„Ein bisschen wie Ronaldo“

Frauenfußball

Inzwischen verzichtet der DFB auf ein Kaffeeservice als Prämie für einen Titelgewinn. Die Nationalkickerinnen des 1 FC Köln, Eunice Beckmann und Isabelle Linden, müssen trotzdem sehen, wovon sie nach der Profikarriere leben sollen. ©Esprit

Autor: Markus Oess

Beide spielen in der Fußballnationalmannschaft. Beide sind Fußballprofis mit Auslandserfahrung, aber mal ehrlich: Kennen Sie Eunice Nketiah Beckmann und Isabelle Linden? Sollten Sie aber, denn beide tun das, was Profis tun sollen. Sie konzentrieren sich auf ihren Job Fußballspielen und das machen sie sehr erfolgreich. Immerhin verzichtet der DFB auf ein Kaffeeservice als Prämie für den Titelgewinn einer EM (1989!), aber kein Grund für La Ola. Diskriminierung, Sexismus und im Vergleich zu den Männern lächerliche Spielerinnengehälter sind immer noch da. Eunice und Bella über ihr Profidasein, Chancengleichheit und warum die Männertrikots wenigstens für eines gut sind.

Ihr spielt in Köln, wie steht es da mit den drei Ks Köln, Kirche und Karneval?
Bella: „Als gebürtige Kölnerin habe ich da eine Wahl? Bei uns laufen in der Kabine seit dem 11.11. standesgemäß Karnevalhits und ich mags eigentlich nicht. Mit der Kirche halte ich es wie alle Kölner: Jede Jeck is anders.“
Eunice: „Ich komme aus Wuppertal und bin eigentlich kein Karnevalsjeck. Aber ich habe mich daran gewöhnt. Es ist ja auch immer Spaß im Spiel. Köln ist eine tolerante, weltoffene Stadt. Ich bin gern hier.“

Wer ist eure Lieblingsspielerin und warum?
Bella: „Dzsenifer Marozsán. Wir haben jahrelang zusammen für die deutsche Nationalmannschaft gespielt. Ihr Spielverständnis ist unglaublich gut und sie spielt irre elegant. Für mich ist sie die weibliche Zinédine Zidane. Und da stehe ich nicht allein da. Dzsenifer spielt bei Olympique Lyon. Experten der International Federation of Football History & Statistics wählten sie wie schon 2015 und 2017 auf den zweiten Platz. 2016 und 2018 hatte sie die Wahl sogar gewonnen.“
Eunice: „Eine richtige Lieblingsspielerin habe ich nicht, aber Dzsenifer ist schon richtig gut! Wenn ich drei Spielerinnen nennen müsste, wäre sie auf jeden Fall mit dabei.“

Wie viel Arbeit und Zeit investiert ihr in Fußball?
Eunice: „Wenn wir die Spiele noch dazurechnen, haben wir einen freien Tag in der Woche. Zusätzlich trainiert jede noch für Fitness und Kraft. Ich bin jetzt seit zehn Jahren im Profibereich. Das Umfeld und die Trainingsbedingungen haben sich seither deutlich professionalisiert, aber damit auch weiter verdichtet.“
Bella: „Der Sport beherrscht unseren Alltag. Wir spielen professionell Fußball. Da geht es in erster Linie um Leistung. Wenn wir erfolgreich sein wollen, müssen wir dafür so viel wie möglich tun, um auf dem Platz unser Leistungsoptimum abzurufen. Darauf kommt es an.“

Bei der Auslosung des DFB-Pokal-Achtelfinales hat Bundestorwarttrainer Andreas Köpke reichlich Kritik geerntet. Zusammen mit der deutschen Nationalspielerin Turid Knaak zog Köpke die Begegnungen. Er meinte, Männer trainieren so viel, da bleibe keine Zeit für andere Tätigkeiten. Es ging um den stressigen Alltag von Profispielerinnen. Turid promoviert nebenbei und lehrt an der Uni Köln. Was denkt ihr darüber?
Bella: „Turid ist eine gute Freundin von uns. Sie wuppt schon eine Menge. Und ich kann, glaube ich, doch ganz gut beurteilen, was das alles für sie heißt. Selbst wenn Andy Köpke lustig sein wollte, teile ich seine Meinung nicht. Wir wollen gar nicht davon sprechen, dass die meisten von uns von dem Geld, das wir mit dem Fußball verdienen, nicht komplett ausgesorgt haben und wir nebenher arbeiten und uns um eine Ausbildung für die Zeit nach dem Fußball kümmern müssen. Mit Millionen auf dem Konto kann ich gut scherzen. Und um ehrlich zu sein, sehe ich die Jungs eher seltener auf dem Platz, als wir es sind.“
Eunice: „Seh ich ganz genauso. Dem muss ich nichts mehr hinzufügen.“

