Firma noch Wilhelm Vordemfelde KG, und die Mitarbeiter begannen, ihn Doktor zu nennen, so wie sie das heute noch tun. Im Januar 1983 dann wurde das Unternehmen in die WILVORST Herrenmoden GmbH umfirmiert.

„Das waren bewegte Zeiten“, erinnert sich Dr. Vordemfelde. Er war für die EDV und den Export verantwortlich. Die Tatsache, dass er sechs Fremdsprachen spricht (neben Niederländisch auch Französisch, Italienisch, Spanisch, Englisch und Portugiesisch), half. Nur kurze Zeit später kümmerte sich Dr. Vordemfelde um den gesamten Vertrieb. „Ich war viel im Ausland unterwegs. Wir bauten unser Geschäft in Großbritannien auf. Ein echter Glücksfall, denn es gelang uns, einige der großen Vermieter von Hochzeitskleidung wie MOSS BROS. oder YOUNG’S HIRE zu gewinnen, und wir konnten auf einen Schlag eine Menge Anzüge verkaufen.“ In Großbritannien, wie in den USA auch, leihen sich die Hochzeitsgäste ihre Anzüge und tragen im Grunde Uniform. „Sehr schnell kamen wir auf einen Umsatz von damals noch rund 7 Millionen D-Mark. Noch heute ist die Insel für uns ein wichtiger Markt. Es gab aber auch Risiken. So existierten noch keine Warenkreditversicherungen, aber auch kein Internet oder Handy. Alles dauerte viel länger zu der Zeit und das Geschäft mit dem Ausland zu machen, war deutlich komplizierter“, erzählt Dr. Vordemfelde.

„1986 gelang uns unser erster großer Coup, der uns einen echten Schub gab. Wir kamen mit Warner Bros. in Kontakt, die den Denver Clan produzierten, und wir erhielten die Marken-Lizenz“, erinnert sich Dr. Vordemfelde. Damals war die Republik in zwei Lager geteilt. Die einen fieberten jeder Folge von Dallas entgegen, eine Serie, die wöchentlich in der ARD ausgestrahlt wurde, für die anderen war die Woche ohne Denver Clan eine vertane Woche. Beide Serien folgten dem gleichen Strickmuster: Die Schönen und Reichen hassen und hintergehen sich, sie lieben und leiden. „Die Denver Collection by WILVORST schlug ein wie eine Bombe. Die verkaufte sich wirklich von selbst“, sagt Dr. Vordemfelde. Leider hatte sich auch das ZDF die Markenrechte gesichert. Es kam zum Rechtsstreit und zum üblichen Vergleich. Kein billiges Unterfangen, allein die Anwaltskosten addierten sich auf damals 50.000 D-Mark. „Aber es hat sich gelohnt.“ Es folgte die schreiend bunte SAT1-Kollektion. Und WILVORST stattete auch die Männer aus, die beim RTL-Dauerbrenner „Traumhochzeit“ mit Linda de Mol mitmachten. „Wir haben die Markenwelt von WILVORST auf das heutige Niveau gehoben“, meint Dr. Vordemfelde. After Six wurde gelauncht, Mode für den Bräutigam. Eine Marke, die sich schon Friedrich-Wilhelm Vordemfelde schützen ließ.

Im Dezember 1992 stirbt Friedrich-Wilhelm Vordemfelde. Karl-Wilhelm entschließt sich 1993, einen starken Partner ins Boot zu holen, und verkauft die Mehrheitsanteile an die F. W. Brinkmann GmbH & Co. KG, Herford, die heutige bugatti Holding. „Ich hatte mir das sehr gut überlegt und habe meine Entscheidung keinen Tag bedauert“, sagt Dr. Vordemfelde. „Damals habe ich noch mit Friedrich-Wilhelm Brinkmann verhandelt. Aber auch Klaus und Wolfgang sind faire Geschäftspartner. Wir haben den Fortbestand des Unternehmens gesichert und in den ganzen 25 Jahren, in denen wir zusammenarbeiten, haben wir kein einziges Mal rote Zahlen geschrieben.“

Heute werden unter der Marke WILVORST die Linien After Six, Classics und Prestige verkauft. Im Jahr 2000 wird TZIACCO als weitere Linie eingeführt. 2010 übernahm WILVORST die Marken atelier toríno und CORPUS LINE (Maßkleidung). „Ob ich alles wieder so machen würde?“, fragt Dr. Vordemfelde und nickt bestimmt mit dem Kopf: „Ich habe meinen Job aus Überzeugung gemacht. Drei Dinge habe ich in der ganzen Zeit hochgehalten: Marke, Produkt und Lieferservice für den Handel. Es war eine aufregende Zeit. Aber jetzt stehen andere in der Verantwortung“, sagt er. Auf die Frage, ob er sich auch so intensiv auf den Einstieg ins Rentnerleben wie den Ausstieg aus der Firma vorbereitet habe, stutzt Dr. Vordemfelde nur kurz: „Das brauche ich nicht. Ich habe eine Frau, die ich liebe, drei Kinder und sieben Enkelkinder. Ich spiele mit großer Leidenschaft Klavier, gehe gern auf die Jagd. Ich ziehe mich öfter mal in mein Haus in Portugal zurück und genieße das Leben. Und wenn es doch mal zu langweilig sein sollte, werde ich mein drittes Buch schreiben.“

Der Name verpflichtet

Dr. Karl-Wilhelm Vordemfelde wurde am 28. Februar 1953 in Northeim als Sohn des Kaufmanns Friedrich-Wilhelm Vordemfelde und Elisabeth Vordemfelde geboren. Nach Jurastudium und Promotion trat Dr. Vordemfelde bald neben seinem Vater in die Geschäftsführung des elterlichen Unternehmens WILVORST ein. Nach dem Tod seines Vaters im Dezember 1992 übernahm Karl-Wilhelm die alleinige Geschäftsführung und verkaufte kurze Zeit später 1993 die Mehrheitsanteile an die heutige bugatti Holding, Herford, um den Fortbestand des Unternehmens zu sichern.

Neben seiner Tätigkeit engagierte sich der WILVORST-Chef auch ehrenamtlich. So war er Vorsitzender der Kartellvereinigung der deutschen Bekleidungsindustrie und Vorsitzender des DOB-HAKA-Fachkartells, Köln. Er war Mitglied im Präsidium des Bundesverbandes der deutschen Bekleidungsindustrie bis zu dessen Eingliederung in den neuen Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie. Auch arbeitete er im erweiterten Vorstand des HAKA-Verbandes, Köln. Zudem begleitete es das Amt des Landesvorsitzenden des Bundesverbandes Junger Unternehmer in Niedersachsen und war Mitglied im Bundesvorstand des BJU Deutschland. Dr. Vordemfelde war Präsident des Rotary Clubs Einbeck-Northeim und Mitglied der Vollversammlung der IHK Hannover sowie Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses der IHK im Landkreis Northeim.

Dr. Vordemfelde ist Autor zweier Fachbücher (zur Unternehmensführung im Mittelstand und zur Geschichte der deutschen Textilbranche im 20. Jahrhundert). Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Zu seinen Hobbys zählen Jazzpiano, Golf und Multimedia.