Nachhaltigkeit im Aufschwung?

Globalisierung

„Made in Europe“ nicht zwingend fair ©pixabay
Autorin: Tays Jennifer Köper-Kelemen

Die Globalisierung ist in aller Munde. Doch welche Entwicklungen zeichnen sich jüngsten Studien zufolge ab? Setzen sich Regionalität und Nachhaltigkeit mehr und mehr durch? Unter anderem kommentiert Christiane Schnura, Koordinatorin bei der Clean Clothes Campaign, zehn Thesen rund um Wirtschaftlichkeit, Produktion und Endverbraucher.

Anti-Globalisierungs-Trends, neue Technologien und veränderte Kundenbedürfnisse – laut einer Studie der Unternehmensberatung A.T. Kearney stehen globale Wettbewerbsstrategien vor dem Aus. Vielmehr soll zukünftig dezentralisiertes Handeln über unternehmerischen Erfolg entscheiden. Der Begriff der Multilokalisierung wird als Schlüsselwort geprägt. Demzufolge ist die Tendenz hin zu einer stärkeren Regionalisierung längst kein einfaches Modephänomen mehr. Steigende politische Risiken, neue Konsumentenbedürfnisse, die sich von globalen Marken ab- und regionalen, authentischen Angeboten zuwenden, veränderte Industriepolitik und technologische Fortschritte wie Robotics und 3-D-Druck sieht man als Ursache für eine Ablösung der Globalisierung. Die Multilokalisierung beschreibt indes die Welt als Wirtschaftsumfeld, in dem nicht mehr weltweite, sondern lokale Gemeinschaften, Industrien, Produkte und Kulturen vor Ort mit ihren authentischen und spezifischen Unterschieden zählen. In der Konsequenz beurteilen die Autoren der Erhebung vor allem jene Unternehmen als wettbewerbsfähig, die es schaffen, sich in verschiedenen Regionen und Märkten als lokal integrierte Einheiten zu behaupten.

Verändertes Konsumentenverhalten

Und auch die Studie „The State of Fashion 2019“ der Plattform The Business of Fashion in Kooperation mit der Unternehmensberatung McKinsey & Company macht auf Veränderungen in der Modebranche aufmerksam. So soll das Wachstum der Modeindustrie von 4 bis 5 Prozent in 2018 auf nunmehr 3,5 bis 4,5 Prozent in 2019 sinken. Umbrüche in der Weltwirtschaft, Handelsbeschränkungen und Entwicklungen wie der Brexit gelten als verunsichernde, Aussichten trübende Faktoren. Nicht zuletzt findet an dieser Stelle auch der Endverbraucher mit einem veränderten Konsumentenverhalten Berücksichtigung. So soll die Begeisterung der jüngeren Generationen für soziales Engagement und Umweltschutz kein Nischentrend mehr sein. Entsprechend prognostiziert man auch, dass die Lebensdauer von einzelnen Modeprodukten steigen wird, neue Geschäftsmodelle mit gebrauchter, aufbereiteter, reparierter und gemieteter Bekleidung sollen sich weiterentwickeln.

„Made in Europe“ nicht zwingend fair

Eine stärkere Regionalisierung, eine längere Lebensdauer von Produkten – befindet sich also Nachhaltigkeit auf dem Vormarsch? Es muss wohl vielmehr eine differenzierte Betrachtung erfolgen. So sind mit einer Rückkehr der Modeproduktion von Asien nach Europa nicht zwingend auch gute Arbeitsbedingungen verbunden. Die Wirtschaftsredakteurin Sandra Pfister kommentierte zum Beispiel im Oktober 2018 in einem Interview mit dem Deutschlandfunk: „Ich glaube nicht, dass in Europa wieder viele Leute in der Produktion beschäftigt sein werden. Nicht, solange Europäer wenig Geld für Mode ausgeben wollen. Vielleicht wird viel von Maschinen genäht und gestrickt werden, danach sieht es aus. Oder die Löhne sind so niedrig und die Sicherheitsstandards so mies wie bislang oft in Asien. Wer arbeitet unter den Bedingungen? Türken in Anatolien oder Rumänen und Bulgaren. Oft für Hungerlöhne und unter schlechten Bedingungen. Nur, weil ,Made in Europe‘ draufsteht, bedeutet das noch lange nicht, dass es fair hergestellt ist.“

„Der Kapitalismus ist das Kernproblem!“

Christiane Schnura ©Clean Clothes Campaign

Fashion Today hat Christiane Schnura, Koordinatorin bei der Clean Clothes Campaign, um ihre Meinung zu zehn Thesen rund um die aktuelle Situation in puncto Globalisierung, Produktionsstandorte, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit gebeten.