Gibt es bereits Pläne für die Zeit nach der aktiven Karriere?
Bella: „Ich bin eine Fitnessfanatikerin und will später auf jeden Fall in diesem Bereich arbeiten. Ich habe eine Ausbildung als Fitness-Coach abgeschlossen und bin gerade dabei, mir eine Geschäftsbasis aufzubauen, und arbeite bereits auch mit ersten Kunden. Und ich beschäftige mich mit Musik und Mode. Aber das ist mehr so ein Spaßding …“
Eunice: „Ich studiere Fitness- und Gesundheitsmanagement und gebe außerdem Kindern Einzeltraining auf dem Platz. Es macht mir einfach Riesenspaß, mit Menschen zu arbeiten. Mein Traum ist es aber, in Ghana, dem Land, in dem meine Wurzeln liegen, eine Fußballschule aufzumachen und die Kinder zu unterstützen. Ich habe auch ein eigenes Projekt, mit dem wir Kinder in Ghana helfen und sechs von ihnen die Schulausbildung in diesem Jahr finanziert haben. Bildung ist der Schlüssel. Wer mehr Informationen zu diesem Projekt haben möchte, findet uns ganz leicht auf Instagram unter Eunice Beckmann Scholarship.“

Pro Spieltag zeigt das Fernsehen gerade mal ein Spiel.

Männer können, wenn sie auf Nationalmannschaftsniveau spielen, ihre Millionen für die Zukunft verplanen. Wie groß ist der Frust dabei?
Bella: „Ich bin nicht frustriert deswegen. Ändern kann ich persönlich nichts und es hat sich ja immerhin ein bisschen was getan. Ich übe meinen Traumberuf aus und lerne auch durch den Fußball so irre viel von der Welt kennen. Das kann ich nicht mit Gold aufwiegen. Ich bin zufrieden, wie es ist. Tatsache ist aber, dass uns und die Jungs finanziell und in der medialen Aufmerksamkeit einfach Welten trennen. Im Männerfußball verdienen alle Beteiligten vom Spieler über den Manager und Trainer bis hin zu den Klubs und den Medien viel Geld, aber das ist es nicht allein. Für die Übertragung der Bundesliga bei den Jungs überbieten sich die Sender. Bei uns zeigt das Fernsehen ein Spiel und wir reden hier nicht von den Topsendern. Wenn die Jungs ein Stadion brauchen, müssen wir ausweichen. Dabei spielen wir noch nicht einmal in der Kölnarena. Aber die Dinge ändern sich und wir arbeiten weiter daran, dem Frauenfußball den Stellenwert zu verschaffen, der ihm im Vergleich zum Männerfußball zusteht.“
Eunice: „Die Vermarktung im Männerfußball läuft natürlich besser als bei den Frauen. Dass Potenzial da ist, zeigen die US-Amerikanerinnen. Deren Trikots waren noch während der WM ausverkauft und da stand noch nicht fest, dass sie Weltmeister werden.“

Sollte Fußball politisch sein? Rassismus, Bestechlichkeit, Sexismus und sexuelle Gewalt sind auch im Fußball alltäglich, werden aber eher ungern angefasst …
Eunice: „Man sollte auf Rassismus einen größeren Fokus legen, denn man könnte noch mehr machen. Es gibt viele Fälle, bei denen man härter durchgreifen könnte. Politisch habe ich eine klare Position, aber das betrachte ich als Privatsache.“
Bella: „Ich habe einen Riesenrespekt davor, wie die US-Spielführerin Megan Rapinoe dem US-Präsidenten Donald Trump die Stirn geboten hat, und ich kann alles unterschreiben, was sie in diesem Zusammenhang öffentlich gesagt hat. Aber zwischen den Staaten und Deutschland sehe ich deutliche Unterschiede. Ich finde, dass man klare Kante zeigen soll. Aber ich reagiere nicht auf jeden öffentlich gemachten sexistischen oder rassistischen Post. Da käme ich nicht mehr nach.“

Ihr habt beide im Ausland gespielt. Wie kommt da der Frauenfußball an?
Eunice: „Ich hatte das Glück, in verschiedenen Ländern spielen zu dürfen. Ich war in Schweden bei Linköpings FC, in den USA bei den Boston Breakers und in der Schweiz beim FC Basel. In Spanien beim Madrid CFF ist es leider nicht ganz so gelaufen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Statt mit der Mannschaft Erfolge zu feiern, wären wir fast abgestiegen. In der Schweiz waren die Konditionen einfach sehr attraktiv. Also, die USA sind natürlich im wahrsten Wortsinn eine ganz andere Liga. Da ist der Frauenfußball gesetzt und genießt in der Öffentlichkeit wirklich viel Aufmerksamkeit. Spanien zähle ich neben Deutschland, Frankreich und vor allem England zu den stärksten Ligen in Europa. Spanien und England holen auch in der öffentlichen Wahrnehmung und Vermarktung des Frauenfußballs auf.“
Bella: „Ich habe in England eineinhalb Jahre bei Birmingham City gespielt. Leider war ich verletzt und ich bin nach Deutschland zurückgekehrt. Was soll ich sagen, wenn ins Wembley-Stadion fast 80.000 Menschen kommen, weil Englands Frauen gegen Deutschland spielen? Ein Traum. Aber der Fairness halber muss auch erwähnt werden, dass im UK auch beim Frauenfußball einfach mehr Geld unterwegs ist.“

