„Consumption Ugrade ist das Hauptthema“

CHIC in Shanghai

„Die Wirtschaft wächst nachhaltig und eröffnet für Chinas Textil- und Bekleidungsmarkt zahlreiche neue Möglichkeiten." ©pixabay

Autor: Markus Oess

Der chinesische Bekleidungsmarkt ist im Wandel. Die Veränderungen betreffen alle Bereiche, von der Beschaffung über die Produktion und die Handelsstrukturen bis hin zum Konsumenten. Chen Dapeng, Präsident CHIC und China National Garment Association, sieht im Interview mit FT vor allem Chancen. Wie die Chic in Shanghai als bedeutendste Modemesse Asiens auf diesen Wandel reagiert und welche Trends deutsche Brands kennen sollten.

„Das Potenzial des chinesischen Bekleidungsmarktes wird unsere Vorstellungskraft übersteigen.“ Chen Dapeng ©CHIC in Shanghai

FT: Herr Dapeng, wie läuft derzeit das Textilgeschäft in China, wie sind die Aussichten?
Chen Dapeng: „Nach über 40 Jahren der Reform und Öffnung hat sich der chinesische Textil- und Bekleidungsmarkt enorm entwickelt und China ist zu einem der bedeutendsten Konsumenten von Textil- und Bekleidungsprodukten geworden. Im Jahr 2018 belief sich der Einzelhandelsumsatz mit Kleidung, Schuhen, Hüten und Strickwaren auf insgesamt umgerechnet 177,78 Milliarden Euro. Dies bedeutet einen Anstieg von 8 Prozent gegenüber dem Vorjahr und eine Wachstumsrate von 0,2 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum. Das verfügbare Einkommen der chinesischen Konsumenten wächst, die Wirtschaft wächst ebenfalls nachhaltig und eröffnet für Chinas Textil- und Bekleidungsmarkt zahlreiche neue Möglichkeiten. Der Textil- und Bekleidungsmarkt wird individueller, modeorientierter und entwickelt eine noch größere Ästhetisierung. Ich glaube, das Potenzial des chinesischen Bekleidungsmarktes wird unsere Vorstellungskraft übersteigen. Die Unternehmen, die die Zukunft im Blick haben, intensiv und ruhig nach neuen Optionen suchen und großen Wert auf technologische Innovation, Produktverbesserung, kulturelle Entwicklungen und Verantwortungsbewusstsein legen, werden mit Sicherheit eine brandneue Zukunft einleiten.“

Welche Handelsformate laufen gut, welche Formate haben eher Probleme?
„Mit der Entwicklung der Internet-Technologie ist E-Commerce zu einem wichtigen Geschäftsmodell geworden. Auf der einen Seite haben Internet-Celebrities, Apps, V-Logs, und andere soziale Medien ein neues Szenario für den Konsum geschaffen. Neue Technologien reformieren und beschleunigen die globalen Lieferketten, optimieren schrittweise die Wertschöpfungskette, um schnell reagieren zu können und die Kundenbedürfnisse zu erfüllen.

Im Wettbewerb zum E-Commerce haben Offline-Retailer neue Konsumbedürfnisse im Blick. Sie fördern die Integration des Online- in das Offline-Geschäft und lassen neue Geschäftsformen entstehen wie Multibrand Stores, Concept Stores, Plattformen mit Inkubationsfunktion sowie Lifestyle-Läden, um die Kundennachfrage aus einer Hand bedienen zu können.

Derzeit wandeln sich die Einzelhandelsformate, auch traditionelle Offline-Läden gestalten sich aktiv um.“

Wieder überstieg die Besucherzahl die 100.000.  ©CHIC in Shanghai

Wie fällt Ihre Bilanz für die aktuelle Ausgabe der Messe aus?
„Die Frühjahrsveranstaltung der CHIC China International Fashion Fair, Asiens größter und wichtigster Mode- und Lifestylemesse vom 12. bis 14. März 2019, hat mit 103.722 Besuchern erneut erfolgreich abgeschlossen. Die 1.365 nationalen und internationalen Aussteller mit 1.453 Marken aus 16 Ländern und Regionen haben sich den Besuchern aus allen Handelskanälen, darunter führende Department Stores, Shopping Center, E-Commerce-Plattformen, Agenten, Distributoren, Multibrand Stores, Wholesaler, auf über 117.200 Quadratmetern im National Exhibition & Convention Center präsentiert.