1) Die aktuelle weltpolitische Lage zeigt: Globalisierung führt in die Sackgasse. Deswegen bringen auch multilaterale oder gar globale Textilabkommen nichts, da sich doch nicht alle Player daran halten. Jedes Land und jedes Unternehmen muss selbst sehen, wo es bleibt.

„Ich denke, die aktuell vorherrschende kapitalistische Globalisierung, die sich nur an reiner Profitmaximierung orientiert, führt in der Tat in die Sackgasse. Das heißt, nicht die Globalisierung, sondern der Kapitalismus ist das Kernproblem – und die Situation wird sich nicht von heute auf morgen verändern lassen. Umso wichtiger ist es, in kleinen Schritten für Wandel zu sorgen. Textilabkommen arbeiten in die richtige Richtung und stellen bereits bedeutende Weichen für die Zukunft.“

2) Afrika oder Europa? Nein, Asien ist und bleibt Dreh- und Angelpunkt der Textilproduktion.

„Meiner Meinung nach lässt sich die Frage nach Produktionsstandorten nicht klar beantworten. Die Industrie sucht stets nach Mitteln und Wegen, um billige Arbeitskräfte einkaufen zu können und geringe bis keine Umweltauflagen berücksichtigen zu müssen. Dabei erweist sie sich in puncto Produktionsstandort immer wieder aufs Neue als sehr flexibel. Europa, vor allem Westeuropa, sehe ich generell nicht als bedeutenden Sektor für die Fertigung von Textilwaren. Es kann aber schon sein, dass sich Produktionen verstärkt Richtung Afrika verschieben, wenn die Bedingungen für die Industrie entsprechend gegeben sind.“

3) Technischer Fortschritt ist notwendig und verbessert Arbeitsbedingungen auch in den armen Produktionsländern.

„Ja, technischer Fortschritt ist notwendig. Allerdings kommt es darauf an, um welche Art von technischem Fortschritt es sich handelt, wie dieser zum Einsatz gebracht und genutzt wird. So sollten meiner Ansicht nach zum Beispiel Menschen die Finger von genverändertem Saatgut lassen. Es ist problematisch, wenn bei neuen Technologien nur Profite im Vordergrund stehen und nicht Menschen.“

4) Wirtschaftlichkeit geht vor Nachhaltigkeit. Nur so kommen die armen Produktionsländer aus eigener Kraft aus der jetzigen Situation.

„Ein jeder kann sehen, was die Klimakatastrophen für die Produktionsländer bedeuten, so der Anstieg des Wasserspiegels. Es muss absolut nicht sein, dass die Fehler, die sich die Industrienationen bereits geleistet haben, nun wiederholt werden. Wirtschaftlichkeit sollte daher mitnichten das erste Gebot sein, Nachhaltigkeit ist dringend erforderlich. Die dramatischen Zustände sprechen für sich.“

5) Was sind schon acht Jahre? Die Welt wächst zusammen. Das lässt sich auch nicht von kurzfristigen Irrungen der Weltpolitik aufhalten und so wird mit der zunehmenden Verflechtung die Einsicht zur Kollaboration zunehmen. Der Wohlstand in der Welt wird weiter zunehmen und mit ihm die Gerechtigkeit.

„Es stimmt, die Welt wächst zusammen. Sicherlich spielen da neue Kommunikationstechniken eine wichtige Rolle. Es sind jedoch auch politisch äußerst besorgniserregende Entwicklungen wahrzunehmen. So wächst aktuell der Antisemitismus, es gibt in zunehmendem Maße Regierungen mit faschistischen Merkmalen. Mit Blick auf den Wohlstand lässt sich sicherlich notieren, dass sich dieser mehr und mehr in China etabliert. Aber in vielen anderen Ländern ist dies ganz und gar nicht der Fall – sie verarmen nach wie vor. Und es sieht nicht danach aus, als ob ihre Situation im Begriff ist, sich zu ändern. Man darf daher bezweifeln, dass der Wohlstand und die Gerechtigkeit in der Welt zunehmen werden.“

6) Small is beautiful! Nachhaltigkeit und industrielle Massenproduktion schließen einander aus.

