Berlin stabil?

Messe-Lauf

„Altes mit ein paar kleinen Veränderungen wieder aufgewärmt." Thomas Rüttgers ©privat

Autor: Andreas Grüter

Cool or fool? Am Messestandort Berlin scheiden sich seit geraumer Zeit die Geister. Doch was ist dran an der Messemüdigkeit? Im Zuge unserer Fashion-Week-Recap haben wir mit Thomas Rüttgers, Betreiber des Kölner GENTS OF COLOGNE Stores, gesprochen.  

FT: Auf welchen Messen warst du unterwegs?
Thomas Rüttgers: „Ich hab die SELVEDGE RUN, die PANORAMA und die PREMIUM besucht.“

Hast du deine Messebesuche vorher geplant?
„Eigentlich nicht. Natürlich ging es darum, bestehende Lieferanten zu besuchen, und natürlich gab es Termine, aber abgesehen davon wollte ich auch neue Labels entdecken. War aber nichts Interessantes für uns dabei.“

Gab es dennoch positive Überraschungen auf deinem Trip?
„In Sachen Messe? Eigentlich nicht. Es ist immer das gleiche Spiel. Für mich sind Messen mittlerweile eine ziemlich tote Veranstaltung.“

Also war Berlin ausnahmslos negativ?
„Was die Messen angeht, schon. Bei den Ausstellern, mit denen ich gesprochen habe, war die Stimmung ziemlich schlecht und die Besucherzahlen ließen auch eher zu wünschen übrig – egal was später in den Pressemitteilungen stand. Fakt ist doch, dass jede Messe ihr eigenes Süppchen kocht und die Messelandschaft total zersplittert ist. Als Besucher fährt man dann kreuz und quer durch die Stadt, was jede Menge Zeit und noch mehr Nerven kostet.“

Hast du relevante Trends ausgemacht?
„Nein, überhaupt nicht. Es gab keine neuen Looks, die mich umgehauen haben. Allerdings kann man das Rad ja auch nicht neu erfinden und so wird Altes halt mit ein paar kleinen Veränderungen wieder aufgewärmt und als Neues verkauft. Möglicherweise gab es sie schon, die innovativen Labels, die in irgendeiner Ecke ausgestellt haben, aber ich habe sie nicht entdecken können. Innovationen kommen ja zumeist von kleinen Start-ups, die dann aber nicht die nötigen finanziellen Mittel haben, um sich einen Messeauftritt wirklich leisten zu können. Meiner Meinung nach wird es immer schwieriger, Interessantes auf Messen zu finden, und dementsprechend ist es auch schwierig, dort gute Geschäfte zu machen.“

Die Berliner Messen haben demnach keine Relevanz mehr für dich?
„Schon länger nicht mehr. Wir haben unsere Lieferanten, mit denen wir zusammenarbeiten, und für die Order reicht dann meistens ein Blick ins Lookbook oder der Hausbesuch des Vertreters. Auf der Messe geht es nach meiner Beobachtung nur noch ums Sehen und Gesehenwerden und um ein bisschen Socializing.“

Messen mit Fun-Faktor haben ausgedient?
„Auf jeden Fall. Diese ganzen Champagnermessen machen mir keinen Spaß mehr.“

Hast du dennoch Inspirationen mitgebracht?
„Ja, natürlich. Berlin ist eine tolle Stadt und immer für Inspirationen gut. Es gibt viel Bewegung auf der Straße. Das kann einen schon auf gute Ideen bringen.“

Also warst du auch jenseits der Messen ordentlich unterwegs?
„Klar, ich bin durch die Kieze gewandert, habe mir viele Läden angeschaut und versucht, die Atmosphäre der Stadt einzufangen. Was hat sich seit dem letzten Besuch verändert, was ist gleich geblieben, wo passiert aktuell etwas und vor allem was? Das sind die Dinge, die ich dann mit nach Hause bringe.“

Was würdest du dir für die nächsten Messerunden wünschen?
„Mehr Innovationen und weniger 08/15. Die Betreiber haben offensichtlich aber wenig Interesse an Experimenten. Ich würde mir da mehr Risikobereitschaft und größere Ideen wünschen. Zudem sollte kleineren Labels die Möglichkeit gegeben werden, an prominenter Stelle und nicht in irgendeiner dunklen Ecke auszustellen. Und zwar zu einem fairen Kurs. Langfristig brauchen Messen diese Minibrands, um für Besucher interessant zu bleiben. Ach ja, es wäre wunderbar, wenn die Messegesellschaften endlich an einem Strang ziehen würden. Diese Einzelkämpfermentalität bringt den Modestandort Berlin keinen Schritt weiter.“