Einfach praktisch!

Modetrends

Erstmals taucht der Begriff Utility Wear um den Zweiten Weltkrieg auf, allerdings nicht aus einer modischen Laune heraus, sondern einer Notsituation. ©Pitti Immagine Uomo 96, by STYLE DU MONDE
Autorin: Tays Jennifer Köper-Kelemen

Windbreaker, Cargohosen, Bauchtaschen – Nützliches liegt seit einigen Saisons im Trend und hält sich hartnäckig auf den Laufstegen. Woher kommt die Leidenschaft für sogenannte Utility Wear und hat der Hang zum Praktischen eigentlich noch etwas mit Mode zu tun?

Normcore, Dadcore, Gorpcore – viele Strömungen, eine Marschrichtung. Denn: Es sind in unserer Zeit augenscheinlich die praktischen, alltagstauglichen Looks, Utility Wear, von Otto Normalverbrauchern, Vätern oder Wanderern, die Trendsetter in Begeisterung versetzen und Designern Inspiration für neue Kreationen liefern. Bereits seit Saisons dient der kleine Mann als Muse. Ein Ende ist nicht in Sicht – verkehrte Welt?

Unaufgeregtheit im Fokus

Das Thema rund um nützliche Bekleidung ist nicht neu. Erstmals taucht der Begriff Utility Wear um den Zweiten Weltkrieg auf, allerdings nicht aus einer modischen Laune heraus, sondern einer Notsituation. Denn der Krieg brachte eine Knappheit an Stoffen mit sich. Die britische Regierung verhängte eine Rationierung und hielt Menschen dazu an, Materialien möglichst sparsam wiederzuverwerten. Entsprechend traten Bekleidungsstücke in Erscheinung, die vor allem durch praktische, pflegeleichte Eigenschaften gekennzeichnet waren. Kein Dekor. Keine überflüssigen Stoff-Einsätze. Das Prinzip überträgt sich derzeit ins Hier und Jetzt, wenn auch diesmal frei motiviert. Heutzutage sind es Windbreaker, Fleece-Pullover, Outdoor-Westen, Cargohosen, Overalls, entspannt sitzende Jeans, Rucksäcke, Bauchtaschen, Trekkingsandalen und klobige Sportschuhe, die den Trend rund um praktische Outfits bestimmen. Es geht ganz bewusst darum, einen unaufgeregten Look zu kreieren. Neben Elementen, die der Arbeitswelt entlehnt sind, spielen gewisse „Allzeit-bereit-Attitüden“ mit hinein, sodass auch militärische Einflüsse von Bedeutung sind. Besonders prägnant präsentierte sich dies mitunter bei FENDI. Das Modehaus erregte für die Saison Frühjahr/Sommer 2019 mit sogenannten Utility Belts Aufmerksamkeit.

Befreiung von Ballast

Doch woher kommt die anhaltende Leidenschaft fürs Alltägliche, Praktische? Bedeutet nützliche Bekleidung eigentlich noch Mode? Es ist gegenwärtig wohl einfach der Zeitgeist, Überflüssiges mehr und mehr zurückzudrehen. Bedingt durch ein gestiegenes Umweltbewusstsein und ständige Zeitnot, befreit sich der Mensch von unnötigem Ballast. Der Status hat sich zugunsten Balance und Selbstverwirklichung verschoben. Hinzu kommt, dass in vielen Teilen der Welt politische Krisen vorherrschen, Klimaveränderungen eingetreten sind. Allzeit gefasst zu sein, vorbereitet, quasi ausgerüstet, scheint sich als wichtiger Aspekt herausgebildet zu haben. In der Mode geht dies – gerade in der Menswear – unter anderem mit einer Abkehr von einfach nur Schönem einher. Dieser Pragmatismus bleibt nicht ohne Kritik. Es heißt, die in der Mode stets so viel beschworene Kreativität bleibe auf der Strecke. Natürlich, auf den ersten Blick mögen Fleece-Pullover und Cargohosen nicht sonderlich innovativ wirken. Doch darf man vielleicht nicht übersehen, dass sich derzeit wohl schlichtweg eine neue Form von Kreativität in den Vordergrund drängt, die sich mehr noch in der Konzentration auf die eigentliche Essenz des vorherrschenden Zeitgeistes spiegelt, in der Erforschung des eigenen Potenzials, sich möglichst lebensnah und echt zu entfalten.