Wir freuen uns sehr, dass trotz verlangsamter Wachstumsdynamik am Markt wieder über 100.000 Besucher die CHIC als trendweisende Business-Plattform zur Information, für Kooperationsvereinbarungen und Orderplatzierungen genutzt haben. Das unterstreicht die große Bedeutung der CHIC für die chinesische Modeindustrie und den Modehandel. Neue Formate entstehen, Lifestyle ist gefragt und Synergien werden gebündelt. Der junge Konsument, die wirtschaftliche Antriebsfeder im Land, steht im Fokus und ist in alle Messesegmente integriert.

Als größte und einflussreichste Modemesse in Asien hat sich CHIC zur überlegenen, umfassenden Ressourcenplattform entwickelt, die Funktionen wie Geschäftsverhandlung, Kanalerweiterung, Ressourcenintegration, internationale Zusammenarbeit, Markttest, Trendsetzung, Crossover-Kooperation und Kapitalanbindung und so weiter integriert.

Die Service-Funktion der Messe wird kontinuierlich verbessert, um noch mehr Marken, Hersteller, Distributionskanäle etc. zusammenzubringen. Nicht nur die Qualität der Messe wird kontinuierlich verbessert, auch die Möglichkeiten für eine effiziente Messeteilnahme der internationalen Aussteller.“

„Die Hälfte der Unternehmen im Pavillon kommt inzwischen mit ihrem chinesischen Partner.“

Sind Sie zufrieden mit der Resonanz aus Deutschland?
„Seit 2012 freuen wir uns, den offiziellen Länderpavillon ,Made in Germany‘ kontinuierlich bei CHIC begrüßen zu dürfen. Deutsche Marken genießen bei chinesischen Kunden ein hohes Ansehen in Bezug auf Qualität, Innovation und Design. Im deutschen Pavillon wurden bereits alle Modebereiche begrüßt: von Herren-, Damen- und Kinderbekleidung über Wäsche, Schuhe, Accessoires wie Taschen, Rucksäcke, Regenschirme, Hüte bis hin zu Nischenprodukten wie Barefoot-Schuhen, die immer eine Menge Aufmerksamkeit vor Ort gewinnen. Der Fokus auf der CHIC ist die Suche nach einem potenziellen Vertriebspartner in China, aber fast die Hälfte der Unternehmen im Pavillon kommt inzwischen mit ihrem chinesischen Partner, der Käufer und/oder Franchisenehmer sucht. Entsprechend den Veränderungen auf dem chinesischen Einzelhandelsmarkt nehmen die Orderaktivitäten bei CHIC von Ausgabe zu Ausgabe zu. Immer mehr Multibrand Stores wachsen parallel zu den Showrooms, die aktiv nach frischem und neuem Design suchen. Die deutschen Marken sind auf der CHIC immer willkommen und je größer die Präsenz deutscher Marken auf der Messe ist, desto mehr wird die Stärke von ‚Made in Germany‘ unterstrichen.“

Hohe Investitionen ins Besuchermarketing ©CHIC in Shanghai

Welche Trends haben Sie gesehen, die speziell für deutsche Menswear-Marken wichtig sind?
„Die Herrenmodebranche in China entwickelt sich entsprechend den globalen Trends. Es wird lässiger und sportlicher, Streetwear ist ein heißes Thema. Auf der anderen Seite ist der Bespoke-Sektor in China ein wachsender Sektor. CHIC Tailoring wurde im März auf der CHIC vorgestellt und begrüßte mit seiner ersten Ausgabe mehr als 70 Aussteller. Alle wichtigen chinesischen Handelsmarken nehmen dieses Segment in ihr Portfolio auf, da die chinesischen Kunden eine starke Nachfrage nach dieser Produktgruppe haben. Hohe Qualität ist der entscheidende Faktor.“