Wie findet ihr eure Arbeitskleidung?
Eunice: „Ich persönlich trage gerne Männertrikots. Es geht um Sport und Leistung. Generell würde ich unsere Arbeitskleidung aber nicht gerade als modisches Highlight bezeichnen.“
Bella: Ich halte es ein bisschen wie Ronaldo: Wenn ich gut aussehe, spiele ich auch gut. Ich kremple dann auch mal die Hose um und schaue, dass meine Frisur sitzt. Dass ich aber den Frisör vor dem Spiel einfliegen lasse oder nur den Hoftätowierer an meine Haut lasse, davon bin ich meilenweit weg, selbst wenn ich es mir leisten könnte. Und ich steh echt auf Tattoos.“

Karriereschritte

Die 27-jährige Eunice Beckmann spielt aktuell für den 1. FC Köln. Die Stürmerin begann ihre sportliche Karriere in der Jugend des Wuppertaler SV mit dem Fußballspielen und war bis zur männlichen B-Jugend für diesen aktiv. Weitere Stationen waren der FCR 2001 Duisburg und Bayer 04 Leverkusen. Im Sommer 2013 wechselte sie zum schwedischen Erstligisten Linköpings FC. Zur Rückrunde der Saison 2013/14 verpflichtete sie der FC Bayern München. 2016 wechselte Eunice zum US-amerikanischen Erstligisten Boston Breakers. Sie spielte auch für den FC Basel und den Madrid Club de Fútbol Femenino (Madrid CFF). Für Deutschland spielte sie erstmals 2007 im Trikot der U-15-Nationalmannschaft.

Isabelle Linden, Jahrgang 1991, begann ihre Karriere beim VfR Fischenich, ehe sie im Sommer 2006 zum SC Fortuna Köln wechselte. In der Winterpause der Saison 2007/08 zog es sie für anderthalb Jahre zum Bundesligisten SGS Essen. 2009/10 folgte der Wechsel zu Bayer 04 Leverkusen. 2015 ging Linden zum Ligakonkurrenten 1. FFC Frankfurt. Nach einer Saison wechselte sie zu Birmingham City, im Januar 2018 gab sie ihre Veränderung zum 1. FC Köln bekannt. Die Stürmerin schaffte 2005 den Sprung in die U-15-Nationalmannschaft des DFB.

Spielwitz

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Auch wenn die Gelder nicht so sprudeln wie bei den Männern, haben Sponsoren den Frauenfußball als Betätigungsfeld schon lange für sich entdeckt. So auch das Label ESPRIT, das als offizieller Markenbekleidungspartner der UEFA ins Spielgeschehen eingreift. „Unsere Partnerschaft läuft über zwei Jahre. ESPRIT hat die Uniformen für die freiwilligen Helfer entworfen, die während der Turniere unterstützend dabei sind“, erläutert dazu eine Unternehmenssprecherin. „Wir haben auch die Rechte an der Platzierung unseres Logos und unserer Markenbotschaft im Stadion. Besonders wichtig ist, dass wir den Austausch zu Botschaftern wie Eunice Beckmann und Bella Linden pflegen. Wir wollen die Geschichten dieser Frauen auf Social Media erzählen und anderen jungen Frauen zeigen, was möglich ist.“ Während der UEFA Women’s Champions League im Mai 2020 sollen die ersten Bekleidungsartikel zu sehen sein.

Es gehe darum, Frauen zu fördern und Stereotype zu durchbrechen. „Die Stärkung von Frauen und der Abbau von Stereotypen stehen im Mittelpunkt des Markenethos von ESPRIT. Deshalb freuen wir uns sehr über die Partnerschaft. Ein Licht auf unkonventionelle weibliche Vorbilder zu werfen, wird echte Veränderungen mit sich bringen. Wir wollen junge Frauen dazu inspirieren, an sich selbst zu glauben, und ihnen das Vertrauen geben, ihren Weg zu gehen“, sagt die Sprecherin.

ESPRIT entwerfe Kollektionen für einen breiten Querschnitt der Gesellschaft und dabei denke das Design-Team nicht an Alter oder Demografie, sondern in Anlässen. „Mit unseren drei Linien können wir wirklich alles abdecken: Casual, Collection und EDC. Casual ist entspannt, Collection gehobener und EDC ist unsere jugendliche Linie. Und in Kürze werden wir unsere ESPRIT-Sport-Linie wieder neu einführen“, kündigt die Sprecherin an. Dabei überwiege bei den Aktivitäten von ESPRIT mit einem Anteil von 80 Prozent die Womenswear. „Unsere Designhandschrift hat kein Geschlecht“, betont sie. „In unserer Zusammenarbeit mit dem UEFA-Frauenfußball geht es darum, diesen Ausnahmeathleten eine Plattform zu geben. Wir denken, dass das eine Botschaft ist, die sowohl bei Männern als auch bei Frauen ankommt“, so die Sprecherin.