„Überproduktion stellt hier ein entscheidendes Stichwort dar. Prinzipiell spricht nichts gegen Nachhaltigkeit in großen Mengen. Doch inwiefern macht Massenproduktion denn Sinn? Es gibt Studien, die belegen, dass nahezu die Hälfte der Kleidung von Menschen bestimmter Altersgruppen nur einige Male oder gar nicht getragen wird. Viele Textilien, die nicht verkauft werden, landen im Schredder. Diese umwelt- und ressourcenbelastende Überproduktion muss dringend aufhören.“

7) Vollständige Transparenz in der Wertschöpfungskette ist in Regionen wie Fernost und Afrika für große Textilfirmen gar nicht realisierbar. Die Textilproduktion sollte daher schon aus sozialen und ökologischen Gründen komplett nach Europa verlagert werden.

„Wenn es stimmen würde, dass eine vollständige Transparenz in der Wertschöpfungskette nicht machbar sei, so wäre dies eine komplette Bankrotterklärung. Sozialen und ökologischen Missständen stünden Tür und Tor offen. Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Schritt nachprüfbar ist – auch für große Textilfirmen. Eine Verlagerung der Textilproduktion aus sozialen und ökologischen Gründen ist sehr infrage zu stellen. In Bangladesch stellen mittlerweile 80 Prozent der Exporte Textilien. Der Staat wurde quasi von den Industrieländern zur Textilnation erklärt. Wenn man da nun die Produktion abziehen würde, was würde dann mit den Menschen passieren? Es gibt kein soziales Sicherungssystem, das in der Not auffängt. An dieser Stelle darf man wohl Hoffnung in die durchaus auch positiv zu wertende Globalisierung setzen – im Hinblick auf Solidarisierung und die Durchsetzung von Arbeitsstandards zum Beispiel.“

8) Gleiche Nachhaltigkeitsstandards in West- und Osteuropa? Egal, nur ,Made in Europe‘ zählt.

„Es ist so, dass in Osteuropa oftmals schlechte Arbeitsbedingungen vorherrschen. Der Lohn einer Näherin in Mazedonien ist vergleichbar mit dem Lohn einer Näherin in Bangladesch. Und auch in der Türkei werden mitunter Arbeitsrechte mit Füßen getreten. Das Label ,Made in Europe‘ heißt daher leider gar nichts.“

9) Dem Endverbraucher ist es im Grunde egal, woher sein Produkt stammt, solange der Preis stimmt. Nachhaltige Produkte lassen sich daher nicht für die Masse fertigen. Und daran halten sich auch die Händler.

„Das Thema rund um Arbeitsbedingungen in Produktionsländern ist mittlerweile in der Gesellschaft angekommen. Allerdings bedeutet die Tatsache, dass man über einen Sachverhalt Kenntnis hat, nicht automatisch, dass man sein Handeln danach ausrichtet. Dem Endverbraucher kann dafür letztendlich aber nicht die Schuld in die Schuhe geschoben werden. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass viele Menschen schlichtweg nicht das Geld haben, um in höherwertige, nachhaltige Produkte zu investieren. Diese würden sich eigentlich auch schon in Masse fertigen lassen, doch auch hier bleibt Überproduktion ein wichtiges Stichwort. Vor allem unter Jugendlichen ist Shoppen bereits zur Freizeitbeschäftigung avanciert. Dieser Fast-Fashion-Trend muss unbedingt umgekehrt werden. Wertigkeit braucht einen neuen Stellenwert.“

10) Der Verbraucher hat die Macht, die Wirtschaft zu ändern, auch die textile. Man muss ihn nur überzeugen.

„Nicht der Endverbraucher, sondern der politisch denkende Mensch hat die Möglichkeit, die Wirtschaft zu verändern. Die Unternehmen schieben den Endverbrauchern nur allzu gerne die volle Verantwortung für wenig Umsichtigkeit zu, frei nach dem Motto ,Der Konsum ist doch so gewollt‘. Die Frage ist doch aber, wie es denn so weit gekommen ist. Die Unternehmen haben sich über Jahrzehnte ganz bewusst ein gewisses Konsumentenverhalten herangezogen, Werbung und Co eingesetzt, um Begehrlichkeiten zu wecken. Ich denke, man macht es sich sehr einfach, nun mit dem Finger auf Endverbraucher zu zeigen.“

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