Im Vorfeld der Messe wird viel in Besuchermarketing investiert. Erfolgt eine Betreuung der Aussteller auch nach der Messe und wenn ja, wie sieht diese aus?
„In der Tat investiert CHIC viel in das Besuchermarketing für seine internationalen Kunden. Ein eigenes Team unserer Besuchermarketingabteilung wurde eingerichtet, um potenzielle Kunden für unsere internationalen Aussteller zu identifizieren. Diese Kunden wurden speziell zur CHIC eingeladen und den Ausstellern vorgestellt. CHIC ist bestrebt, internationale Aussteller auf ihrem gesamten Weg zu unterstützen. Aus diesem Grund bietet CHIC auch einen ‚After-Fair-Service‘ an, um die auf der Messe geknüpften Kontakte zu verfolgen, einschließlich der Unterstützung bei Kommunikationsproblemen. Der Service von CHIC geht weit über das Maß hinaus, das Messeveranstalter normalerweise leisten.“

Das Land ist riesig. Wie sieht es mit regionalen Besonderheiten aus, lässt sich das mit wenigen Worten zusammenfassen?
Chinas große Einwohnerzahl verfügt über eine große Konsumkapazität. Der Konsum ist zum Hauptmotor des inländischen Wirtschaftswachstums geworden und Consumption Ugrade ist derzeit das Hauptthema. Die Konsumentenschichten differenzieren sich immer deutlicher voneinander. Im chinesischen Verbrauchermarkt wächst der Konsum von High-End- und Low-End-Produkten, das mittlere Segment reduziert sich. Auch in den Third- und Fourth-Tier-Städten zeigt das Konsumverhalten einen Trend zu hochwertigeren und teureren Produkten. Genauso zieht der Konsum im ländlichen Bereich an.

Zudem sind die Verbraucher tendenziell jünger und individueller in ihrer Nachfrage. Gegenwärtig konsumieren die Menschen rationaler und achten stärker auf die Produktqualität und Individualität. Sie möchten hochwertige und kreative Produkte haben und ein besseres Einkaufserlebnis, erwarten hohe Service-Leistungen. Vor allem junge Konsumenten, die zur Hauptkonsummacht geworden sind, legen mehr Wert auf Personalisierung und sind sehr fashionorientiert. Sie bauen emotionale Verbindungen zu den Brands auf und drücken mit ihnen ihre Haltung aus. Insgesamt ist der chinesische Markt sehr diversifiziert und damit auch der Konsument in China.“

Die Welt wächst zusammen, aber gibt es in China eigene, spezielle Mode-Trends? Und wenn ja, wie lassen sich diese in wenigen Worten zusammenfassen?
Die Modebranche ist schnell wandelbar, was erfordert, dass CHIC eine führende Rolle auf dem Modemarkt übernimmt. In China ist die neue Generation nach 1990 zum Hauptkonsumenten geworden – der junge Mensch, der sein Leben ausleben möchte, fordert mehr Individualität.

Kräftige Farben, traditionelle Elemente im Design und Fast Fashion treiben ihren Konsumwunsch an.

Als Antwort auf die hohen Ansprüche der Käufer legen Modehäuser mehr Wert auf Design und auffällige Logos. Das jeweilige Label wird zum Persönlichkeitsausdruck der Konsumenten, mit dem Teenager oder selbst ältere Käufer versuchen, ihr eigenes Bild von sich zu konstruieren.

Untersuchungen zu jungen Käufern in China zeigen, dass das Mix & Match von Brands ein heißes Thema ist. Das Tragen unterschiedlicher Marken ermöglicht es, sein individuelles Ich zu erschaffen und vorzuführen, was die Konsumentenkultur und die ästhetische wie auch kulturelle Entwicklung effektiver vorantreibt.“